Was eine Nonne über die Missbrauchsskandale der Kirche denkt

Bischöfe und Priester haben Nonnen sexuell missbraucht – und tun es womöglich noch immer. Das hat der Papst vergangene Woche eingeräumt. Was sagt eine Nonne dazu?

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12 Februar 2019, 1:08pm

Foto: Steven Meyer

Schwester Maria, 46, sitzt an einem Tisch in ihrem Büro im 6. Bezirk in Wien. An der Wand neben ihr hängt ein großes Kreuz, ihr Haar ist von einem Habit verdeckt. Schwester Marias Tag beginnt immer um 5 Uhr, fünf Stunden sind seit dem Morgengebet bereits vergangen. Seit 26 Jahren lebt sie als Nonne im katholischen Orden der Barmherzigen Schwestern in Wien.

Als wir uns treffen, ist es drei Tage her, dass der Papst sagte, Nonnen seien in den vergangenen Jahren immer wieder Opfer sexueller Gewalt geworden, ausgeübt durch Priester und Bischöfe. Vermutlich, sagte er, gehe der Missbrauch vielerorts auch heute noch weiter.


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Wir wollten wissen, was eine Nonne darüber denkt, haben Schwester Maria gefragt – und waren überrascht. Sie erklärt uns, warum sie trotz der Missbrauchsfälle keinen Grund sieht, etwas an den Rollenbildern in der Kirche zu ändern. Und zeigt damit auch, welches Denken noch immer in der katholischen Kirche vorherrscht. Sind es Haltungen wie diese, die dazu beitragen, dass Missbrauch so lange nicht öffentlich thematisiert wurde und teilweise bis heute nicht ordentlich aufgearbeitet ist?

VICE: Der Papst hat vor einigen Tagen den Missbrauch an Nonnen zugegeben: Was macht das mit Ihnen?
Schwester Maria: Der Missbrauch tut mir weh. Wir Schwestern müssen lernen, den Priestern nicht unser volles Vertrauen zu schenken oder uns alles gefallen zu lassen. Es ist sicher etwas, aus dem wir lernen müssen.

Sie sind nicht wütend?
Menschen machen Fehler. Es ist wichtig, die Beziehung zu Gott zu intensivieren, denn das macht glücklich. Sexualität ist auch ein Geschenk Gottes und für mich kein Tabuthema. Eine gute Beziehung zum eigenen Körper zu haben, kann sicherlich hilfreich sein beim Umgang mit Sexualität.

Fehler sind menschlich – Sie meinen, solche Skandale gehören einfach dazu?
Nein, die gehören nicht dazu. Das ist etwas, das nicht sein dürfte. Aber es ist nun mal so. Es ist durch Menschen so geschehen, man kann nur versuchen, es besser zu machen.

Missbrauchsskandale gibt es in der katholischen Kirche immer wieder. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Der Fehler liegt in der Ausbildung für Geistliche: Es wird nicht beachtet und thematisiert, wie wir Menschen mit diesen sexuellen Gefühlen umgehen sollen. Sexualität gehört zum Menschen dazu – und wenn jemand Schwierigkeiten hat, sollte er es jemandem anvertrauen können und lernen, richtig damit umzugehen.

Priester sind außerdem viel zu oft alleine. Es ist eine Schwäche der Kirche, dass zugelassen wird, Menschen alleine und ohne zwischenmenschliche Beziehungen zu lassen. Das schwesterliche Leben im Orden ist eine Hilfe bei der Enthaltsamkeit. Das wünsche ich auch jedem Priester – dann wäre manches heiler.

Nonne in Kirche
Schwester Maria in der Kapelle ihres Ordens beim Mittagsgebet

Wäre es dafür nicht sinnvoll, die Enthaltsamkeit aufzuheben und jedem Geistlichen somit die Möglichkeit zu geben, seine Sexualität auszuleben?
Nein, das denke ich nicht. Wenn ich versuchen würde, für das andere Geschlecht attraktiv zu sein, würde ich in meiner Seele spüren, dass es nicht richtig ist. Meine Beziehung zu Gott wäre dann nicht mehr in Ordnung.

"Wer schuldig ist, weiß aber nur Gott allein."

Was bedeuten die Skandale für ihr Verhältnis zur Kirche als Institution?
[denkt lange nach] Meine Liebe zur katholischen Kirche wird deshalb nicht weniger. Ich sehe es aber in unserer Verantwortung, dass solche Dinge nicht wieder vorkommen.

Wie würden Sie reagieren, wenn eine Schwester im Vertrauen von einem Missbrauch erzählt? Ich würde der Frau zuhören und darauf achten, dass sie geschützt ist. Ich würde sie ernst nehmen. Das ist wichtig, wenn jemand verletzt wurde – selbst wenn die Person etwas dazu beigetragen hat. Dann würde ich ihr helfen, es aufzuarbeiten. Es gibt nicht nur in der Kirche Missbrauchsfälle. Wir sollten insgesamt achtsamer sein. Wenn ich auf der Straße sehe, wie kurz die Röcke und wie groß die Ausschnitte einiger Mädchen sind, tut mir das für unsere Gesellschaft leid. Diese Teenager wissen gar nicht, was das bei anderen auslöst.

