Frauen erzählen, wie sie wegen ihrer Körper beleidigt werden

"Mir wurde gesagt, dass ich wie ein Reptil aussehe und meine Haut abstoßend sei."

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17 April 2018, 7:24am

Wir alle leiden unter den Schönheitsstandards unserer Gesellschaft. Aber so viele Eisen Männer in den vergangenen Jahren auch für ihren Bro-Body gestemmt haben, Frauen haben es weiterhin schwerer. Der Druck, sich den herrschenden Vorstellungen anzupassen, ist riesig – und dabei tut es auch gar nichts zur Sache, ob du überhaupt etwas an deinem Äußeren ändern könntest, wenn du wolltest.

Wir haben mit fünf Frauen in Griechenland darüber gesprochen, was sie sich schon über ihren Körper anhören mussten. Sei es, weil sie eine Mastektomie hatten, eine Hautkrankheit oder der Meinung anderer nach zu dick waren. Wir haben sie gefragt, wie sich die Sprüche angefühlt haben, wie sie damit umgegangen sind und wie sie ihr Leben beeinflusst haben.


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Theo, 27

VICE: Welcher Teil deines Körpers wird am meisten kritisiert?
Theo: Ich habe mir viel über meine Selbstverletzungsnarben auf meinen Händen und Schultern anhören müssen. Die Menschen denken gerne, dass es einfach unreife Rufe nach Aufmerksamkeit seien. Ich habe sie mir aber zugefügt, als ich jung war und emotional zu kämpfen hatte. Ich wusste einfach nicht, wie ich meine Probleme besser kommunizieren kann. Früher habe ich mich für die Verletzungen geschämt. Durch eine Therapie habe ich dann aber gelernt, dass sie einfach ein Teil von mir sind. Ich habe nicht länger das Bedürfnis, sie vor ignoranten Menschen zu verstecken. Allen, die das Gleiche durchmachen, würde ich raten, sich Hilfe zu suchen.

Was für Sprüche musst du dir anhören?
Menschen sagen mir, wie hässlich die Narben seien und dass ich sie verstecken solle, um niemanden abzuschrecken. Solche Sprüche kommen meistens von Typen. Frauen hingegen wollen Details darüber erfahren, was mir passiert ist. Das kann aber genauso nervig sein. Mittlerweile ignoriere ich einfach, was Menschen zu mir sagen. Mir tun diese Leute sogar manchmal leid, wenn ich daran denke, wie verbittert sie eigentlich sind.

Wie haben sich deine Narben auf deine privaten und beruflichen Beziehungen ausgewirkt?
Ich habe das Glück, die richtigen Menschen um mich herum zu haben. Mein aktueller Partner und meine Ex-Freunde hatten alle kein Problem mit ihnen. Meine Freunde unterstützen mich und insgesamt ist meine Familie toll. Ein paar Ausnahmen gibt es allerdings.

Beruflich kann es manchmal schwierig sein. Als ich in einem Restaurant gearbeitet habe, musste ich immer langärmlige Hemden tragen, um die Gäste nicht zu vergraulen – selbst wenn es unfassbar heiß war. Ich habe mitgemacht, weil ich keine Konfrontationen wollte. Und die Manager waren auch generell sehr streng, insbesondere bei Tattoos. Ich hatte also nicht das Gefühl, dass sie es nur auf mich abgesehen hatten.

Fotini, 29

VICE: Welcher Teil deines Körpers wird am meisten kritisiert?
Fotini:
Meine Haut. Seit ich 16 war, ist meine Haut von Psoriasis, also Schuppenflechte, befallen. Das ist eine Autoimmunkrankheit, die durch Stress und andere psychische Faktoren hervorgerufen werden kann.

Was musst du dir anhören?
Am nervigsten ist, dass Leute es für ansteckend halten. Es gibt auch immer wieder mitleidige oder angewiderte Blicke. Die kann ich nach all den Jahren aber ganz gut unterscheiden. Und natürlich sind da die Sprüche. Mir wurde schon gesagt, dass ich wie ein Reptil aussähe und meine Haut abstoßend sei. Solche Sachen kommen in der Regel von Frauen – Männer glotzen eher abwertend.

Wie fühlst du dich jetzt mit deinem Körper? Kannst du zum Beispiel entspannt an den Strand gehen?
Ich fühle mich wohl genug damit. Alle meine Unsicherheiten habe ich noch nicht überwunden, aber an den meisten Tagen geht es mir OK damit. Eine Therapie hat mir sehr dabei geholfen, meinen Körper zu akzeptieren und zu ihm zu stehen. Und obwohl es andere Menschen stört und mich auch manchmal, habe ich ihn mit der Zeit lieben gelernt.

Wie hat deine Krankheit dein Sexualleben und deine Freundschaften beeinflusst?
Ich weiß, dass Typen mich deswegen zurückgewiesen haben, auch wenn sie es nicht explizit gesagt haben. Meine Freunde und Partner haben mir extrem geholfen. Sie sehen mich und nicht meine Krankheit. Wegen ihnen komme ich jetzt auch besser mit den Sprüchen klar als früher. Damals hat die kleinste Bemerkung gereicht, um mich aus der Bahn zu werfen. Heute gebe ich niemandem mehr das Recht, für mich zu entscheiden, was normal ist und was nicht.

