Sex

Ich habe das BDSM-Zimmer eines Liebesmotels ausprobiert

In der Minibar gibt es Gleitgel, beim Zimmerservice Sushi, Buttplugs und Analketten.

von Joel Balsam
12 Juni 2018, 10:58am

Alle Fotos: Stephanie Foden

Meine Augen sind verbunden und meine Arme so unnatürlich über meinem Kopf gefesselt, dass ich fast Angst habe, mir die Schultern auszukugeln. Ich befinde mich in Brasilien, genauer gesagt in einem der vielen sogenannten "Love Motels" des südamerikanischen Landes.

Das Konzept solcher Liebesmotels gibt es auch an anderen Orten wie Japan, Kolumbien oder Argentinien. Diese Einrichtungen bieten die Möglichkeit, auf etwas Privatsphäre – und das wissen vor allem die 24,5 Prozent der Brasilianer zwischen 25 und 34 zu schätzen, die noch bei ihren Eltern wohnen. Außerdem halten die Liebesmotels diverse Extras bereit, zum Beispiel Sexpielzeug wie Peitschen und Dildos oder Deckenspiegel für die selbstverliebten Gäste.

Als ich mit meiner Freundin durch Brasilien reise, schlage ich halb scherzhaft vor, eines der speziellen Motels auszuprobieren. Und überraschenderweise sagt ihr die Idee sofort zu. Jetzt kann ich keinen Rückzieher mehr machen, ich will ja nicht unsicher wirken.

Der Eingang zum Liebesmotel
Unser Liebesmotel, das "Kama Sutra"

Im Internet finden wir direkt eine ganze Reihe an Liebesmotels. Und wie sich herausstellt, sind die eben beschriebenen Extras nur der Anfang. Ein Motel in São Paulo bietet beispielsweise Helikopterflüge und Ferrari-Spritztouren an. Wir entscheiden uns für ein Motel mit BDSM-Zimmer.

Nach einer 20-minütigen Taxifahrt durch Salvador erblicke ich das Neon-Leuchtschild unseres Ziels, dem Kama Sutra. Am Eingang rollt der Fahrer die Fenster nach unten, ich überfliege schnell das Angebot – es gibt einfache Zimmer mit nur einem Bett, aber auch teurere Spezialräume – und entscheide mich für die Suite Mistério, also das BDSM-Zimmer, das wir schon online gesehen hatten. Für vier Stunden sind 106 brasilianische Real [gut 30 Euro] fällig.

Das Bett im Käfig des BDSM-Zimmers

Das Thema Privatsphäre wird in den Liebesmotels sehr ernst genommen. Das fällt mir wieder ein, als uns das Taxi vorbei an einer Reihe dunkler Eingänge – jeder führt zu einem Privatzimmer – zu unserem angemieteten Raum bringt. Die roten Lichter durchschneiden die schwarze Nacht, als ich die Tür zu unserem Rückzugsort öffne. Zusammen mit meiner Freundin gehe ich die Treppen hoch. Das Abenteuer geht jetzt erst richtig los.


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Oben öffne ich eine weitere Tür und erblicke die Metallstangen eines Käfigs. Rechts neben der Käfigtür entdecken wir einen Einvernehmlichkeitsvertrag. "Ganz schön fortschrittlich", sage ich, aber meine Freundin antwortet, dass das wohl nur eine Anspielung auf Fifty Shades of Grey sei. Danach sehen wir uns im angrenzenden Badezimmer um und ich muss feststellen, dass das Ganze nicht so schäbig ist, wie ich es erwartet hatte. Im Gegenteil, alles macht einen sehr sauberen Eindruck.

Eine Fesselvorrichtung an der Wand des BDSM-Zimmers

Es klingelt an der Tür und vor mir steht ein lächelnder Mitarbeiter. Dabei soll man in Liebesmotels doch so gut seine Ruhe haben können. Der Angestellte hält mir einen Kreditkartenleser hin und erklärt, dass ich eine Kaution hinterlegen müsse. Sonst könne ja theoretisch jeder ankommen, ein Schäferstündchen durchziehen und dann mit nicht gedeckter Karte zahlen. Das ergibt für mich Sinn und ich zücke meinen Geldbeutel.

