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Sex

Ich hatte Oralsex mit meinem Cousin

Nach Freud handelt es sich bei Inzest um einen natürlich vorkommenden Wunsch des Menschen.

von Marie Severin
03 Jänner 2017, 1:30pm

Titelfoto: imago | CHROMORANGE

Auf der Liste der Dinge, die sicher niemals in meinem Leben passieren würden, steht so einiges. Ganz vorne mit dabei: sexuelle Kontakte mit Familienmitgliedern. So etwas machen Kranke oder Perverse, aber ich doch nicht – das dachte ich zumindest so lange, bis sich eines Abends die Zunge meines Cousins zwischen meine Schenkel schob. Soviel vorab: Es war Alkohol im Spiel. Und: Wir haben kein enges Verhältnis zueinander. Gefühlt ist dieser Mann also eher ein entfernter Bekannter. Aber trotzdem: Ich hatte Oralsex mit meinem Cousin. Und es war gut.

Der Großteil meiner Familie wohnt im Ausland, wir besuchen sie nur selten. Da ich ausschließlich deutschsprachig erzogen worden bin und einige Jahre Altersunterschied zwischen mir und meinem ungewöhnlichen Sexualpartner liegen, hatten wir nie einen Draht zueinander. Das änderte sich schlagartig, als wir uns nach einigen Jahren wiedersahen, und ich die Pubertät hinter mich gebracht hatte. Die Entwicklung von der kleinen nervigen Cousine in die geschlechtsreife Mittzwanzigerin mit ansehnlichem Äußeren hatte allem Anschein nach seine Aufmerksamkeit erregt – und sein Geschlechtsteil.

Was uns da in dieser kalten Winternacht passiert ist, macht uns definitiv nicht zu Pionieren auf dem Gebiet: Eine damalige Freundin erzählte mir zu jener Zeit, schon einmal mit ihrem Großcousin geknutscht zu haben. Offenbar scheint der Austausch von Zärtlichkeiten eine effektive Lösung zu sein, eine langweilige Familienfeier spannender als jede WG-Party zu machen. Vielleicht steckt sogar noch mehr dahinter: zum Beispiel eine genetische Bestimmung.


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Der von der Amerikanerin Barbara Gonyo geprägte Begriff "genetic sexual attraction" besagt, dass sich Menschen zu ihren Familienmitgliedern hingezogen fühlen, wenn sie diese das erste Mal in ihrem Leben im Erwachsenenalter treffen. Barbara Gonyo selbst ist es so ergangen. Sie hat sich in ihren Sohn verliebt, den sie einst zur Adoption freigegeben hatte und später als erwachsenen Mann wiedertraf. Diese Art genetische Anziehungskraft ist, so glaubt sie, auch zwischen anderen Verwandten möglich: zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern und Halbgeschwistern und auch – wie bei mir und meinem blutsverwandten Sexpartner – zwischen Cousin und Cousine. Zwar haben wir uns, entgegen Gonyos Definition, nicht das erste Mal im Erwachsenenalter gesehen, aber durch die räumliche und sprachliche Distanz eben nie ein familiäres Verhältnis zueinander aufgebaut. Der Effekt ist, finde ich, also ähnlich.

Sex mit Verwandten ersten Grades ist in Österreich und Deutschland nach wie vor verboten.

Deutlich bekannter als der Begriff "genetic sexual attraction" ist der griechische Ödipus-Mythos: Ein junger Mann tötet zunächst seinen Vater und nimmt dann seine eigene, nun verwitwete Mutter zur Frau. Sigmund Freud leitete daraus den Begriff "Ödipus-Komplex" ab, der die frühkindliche emotionale Bindung an das gegengeschlechtliche Elternteil beschreibt. Jungs begehren demnach nach der Entdeckung des Geschlechtsunterschiedes ihre Mutter und rivalisieren mit dem Vater um ihre Gunst. Nach Freud handelt es sich bei Inzest um einen natürlich vorkommenden Wunsch des Menschen, ähnlich wie bei Barbara Gonyo, die von einem Attraktivitätsempfinden spricht, das genetisch bedingt ist.

Zugegebenermaßen hatte ich dennoch nicht das Gefühl, einem genetischen Zwang zu unterliegen, als ich mich auf Oralsex mit meinem Cousin einließ. Für mich war es vielmehr der bloße sexuelle Reiz, der situationsgebunden entstanden ist, völlig losgelöst von einer familiären Verbindung oder Anziehungskraft. Dass es irgendwie auch eine Form von Inzest ist, auf die ich mich da gerade einlasse, habe ich nicht bedacht. Das komische Gefühl, etwas eventuell Verwerfliches getan zu haben, kam erst später.

Neben genetischen Reizen spielen bei familiären sexuellen Kontakten nämlich sicher auch weitere Komponenten eine Rolle, zum Beispiel die Moral. Und auch die rechtliche Grundlage ist nicht außer Acht zu lassen, zumindest für den Fall, dass man Sex mit Verwandten ersten Grades hat. Das ist in Österreich und Deutschland nämlich nach wie vor verboten. Der deutsche Ethikrat kämpft aber dagegen an. Im September 2014 hat er ein Statement zum Thema Inzest abgegeben, in welchem er dafür plädiert, die Moral vom Strafrecht loszulösen.

Die Mehrheit des Rats sieht das Strafrecht nicht als geeignetes Mittel an, ein gesellschaftliches Tabu zu schützen. "Der Schutz des Moralempfindens und der Aversionsgefühle Dritter oder der Mehrheitsgesellschaft allein kann Strafdrohungen als schwerwiegende Eingriffe in personale Grundrechte anderer nicht rechtfertigen", heißt es da.

Robin Droemer, Autor beim philosophischen Magazin Hohe Luft, bringt es auf den Punkt: "Ekel und Abscheu sind grundlegende menschliche Empfindungen. Allerdings taugen sie nicht als Basis für die Gesetze eines demokratischen Rechtsstaates. Natürlich darf jeder für sich widerlich finden, was er will. Aber ebenso hat jeder auch ein Recht darauf, auf die Weise glücklich zu werden, wie er es will – solange er niemandem damit schadet. Das sollten wir niemals vergessen."

Menschen, die tatsächlich einen Schaden von inzestuösen Beziehungen tragen könnten, sind die möglichen Nachkommen. Das Risiko, die genetische Gesundheit eines Kindes durch Erbkrankheiten zu gefährden, ist zwischen Verwandten ersten Grades stark erhöht, da die Hälfte des Erbguts von Eltern und Kind oder Geschwistern jeweils übereinstimmt. Bei Cousins und Cousinen ist das Risiko viel geringer, liegt aber trotzdem über dem Wert von nicht-verwandten Paaren.

Ich hatte nur einmal Sex mit meinem Cousin und das auch nur oral, immerhin muss mir also über mögliche Konsequenzen keine Gedanken machen. Damit das auch auf jeder anderen Ebene so bleibt, habe ich mich entschlossen, unter einem Pseudonym zu schreiben. Zu groß ist die Angst, gesellschaftlich geächtet zu werden. Dass ich Oralsex mit meinem Cousin hatte, scheint hierzulande trotz Straffreiheit verpönt zu werden – zumindest hat es sich für mich so angefühlt, als ich meiner besten Freundin davon erzählte und sie mich völlig entsetzt fragte, ob das wirklich mein Ernst sei.

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