Frauen provozieren ihrer Meinung nach also?
Das glaube ich schon.

Sie tragen also eine Mitschuld, wenn etwas passiert?
Bei der Erziehung sollten Eltern Werte vermitteln. Kinder werden im Fernsehen mit Dingen konfrontiert, für die sie noch nicht bereit sind. Wenn solche Kinder dann auch noch einem Priester vertrauen, der mit diesem Vertrauen schuldhaft umgeht, kommt etwas Schlimmes heraus. Wer schuldig ist, weiß nur Gott allein.

Würden Sie die Person darauf ansprechen, die dafür verantwortlich ist – den Täter?
Da sehe ich mich nicht in der Verantwortung.

Ist nicht genau das problematisch bei der Aufarbeitung und Bekämpfung der Missbrauchsfälle, dass sich niemand in der Verantwortung sieht?
Das kann sein, da können Sie recht haben. Vielleicht würde ich es einem Vorgesetzten sagen. Aber man kann sich nicht überall einmischen, oder?

Es scheint aber ein Grundproblem der Kirche zu sein, dass alle schweigen und sich niemand einmischt.
Vielleicht ist es auch ein Grundproblem der Gesellschaft im Allgemeinen.

Nonne im Orden
Schwester Maria in ihrem Orden in Wien

Aber sollte die katholische Kirche nicht eine moralische Instanz sein?
Ja, es dürfte in der Kirche überhaupt nicht passieren. Es tut mir leid – wir sollten mehr Verantwortung haben, die Wahrheit auszusprechen. Aber Missbrauchsfälle sollten auch nicht innerhalb der Kirche geregelt werden, Verbrechen sollten an den Staat weitergeleitet werden.

"Ich kann mir zur Zeit eine Frau als Priester nicht vorstellen."

Wie erleben Sie die Machtbeziehungen zwischen männlichen und weiblichen Geistlichen in der Kirche?
Es kommt drauf an. Bei Priestern gibt es verschiedene Typen. Es gibt schon welche, die noch das Image von früher symbolisieren und bei denen man das Gefühl hat, sie wären Heilige. Wenn ein Priester ausstrahlt, dass er über allem steht, und dass er dieses Amt für seine Macht ausnutzt, stößt mich das ab. Ich kenne aber sehr viele, die menschlich und demütig sind.

Sie werden den Männern immer untergeordnet sein.
Wir könnten niemals die heilige Messe feiern oder als Priester geweiht werden, nein.

Männer haben also mehr Macht. Und Sie haben damit kein Problem?
Nein, da habe ich kein Problem mit. Das ist traditionell bedingt, vielleicht wird es später mal anders sein. Ich kann mir zur Zeit aber eine Frau als Priester nicht vorstellen. Ich habe kein Problem damit, wenn es einen Unterschied zwischen Mann und Frau gibt.

Sie wollen also die alten Rollenbilder beibehalten. Wieso?
Ich finde die Aufgabe von Männern ist es, Verantwortung zu übernehmen und zu beschützen. Es ist schön, wenn ein Familienvater für Entscheidungen verantwortlich ist und seinen Mann steht – und wenn Frauen Männern diese Rolle lassen. Die Beziehung sollte aber auf Augenhöhe sein.

Was macht einen Mann automatisch geeigneter?
Für mich strahlen Männer Geborgenheit, Geradlinigkeit, Ruhe und Stabilität aus. Ich glaube, dass Frauen sehr sensibel sind, gut beraten können und manchmal das Bedürfnis nach Schutz und Anlehnung haben. Rollenverteilungen finde ich natürlich und gut.

Das ist doch ein sehr klischeehaftes Bild, oder? Die Geistlichen, die sich an Kindern und Nonnen vergangen haben, haben schließlich ihre Rolle missbraucht, sie nicht beschützt. Die Täter sind Männer in Machtpositionen. Sind der Machtunterschied und die Rollenaufteilung nicht Teil des Problems in der katholischen Kirche?
Ich glaube nicht. Die Macht der Männer hat auch viel Gutes. Männer passen meiner Meinung nach besser in eine leitende Position. Dass das Problem des Missbrauchs weniger werden würde, wenn Männer weniger Macht hätten, glaube ich nicht.

Wie können Sie nach all diesen Skandalen noch mit sich selbst vereinbaren in der Kirche zu sein?
Die katholische Kirche ist für mich eine Familie, zu der ich gehöre. Ich kann mir keinen Grund vorstellen, weshalb ich aus der Kirche austreten würde. Ich sehe mich in einer Institution, die von Gott gewollt ist und die trotz schlechter Zeiten besteht. Wir sind nunmal Menschen mit Sünden und Fehlern.

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