Semana do Orgulho 2018

Warum ich als Mitglied der Gay-Community bewusst nicht an der Regenbogenparade teilnehme

Ja, wir wollen das Leben feiern. Ja, wir wollen fröhlich durch die Straßen ziehen. Ja, wir wollen möglichst viele Mitglieder der Community mitnehmen. Aber nicht um jeden Preis.

von Gerald VDH
16 Juni 2017, 11:14am

Letizia Barbi | Flickr | CC BY-SA 2.0

Ich nehme schon seit einigen Jahren nicht mehr an der Regenbogenparade teil und kritisiere sie öffentlich. Und das, obwohl ich sie für unverzichtbar halte. Ja, es ist besser es gibt eine Parade in dieser Form, als gäbe es sie gar nicht. Sichtbarkeit alleine ist schon ein wichtiges Kriterium. Und das erfüllt diese Parade auch. Wenn auch völlig frei von Botschaft und Aussage. Daher kann ich in Summe nur ein schwaches "Genügend" für die Gesamtleistung vergeben.

Die Regenbogenparade ist zahnlos, angepasst und kommerziell. Von einem Großteil der Wägen ballert die immer selbe Mainstream-Mucke. Die wenigen politischen Botschaften gehen zwischen Helene-Fischer-Schlager und Britney-EDM-Müll-Remixes unter.

Um einen Platz auf den Wägen zu ergattern, muss man oft teure Tickets im Vorfeld kaufen. Diese inkludieren nicht selten ein All-you-can-drink-Paket, um die teuren Kosten zu decken. Bei allem Verständnis für dieses notwendige Übel: Das ist bei einer Demonstration, bei der es angeblich um Offenheit gehen soll, ein absolutes No-Go. Irgendwo zwischen Nivea-Models und Almdudler-Plakaten sucht man vergebens nach Seele. Oder Botschaft.

Ja, wir wollen das Leben feiern. Ja, wir wollen fröhlich durch die Straßen ziehen. Ja, wir wollen möglichst viele Mitglieder der Community mitnehmen. Aber nicht um jeden Preis. Es ist die Aufgabe der Organisation, dafür zu sorgen, dass es weiterhin eine politische Demonstration bleibt. Und da hätte man den oben beschriebenen Entwicklungen rechtzeitig Einhalt gebieten müssen.

Irgendwo zwischen Nivea-Models und Almdudler-Plakaten sucht man vergebens nach Seele. Oder Botschaft.

Ein möglicher Ausgangspunkt für eine bessere Parade wäre ein besseres Motto. In den letzten Jahren hat man es sich wohl zum Ziel gemacht, möglichst niemandem mit dem Motto zu belästigen. Während in anderen Städten im deutschsprachigen Raum bewusst provokante oder einfach tatsächlich konkrete und relevante Themen gewählt werden, setzt man in Wien auf hohle Phrasen.

Dieses Jahr ist es "One community – many colours." Es hätte aber auch "Hatschi-Bratschi-Luftballon" sein können. Weitere Themen der vergangenen Jahre, waren ähnlich langweilig und nichtssagend. Zum Beispiel "Sichtbar" oder "Grenzen überwinden". Man hütet sich davor, politische Forderungen zu formulieren und hält die Parade bewusst unpolitisch.

Dass es auch anders geht, zeigen Städte wie Hamburg im Jahr 2015: "Akzeptanz ist schulreif: Sexuelle Vielfalt auf den Lehrplan." Ein Slogan, der in Wien undenkbar wäre. Sofort würde es Kritik aus den eigenen Reihen hageln. Da könnten die konservativen (strukturell homophoben) Homosexuellen einfach nicht mit. Meiner Ansicht nach ist es nicht die Aufgabe einer solchen Demonstration auch jenen zu gefallen, die täglich gegen die Gleichstellung von Homosexuellen arbeiten. Auch, wenn sie selber homosexuell sind.

