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Die Nacht, in der meine Freundin dissoziativ wurde und nicht mehr wusste, wer ich war

Wegen ihrer dissoziativen Identitätsstörung war ich ein Fremder in den Augen der Frau, die ich liebte.

von Anonym
06 März 2015, 6:54am

Bilder: Mark Duffy

Die Situation, so wie sie war, hätte nicht viel schlimmer aussehen können. Ein Mann hatte eine zu Tode verängstigte Frau im Eingangsbereich eines Mehrfamilienhauses in eine Ecke gedrängt und wollte sie nicht gehen lassen. Wäre irgendjemand in diesem Moment reingekommen, hätte die Frau gesagt, dass sie diesen Mann noch nie gesehen hat. Sie hätte gesagt, dass sie sich nicht dran erinnern könnte, wie sie überhaupt dorthin gekommen sei.

Der Hinzugekommene hätte dann—verständlicherweise—gedacht, dass die Frau von dem Mann unter Drogen gesetzt worden war, und würde diese Person auch nur über einen Funken Anstand verfügen, wäre sie der Frau zu Hilfe gekommen—komme, was wolle. Vielleicht hätte dieser Mensch die Polizei gerufen, vielleicht den Mann zusammenschlagen. Der Mann war immerhin drauf und dran, diese Frau zu vergewaltigen—so sah es zumindest aus. Es gab eigentlich keine vernünftige Erklärung für das, was hier vor sich ging, bei der der Mann gut wegkam. Eigentlich.

Ich spielte in meinem Kopf alle Möglichkeiten durch und betete zu Gott—ich hatte mich in dem Moment dazu entschieden, an einen Gott zu glauben. Ich betete, dass keine Menschenseele vorbeikommt, solange ich hier mit meiner Freundin stand, die gerade einen schweren dissoziativen Schub durchmachte. Gott, falls du das hier lesen solltest: Du hast was gut bei mir.

Es war der Weihnachtsmorgen und wir lagen zusammen im Bett, als sie mir zum ersten Mal von ihrer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählte. Zu diesem Zeitpunkt waren wir etwa acht Monate zusammen und bis dahin war sie eigentlich immer ziemlich offen mit allem umgegangen—abgesehen von dieser einen Sache. Ich glaube, sie hatte weniger befürchtet, dass mich das vergraulen würde. Es ging ihr eher darum, dass sie das Gefühl brauchte, mir mit dieser Information, die sonst so gut wie niemand wusste, wirklich vertrauen zu können.

Sie erklärte mir sehr knapp, wie sich die Störung bei ihr äußerte. Im schlimmsten Fall, so sagte sie, hätte sie nicht nur Probleme zu identifizieren, wer sie ist, sondern sogar was sie ist. In diesen Momenten ist sie nicht fähig, das Konzept ihres eigenen menschlichen Daseins zu begreifen. Es schmerzte sie sichtlich, darüber zu reden, und das war wohl auch der Hauptgrund, warum so wenige Menschen in ihrem Umfeld darüber Bescheid wussten. Aus Rücksicht stellte ich keine Fragen oder hakte nach. Als sie dann fertig erzählt hatte, sagte ich, dass das für mich nichts ändern würde—ich liebte sie trotzdem. Vier Monate später sah ich dann zum ersten Mal mit eigenen Augen, was sie mir beschrieben hatte.

Der Abend fing damit an, dass wir bei Freunden einen Film schauten. Noch während des Films merkte ich, dass sich ihre Atmung verändert hatte. Sie wurde schneller und flacher. Das war für mich jetzt aber kein wirklicher Grund zur Sorge. Sie litt schon lange unter Panikattacken und war in der Regel ganz gut darin, sie auch selbst wieder zu überwinden. Ich streichelte ihren Rücken und ihre Schultern, um ihr etwas Halt zu geben. Es wurde aber ziemlich schnell ziemlich deutlich, dass die Panik nicht so einfach wieder weggehen würde. Nach etwa 20 Minuten flüsterte sie mir in mein Ohr: „Wir müssen gehen. Ich werde gleich dissoziieren."

