Ich habe an einer ‚Sex and the City’-Stadtrundfahrt durch Bizarro-New York teilgenommen

Warum will überhaupt jemand eine ‚Sex and the City'-Stadtrundfahrt machen?

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Okt. 5 2015, 4:00am

Nicht die Tourführerin aus dieser ‚Sex and the City'-Stadtrundfahrt, sondern aus dem Jahr 2005. Wir wissen nicht, wie es damals war. Foto: Imago | Marc Schüler

Sex and the City—die vielgehasste und heiß geliebte HBO-Serie über Frauen, Fashion, Orgasmen, Dating und New York City (nicht unbedingt in der Reihenfolge) läuft nun schon seit mittlerweile elf Jahren nicht mehr. Wäre Carrie Bradshaw eine real existierende Person, wäre sie jetzt 48. Selbst seit dem zweiten Sex and the City-Film sind inzwischen fünf Jahre vergangen. Die Saga ist tot und damit auch die traumhafte Wunderwelt des End-90er Manhattans, in dem Menschen in Restaurants rauchen und sich mit etwa 500 geschriebenen Wörtern pro Woche Appartements leisten konnten, die groß genug sind, um gigantische Schuhsammlungen zu beherbergen.

Die Serie lebt aber dennoch weiter—irgendwie. Natürlich in unseren Herzen und Erinnerungen, aber auch als x-te Wiederholung im Fernsehen und in Form der Sex and the City Hotspots Tour, die dir nach eigenen Angaben einen Einblick in die trendige Nachbarschaft des Meatpacking Districts (auf der Veranstalterseite mit der bescheuerten Fantasie-Abkürzung MePa genannt) erlaubt. Die Tour ist derartig beliebt, dass ich, als ich vor Kurzem an einem Freitag versucht hatte, Tickets (für ungefähr 50 US-Dollar) zu kaufen, die zwei Fahrten am darauffolgenden Sonntag um 11:00 Uhr, eine davon auf Deutsch, bereits komplett ausverkauft waren.

Warum wollen gerade Deutsche unbedingt eine Sex and the City-Stadtrundfahrt machen? Warum will überhaupt jemand eine Sex and the City-Stadtrundfahrt machen? Warum will ich eigentlich eine Sex and the City-Stadtrundfahrt machen? Die knappe Antwort darauf lautet, dass ich, seit ich zurück nach New York gezogen bin, auffallend wenige Freundinnen habe. Als ich die Stadt verließ, war ich 22 und wohnte mit meiner besten Freundin zusammen, mit der ich lauter bescheuertes Zeug anstellen konnte. Als ich mit 25 wieder in die Stadt zurückkehrte, zogen wir zwar wieder zusammen, nur war dieses Mal auch ihr Freund dabei. Unsere Lebensentwürfe hatten sich in der Zwischenzeit derartig verändert, dass ich mich in erster Linie wie ein Störfaktor ihrer neugefundenen Häuslichkeit vorkam. Ich vertrieb mir dann die Zeit damit, mit einer Gruppe von Freunden abzuhängen, die allerdings fast ausschließlich aus männlichen Männern bestand.

Für eine gewisse Zeit waren die einzigen Interaktionen, die ich außerhalb von Sportbars hatte, mich mit meiner Freundin zum Abendessen über Sex and the City lustig zu machen. Aus den Abenden, an denen wir die Serie ironisch zu zweit schauten, entwickelten sich aber mit der Zeit Abende, an denen ich die Serie relativ ernsthaft alleine schaute. Ich konnte gar nicht genau sagen, was mir an SATC eigentlich gefiel, aber vielleicht würden mir das ja meine Mitpilgerinnen auf der Tour erklären können. Im schlimmsten Fall, so sagte ich mir, werde ich immerhin von einer Menge Östrogen umgeben sein.

In dem 15:00-Uhr-Bus, für den ich dann ein Ticket bekommen hatte, wimmelte es, wie zu erwarten, von einer ganzen Reihe Frauen mittleren Alters—solche Menschen, die Dinge sagen wie: „Ich bin so eine Samantha"—aber auch nicht wenige College-Mädchen und sogar acht Männer (allesamt Ehegatten oder feste Freunde).

