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Reisen

Was ich bei meiner einjährigen Reise durch die Kommunen der Welt gelernt habe

Burning Man, Sieben Linden in Deutschland und Tamera in Portugal? Wo herrscht Polyamorie, wo gibt es Anmeldeformulare? Wo nimmt man LSD, wo zahlt man 100 Dollar pro Nacht?

von Rich Thornton
23 April 2015, 6:08am

Morgenmeditation im Steinkreis des Ökodorfs Tamera, Portugal.

Als ich mich aufmachte, ein Jahr lang die Kommunen der Welt zu bereisen, machte ich mich auch anarchisches, besitzloses Wandern gefasst. Ich wollte meine Air Max verbrennen, mein Facebook-Profil löschen und der Hygiene den Rücken zukehren. Ich stellte mir vor, wie ich um ein Druidenfeuer tanze und dabei Elchblut aus einer Holztasse schlürfe. Stattdessen fand ich ein bürokratisches Internet-Labyrinth von Kreditkartenzahlungen, Anmeldeformularen und Erwachsenen mittleren Alters, die sich vergewissern, dass auch alle bei 30 Grad waschen.

Kommunen sind erwachsen geworden. Vorbei sind die Zeiten, als es möglich war, im Auto deiner Eltern abzuhauen, es zu verkaufen und das Geld irgendeinem Sektenführer zu geben, der dich dafür zu einer Willkommensorgie im Ziegenstall einlädt. Heute bitten Kommunen Besucher geduldig darum, nur an den „Willkommens-Wochenenden" vorbeizuschauen und nach 22 Uhr keinen Lärm mehr zu machen.

VIDEO: Es gibt nur einen Grund für eine Reise nach Sibirien: Wissarion und seine bizarre Sekte, die „Kirche des letzten Testaments".

In Wahrheit sind echte Kommunen fast ausgestorben. Eine Kommune ist nur eine Kommune, so lange alle Bewohner all ihre Besitztümer teilen. Um zu verstehen, wie Kommunen heutzutage funktionieren, müssen wir sie erst einmal richtig benennen: Gesinnungsgemeinschaften.

In Gesinnungsgemeinschaften kommen Menschen zusammen, um sich in ihrem Lebensstil einer bestimmten Sache zu widmen. Diese Sache könnte die evolutionäre Überwindung von Fingernägeln sein, um einem eigenwilligen Schönheitsideal zu entsprechen, doch meist handelt es sich um weitaus weniger irrationale und sektenmäßige Absichten, wie Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit oder eine komplett vegane Ernährung.

Anders als in Kommunen werden in Gesinnungsgemeinschaften auch die Werkzeuge der privatisierten Welt eingesetzt, um das Ziel des nachhaltigen Lebensstils zu verwirklichen. Doch manchmal wird der Umgang mit der Macht dieser wirtschaftlichen Mittel zu viel und die Gemeinschaft zerstört ihre eigenen Werte.

Sonnenuntergang über dem Pool des Esalen Institute, Kalifornien, USA

Das Esalen Institute im kalifornischen Big Sur ist das Bilderbuchbeispiel für die Verwandlung von sozialistischen Jugendlichen in konservative Erwachsene mittleren Alters. Es begann 1962 als ein radikaler, alternativer Rückzugsort, wo Denker von Aldous Huxley bis Fritz Perls mit verhaltenspsychologischen Theorien und menschlicher Kommunikation experimentierten. Inzwischen ist es ein Fünf-Sterne-Spa für Urlauber, die 100 Dollar pro Übernachtung in einem Mehrbettzimmer berappen, und man kann es nur besuchen, wenn man sich für einen teuren Meditations- und Heilungskurs anmeldet.

Esalen entdeckten, dass sie etwas Verkäufliches erschaffen hatten und es viel einfacher sein würde, „alternativ zu leben", wenn sie nur den Reichen erlaubten, bei ihrem Spielchen mitzuspielen.

Grow Heathrow, ein politisches Besetzerprojekt in einem verlassenen Gewächshauskomplex in der Nähe des Londoner Flughafens Heathrow, verfolgt in seiner Organisation das andere Extrem. Umweltschützer nahmen das Land 2010 in Beschlag, um den Bau eines dritten Rollfelds zu verhindern, und seitdem ist die Gemeinschaft wahrhaft anarchisch: Es gibt keine feste Aufgabenverteilung, keine Kochpläne und keine formellen Anmeldevorschriften.

Klingt super, bis man sieht, wie dieser Mangel an Regierung es den Starken erlaubt, die Schwachen auszunutzen, und wie mangels eines positiven Daseinszwecks (die Haltung gegenüber dem Flughafen ist eine negative) mikropolitische Konflikte aufflammen. Die charismatischsten Mitglieder der Gemeinschaft verwenden den Raum als Spielplatz für ihre Projekte; sie entwerfen geodätische Öko-Kuppeln oder DJ-Pult-Fahrräder, während die Bewohner mit weniger Selbstvertrauen und Unternehmergeist aufpassen, dass alle genug Feuerholz haben und nicht von Ratten angenagt werden. Die Tonangeber empfinden wenig Loyalität für die Gemeinschaft, weil sie wissen, dass sie früher oder später aus dem Gewächshaus fliegen werden. Die Holzhacker und Rattenfänger sind die Bewohner, die sich wünschen, dass Grow Heathrow ihr Zuhause und ihre Familie wird und die deswegen bereit sind, die Drecksarbeit zu erledigen. Niemand will irgendwen ausnutzen, doch ohne ein kollektives Ziel für die Zukunft kann die Gemeinschaft die Arbeitslast nicht fair verteilen und die „Arbeiterklasse" wird verbittert und entfremdet.

