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Jamaika-Koalition

Wir haben Teenager gefragt, wie sie die deutsche Regierungskrise lösen würden

"Petzen oder die Gruppe verraten – geht gar nicht"

von VICE Staff
23 November 2017, 8:56am

Fotos: VICE Media

Dieser Artikel ist zuerst bei VICE Deutschland erschienen.

Teenager haben nicht den besten Ruf. Für die meisten Erwachsenen sind sie vor allem quengelige, picklige oder peinliche Proto-Humanoiden, um die man am besten einen weiten Bogen macht, bis sie sich verpuppt haben und zu echten Menschen geworden sind. Stimmt aber gar nicht!

Teenager sind nämlich viel besser als ihr Ruf, beweist die neue PISA-Studie: Deutsche Teenager sind offenbar besonders gute "Teamworker". Tatsache: Im "kollaborativen Problemlösen" sind die deutschen 15-Jährigen international überdurchschnittlich gut. "Deutsche Schüler", schreibt Spiegel Online , "können demnach besonders gut knifflige Probleme zusammen mit anderen lösen."

Will heißen: Deutsche Teenager können das, was deutsche Politiker zur Zeit so gar nicht hinbekommen – zusammenarbeiten. "Lieber nicht addieren als falsch" – das hätte es bei den Teenagern in der PISA-Studie nicht gegeben. Also: Wenn die Politiker gerade nicht weiter wissen, warum lassen wir dann nicht einfach die teamfähigen Teenies entscheiden, wie wir eine Regierung zustande bringen? Wir haben Sondierungsgespräche auf Berliner Gehsteigen geführt:

Laura*, Sabrina* und Marisa* (alle 16): "Die wurden gewählt und haben sich bereit erklärt zusammenzuarbeiten"

VICE: Was läuft falsch in der Politik?
Laura: Ich finde, dass es beim Thema Bildung nicht so gut läuft. Viele ältere Lehrer bei uns denken ziemlich altmodisch und nehmen auch keine Meinungen von uns Schülern an.
Sabrina: Der Schulstoff ist auch viel zu viel.
Marisa: Nicht zu viel, sondern vielmehr: Wir lernen viele unnötige Sachen, die einem im Leben nichts bringen. Ich weiß nichts über irgendwelche Steuern oder wie ich später klarkommen könnte.

Angenommen, die Regierungsbildung wäre eine Gruppenarbeit in der Schule. Wie würdet ihr vorgehen?
Laura: Auf jeden Fall Kompromisse eingehen. Ich finde es wichtig, dass man die Menschen akzeptiert, wie sie sind. Zum Beispiel in der Flüchtlingskrise: Egal woher sie kommen, es ist wichtig, sie aufzunehmen, ihnen zu helfen und eine neue Chance zu geben.
Marisa: Man muss die Aufgaben aufteilen, vor allem gerecht aufteilen. Nicht, dass einer total viel macht und der andere gar nichts.
Sabrina: Alle Meinungen miteinbeziehen und diskutieren.

Und wenn jemand, wie die FDP, keinen Bock hätte mitzumachen?
Laura: Finde ich nicht in Ordnung. Die haben sich als Partei aufstellen lassen, wurden gewählt und haben sich so bereit erklärt zusammenzuarbeiten. Auch wenn sie vorher nicht wussten, mit wem. Dann muss man damit klarkommen, auch wenn das Ergebnis nicht so ist, wie die Partei das gerne hätte.
Marisa: Ja, jeder sollte mitarbeiten.
Sabrina: Die sollten trotzdem mitmachen, auf jeden Fall. Dann sollen sie auch ihre Sachen heraussuchen und helfen, wo sie können, aber sie müssen einfach mitarbeiten, weil genau das die Aufgabe ist.