Danach betreten meine Freundin und ich endlich den Käfig. Ganz aufgeregt reißt sie eine herumstehende Tasche auf. Zum Vorschein kommen eine kleine Peitsche, Plüschhandschellen und eine Augenbinde. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich in Sachen Sex ziemlich einfach gestrickt bin. Ich meine, ich bin zwar schon experimentierfreudig, aber Sexspielzeug habe ich noch nie ausprobiert. Und gefesselt habe ich auch noch niemanden. In anderen Worten: Ich weiß absolut nicht, wo ich anfangen soll.

Der Autor im BDSM-Zimmer des Liebesmotels

Also erforsche ich erstmal noch ein wenig das Zimmer. Das runde Bett bildet den Raummittelpunkt, auf der einen Seite befindet sich ein langer Wandspiegel, auf der anderen eine rote Lederwand mit mehreren Fesselvorrichtungen für die Hand- und Fußgelenke. Außerdem entdecke ich eine Spanking-Bank und eine Art Minibar voll mit diversen Sex- und Hygieneartikeln wie etwa Gleitgel, Kondome oder Zahnpasta. Beim Zimmerservice könnte ich außerdem noch weitere Annehmlichkeiten bestellen, egal ob nun Sushi, Scotch, Buttplugs oder Analketten.

Der Autor und seine Freundin auf dem Bett des BDSM-Zimmers

Ich drehe mich um und sehe, wie meine Freundin ganz ausgelassen kichernd auf dem Bett herumtollt. So kenne ich sie gar nicht, ist sie etwas auch so nervös wie ich? Anstatt zu fragen, mache ich lieber einen auf Porno-Darsteller und fordere sie auf, für mich zu tanzen.

Nachdem ich ich durch meine kurze dominante Phase gestolpert bin, übernimmt meine Freundin die Kontrolle, zieht mich aus und fesselt mich mit den Plüschhandschellen ans Bett. Wirklich erregt bin ich nicht, dafür ist meine Nervosität zu groß. Das Ganze ist für mich ja komplettes Neuland und will keine Fehler machen. Soll ich einen Buttplug bestellen? Soll ich mich betrinken? Soll ich das Sushi probieren?

Der Autor genießt die Zeit im BDSM-Zimmer

Jetzt legt mir meine Freundin die Augenbinde an und versucht sich mit der kleinen Peitsche an meinem Bauch. Plötzlich ist die Nervosität wie verflogen, denn uns wird klar, dass es in diesen Liebesmotels doch darum geht, sich eben nicht schmutzig oder unangenehm zu fühlen. Nein, diese Einrichtungen sind eher eine Art Erwachsenen-Abenteuerspielplatz mit all den Extras, die man sich nur wünschen kann – selbst wenn man nicht genau weiß, wie die eigenen Fantasien aussehen. Ich würde von mir aus jetzt keine Fesseln und Peitschen in unser Sexleben einbringen, aber im Kama Sutra steht das Experimentieren an erster Stelle.

Meine Freundin löst die Handschellen und ich springe quasi hoch, weil meine Energie und mein Selbstvertrauen jetzt durch die Decke schießen. Wir gehen zusammen noch mal alles durch, was uns der Raum bietet, und toben uns dann ganz befreit so richtig aus.

Der Autor liegt auf dem Bett des BDSM-Zimmers

Als die vier Stunden fast vorbei sind, packen wir unsere Sachen zusammen, teilen dem Mitarbeiter am Telefon mit, was wir alles benutzt haben, und begleichen die Rechnung. Danach verlassen wir unser Vergnügungszimmer und fahren im bereitstehenden Taxi wieder zurück Richtung Innenstadt.

Der Fahrer, der vom Alter her auch mein Vater sein könnte, fragt mich, wo ich herkäme. "Kanada", antworte ich und erzähle ihm, dass das unser erstes Mal in einem Liebesmotel war. Wie aus der Pistole geschossen hält er mir daraufhin einen leidenschaftlichen Vortrag über ein seiner Meinung nach besseres Etablissement auf der anderen Seite der Stadt. Mal sehen, vielleicht gibt es für mich und meine Freundin ja ein zweites Mal.

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