Andere Gemeinschaften haben mehr Erfolg dabei, den Gleichheitsgedanken mit Umweltschutz zu verbinden, und haben dafür etwas Flair, Mystik und Offenheit eingebüßt, die jüngere Interessenten anlocken könnten.

Sieben Linden ist ein Ökodorf in Sachsen-Anhalt, in dem 100 Erwachsene und 40 Kinder leben, doch es gibt kaum Erwachsene unter 30. Sie leben in hübschen Häusern und verbrauchen nur 33 Prozent des Stroms, den ein deutscher Durchschnittsbürger verbraucht. Sie ändern die Welt, doch es sieht nicht gerade nach jugendlicher Rebellion aus.

Als sie noch am Anfang standen, malten sich alle ihr perfektes zukünftiges Haus aus: Türmchen, Rutschen, Balkons, Kuppeln—ihre Kreativität kannte keine Grenzen. Doch als die Öko-Freunde lernten, dass die nachhaltigste Bauweise für ein Strohballenhaus nun einmal „rechteckig, zweistöckig und mit Solarzellen bedeckt" ist, opferten sie ihre romantischen Entwürfe ihrem höheren Ziel. Inzwischen vertreten sie die einheitliche Ästhetik der Sowjetzeit und eine zufriedene Askese, die über Kunst um der Kunst willen die Nase rümpft.

Ein lauschiger „Liebesraum" im Ökodorf Tamera in Portugal

Tamera ist die heißere, ungestüme Schwester von Sieben Linden. Das Dorf wurde Mitte der 1990er von einem Haufen Deutscher in den Hügeln Südportugals gegründet und nennt sich „Zentrum für konkrete Utopie". Ähnlich wie viele andere progressive Wohnexperimente glauben auch die Bewohner von Tamera, dass die Utopie es erfordert, Ängste und Wünsche offen mitzuteilen. Sie haben auch ein paar verrücktere Regeln: Es wird mit Tieren gesprochen, um sie vom Plündern der Beete und Felder abzuhalten, es gibt einen Steinkreis zur Kommunikation mit Palästinensern und Polygamie gilt als die beste Eifersuchtsprävention.

Doch es sind nicht diese Eigenheiten, die den utopischen Traum platzen lassen, sondern es ist ihre ironische Weigerung, ihr eigenes System zu hinterfragen. Ich besuchte das Dorf zusammen mit 200 anderen interessierten Neulingen im Rahmen eines 12-tägigen Kennenlernkurses. Am letzten Abend durften wir kreativ zum Ausdruck bringen, welchen Eindruck die Gemeinschaft auf uns gemacht hatte. Eine Gruppe tapferer Laiendarsteller stellte ein satirisches Theaterstück auf die Beine, in dem sie die deutsche Strenge des „Camps", die Umständlichkeit der Regeln für ein Stelldichein in einem „Liebesraum" und die allgemeine Selbstgefälligkeit des Ökodorfs auf die Schippe nahm. Der scherzhafte Spott traf einen Nerv. Anstatt sich mit der ehrlichen Kritik auseinanderzusetzen, wiesen die Tameraner die Satire als anstößig und respektlos zurück. Die Gemeinschaft—die ansonsten die Bedeutung tiefgründiger und intelligenter Kommunikation predigt—ließ zu, dass Stolz und Selbstgerechtigkeit ihr die Sicht auf die Lektion der Geschichte versperrte. Für Sommer 2015 ist kein Kennenlernkurs geplant.

Tameras Selbstschutz mag sie davon abhalten, neue Verbündete anzulocken, doch die Komplettaufgabe aller radikalen Überzeugungen scheint ein noch direkterer Pfad ins Chaos. Sunburst Sanctuary in Südkalifornien ist der (gerade noch) lebende Beweis.

Los Angeles, 1986. 300 Freigeister folgten dem Krya-Meditationsguru Norman Paulsen ins Fußgebirge der Santa Ynez Mountains bei Santa Barbara. Sie hielten Schafe, flochten Körbe und lebten im Zölibat. Zehn Jahre später hatten sie Kinder bekommen, Häuser gekauft und Unternehmen gegründet. Heute sind sie eine 20-köpfige Gemeinschaft aus netten Leuten in den Sechzigern, deren erwachsenen Kinder—schon lange der Meditation überdrüssig—sich der modernen Welt angeschlossen haben. Ohne Erben und neue Anhänger hat die Gemeinschaft niemanden, der sich um das Meditationszentrum oder die gemeinschaftliche Farm kümmern könnte. Indem sie ihre eifrige Entsagung mit den Annehmlichkeiten des modernen Lebens verwässerten, haben sie sich selbst einer inspirierenden Ideologie beraubt, die junge Andersdenkende anlocken könnte.