Despina, 33

VICE: Was für Dinge haben Menschen über deine Mastektomie gesagt?
Despina: Manche haben Witze darüber gemacht, wie cool es sein muss, eine "kostenlose Brustverschönerung" zu bekommen. Kolleginnen haben mir gesagt, ich solle meine "Krebsbrust" wegpacken, als ich bei der Arbeit auf der Toilette versucht habe, mir etwas Salbe wegen der Strahlenbehandlung aufzutragen.

Wie gehst du mit solchen Kommentaren um?
Zuerst war ich schockiert, aber mit der Zeit habe ich mich irgendwie daran gewöhnt. Jetzt denke ich mir, dass niemand immun gegen Krebs ist – es kann allen passieren. Ich habe gelernt, das zu akzeptieren und meinen eigenen Körper zu lieben.

Wie hat die Krankheit deine privaten und beruflichen Beziehungen beeinflusst?
Ohne die Unterstützung meines Partners, meiner Familie und meiner Freunde wäre ich komplett verloren. Ich bin besonders dankbar für sie, weil ich weiß, dass sich so viele Menschen in meiner Situation nicht auf eine solche Unterstützung verlassen können.

Und: Eine Nebenwirkung der Chemotherapie ist, dass sie meine Libido ziemlich gekillt hat.

Elina, 28

VICE: Für welchen Teil deines Körpers musst du dir die meisten Sprüche anhören?
Elina: Ich hatte in den vergangenen Jahren mit meinem Gewicht zu kämpfen. In der Regel bekomme ich Sprüche zur Größe meiner Schenkel und meines Pos.

Was für Sprüche sind das?
Es sind nicht nur die Sprüche, sondern auch die Blicke. Wenn meine Eltern mich sehen, ist das erste, was sie tun, mich mit ihren Augen zu wiegen. Das endet dann in der Regel in einem Streit mit ihnen darüber, wie viel ich ihrer Meinung nach zu- oder abgenommen habe. Kollegen haben mir auch schon gesagt, dass ich Gewicht verlieren solle, wenn ich befördert werden will. Manche Freundinnen bestehen auch darauf, mich ständig daran zu erinnern, dass ich keinen Freund finden werde, solange ich nicht dünner werde. Generell tendieren Männer dazu, Witze über meine Schenkel und meinen Po zu machen, wohingegen Frauen mich davon zu überzeugen versuchen, dass ich glücklicher wäre, wenn ich nur etwas abnehmen würde.

Die Sprüche und Blicke haben natürlich nur dazu gefühlt, dass ich mich in meinem Körper noch unwohler fühle. Dadurch habe ich richtige Komplexe entwickelt. Ich habe allerdings kein Problem damit, Menschen zu konfrontieren, wenn es sein muss. Einmal saß ich beim Mittagessen, als ein Kollege zu mir kam und meinte, ich solle mit ihm teilen – es wäre zu meinem Besten. Ich habe ihm deutlich gemacht, dass sein Spruch unangebracht war. Er hat mich dann in Ruhe gelassen.

Wie hat das deine privaten Beziehungen beeinflusst?
Ich habe begonnen, mich bewusst nur noch mit Menschen zu umgeben, in deren Gegenwart ich mich wohl fühle und die mein Äußeres nicht beurteilen. Dazu gehören auch Sexualpartner, die mich nicht dazu drängen, Gewicht zu verlieren, sondern mir zeigen, wie sehr sie meinen Körper lieben. Aber natürlich fühle ich mich manchmal unsicher. Zum Beispiel, wenn ich mit einer Gruppe Leute zum Strand gehe, die ich nicht wirklich kenne. Dann trage ich etwas, das meinen Körper komplett bedeckt.

Eliza, 30

VICE: Welcher Teil deines Körpers bekommt die meisten Sprüche ab?
Eliza: Ich würde sagen meine Körperbehaarung. Früher fand ich es auch komisch für Frauen, Bein- und Achselhaare zu haben. Nachdem eine Freundin meinte, dass es unrasiert viel angenehmer sei, habe ich es selbst ausprobiert. Aber es kann auch anstrengend sein. Als Frau hast du das Gefühl, dass dich immer irgendjemand anzuprangern versucht – egal, was du mit deinem Körper anstellst.

Was für Sprüche musst du dir anhören?
Als ich im Sommer einen Freund in Athen besucht habe, hat er mich darum gebeten, meine Beine von ihm fernzuhalten. Er fände sie eklig. Ich habe ihn sofort darauf hingewiesen, dass seine Beine wesentlich behaarter seien als meine. Aber er ist dabei geblieben und hat meine Haare als "grässlich" bezeichnet. Nach der Geschichte hat sich eine Freundin "FUCK OFF" in ihre Beine rasiert, um mich aufzumuntern. Das war lieb.

Ich muss mich auch immer mit abfälligen Kommentaren rumschlagen, wenn ich zum Strand gehe. Ob ich sie bedecke oder nicht, hängt von meiner Tagesverfassung ab. Im Gegensatz zu London, wo ich lange gelebt habe, finde ich es hier in Griechenland ziemlich schwierig. Hier gilt es als ganz normal, zu glotzen und das Aussehen einer Frau zu kommentieren, wenn sie von der Norm abweicht.

Wie fühlst du dich jetzt mit deinem Körper?
Es ist mein Körper und mir ist es egal, ob andere Menschen es komisch finden, was ich damit anstelle.

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