Die Kritiker liegen falsch, was die ‚Human-Centipede'-Trilogie angeht

Diese Woche ist der letzte Teil der Trilogie mit seiner UK-Premiere auch in Europa angekommen. Ich werde ihn mir so bald wie möglich ansehen, und dafür habe ich auch gute Gründe.

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13 Juli 2015, 4:00am

Screenshot aus ‚The Human Centipede' (2009) via Wikimedia Commons

The Human Centipede III (Final Sequence) markiert das Ende einer Körperöff—ich meine, einer Ära. Als der erste Film aus Tom Six' Centipede-Reihe sich 2009 über unsere Leinwände und Schirme splatterte, handelte er sich schnell den Ruf als einer der lächerlich kranksten Filme dieses jungen Jahrhunderts ein. Es hat andere, noch üblere Werke gegeben (Lars von Triers Antichrist ist im selben Jahr erschienen), doch was die THC-Trilogie hervorstechen lässt, ist die Tatsache, dass sie in einer höheren Liga anzusiedeln ist als simpler, unnötig gewaltverherrlichender Müll. Meiner Meinung nach werden die Filme zu Unrecht schlechtgemacht und sollten als eine surrealistische, clever politisierte Fabel über Korruption, Exzess und Wahnsinn verstanden werden.

Die Story des ersten Films folgt einem verrückten Arzt, der TouristInnen kidnappt und chirurgisch miteinander verbindet, Arsch an Mund. Six' Hypothese und gesellschaftliche Diagnose—eine symbolisch in Fäkalien geschriebene These—ist verstörend trostlos: Die Message ist, dass Menschen von Geburt an vollständig und unbestreitbar böse sind. Es ist die Gutheit, die in unserem Universum die wahre Perversion darstellt.

Ausschnitt via sinsofcinema.org

Ich habe die Reihe das erste Mal gesehen, als sie etwa auf dem Höhepunkt ihrer kontroversen Bekanntheit war: als das Sequel in Großbritannien verboten wurde. The Human Centipede II (Full Sequence) (2011) brachte das British Board of Film Classification (BBFC), die Organisation, die Altersfreigaben für Filme und Videospiele vergibt, sowohl um den Verstand als auch um die schlüssige Argumentation. Sie warfen ihm vor „... eine entmenschlichte Sicht auf andere, Gleichgültigkeit gegenüber Opfern sowie Vergnügen an den Schmerzen und der Erniedrigung anderer" zu fördern. Allerdings machte das BBFC nach diesem Komplettverbot des Films eine totale Kehrtwende, als der Filmverleih Einspruch erhob.

Abgesehen von der Tatsache, dass das BBFC eine archaische und so gut wie nutzlose Institution ist, hat die ganze Aktion dem Film ohnehin nur die Art Werbung geboten, die man für Geld nicht kaufen kann, wie auch Six der Presse gegenüber anmerkte (ungeachtet einer Kürzung der Gesamtlaufzeit um 2 Minuten und 37 Sekunden). Das Gleiche gilt für all die schlechten Rezensionen, die von Kritikern rausgehauen wurden, die nie eine Gelegenheit verpassen, sich auf ihr hohes Ross zu schwingen und von dort abfällig auf das Horrorgenre herab zu blicken.

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Doch wie die besten Horrorfilme und Dramen, die moralische Grenzen überschreiten, sind die THC-Filme nicht an dummen Schreckmomenten interessiert, sondern wollen vielmehr der Gesellschaft die Maske der Höflichkeit abreißen, das Es von der Leine lassen, Widersprüche und Heucheleien offenbaren, das unaufhaltsame Verlangen nach irgendwie gearteter Macht oder Herrschaft über Andere hinterfragen und pornografische Konventionen zu düsteren Reflexionen unserer Unmenschlichkeit verwerten. Die Filme rufen körperliche Reaktionen hervor, sicher, aber eben auch intellektuelle. Von der Norm abweichende und von Außenseitern produzierte Kunst muss einen höheren Zweck zum Ausdruck bringen, wenn sie jemals eine andere Reaktion als pure Abscheu auslösen will. Sie muss jenseits des billigen aber hehren Ziels, das Publikum zum Kotzen zu bringen, bedeutungsvoll sein.

Ausschnitt via sinsofcinema.org

Vielen Leute käme gleich das Frühstück hoch, wenn sie sich auch nur vorstellen würden, sich lauter arme Gestalten anzusehen, deren Münder an die Arschlöcher Anderer genäht sind und die gezwungen sind, mehrfach verdaute Exkremente durch ihre sukzessiven Verdauungstrakte laufen zu lassen, während sie ein Bösewicht brutal misshandelt und quält. Doch weil Genrefilme oft als trashig oder oberflächlich abgetan werden, verurteilen Voreingenommene die Fans schnell als einen Haufen Gestörter, die sich an Elend und Gewalt aufgeilen, und verkünden, Horrorfilme zerre die Kunst vor die Hunde.

