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gesellschaft

Warum Empathie schlecht ist

Ein Professor behauptet, Empathie verstärke Vorurteile, Cliquendenken und Gewalt. Außerdem soll sie mit an Donald Trumps Wahlsieg schuld sein.

von Shahirah Majumdar
02 Jänner 2017, 12:03pm

Die meisten Menschen preisen Empathie als eine Tugend. Sie gilt als Wurzel der Freundlichkeit, der Wohltätigkeit und als Weg, den Egoismus zu überwinden. Doch für den Psychologieprofessor Paul Bloom von der Yale University ist Empathie Auslöser vieler grausamer und unfairer Seiten des menschlichen Zusammenlebens. Er meint, wir müssen die Empathie überwinden, um bessere Entscheidungen zu treffen und mehr Menschenliebe und Gleichberechtigung in die Welt zu bringen. Das schreibt er in seinem neuen Buch Against Empathy: The Case for Rational Compassion.

In dem Buch kombiniert Bloom Alltagsanekdoten, wissenschaftliche Studien, historische Ereignisse und philosophische Anschauung, um zu demonstrieren, dass Empathie oder "empathische Neigung", wie er dazu sagt, Sexismus, Rassismus und Diskriminierung aller Art vorantreibt und häufig zu Gewalt und Krieg führt. Zu oft fungiere sie als eine zersetzende, sentimentale Gemütsdroge, die unser Moralverständnis verwirrt und uns zu schlechten Entscheidungen verleitet.

Wir haben Bloom angerufen, damit er seine kontroverse Haltung erklärt. Empathie ist für ihn "die Erfahrungen anderer zu fühlen und ihren Schmerz spüren". Damit unterscheidet er Empathie deutlich von Freundlichkeit, Mitgefühl oder der Fürsorge für andere. Diese sieht er als viel verlässlichere positive Eigenschaften, die nicht dieselben Schattenseiten mitbringen wie Empathie. Wenn Leute davon sprechen, dass wir mehr Empathie in der Welt brauchen — so wie Barack Obama es oft tut, oder zahllose TED-Talk-Redner —, dann vermischen sie oft diese verschiedenen Konzepte.

Doch Bloom sagt, Empathie-Predigern entgehen die negativen Folgen: "Wenn Sie hören, dass ein kleines Mädchen in einem Brunnen festsitzt, und sie konzentrieren all Ihre Energie darauf, das Mädchen zu retten, dann ignorieren Sie in dem Moment, dass es Hunderttausende Menschen geben könnte, denen es viel schlimmer geht und die ebenfalls Ihre Hilfe brauchen könnten, die allerdings nicht denselben Empathie-Effekt auslösen." Und Empathie kann sich oft mit bereits vorhandenen ethnischen oder rassistischen Vorurteilen und Neigungen vermischen. "Empathie ist wie ein Scheinwerferlicht. Es hebt Einzelne hervor", sagt Bloom. "Wenn ich selbst aussuche, wem ich helfe, sorge ich mich stärker um die Person, die aussieht wie ich."

Identitätspolitik, ob es nun um Geschlecht geht oder Ethnie, Hautfarbe, Kultur oder Weltanschauung, ist immer von empathischer Neigung beeinflusst. Wir spüren den Schmerz der Menschen in von uns auserwählten Gruppen und werden vorwurfsvoll gegenüber anderen, die nicht ebenso empfindsam für eben diesen Schmerz sind.

Dazu sagt Bloom: "Empathie findet deswegen so großen Zuspruch, weil es die Vorstellung gibt, dass alle dieselben politischen Ansichten hätten, wenn sie nur mehr Empathie besäßen. [Liberale] denken: 'Wenn doch nur Republikaner mehr Empathie hätten, dann wären sie meiner Meinung, zum Beispiel über Krankenversicherungen, Entwicklungshilfe oder Homosexuellenrechte.'"

Doch diese Denkweise ist für Bloom eine "Illusion": "Konservative und Liberale streiten sich so gut wie nie darüber, ob man Empathie haben sollte oder nicht. Sie streiten nur darüber, für wen man Empathie haben sollte." Demokraten haben Empathie für ihre Wählerschaft, die zu großen Teilen aus Minderheiten, Einwanderern und Studierenden besteht, während Donald Trump immer wieder effektiv Empathie für ältere Weiße geschürt hat, die sich vom gesellschaftlichen Wandel bedroht fühlen. "Auf beiden Seiten lässt sich mit Empathie argumentieren", sagt Bloom.

Bei der Präsidentschaftswahl in den USA hagelte es dieses Jahr Empathie-Argumente, und der Kandidat, der am schamlosesten damit um sich warf, hat am Ende gewonnen. "Man hört nicht oft den Namen Donald Trump in Kombination mit dem Wort 'Empathie'", sagt Bloom, "doch er war besonders gut darin, Empathie für gewisse Leute zu erwecken: Leute, die übergangen wurden, die vor der Gesellschaft erniedrigt wurden, die Verbrechen durch illegale Einwanderer zum Opfer fielen. Bei seinen Kampagnen-Events erzählte er diese bewegenden Geschichten über Menschen, die von Immigranten ermordet wurden, und es rührte die Zuhörer. Das wurde dann eingesetzt, um Stimmung dafür zu machen, Immigranten abzuschieben."

"Man kann ein anständiger, mitfühlender und freundlicher Mensch sein, und trotzdem dabei auch ruhig und vernunftgesteuert."

Bloom gesteht ein, dass empathische Argumente positive und moralische Handlungen nach sich ziehen können (wie Wohltätigkeit), doch er hält Vernunft, die von Mitgefühl geleitet wird, für ein besseres und verlässlicheres Werkzeug zur Entscheidungsfindung. "Wir können uns alle bewusst dazu entscheiden, uns nicht von einer einzelnen Geschichte beeinflussen zu lassen, die uns jemand gerade erzählt, sondern stattdessen durch Nachdenken die beste Vorgehensweise zu finden."

Statt Empathie brauchen wir "mehr Verständnis", sagt Bloom und nimmt wieder das Beispiel der Trump-Wähler. "Wenn du für Trump gestimmt hast, will ich nicht fühlen, was du fühlst. Doch weil wir im selben Land leben und vielleicht sogar Freunde sein könnten, wäre es sehr nützlich, wenn ich verstehen könnte, warum du ihn gewählt hast. Und dazu brauchen wir keinerlei Empathie-Magie. Ich könnte dich einfach fragen."

Bloom sieht Obama als ein Vorbild in der Überwindung der empathischen Neigung. "Er bringt echte, rationale Argumente. Er hat all die Fähigkeiten und Eigenschaften, die ein erfolgreicher Politiker braucht, und das sind nicht immer positive Dinge, doch ich halte ihn für eine außerordentlich anständige Person. Und in gewisser Weise illustriert er damit meine Aussage, dass man ein anständiger, mitfühlender und freundlicher Mensch sein kann und trotzdem dabei auch ruhig und vernunftgesteuert."

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