Zwei Frauen erzählen von ihren erotischen Fanfictions über Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache

Bundeskanzler vergib uns, denn wir haben gesündigt und erotische Beiträge über dich und die "kleine Raupe Nimmersatt" von Strache gelesen.

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12 Februar 2019, 10:52am

Foto: imago | CHROMORANGE

Es gibt Witze, die haben wir seit Beginn von Schwarz-Blau öfter gehört als Ausreden von Innenminister Kickl. Witze über Sebastian Kurz’ nicht vorhandenes Studium, seine Ohren und seine angebliche romantische Liaison mit Heinz-Christian Strache. Neu ist jedoch, dass es Menschen gibt, die diesen Witzen ganze Fanfictions oder zusammengeschnittene Videos im 50 Shades-Stil widmen.

Nicht jeder kennt die tiefen, verstörenden Seiten des Internets. Für alle unwissenden Seelen ist hier eine kurze Einführung in die Welt der Fanfictions: Fanfictions sind Geschichten, bei denen Fans Handlungen aus Büchern oder Filmen selbst weiterschreiben. Dabei reichen die Genres unter anderem von sogenanntem "fluff", also seichten, meist romantischen Geschichten ohne bedeutende Handlung, bis hin zu "smut", dem richtig schmutzigen Zeug. Unter ihnen lassen sich vereinzelt Fanfictions über Österreichs Bundeskanzler und Vize-Kanzler finden – sowohl von der unschuldigen als auch der schmutzigen Sorte.

Es gibt nur wenige der Schwarz-Blau-Fanfictions, die haben es dafür aber in sich. Selbst wir bei VICE konnten bei der Erwähnung der "Glieder" der Politiker kaum mehr weiterlesen – und wir sind einiges gewohnt. Bei dem Beitrag über einen metallenen Analplug, den Kurz Strache "in seinem Innersten herumdrehte", hätten wir beinahe abgebrochen. Es stellt sich also die Frage: Warum zur Hölle tut man sich und anderen so etwas an? Wir haben nachgefragt.


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Einer der Fanfiction-Accounts heißt Sturz Is Real. Der Account gehört zu einer kleinen Tumblr-Community an österreichischen Meme-Blogs, die viele ihrer Witze einer romantischen Beziehung zwischen Kurz und Strache widmen. In der Fanfiction von Sturz Is Real betatschen sich Kurz und Strache konstant, knutschen bei jeder Gelegenheit und lassen dabei sogar ihren Toast anbrennen. Liest man dann von der "Beule" in der Unterhose des Bundeskanzlers, färben sich nicht nur "dessen unproportional große Ohren mittlerweile beinahe KPÖ-Rot". Bevor es jedoch richtig zur Sache geht, werden die Turteltauben unterbrochen. Die Verlobte von "Basti" – wie Strache seinen "Lebensmenschen" in der Geschichte liebevoll nennt – erwischt die beiden. "Sturz" als heimisches, verliebtes Pärchen ist noch die harmloseste Darstellung ihrer fiktiven Beziehung.

Ihre Missgunst zeigt Marie in Zeilen wie: "Schon bald war es mehr ein erregtes als ein gequältes Stöhnen, das zwischen den Küssen über Sebastians Lippen kam."

"Satire ist meiner Meinung nach ein wichtiger Eckpfeiler unserer Gesellschaft und diese Fanfictions sind genau das", erklärt Marie*, die 19-jährige Steirerin hinter dem Account. "Es ist eine Art, meine Missgunst gegenüber unserer derzeitigen politischen Lage auszudrücken und damit hoffentlich auch den ein oder anderen zu unterhalten." Diese Missgunst zeigt Marie dann in Zeilen wie: "Schon bald war es mehr ein erregtes als ein gequältes Stöhnen, das zwischen den Küssen über Sebastians Lippen kam."

Die Geschichte Die Qual der Wahl auf dem Blog Austrian Suggestion treibt es noch weiter. So weit, dass man inständig dafür betet, die Verlobte von Kurz würde das Game wieder stören. Sie kommt nicht. Wir müssen stattdessen lesen, wie Strache sein "runzliges, kleines Ding" durch ein "2-Euro-Loch" in der Toilettenkabine des Parlaments steckt und der Bundeskanzler ihn oral befriedigt. Das erotische Kopfkino wird hier schnell zum Horrorfilm. Straches "Ding" wird als kleinen Raupe Nimmersatt illustriert und zerstört damit einen Teil unserer Kindheit. Der "Gucci-Anzug" von Kurz wird nach dem Akt als Serviette für die Mundwinkel benutzt.

Michaela*, die Verfasserin von Die Qual der Wahl, schreibt die satirisch gemeinte Fanfiction ebenfalls aus politischer Frustration. "Die Witze sind nicht nur aus jugendlichem Blödsinn heraus entstanden." Sie steckt hinter poetischen Ergüssen wie: "Seine Finger umschlossen vorsichtig das Glied, seine rauen Fingerkuppen streichelten den Schaft entlang."

Mit ihrem Werk hofft sie auch politische Arbeit zu leisten. "Ich glaube, man holt junge Menschen mehr mit Memes ab als mit klassischen Nachrichten, weil so ihre Neugier geweckt wird und sie wissen wollen, was politisch gerade passiert", sagt Michaela.

Die Fanfictions haben etwas Vereinendes, selbst wenn es nur der dringende Wunsch ist, sich die Augen mit Seife auszuspülen.

Marie und Michaela sind sicher, dass die Leserinnen und Lesern ihre Beiträge als Satire einordnen. Beide schließen aus, dass ihre Geschichten andere scharf machen. "Ich hoffe, die Leute haben bessere Fantasien als Kurz und Strache am Parlaments-Klo", sagt Michaela.

Unabhängig von der politischen Einstellung bleibt die Frage, wie weit man mit Satire gehen darf. Vor allem dann, wenn die Pointe des Witzes die Sexualität eines Menschen ist. Die beiden Tumblr-Userinnen sind Mitglieder der LGBTQI+-Community, genauso wie ein großer Teil der anderen Sturz-Fanfiction-Writer. Sie sind nicht der Meinung, dass ihre Witze über Homosexualität auf Kosten homosexueller Menschen gehen.

"Ich kenne die Vorurteile und Stereotype. Du kannst sie nicht brechen, wenn nicht über sie gelacht werden darf", sagt Marie. Man kann darüber streiten, ob Fanfictions, in denen der Bundeskanzler etwas "lutscht, liebkost, saugt und knabbert" ein Umdenken bewirkt oder nicht – auch darüber, ob sie sich homofeindlicher Klischees bedienen. Die Fanfictions haben aber etwas Vereinendes, selbst wenn es nur der dringende Wunsch ist, sich die Augen mit Seife auszuspülen.

*Namen von der Redaktion geändert.

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