Doch wenn junges Blut gebraucht wird, um die Gemeinschaft am Leben zu halten, welcher Ort würde sich dann besser für die Suche eignen als eine Stadt? Lois Arkin gründete Los Angeles Eco-Village 1993 und ist seitdem das Oberhaupt des urbanen Wohngemeinschaftsprojekts. Die Absichten sind dieselben wie in vielen anderen Ökodörfern: Fahrrad statt Auto, Grauwasser wiederverwenden, Solarzellen einsetzen, mindestens einmal wöchentlich gemeinsam essen. Der Unterschied ist, dass die Bewohner einem normalen Beruf wie Anwalt, Elektriker oder Journalist nachgehen können, weil sie nicht draußen in der Wildnis festsitzen. Das Los Angeles Eco-Village ist ein absolut vernünftiger Weg, mit den Kosten und der Einsamkeit des Stadtlebens klarzukommen, und stellt ein klasse Beispiel für eine nachhaltige Lebensweise dar. Für den radikalen Romantiker in mir ist es nur ein wenig zu nah am normalen Leben.

Sonnenaufgang über dem Burning Man Festival, Nevada, USA

Ironischerweise ist der eindrucksvollste Ort, den ich im Rahmen meiner Kommunen-Tour besucht habe, keine richtige Kommune. Das Burning Man ist ein Kunst- und Musikfestival, von dem du bestimmt gehört hast. Eine grobe Zusammenfassung, falls nicht: Tausende Menschen kommen in der Wüste von Nevada zusammen, Geld ist verboten und Teilen ist angesagt. Die Leute sind außergewöhnlich freundlich, außergewöhnlich betrunken und haben so viel Zeit in ihre Partyvorbereitungen investiert, dass man sie zum Teilen kaum auffordern muss.

Wenn 60.000 Menschen in eine Wüste gehen und dort für nur eine Woche reich und arbeitslos sind, dann ist Verrücktheit vorprogrammiert. Dumm nur, dass es bei der Entwicklung eines nachhaltigen Plans für neue menschliche Lebensweisen und einen besseren Umgang mit der Erde Geduld, Disziplin und Nüchternheit braucht.

Ein von Hand errichteter Lehmwellerbau in der Gemeinschaft Emerald Earth in Kalifornien, USA

Emerald Earth, eine winzige, von Riesenmammutbäumen überschattete Gemeinschaft in Nordkalifornien, hat fast so viele Anforderungen an ihre neuen Mitglieder wie die Illuminati. Eines der vier permanenten Mitglieder (zwei weitere befinden sich gerade in der einjährigen Probezeit) gab mir eine Checkliste der Eigenschaften, die neue Rekruten vorweisen sollten: hat bereits in der Natur gelebt; hat ein unternehmerisches Projekt, das auf dem gemeinschaftlichen Land Einkommen generiert; hat Erfahrung mit körperlicher Arbeit; hat bereits in einer anderen Gesinnungsgemeinschaft gelebt; besitzt gute E-Mail-Manieren und Verwaltungsfähigkeiten. Das mag paranoid, elitär und geschäftsorientiert wirken, doch es ist eine einfache Methode, um sicherzustellen, dass die Gemeinschaft stark genug bleibt, um sich selbst zu erhalten.

Das habe ich bei meiner Reise durch die alternativen Gemeinschaften gelernt: Sie sind keine Hippie-Spielplätze für Kinder, die ihre Eltern hassen. Sie sind die ernsthaften Bemühungen engagierter Aktivisten, die mit nachhaltigem Zusammenleben zwischen Menschen und zwischen Mensch und Erde experimentieren wollen. Und um das innerhalb unserer globalen kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu erreichen, mussten sie Bankkonten eröffnen.

Die praktischen Probleme des gesinnungsgemeinschaftlichen Lebens und die Rebellion, die man vielleicht von einer Kommune erwartet, stehen sich widersprüchlich gegenüber. Wenn du mehr daran interessiert bist, dich so zu fühlen, als würdest du die Regeln brechen, als auf tatsächliche Veränderung hinzuarbeiten, geh auf ein Festival, nimm Acid, zieh dich aus und klettere auf eine neun Meter hohen Fuchs. Wie dieser Typ hier.

Alle Kommunen, die ich besucht habe, wurden von nachdenklichen, intelligenten und sensiblen Menschen mit einem klaren Ziel gegründet und geführt. Das bedeutet nicht, dass sie unbedingt besonders gastfreundlich, bescheiden, aufwieglerisch oder glücklich sind. Sie sind keine Entertainer und sie sind auch nicht so wild. Sie sind normale Menschen, die ein bisschen anders leben als der Rest von uns. Sie versuchen, angesichts einer zunehmend mechanisierten Welt bewusster und einfacher zu leben.