Wir packten schnell unsere Sachen zusammen und entschuldigten uns bei unseren Gastgebern und erzählten, dass wir beide sehr erschöpft seien und nach Hause ins Bett müssten. Sobald wir ihre Wohnung verlassen hatten, legte sie ihre Hand in meine. „Versprich mir, dass du nicht loslässt—egal was passiert." Ich versprach es.

Während wir die Straße entlanggingen, konnte ich sehen, wie es in ihr langsam die Überhand gewann. Sie war sichtlich von ihrer Umgebung verwirrt. Ich schaffte es, schnell ein Taxi heranzuwinken. Es gab in dieser Nacht einige glückliche Zufälle und das war der erste davon.

So abgedroschen das auch klingen mag, die Stille im Auto war gespenstisch. Das hier war eine Frau, die die schlechtgelauntesten Türsteher um den Finger wickeln konnte, damit sie ihre offensichtlich minderjährigen Freunde in den Club lassen. Und hier saß sie einfach nur da und starrte aus dem Fenster. Es war das erste Mal in unserer Beziehung, dass sie sprachlos war.

Ich drückte ihre Hand und sagte: „Ich liebe dich." Sie schaute mich ein paar Sekunden mit leeren Augen an und drehte ihren Kopf dann wieder zum Fenster. Ich wusste, dass ich das hier nicht persönlich nehmen durfte und versuchte, die Angelegenheit zu rationalisieren—es war ja jetzt nicht so, dass sie sauer auf mich war und mich nach einem Streit mit Schweigen strafte. Sie wusste einfach nicht mehr, wer ich war. Rückblickend erscheint es mir fast ein bisschen egoistisch, dass ich mir überhaupt Gedanken darüber machte, inwiefern ihr albtraumhafter Trip mich betraf—es war aber einfach unausweichlich. Die Situation war sehr und auf einzigartige Art und Weise verstörend.

In den Augen der Frau, die ich liebte, war ich jetzt ein Fremder. Es machte mich fertig.

Die letzten zehn Minuten unserer Fahrt verstrichen ohne Zwischenfälle. Trotz des nackten Grauens, das sie erfasst haben musste, blieb sie ruhig. Auch dafür war ich (vielleicht ebenfalls wieder egoistisch) unendlich dankbar. Ich war wirklich nicht heiß darauf, unserem Fahrer die Spezifikationen eines Zustands zu erklären, über den ich ja selbst so gut wie gar nichts wusste. Ich hatte gerade genug Geld dabei, dass wir es bis vor ihr Haus schafften—wieder einer der kleinen, aber total glücklichen Zufälle.

Ich öffnete meine Tür und manövrierte mich selber aus dem Auto, während ich dabei tunlichst darauf achtete, ihre Hand nicht loszulassen, und zog sie hinter mir her. Wir gingen über die Straße, durchquerten den Hof und traten durch den Haupteingang in die Eingangshalle des Gebäudes. Und da wurde es schwierig.

Bislang hatten wir uns ja in der Öffentlichkeit bewegt und die Anwesenheit des Taxifahrers dürfte ihr auch ein gewisses Gefühl von Sicherheit gegeben haben. Jetzt war sie aber hier alleine mit einem Mann, den sie, so dachte sie jedenfalls, noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Und auch wenn das hier ihr Zuhause war, erschien ihr der Ort in ihrem momentanen Geisteszustand fremd. Auch wenn sie sich bewusst war, dass sie einen dissoziativen Schub hatte, wusste sie nicht, wie sie hergekommen war. Solltest du jemals versucht haben, eine Person, die sich im tiefsten K-Hole befindet, zurück zu ihrem Zelt zu bringen—das hier war ein bisschen so, nur auf einem ganz anderen Level.

Stell dir das nur mal vor: Eine recht zierliche Frau merkt plötzlich, dass sie sich mit einem fremden Mann, der ein ganzes Stück größer ist als sie, in einem unbekannten Gebäude befindet. Sie tat natürlich das, was jede andere Frau in dieser Situation auch tun würde. Sie riss sich los und rannte zur Tür. Meine schnelle Reaktion überraschte mich selber. Instinktiv rannte ich hinter ihr her, legte meine Arme um ihre Hüften und trug sie wieder vom Ausgang weg.