„Seid ihr auch im richtigen Bus, Gentlemen?", neckte sie unser kesser Tourguide. „Das hier ist nicht die Sopranos-Tour."

Das ist eben auch die Sache mit Sex and the City: Die Sendung ist einerseits unglaublich beliebt—ja, sogar ein kultureller Meilenstein für mehrere Frauengenerationen—, aber hat andererseits nicht unbedingt den Ruf einer guten Serie. Sie wird niemals in einem Atemzug mit den oftmals brutalen, männerzentrierten Prestige-Dramen wie The Sopranos, The Wire, Breaking Bad, Deadwood, Game of Thrones oder Mad Men genannt; nicht, dass die Serie versuchen würde, in eine ähnliche Richtung abzuzielen. SATC hat zwar seine Ecken und Kanten und dramatische Momente, aber droht gleichzeitig ständig zu einer Farce oder absolutem Schmalz oder einer fast unerträglichen Kombination von beidem zu verkommen. Außerdem ist die Serie auch nicht gerade gut gealtert. Es mangelt darin geradezu erschreckend an Diversität und das ständige Beharren auf abgedroschene Geschlechterklischees macht auch einen eher befremdlichen Eindruck. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie eine Serie heutzutage damit durchkommen würde, Menschen als „Transen" zu bezeichnen—wie Samantha das in der dritten Staffel immer wieder tut—oder mit Ausdrücken wie „Ghetto Gold", wie Carrie in einer Folge eine dicke Kette bezeichnet.

In dem Bus war es wie bei einem Junggesellinnenabschied, bei dem sich die Frauen nicht kannten, keinen Alkohol trinken durften und ständig ermahnt wurden, Spaß zu haben.

Und trotz dieser ganzen problematischen Aspekte verfiel ich Sex and the City wie Carrie der unausweichlichen, schwerkraftsgleichen Anziehung von Big. Zuzugeben, dass man die Sendung mag, geht nicht ohne ein gewisses Schamgefühl einher; sie ist einfach zu einfach gestrickt oder zu offensichtlich auf Frauen ausgerichtet. Wenn du sagst, dass du die Sopranos magst, wird dir keiner unterstellen, heimlich Mafiakiller anzuhimmeln, aber wenn du SATC magst, glauben alle, dass du auf Cosmos und überteuerte Schuhe stehst. So fühlt es sich jedenfalls an.

Es war jetzt nicht gerade so, als hätte irgendjemand auf der Tour ein Designerkleid getragen. Die fast ausschließlich in Jeans und Sweatshirt gekleideten Touristinnen hatten augenscheinlich eher wenig Interesse, tatsächlich in Manhattan zu leben, geschweige denn an den größtenteils unverfänglichen Sexkapaden von Carrie und der Gang teilzuhaben. In dem Bus war es wie bei einem Junggesellinnenabschied, bei dem sich die Frauen nicht kannten, keinen Alkohol trinken durften und ständig ermahnt wurden, Spaß zu haben.

Als der Bus dann in der Nähe des Columbus Circle in Downtown Manhattan losfuhr, zeigte unser Tourguide eine Szene auf den Flachbildschirmen, die von der Fahrzeugdecke hingen. Darin hat die erwiesene Nymphomanin und PR-Beraterin Samantha Jones offensichtlich gerade mit einem älteren Mann Sex gehabt. Als er ins Bad geht, wird ihr jedoch ganz anders.

Anscheinend soll die Szene die Stimmung im Bus etwas lockern. „Sprecht mir nach", forderte uns unser Tourguide auf. „Schlaffer Arsch. Schlaffer Arsch. Schlaffer Arsch." Wir alle machten bei dem Sprechchor mit und klangen dabei wie eine in gewisser Weise noch verstörendere Version der „Einer von uns"-Szene aus Freaks.

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Sobald wir kein Problem mehr damit hatten, über fiktionales Ficken zu sprechen, fuhr die Komikerin-slash-Tourguide damit fort, uns über den weiteren Ablauf zu informieren. Wie auf der Webseite versprochen, würden wir uns in den „MePa" begeben, „den Ort von Carries und Bigs Probeessen für die Hochzeit" und „die Bar von Steve und Aidan" besuchen.

