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Wer sind eigentlich die Menschen, die bei Aida sitzen?

"Ich mag Aida, ich steh dazu. Ein Freund von mir mag Udo Jürgens und das ist auch in Ordnung"

von Hanna Herbst
12 März 2017, 5:00am

Das Café sieht sogar von außen aus, als hätte es schon bessere Zeiten gesehen. Und vermutlich hat es das auch. Aida-Filialen haben dieses Flair von Kleinstadt-Kaffeehäusern, die nach und nach aussterben, wo aber bis dahin trotzdem noch alle Menschen jenseits der 65 zusammenkommen und sich an verschiedenen Tischen schweigend gegenüber sitzen, weil man sich nach 50 Jahren einfach nichts mehr zu sagen hat. 

Durch Schlagzeilen über sexistische Uniformen und eine Diskussion über das Demonstrationsverbot konnte man in den letzten Monaten vermehrt über Aida lesen. Bis dahin bestand Aida für viele wahrscheinlich einfach aus diesen halbleeren, punschkrapfenfarbenen Cafés, an denen man immer nur vorbeiging. Aber wer sitzt tatsächlich in diesen Cafés? Und essen alle darin wirklich Punschkrapfen?

Als ich um 9 Uhr das Kaffeehaus betrete, sind vier Tische besetzt. Drei davon von Menschen, die alleine hier sind und einfach nur lesen. Die Kellnerin sieht aus, als sei sie ohne zu altern seit den 60ern in dieser Filiale stationiert. Wenn sie von der Küche zur Theke zu den Tischen und wieder in die Küche eilt, springt ihr Pferdeschwanz bei jedem Schritt hin und her. 

Sie trägt ein weißes T-Shirt, einen weiten rosa Rock, Socken und ein Haarband in derselben Farbe: diesem ausgewaschenen Rosa, das wie gesagt die Farbe von Putschkrapfen hat und aussieht, als wäre es vor vielen Jahren einmal strahlend gewesen, aber es vermutlich nie war. Es ist nicht nur die Farbe der Röcke und Socken, sondern auch des Logos, das groß über dem Eingang prangt – und darüber hinaus auch der Dekoration im Schaufenster, der Karte, der Servietten, aller Plakate mit Angeboten an der Wand, der Tassen, Salzpäckchen, Strohhalme und sogar der Fliesen.

"Profitieren Sie von einer seit mehr als 100 Jahren erfolgreichen Marke!"

An der Wand hängt ein rosa Banner mit der Aufforderung, eine "eigene Aida" zu eröffnen. "Profitieren Sie von einer seit mehr als 100 Jahren erfolgreichen Marke!", steht darauf zu lesen. Darunter Fotos von riesigen Filialen mit strahlenden Logos, wunderschönen Möbeln, wenig Rosa, dafür viel von dem, was hier nicht zu sehen ist: strahlendes Weiß, Stuck, junge Menschen. Auf einem anderen Banner wird für "Gesundheitskrapfen" geworben. Ja, Gesundheitskrapfen.

Der Kaffee ist nicht gut; aber das ist er in fast keinem der traditionellen Wiener Kaffeehäuser. Hinter dem unübersichtlichen Zauber aus Beschreibungen, die kaum jemand versteht, steckt meistens auch nur Kaffee, der nicht besser schmeckt als in anderen Städten, in denen Kaffee einfach Kaffee und nicht Melange oder Einspänner heißt. Das ist auch OK – schließlich macht das die Wiener Kaffeehäuser ja zu dem, was sie sind. 

In der Karte ist ein wenig Aida-Geschichte zusammengefasst. 1948 bekam die Filiale in der Wollzeile zur Wiedereröffnung Österreichs erste Espresso-Maschine. Auf der zweiten Seite werden auf Englisch die verschiedenen Kaffees erklärt:

Espresso: Espresso. Double Espresso: Espresso, Espresso. Small Brauner: Espresso, fluid cream, whipped cream. Large Brauner: Espresso, Espresso, Fluid cream, whipped cream. usw.  

Ich bestelle ein Wiener Frühstück für 4,90 Euro. Es gab einmal drei Seiten voller Frühstücke, aber die Seiten sind zusammengeklebt, sodass man nur noch drei sieht. Eines davon ist durchgestrichen. Übrig geblieben sind wenig überraschend das Aida- und Wienerfrühstück. Sie kosten 4,20 Euro und 4,90 Euro. Langsam wird das Café voll.