Eine verzweifelte Frau mit körperlicher Gewalt in Schach zu halten, ist, wie sich herausstellte, nicht gerade die Handlung, die deinem Gegenüber die Botschaft „Bleib ruhig, bei mir bist du sicher" vermittelt. Ich hatte jedoch keine andere Wahl. Hätte ich sie gehen lassen, hätte sie sich da draußen niemals zurechtgefunden. Für sie wäre das in diesem Zustand lebensgefährlich gewesen. Ich stellte sie also in eine Ecke und platzierte mich ein paar Schritte von ihr entfernt als Barriere zwischen Freundin und Tür. Mit weicher Stimme redete ich ihr zu und hob dabei meine Hände—das allgemein anerkannte Zeichen für „Echt jetzt, ich stelle keine Gefahr dar."

Sie kauerte sich in der Ecke zusammen. „Wenn du einen Schritt näher kommst, dann schreie ich", warnte sie mich. Ich bewegte mich nicht. In diesem Moment gingen mir alle Möglichkeiten durch den Kopf. Wie schon gesagt, blieben wir beide allein—ob durch Glück oder Gottes Gnaden ist dabei auch egal. So hilfreich das auch war, änderte es allerdings nichts an der Tatsache, dass ich hier noch immer mit einer Frau im Eingangsbereich eines Mehrfamilienhauses stand, die nicht wusste, wer ich war, und die mich sie nicht zu ihrer Wohnung bringen ließ.

„Du hast dein Handy dabei, oder?", fragte ich sie. Sie schaute in ihre Tasche und nickte. „Weißt du, wer George ist?" Noch ein Nicken. George war ein Ex-Freund von ihr, einer ihrer ältesten Freunde überhaupt und die einzige Person, abgesehen von ihrer Familie, dem Arzt und mir, die von ihrem Zustand wusste. Da George schon viel länger Teil ihres Lebens war als ich, hatte sie auch mehr Erinnerungen an ihn und dementsprechend nicht vergessen, wer er war. „Ruf George an", sagte ich.

„Das ist total normal", dachte ich mir, während sie ihr Handy nach Georges Namen durchsuchte. „Ich bin einfach nur ein Typ, der darauf wartet, dass der Ex meiner Freundin meine Existenz bestätigt."

Ihr erster Anrufversuch endete in der Mailbox. Leise und unter Tränen war „Hilf mir" alles, was sie sagen konnte. Das wiederholte sie etwa ein Dutzend Mal. Ich fragte mich, ob er gerade arbeiten war. Es könnte Stunden dauern, bevor er auf sein Telefon schaut. Der letzte glückliche Zufall dieser Nacht wollte es, dass er ein paar Sekunden später zurückrief. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, über was oder wie lange sie miteinander sprachen—vielleicht war es eine Minute, vielleicht waren es aber auch fünf. Sie sagte, dass hier ein Mann sei, den sie nicht kannte und der behauptet, ihr Freund zu sein. Wie eine Art Souffleur flüsterte ich laut: „George! Ich bin's!"

Sie hörte noch ein bisschen weiter zu, dann reichte sie mir ihr Telefon. „Er will mit dir reden." Ich telefonierte ein paar Minuten mit George. Ich war wohl noch nie in meinem Leben so erleichtert gewesen, die Stimme von dem Ex einer meiner Freundinnen zu hören. Ruhig erklärte er mir, was ich als Nächstes tun sollte: sie in ihre Wohnung bringen, sie hinsetzen und bei Netflix irgendetwas raussuchen, was ihr bekannt war. Vertrautes sei das A und O, sagte er mir. Ich bedankte mich bei hm und gab das Telefon zurück. Sie unterhielten sich noch für ein paar Sekunden, dann legte sie auf.

„George sagt, dass ich dir vertrauen kann."

Ich nahm wieder ihre Hand und führte sie die Treppe hoch.

Sobald wir in ihrer Wohnung waren, entspannte sich die Lage etwas. Als ich hinter uns die Tür schloss, setzte sie sich sofort auf den Holzboden und sagte, dass ihre Füße wehtun. Ich half ihr dabei, ihre Schuhe auszuziehen, dann hob ich sie hoch und führte sie in ihrem Zimmer herum. Dabei zeigte ich auf die gerahmten Bilder an der Wand und fragte sie, ob sie die Menschen darauf erkennen würde. „Das bin ich!", sage sie erfreut. „Und das ist George!" Es half.