Die Wahrheit ist, dass diese Filme so wertvoll für uns sind wie jede andere Art von Kino. The Human Centipede —Der menschliche Tausendfüßler von 2009 ist der Teil mit der traditionellsten Struktur. Danach kann man mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass den Filmen der eigene Schocker-Ruf ein wenig zu Kopf gestiegen ist und sie sich in Filme verwandelt haben, die nur existieren, um der wohlerzogenen Gesellschaft Anstoß zu liefern. Aber sie sind immer noch seltene und würdige Hommagen an Pier Paolo Pasolinis Kultfilm Die 120 Tage von Sodom (1975).

Der zweite Film ist eine kühne Hommage an sich selbst: eine verspielte Visualisierung der Ängste der Gesellschaft, dass Kino Leute direkt inspirieren und beeinflussen könnte. In dem Film liebt der Security Martin Lomax (Laurence R. Harvey) den Film The Human Centipede —Der menschliche Tausendfüßler so sehr, dass er ihn in einer schmuddeligen Londoner Lagerhalle nachstellt und sich damit an allen rächt, die ihm in der Vergangenheit Unrecht getan haben. Sehr viele Leute würden mir zustimmen, wenn ich sage, dass der Film einen tieferen Eindruck hinterlässt als die meisten anderen Filme, die du je sehen wirst.

Der dritte Film spielt in den USA und bedient sich der rechtskonservativen politischen Rhetorik als Handlungselement. Die Handlung spielt sich hauptsächlich in einem Hochsicherheitsgefängnis ab, wo das Tausendfüßler-Format als Universallösung zur betrieblichen Kostenreduzierung und Unterbindung der Kämpfe zwischen Insassen eingesetzt wird. Six reißt alle Grenzen ein. So etwas wie „übertrieben", „zu viel" oder „nicht über die Stränge schlagen" gibt es hier nicht. Das hier ist komplett irre und nähert sich schon dem Rimbaudschen Prinzip der rationalen Entriegelung der Sinne.

Sogar in den Szenen, in denen THC III sich entschließt, schrecklich auszusehen, ist es auf künstlerische und gewollte Weise schlecht. Es ist auch ein Film, der die kritischen „Sterne-Bewertungen" auf spektakuläre Art entwertet. Gib ihm einen Stern, gib ihm fünf, Six interessiert sich dafür einen Scheiß. THC (2009) ist genau deswegen verstörend und verwirrend, weil er sich nicht wie so viel Low-Budget-Dreck, der direkt auf DVD erscheint, auf der Grundlage billiger Optik kritisieren lässt.

Er ist visuell elegant, was die Komposition der Einstellungen und die Kameraführung angeht, und das wird noch durch stilvolles Licht ergänzt. THC II sieht noch besser aus. Mit seiner hinreißenden Schwarzweiß-Kinematografie sieht der Film aus wie eine Kreuzung zwischen gewissen Fernsehwerbungen der späten 1990er und den Werken aus den frühen 2000ern des Nekromantik-Regisseurs Jörg Buttgereit. Der einzige Farbklecks im Film ist zu sehen, als fliegende Exkremente gegen eine Wand klatschen.

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Und man muss die Schauspieler dafür bewundern, dass sie solchen Einsatz zeigen und keine Scheu davor haben, vollkommen lächerlich auszusehen. Dieter Laser ist im späten Herbst seines Lebens noch zur Horrorikone geworden. Laser, ein bisher nur in Deutschland bekannter Bühnen- und Filmschauspieler, spielt die Bösewichte Dr. Josef Heiter und William Boss (den Letzteren in THC III) als gegensätzliche Pole und doch als gleichermaßen außergewöhnliche Figuren. Der abgebrühte deutsche Sadist Heiter „mag keine Menschen", wie er zwei unglücklichen Gefangenen anvertraut. Boss hingegen ist so durchgedreht und misanthropisch, dass er in einer denkwürdigen Szene seinen Kopf in einen Metalleimer steckt und schreit, so laut er kann: „I FUCKING HATE HUMAN BEINGS!"

Ausschnitt via sinsofcinema.org

Bei Heiter dreht sich alles um das klassische deutsche Kontroll-Klischee, während Boss mehr wie eine von Oliver Stone geschriebene Karikatur ist, nur noch verrückter und großspuriger als der launische Gefängnisdirektor, den Tommy Lee Jones in Natural Born Killers (1994) spielt—und auf dem, wie ich vermute, die Figur zum Teil basiert. Heiters Darbietung in THC III ist, als würde man dem Hauptdarsteller einer Amateurtheatergruppe zusehen, wie er besoffen König Lear spielt, ständig seine Zeilen vergisst und Beleidigungen schreit. Wie schon die verschwitzte visuelle Ästhetik ist Lasers Darstellung kunstvoll grauenhaft. Man muss sich anstrengen, um so schlecht zu sein, da bin ich mir sicher.

Letztendlich ist die The Human Centipede-Trilogie ein Meilenstein im Kino der Grenzüberschreitung, der dem Publikum einen mit Scheiße vollgeschmierten Spiegel vorhält, das Konzept der Qualität neu definiert und uns an eine wichtige, bittere Wahrheit erinnert: Als Spezies sind wir ein Haufen grausamer, gestörter Arschlöcher.