Neben mich setzt sich ein Herr, bestellt Krapfen und Kaffee. Er kommt hierher, weil es nicht zu laut ist, sagt er. Und weil es hier keine Ausländer gibt. Denn dort, wo Touristen und Ausländer seien (hier wird ein Unterschied gemacht), sei es immer viel zu laut. Die Wiener, die seien nicht laut im Kaffeehaus. Und Menschen mit den gleichen Bedürfnissen möchten schließlich mit Gleichgesinnten zusammen und unter sich sein. Die Jungen unter den Jungen, die Alten unter den Alten, die Wiener unter den Wienern. Dreimal die Woche komme er nach dem Mittagessen her, esse etwas Süßes, trinke einen Kaffee und lese eine Zeitung. Er schlägt die Kronen Zeitung auf.

Sie sind aber keine Wienerin, sagt er nach 10 Minuten. Nein, erst mit 19 nach Wien gekommen, erkläre ich. Er auch. 1962 war das. Damals konnte man noch nicht fortgehen, erzählt er. Und heute gebe es an jeder Ecke ein Lokal. Vor 30 Jahren, da sei es dann schlechter geworden. Wegen "denen mit einem niedrigen Niveau". Spazieren gehe er nur im 1. Bezirk, erklärt er. Da gebe es nicht so viele Ausländer. Später kommt ein junges Ehepaar. Sie sind Touristen, die Frau trägt ein Kopftuch und ich frage mich, was der Mann neben mir wohl gerade denkt. Ich möchte ihn nicht fragen, in der Angst, sie könnten seine Antwort hören und sei es nur ein Blick oder der Ton. Ich frage mich gleichzeitig, welches Bild man von Österreich bekommt, wenn man in einer Aida-Filiale sitzt. Sie sitzen schweigend nebeneinander und beobachten die Menschen, wirken glücklich. Der Mann trinkt zwei Schlücke seines Kamillentees, dann stehen sie auf, bedanken sich und gehen. 

Aida ist irgendetwas zwischen traditionellem Wiener Kaffeehaus und McCafé.

Ein paar in seinen 70ern liest gegenüber von mir Zeitung. Sie hat ihre Lippen rot geschminkt, trägt einen braunen Hut und einen braunen Poncho, der Mann ein braunes Jackett. Sie haben sich schön gemacht und sehen aus wie Menschen, die nicht verstehen, wie leger sich die Jugend heutzutage anzieht – und als hätten sie sich das auch schon vor 50 Jahren gedacht. In den Deckenlichtern über ihnen liegen hunderte tote Fliegen.

Nur wenige Besucher bleiben länger als eine halbe Stunde. Der Großteil kommt, trinkt einen Kaffee, isst einen Kuchen, legt das Geld schon auf den Tisch, bevor die Bestellung überhaupt ankommt und geht wieder. Das Café ist irgendetwas zwischen traditionellem Wiener Kaffeehaus und McCafé. Ich wechsle den Tisch und weil ich jetzt näher an der im Nachbargebäude gelegenen Bank bin, habe ich kurz WLAN.

Pakiza sitzt hier. Die Kurdin ist schon seit Jahrzehnten in Österreich. "Da waren Sie noch gar nicht geboren", sagt sie. Nicht einmal 10 Minuten bleibt sie. Nach dem Turnen und vor anderen Terminen kommt sie manchmal her, isst eine Topfengolatsche und trinkt einen Kaffee. Obwohl sie es gar nicht so gerne tut, erzählt sie. Die Tische würden immer kleiner und immer näher zusammenrücken. Überall würde alles immer enger. Sie versteht überhaupt nicht, was ich hier mache.

Um 11 ist plötzlich niemand mehr hier. Die Kellnerinnen räumen auf, als wäre Feierabend, wischen die Tische, stellen Karten wieder auf, nur um nach dem nächsten Gast wieder dasselbe zu tun. Eine Stunde später sind wieder alle Tische besetzt. Das einzige Geräusch ist das Klappern von Gabeln auf Tellern. Es ist diese bedrückende Stille, in der niemand beginnen möchte, zu sprechen. Als eine Dame zahlen will, winkt sie nur der Kellnerin und spricht kein Wort. 