Innerhalb weniger Minuten hatte sich die Dynamik unseres Verhältnisses von mir als potenzieller Angreifer zu einer bizarren Vaterfigur gewechselt. Als ihr Freund waren mir beide Rollen unangenehm, aber wenigstens hatte sie jetzt keine Angst mehr vor mir. Wir verbrachten dann den Rest der Nacht zusammen vor dem Fernseher, während ich darauf wartete, dass die Frau zurückkehrte, die ich liebte.

Ein paar Stunden nachdem sie mir von ihrem Zustand erzählte hatte, nahm ich mir etwas Zeit, um mich über dissoziative Identitätsstörung zu informieren. Wie bei vielen anderen psychischen Störungen gibt es eine Menge Spekulationen und Theorien zu dieser Diagnose. Das ist auch leicht verständlich, wenn man begreift, was für ein verschachteltes Labyrinth der menschliche Geist ist. Trotzdem wird DIS als die „wahrscheinlich umstrittenste psychiatrische Diagnose" angesehen, zu der „kein eindeutiger Konsens im Hinblick auf Diagnose oder Behandlung" besteht.

Die Störung an sich ist sehr selten, nimmt aber einen großen Platz in der Popkultur ein. Falls du noch nie von DIS gehört hast (ich hatte es jedenfalls nicht), dann wird dir aber wahrscheinlich die multiple Persönlichkeitsstörung ein Begriff sein. Das ist die veraltete Bezeichnung für diesen Zustand. Die Art, wie die Erkrankung in der Fiktion dargestellt wird, ist allerdings oftmals recht schädigend. Multiple Persönlichkeiten illustrieren häufig den Kampf zwischen Gut und Böse, wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Wie auch bei Schizophrenie und ähnlichen Erkrankungen werden die Betroffenen oft als mordende Psychopathen dargestellt—auch wenn sie in Wirklichkeit viel mehr selber dem Risiko ausgesetzt sind, zum Opfer zu werden.

Viele Menschen, die unter DIS leiden, geben an, in der Kindheit sexuell oder körperlich missbraucht worden zu sein. Das wiederum ließ einige Forscher zu dem Schluss kommen, DIS als Folge von Traumata zu sehen. Ich wusste, dass meine Freundin in ihrer Kindheit und Jugend regelmäßig von ihrem Vater geschlagen worden war. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass das zu ihrem Zustand beigetragen hatte. Eine weitere Hypothese suggeriert, dass DIS von Therapeuten verursacht wird, die Erinnerungen bei Patienten „zum Vorschein bringen", die sie dann in entsprechender Weise handeln ließen—das traf aber nicht auf meine Freundin zu.

Die Episoden treten bei ihr sporadisch auf. Es können Monate oder Jahre vergehen, ohne dass etwas passiert—aber sie können auch mehrmals in einer relativ kurzen Zeitspanne auftreten. Sie passieren fast immer in extrem stressigen Situationen. Sie erzählte mir später, dass ihre dissoziativen Episoden immer dann auftreten, wenn ihr Gehirn dem Stress nicht mehr gewachsen ist. Es klinkt sich also quasi für einen kurzen Zeitpunkt aus, um ihr eine Pause zu gönnen.

Seit dem Beginn ihrer dissoziativen Phase waren etwa drei Stunden vergangen. Schließlich konnte ich wieder entfernte Züge ihrer Persönlichkeit erkennen. Sie erinnerte sich an einen Lieblingscharakter in einer Serie und ein breites Grinsen machte sich in ihrem Gesicht breit. Ein wenig später fragte ich sie, ob sie wüsste, wer ich bin. „Ich weiß, wer du bist", sagte sie. „Ich liebe dich." Diese Worte bedeuteten mir in diesem Moment unglaublich viel.

Als wir dann endlich ins Bett gingen, schlief sie—psychisch und physisch erschöpft—sofort ein. Als sie wieder aufwachte, konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, was vorgefallen war—und das wollte sie auch nicht. Ich lag noch eine ganze Weile wach und fragte mich, ob es etwas gibt, das unheimlicher und verstörender ist als der menschliche Verstand.

Ich bezweifle es.