Ihr seid noch nicht volljährig. Habt ihr euch trotzdem überlegt, welche Partei ihr wählen würdet?
Laura: Ich habe mich zur Wahl viel damit beschäftigt, auch mit den Wahlprogrammen. Aber ich hätte nicht gewusst, wen ich wählen sollte.
Sabrina: Ich wäre mir auch nicht sicher gewesen.
Marisa: Definitiv nicht. Wenn man nicht gerade "Politische Bildung" in der Schule gewählt hat, bekommt man davon gar nichts mit. Man wird nicht belehrt, sondern muss sich selbst informieren. Ist schon ziemlich doof für uns.

Michal und Lesley (beide 18): "In der Teamarbeit muss man vor allem Respekt voreinander haben"

VICE: Wie arbeitet man erfolgreich im Team, wenn man sich eigentlich scheiße findet?
Michal: Wenn ich in einer Gruppe nicht mit den anderen arbeiten kann, zeige ich das auch: Ich spreche einzelne Personen an, oder mache eine Ansage für alle. Aber wenn andere ein Problem mit mir haben, versuche ich auch, Lösungen zu finden. Ich kann nachgeben, aber auch überzeugend meine Vorstellungen rüberbringen.
Lesley: Man sollte vor allem Respekt voreinander haben, sich zuhören und ausreden lassen.
Michal: Ja! Oder vor der Teamarbeit schon mal überlegen, ob es Themen gibt, an denen erstmal alle gemeinsam arbeiten. Und absprechen, ob die Ziele in der Gruppe überhaupt eingehalten werden können.

Ihr arbeitet mit dem Klassenstreber und der zieht in der Gruppenarbeit nicht mit. Was macht ihr?
Lesley: In der Politik kann eine Partei ausgeschlossen werden und man formt eine Koalition mit der anderen. In der Gruppenarbeit ist das manchmal auch so. Es bringt ja nichts, Leute zu etwas zu zwingen, wenn sie keine Lust haben.

Also sind Neuwahlen die bessere Option, damit das Problem gelöst wird?
Beide: Ja.
Lesley: Es gibt wichtige Dinge, an denen die Regierung arbeiten sollte: an gesicherten Renten, zum Beispiel. Schau mal, wie viele Rentner Pfandflaschen sammeln.
Michal: Es gibt vieles, was mich mehr interessiert als Politik. Aber Rassismus ist schon seit vielen Jahren ein Problem in Deutschland, und ich finde, die Politiker sollten mehr darauf achten, dass alle vor dem Gesetz gleich sind.


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Habt ihr im September gewählt?
Michal: Ich habe keinen deutschen Pass und darf nur in meinem Bezirk wählen.
Lesley: Ich bin erst im Oktober volljährig geworden, das hat mich ein bisschen geärgert. Ich überlege mir demnächst, welche Partei ich bei Neuwahlen wählen würde.
Michal: Wenn ich könnte, würde ich die Grünen wählen, die engagieren sich für Tiere und die Umwelt. Es ist wichtig, dass wir uns darüber Gedanken machen, was wir anderen Generationen hinterlassen. Ich habe eine wichtige Nachricht an die Leute in Deutschland: Überlegt euch, was die Partei nachher wirklich macht und was nach der Wahl kommt – damals haben die Wähler auch Hitler vertraut. Ich glaube, wir Jugendlichen verstehen das ein bisschen besser als viele ältere Leute, die jetzt mit der Angst vor dem Islam von Parteien angelockt werden.

Busra*, Juliana*, Mareike* (alle 13) und Leyla* (14): "Petzen oder die Gruppe verraten – geht gar nicht!"

VICE: Ihr sollt eine Gruppenarbeit machen und eine hat keinen Bock. Wie löst ihr das Problem?
Leyla: Ich würde mein eigenes Ding machen.
Busra: Man kann jemandem auch sagen, dass er sich nicht so anstellen und einfach mitmachen soll. Es ist doch eine Gruppenarbeit.
Juliana: Ja, beim Teamwork muss man auch zusammenhalten können …
Busra: … und Vertrauen haben. Das ist das Wichtigste.