Um viertel nach 12 werden die ersten weißen Spritzer bestellt. Zu meiner Überraschung kommt eine Frau mit Kind herein. Der kleine Junge läuft zu den anderen Tischen und sie ruft ihn zurück. Er heißt Mozart. Vielleicht ist es auch nur sein Spitzname – zumindest ruft seine Mutter ihn so und ich weiß nicht, was davon merkwürdiger wäre. 

Ein Mann breitet seine Röntgenbilder auf seinem Tisch aus, der viel zu klein ist, um irgendetwas darauf auszubreiten. Es fällt ihm schwer, zu gehen. Wenn Handys klingeln, klingeln sie in einer unerträglichen Lautstärke – in polyphonen Tönen, die man aus den frühen 00er-Jahren kennt. Sie klingeln ewig, bis schreiend jemand abhebt und immer nach demselben Muster: 

Mit einem markerschütternden "Hallo", "Grias di" oder "Servus" begrüßen sie den Anrufer, stets gefolgt von einem Namen. "Servas Hans!" Die Telefonate dauern nie länger als 15 Sekunden. Ohne zwei oder drei Floskeln der Verabschiedung wird nicht aufgelegt. "Pfiat di, baba, ja, ja … dir auch, ja, passt. Pfiat di, servus."

Um halb 1 kommt eine neue Kellnerin. Sie könnte tatsächlich aus den 60ern sein; bevor sie sich die Aida-Kluft übergeworfen hat, war sie auch dementsprechend gekleidet. Das weiße Oberteil und der mädchenhafte rosa Rock wirken wie eine Verkleidung. Sie geht ganz anders mit den Kunden um, sagt laut "ja freilich", wenn jemand etwas bestellt, lacht, kennt die Menschen, sagt: "wie immer" oder "wie beim letzten Mal", bringt dann Kaffee und Kuchen, lacht über unlustige Witze von Kunden und macht selbst welche. Frau Vera steht auf ihrem Namensschild. So wird sie auch von ihrer Kollegin angesprochen. Die T-Shirts, mit denen Aida vergangenes Jahr ziemlich danebengegriffen hatte, hat hier niemand an.

Irgendwann am Nachmittag kommt ein Paar, das viel spricht und lacht. Es tut gut, glückliche Stimmen zu hören.

Ein Mann setzt sich an den Tisch neben mich, er ist Lehrer und hat schon einmal über Aida geschrieben. In der Geschichte besucht der US-amerikanische Präsident eines der Kaffeehäuser, im Arm eine wunderschöne Frau. Eine der Kellnerinnen fällt in Ohnmacht und als der Präsident geht, übergibt er den drei Kellnerinnen eine Einladung ins Weiße Haus. 

"Während das elegante amerikanische Ehepaar die österreichische Spezialität genießt, schätzt es auch das einfache, aber durchaus originelle Ambiente des kleinen, populären Cafés mit den roten Kunstledersitzen, den holzgetäfelten Wänden und den vielen Spiegeln", schreibt er in seinem Text, den er mir abends per Mail schickt. Die Liebe des eleganten amerikanischen Ehepaars zur Einrichtung ist eigentlich die seine. "Ich steh dazu", sagt er. Ein Freund von ihm würde Udo Jürgens mögen – und das sei ja auch in Ordnung.

Früher sei Aida sehr bekannt gewesen, erklärt er mir; wegen des Kaffees mit Schlagobers drauf. Das hat man mit Aida verbunden. Außerdem sei es eine der wenigen Konditoreien mit warmen Mehlspeisen gewesen. Jetzt sei die Konkurrenz sehr groß, erklärt die jüngere der beiden Kellnerinnen, die seit 22 Jahren hier arbeitet.

Aida-Filialen wirken immer, als würden sie in ein paar Tagen schließen. Doch Juniorchef Dominik Prousek plant weitere Filialen. Im Juli soll Aida nach Katar kommen. Auch in Kasachstan und den Vereinigten Arabischen Emiraten möchte die Wiener Konditorei (vielleicht nicht unbedingt Punsch-)Krapfen verkaufen. Und in Österreich sollen auch außerhalb Wiens Filialen öffnen. Wie das möglich sein kann, ist ein bisschen schwer nachzuvollziehen. Aber vielleicht ist in einer alternden Gesellschaft Aida tatsächlich die Zukunft.

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