Holocaust-Kommerz

Ein Onlineshop bietet "Arbeit macht frei"-Kaffeetassen an

Im Sortiment von Redbubble finden sich auch KZ-Polster und Auschwitz-Jutebeutel.

von Thomas Vorreyer
07 November 2017, 11:11am

Shopansicht: Screenshot | Redbubble.com | eingesehen am 6. November 2017 || Vordergrund: imago | lem

Es ist ein grauer Novembermorgen, kein Sonnenstrahl dringt in dein Zimmer. Dein Kopf ruht auf zwei Polstern, beide bedruckt mit Fotos von KZ-Stacheldraht. Du schlägst die Augen auf, blickst auf deinen zerknitterten Auschwitz-Jutebeutel am Boden. An der Wand hängen die drei Kunstdrucke mit den Wachtürmen des Vernichtungslagers, den Lagertoiletten und dem Berg der zurückgelassenen Schuhe, stilecht in Schwarz-Weiß. Bei der T-Shirt-Wahl brauchst du kurz einen Moment, um dich zwischen dem Shirt mit der Außenansicht des Lagers und dem mit der alten Pistole zu entscheiden, die Hermann Göring gehört haben soll. Dann folgt das erste Highlight des Tages: Du nimmst einen Schluck schwarzen Kaffee aus deiner "Arbeit macht frei"-Tasse und notierst deine großdeutschen Träume in das Notizbuch mit dem Todestor vorne drauf.

Was nicht nur für Überlebende des Naziterrors wie ein Albtraum klingen muss, ist eine Zimmereinrichtung, die man als Sammelbestellung beim Onlineanbieter Redbubble ordern kann. Für Stückpreise von 13 bis 18 Euro. In Auschwitz ermordeten die deutschen Besatzer allein über eine Million europäische Juden und unzählige andere Verfolgte. Aufgedeckt hat das fragwürdige Angebot das Dokumentationsarchiv Wien.

Screenshot der Google-Cache-Ansicht eines der Produkte

Redbubble eröffnete vor einem Jahr eine deutsche Seite und will seitdem "einzigartige Designs von unabhängigen Künstlern" an die Leute bringen. Gegründet wurde das Unternehmen vor elf Jahren in Australien. Heute bietet es ein festes Segment von T-Shirts und Miniröcken bis zu Smartphonehüllen und Postern an. Redbubble lässt diese Produkte selbst produzieren und bedruckt sie dann lediglich mit individuellen Motiven, die Nutzer hochladen. Letztere nennt Redbubble "Künstler" und porträtiert sie gerne als kreative Hunde- und Katzenliebhaber. Eine Lightversion von Etsy und Dawanda also.

Laut der Seiten-AGB erreicht das Kunstverständnis von Redbubble seine Grenze bei sogenannten "unangemessene Inhalten". Diese definieren die Australier etwa als Inhalte, die "Personen, Völker, Rassen, Religionen oder religiöse Gruppen diffamieren oder verunglimpfen", oder "obszön, pornografisch, unsittlich, schikanierend, anstößig, diskriminierend, bedrohlich, beleidigend, hetzerisch, aufrührerisch, gefährlich oder in sonstiger Weise inakzeptabel" sind. Das ganze Programm also. Man behalte sich vor, solche Inhalte zu entfernen, heißt es in den AGB weiter.


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Dennoch finden sich neben den zahlreichen Auschwitz-Produkten auch T-Shirts zu rechten Memes und Sticker, die die Rolle des Deutschen Reichs in zwei Weltkriegen verherrlichen. Die Kunden scheint es nicht zu stören: "Ich wünschte, dass das Material etwas weicher wäre und der Druck etwas brillanter", schreibt ein mutmaßlicher Käufer unter dem Angebot des "Arbeit macht frei"-Polsters. Das Problem: Einzelne Drucke lassen sich bei Redbubble nicht bewerten, man kommentiert nur das jeweilige Produkt, in dem Fall den Redbubble-Standard-Polster. Welches Motiv das trägt, ist bei der Bewertung egal.

Die Anbieter der fragwürdigen Motive heißen "anfa77", "Peter Harpley" oder "Patrick Monnier". Laut ihren Profilen stammen sie aus den USA, Großbritannien oder der Schweiz. Manche von ihnen haben eine eigene Produktkategorie "Holocaust", andere haben ihre KZ-Fotos zusammen mit Tausenden anderen Motiven hochgeladen – vom Spaziergang mit dem eigenen Hund bis hin zum Golfturnier. Das ganze normale Leben eben, garniert mit einer Prise historischen Alzheimers.

Screenshot eines "Arbeit macht frei"-Polsters

Redbubble hat am Montag auf den Tweet des Dokumentationsarchivs Wien reagiert. Man hätte die Produkte der Rechtsabteiligung gemeldet und bedankte sich in einem zweiten Tweet für den "wichtigen Hinweis". Redbubble habe Produkte, die "den Ausspruch 'Arbeit macht frei' verwenden, ohne dabei explizit in kritischem Kontext zu Nazi-Verbrechen zu stehen", aus seinem Shop entfernt. Tatsächlich sind die Motive dort und auch in der englischsprachigen Version der Seite nicht mehr verfügbar, aber über den Google-Cache weiterhin aufrufbar.

Die Auschwitz-Polster und -Jutebeutel bietet Redbubble hingegen weiter an. VICE hat Redbubble am Montag gefragt, wie solche Produkte überhaupt dort landen können. Erklären wollte das Unternehmen das bislang nicht.

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