In Berlin zieht man dieses Jahr unter dem Motto "Mehr von uns. Jede Stimme gegen rechts." durch die Straßen. Das erntet meinen Applaus. Da lacht mein Herz und mein Mund möchte singen. In Wien wäre ein so klares Motto, das ganz klar zum Ausdruck bringt, dass rechts für unsere Community keine Lösung ist, völlig illusorisch. Man kann übrigens den Berlinern ganz sicher nicht vorwerfen, dass sie nicht auch ausgiebig feiern würden. Es muss beides gehen. Es muss konkret gehen. Es muss bissig gehen.

Der heurige CSD in Wien wird vor allem eines sein: ein rollendes Bierzelt in den Farben des Regenbogens.

Das vergangene Jahr war für Homosexuelle auf der ganzen Welt ein sehr ereignisreiches. In Tschetschenien wurden (und werden weiterhin) Homosexuelle von der Regierung getötet. In Konzentrationslagern. Eltern werden aufgefordert ihre homosexuellen Kinder selbst zu töten. In Österreich gab (und gibt) es weiterhin keine Mehrheit für eine faire Ehe, die homosexuelle Paare gleich behandelt.

Kern hat die Zustimmung zur Öffnung der Ehe nicht zu einer Voraussetzung für eine Zusammenarbeit in einer Koalition gemacht. In Amerika ist ein radikaler Christ, der sich gegen gleiche Rechte für Homosexuelle positioniert, zum Präsidenten gewählt worden. Und dennoch wird der heurige CSD in Wien auch heuer wieder vor allem eines sein: ein rollendes Bierzelt in den Farben des Regenbogens.

Count me out. Ich reagiere auch nicht mehr auf Zurufe, dass ich mich selbst einbringen könnte. Ein politischer Auftritt wäre nur dann möglich, wenn man ein Budget aufstellt, das einen Knalleffekt ermöglicht, der mit den Sauf-rein-und-speib-ab-Wägen mithalten kann. Ansonsten würde die politische Botschaft ohnedies von grölenden, schwulen Männer-Rudeln in Lederhosen übertönt werden.

Es muss sich strukturell etwas ändern. Es muss sich grundlegend etwas ändern. Und daher wähle ich den legitimsten Weg, den man in einer Demokratie gehen kann. Ich kritisiere laut, öffentlich und fortlaufend.


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Damit mir nicht vorgeworfen wird, ich würde nur anführen, was mir alles nicht gefällt, mache ich auch gerne ganz konkrete Vorschläge zu Verbesserung der Lage: Ich wünsche mir eine Parade, die es sich zur Aufgabe macht, konkrete politische Forderungen zu formulieren und diese laut und klar zu präsentieren. Ich erwarte mir, dass man Menschen und Organisationen, die homophob auffallen, initiativ von der Parade auslädt.

Frei nach Max Goldt gilt auch hier mein Lebensmotto: "Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein!" Ich halte es für notwendig, die Veranstaltung inhaltlich zu kuratieren. Erlaubt ist, was gefällt? Da kann ich leider nicht mit. Und es ist auch nicht mehr repräsentativ für eine Szene, in der sich so viele inhaltlich und künstlerisch wertvolle Dinge abspielen.

Als Abschluss möchte ich noch einmal betonen, dass ich diese Parade für wichtig halte. Ich hoffe, dass sie in der Zukunft eine Form haben wird, bei der es mir auch möglich sein wird, daran teilzunehmen. Ich bedanke mich bei den vielen Menschen, die sich in der Organisation engagieren. Meine Kritik ist inhaltlich und nicht persönlich. Ich schätze euren Einsatz und auch eure Leistung dennoch sehr.

Meine (durchaus auch scharfe) Kritik entspringt einer großen Liebe zu einer Community, die sichtbar sein soll und ein solches Fest verdient hat. Party und Message sind vereinbar. Ich hoffe, dass ich irgendwann mitziehen kann. Happy Pride 2017.



Header: Letizia Barbi | Flickr | CC BY-SA 2.0