In der Bar konnten wir dann alle mit einem Cosmo posieren—schließlich ist der Cocktail für SATC ungefähr so elementar wie Motorräder für Sons of Anarchy. „Ich weiß, dass euch Männern die Vorstellung eines pinken Drinks vielleicht nicht besonders ansprechen wird", bemerkte unsere Führerin mal wieder neckisch. „Aber behaltet einfach im Hinterkopf: Am Ende der ganzen Geschichte erwartet euch ein schönes, kaltes Bier. Lasst das euer Mantra sein: Bier, Bier, Bier."

Während dieses Tiefpunkts komödiantischen Schaffens konnte ich nicht anders, als mich zu fragen, was ich hier eigentlich verloren hatte. Ich trage ausschließlich Jeans, kann kaum meine Miete bezahlen und finde den Gedanken daran, wie Jungs und Mädchen sich küssen, eklig. Was ich damit eigentlich sagen will: Ich bin keine Carrie, keine Miranda, keine Samantha und keine Charlotte. Ich kann auch gar nicht viel gegen die ganze Kritik an der Serie sagen, die die SATC-Damen als eigentlich nichtssagend, besessen von Männern und nicht gerade nett zueinander beschreiben.

Ein Cosmo der Sex and the City-Tour 2012 (Das Bild stammt nicht von der Tour, an der die Autorin teilgenommen hat). Foto: Laura | Flickr | CC BY 2.0

So, wie es allerdings auf der Tour dargestellt wurde, ist Sex and the City vor allem eine großartige und lustige Serie über eine paar glamouröse Damen in New York City, der glamourösesten Stadt der ganzen Welt! Als wir uns dem West Village näherten, wurde uns gesagt, die Augen nach Promis aufzuhalten. Wir wurden darüber informiert, dass Suri Cruise regelmäßig einen Spielplatz besucht, an dem wir vorbeigefahren waren—und überhaupt war der Rest der Tour durchzogen von TMZ-Wissen wie zum Beispiel dem Lieblingsrestaurant von Richard Gere. So lange ich hier lebe, ist mir noch nie ein Celebrity über den Weg gelaufen, aber wie bestellt tauchte plötzlich ein A-Promi in der Form von Jesse Eisenberg auf, der finster dreinblickend und mit Apple-Kopfhörern in den Ohren an einer Straßenecke stand.

Und dann gab es noch die ganzen kleinen Umwege. Zuerst hielten wir bei einem Sexshop im West Village, wo wir die „tolle Gelegenheit" hatten, Rabbit-Vibratoren für etwa einen US-Dollar Rabatt zu kaufen. Aus unserem Bus schlug aber niemand bei dem Angebot zu—vielleicht war meinen Mitreisenden einfach nicht danach, Sexspielzeug vor lauter Fremden zu kaufen und mit in eine Bar zu schleppen. Dann sind wir zu dem Haus gefahren, dessen Fassade als Eingang zu Carries Wohnung verwendet worden war. Wir durften Fotos machen—aber nur von ganz weit weg, um die Leute, die darin wohnen, nicht zu belästigen. Die nächste Station war Michael Kors, wo wir 10 Prozent Rabatt bekommen hätten, wenn wir während unseres zehnminütigen Aufenthalts 300 Dollar ausgegeben hätten.

Das New York der Sex and the City Hotspots Tour ist das New York der Serie. In dieser Version von NYC ist die Lower East Side noch cool, die Außenbezirke noch verboten und der öffentliche Nahverkehr nur etwas für die Unterschicht. (In einer SATC-Folge erfordern es Carries finanzielle Umstände, dass sie den Bus nehmen muss, was als entwürdigendes Opfer dargestellt wird.)

„Wer von euch ist schon mal in der New Yorker U-Bahn gefahren?", fragte unsere Führerin, woraufhin ein paar Menschen ihre Hände heben. „Wer von euch würde niemals mit der U-Bahn fahren?" Aus den rhetorischen Fragen wurde schnell eine Warnung an die Männer im Bus, bloß auf ihre Geldbörsen zu achten, sollten sie es jemals wagen, in die gefährlichen Tunnel hinabzusteigen.

„Heutzutage ist es in Manhattan nicht ungewöhnlich 20, 25 oder sogar 30 US-Dollar für einen Cocktail zu bezahlen", sagte unser Guide—und hatte damit die grenze zum dreisten Lügen überschritten.