In der Politik läuft das ja gerade ähnlich. Habt ihr irgendwelche Tipps für die Parteien, damit Deutschland bald eine Regierung hat?
Alle: Wir interessieren uns nicht so für Politik.
Leyla: Die sollen sich mal lockerer machen und weniger gemein sein. Politiker machen nur, was sie wollen.
Busra: Klar, manche Sachen sind schon wichtig, andere nicht so. Es wäre wichtig, dass die Politiker mal zuhören und erfahren, was andere Menschen wollen. Dann klappt das auch mit der Regierung. Zusammenhalten ist wichtig, auch wenn es mal nicht läuft.
Juliana: Nur weil es mal Streit gibt, heißt das nicht, dass die Gruppe verloren ist.
Leyla: Und wenn doch: Dann macht halt jeder einen Teil und am Ende tragen alle gemeinsam das Ergebnis vor. Das ist eigentlich ganz einfach.

Aber in jeder Gruppe gibt es einen Faulen, der seinen Teil nicht ordentlich macht.
Busra, Juliana, Leyla: Ja!
Mareike: Guckt mich nicht an!
Busra: Es ist scheiße, wenn einer unzuverlässig ist.
Juliana: Der sollte das dann eigentlich selbst ausbaden.
Busra: Aber petzen oder die Gruppe verraten – geht gar nicht! Das ist das Schlimmste. Wer keinen Bock hat und sich nicht zusammenreißen kann, soll von alleine gehen. Sonst sind am Ende alle bestraft.

Robert*, Jannis*, Mario*, Markus* (alle 16, aus dem Allgäu): "Wenn ned, dann machn mia's moang"

VICE: Sprecht ihr in der Schule über die aktuelle Politik?
Robert: Die Bundestagswahl wurde angesprochen, aber nicht gescheit durchgenommen. Wir haben Sozialkunde, sprechen nur manchmal über Nachrichten. Deswegen haben wir eigentlich nicht viel Ahnung davon.
Jannis: Beredet haben wir's, ja.
Mario: Und weißt du, um was es geht? Kennst dich doch gar nicht gescheit aus!
Jannis: Ja mei, die Deppen von der Jamaika-Dings ...
Mario: Ach, halt glei' die Gosch.
Jannis: … müssen bis Dezember eine Regierung zusammenstellen, um eine Mehrheit zusammenzukriegen. Mit der SPD hätten sie es fast geschafft. Aber die war sauer, obwohl die in der letzten Großen Koalition fast alle Wahlversprechen durchsetzen konnten. Deswegen gehen sie raus und beschimpfen erstmal CDU und CSU, damit die SPD nächstes mal wieder gescheite Wähler kriegt.

Wie geht Teamarbeit bei euch, wenn ihr vier verschiedene Meinungen habt?
Robert: Man muss alle Meinungen nehmen und da ein Mittelmaß finden. Wenn zum Beispiel einer sagt, er will eine Obergrenze und der andere gar keine will, muss man sich in der Mitte treffen, vielleicht bei 200.000.
Markus: Wer am gescheitesten ist, kriegt Recht.
Jannis: Im Allgemeinen besprechen, gar nicht spezifisch, und immer das Mittlere machen. Dann die Regierung zusammenstellen. Egal, ob es den Parteien passt oder nicht.
Markus: Und wenn's ihnen nicht passt, mach'mer Neuwahlen.

Eine bayrische Weisheit für die deutschen Politiker?
Mario: "Basst scho" oder "Wenn ned, dann machn mia's moang".
Robert: Nein, aber das kann man mal als Beispiel nehmen und sagen: "Heute wird das besprochen und ein Ziel gesetzt und nicht erst morgen." Damit man nicht erst so lange hocken bleibt, bis es ein Ergebnis gibt oder jemand sagt: "Joa, mach'mer nächstes Mal weida."

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*Namen geändert