Die maßlosen Übertreibungen über die RIESIGE, GEFÄHRLICHE und TEURE Stadt gingen auch weiter, als wir uns Onieal's näherten, einer Bar in Little Italy, die das Set für Steves und Aidans Laden in der Serie gewesen war. „Inzwischen ist es in Manhattan nicht ungewöhnlich 20, 25 oder sogar 30 US-Dollar für einen Cocktail zu bezahlen", sagte unsere Guide—und hatte damit die grenze zum dreisten Lügen überschritten. „Wir haben es aber geschafft, mit den Leuten von Onieal's ein Sonderangebot für euch auszuhandeln, damit ihr dort einen Cosmo für nur 10 US-Dollar bekommt."

Abgesehen von der Propaganda—ich bekomme übrigens für 2,50 US-Dollar ganz passable Drinks in meiner Nachbarschaft, danke—bot mir der Stopp im Onieal's endlich die Gelegenheit etwas zu tun, was ich schon die ganze Zeit machen wollte. Das hier war endlich die Gelegenheit, mit den anderen Menschen zu sprechen und herauszufinden, warum sie hier waren und was sie aus dieser Tour für sich zogen.

Während ich vorsichtig an meinem überteuerten Cosmo nippte, lernte ich Sebastian und Alex kennen—ein frischverheiratetes Paar aus Frankreich, das mittlerweile in Australien lebt, aber für seine Flitterwochen den weiten Weg nach New York auf sich genommen hatte. Es gab auch eine Gruppe College-Studentinnen aus Alaska, von denen eine behauptete, ihre Lieblingsfigur aus der Serie sei „Melinda". Dann war da noch dieses unglaublich entspannte Pärchen aus Philadelphia, Gene und Jeannine, die einfach derartige Stadtrundfahrten liebten, für die sie auch regelmäßig durchs ganze Land fuhren. „Es ist einfach eine tolle Art, um eine Stadt kennenzulernen", verriet mir Jeannine.

Und warum mochten diese ganzen Menschen eigentlich Sex and the City? Niemand konnte mir die Frage wirklich beantworten. Alles, was ich bekam, war ein Schulterzucken und Aussagen wie „Es ist lustig" oder „Ich weiß nicht, es ist einfach gut!". SATC ist eine Serie, die eher Fans als Fanatiker hervorbringt. Sie ist als leichte Kost ausgelegt, hat immer eine Prise Kitsch in der Hinterhand und schafft es, aus ziemlich offensichtlichen Beziehungstipps ganze Episoden zu machen. Es gibt darin wenig, was der Vorstellung des Zuschauers überlassen wird, kaum literarische Anspielungen und die Gewalt ist, wenn überhaupt, mehr emotionaler als physischer Natur—kurz gesagt: die Serie unterscheidet sich stark von den hochgelobten Serien von heute. Bei dem ganzen Gerede darüber, inwiefern Serien „die neuen Romane" oder was auch immer sind, ist es manchmal ganz schön, wieder in diese Zeit zurückzukehren, in der eine Serie einfach nur eine Ausrede dafür sein konnte, mit ein paar Freundinnen abzuhängen—etwas, das, nur mal so nebenbei, das Fernsehen bis heute nicht wirklich schafft, vernünftig darzustellen.

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Bei dem ganzen Oberflächenglanz von Sex and the City geht es im Kern aber eigentlich darum, wie schwer es für Frauen ist, die vermeintlich einfache Sicherheit einer gesunden Beziehung mit einem Partner zu finden, sich niederzulassen und die Art von auf guten Freundschaften basierendem Glück zu finden, die einem einen festen Anker gibt. Auf den ersten Blick mag es vielleicht ganz spaßig aussehen, eine sorgenfreies „MePa"-Leben zu leben, bei dem man 50 Dollar für einen Cocktail zahlt, 40.000 Dollar für Schuhe ausgibt und nie die U-Bahn nehmen muss, weil man ordentlich Geld damit verdient, über die sexuellen Eskapaden seiner Freundinnen zu schreiben. Aber Carries Welt ist wie ein New York City für Touristen: Ein netter Ort, wenn man dort mal für eine halbe Stunde vorbeischaut. Aber dort leben? Niemals!

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