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Rechtsextremismus

Wir waren bei der größten Neonazi-Veranstaltung Deutschlands

"Ich schlage euch tot!" – Was passiert, wenn 6.000 Rechtsextreme in eine thüringische Kleinstadt einmarschieren.

von Johannes Musial
17 Juli 2017, 4:07pm

Alle Fotos: Sarah Lehnert

Selbst die Sonne hat keine Lust auf diesen ganzen Mist. Ein dicker grauer Himmel hängt über der Landschaft Südthüringens. Darunter schleichen Männer mit steifem Nacken um unser Auto. In ihren Händen halten sie Bierdosen so fest umklammert wie ein Adler seine Beute. Aus zusammengekniffenen Augen spähen sie ins Fahrzeug und aufs Nummernschild.

Mehrere Menschen hatten uns vorher noch gewarnt, wir sollen bloß nicht über die A73 kommen. Auf diesem Weg würden die Neonazis anreisen. Alles klar, hatten wir geantwortet. Jetzt drehe ich mich zur Fotografin auf dem Beifahrersitz: "Ich glaube, wir haben die A73 genommen."

Wir sind in Kloster Veßra, kurz vor unserem Ziel, aber der Verkehr bewegt sich kaum noch, dafür strömen links und rechts schwarz gekleidete Menschen vorbei. Auf ihren Shirts stehen Schriftzüge wie "Jubeljahr 1933", "Wer A sagt, muss auch Dolf sagen" und "NS Zone".

Seit der Autobahnabfahrt vor mehr als zehn Kilometern gab es mehrere Kontrollen, an denen Polizisten Fahrzeuge herausgewunken haben. Doch auf einmal sind keine Beamten mehr da, stattdessen aber nur Unmengen von Neonazis. Auf der Straße vor uns sieht alles nur noch nach Heil Hitler aus. Als die ersten Finger auf uns zeigen, schließen wir die Fenster.

Während alle noch über linke Gewalt in Hamburg diskutieren, über geworfene Steine und angezündete Autos, marschierten am Samstag in der südthüringischen Kleinstadt Themar 6.000 Neonazis auf. Es ist das größte rechte Konzert der letzten Jahrzehnte in Deutschland.

Es treten Bands wie Stahlgewitter auf, die in ihren Texten die 88 und die Wehrmacht besingen. Dabei ist auch die Lunikoff Verschwörung um den ehemaligen Sänger von Landser. Letztere ist die erfolgreichste neonazistische Musikgruppe in der Geschichte der Bundesrepublik. 2003 wurde sie wegen rassistischer und antisemitischer Inhalte als kriminelle Vereinigung verboten und ihre Mitglieder zu Freiheitsstrafen verurteilt.

Auf der Bühne außerdem eine bunte Mischung brauner Redner: Mitglieder der Parteien NPD, Die Rechte und Der Dritte Weg, ebenso Thügida, Reichsbürger und die russische Kampfsportorganisation White Rex, die Neonazis ausbildet. Menschen wie Günter Deckert kommen zu Wort – früherer Vorsitzender der NPD, Holocaust-Leugner, mehrfach wegen Volksverhetzung bestraft.

Unter dem Namen "Rock gegen Überfremdung" bellen sie ihre Furcht vor dem Untergang des Abendlandes durchs Mikrofon in Tausende kahlrasierte und gescheitelte Köpfe im. Dabei ist Thüringen das Bundesland, in dem die wenigsten Ausländer leben. "Uns wurde in der Flüchtlingskrise kein einziger Asylbewerber zugewiesen", sagt Themars Bürgermeister Hubert Böse (CDU) gegenüber Spiegel Online . "Der Ausländeranteil liegt bei 2,7 Prozent, die Menschen sind alle gut integriert."

Die schiere Menge an Neonazis in Themar ist beängstigend, vor allem weil man selten so viele von ihnen an einem Ort sieht. Bei "Rock für Deutschland", einer ähnlichen Veranstaltung in Gera, kamen Anfang Juli 800. Heute aber scheint es, als hätten sie sich aus allen Ecken des Landes zusammengerottet, um für einen Tag hier ihr Germania auszurufen.

Wir stellen das Auto ab und steigen aus, ein kurzer Streifzug durchs Reich. Alle sehen hier aus, als müsste man noch immer zwingend kurze Haare tragen, am ganzen Körper tätowiert sein und Wehrmachtssprüche auf der Kleidung tragen, um sich Neonazi nennen zu dürfen.

Frauen sind nur wenige gekommen, dafür geben sich die Männer umso maskuliner. Breite Oberkörper haben viele von ihnen, sie taumeln mehr, als dass sie laufen. Fast verkrampft wirken sie, als habe sie all der Hass, den sie in sich tragen, unter Hochspannung gesetzt.

Sie sammeln sich vor dem Gasthaus "Goldener Löwe", einem wichtigen Neonazi-Treffpunkt der Gegend. Er gehört Tommy Frenck, einem NPD-Politiker, der Bürgerwehren gründete, Fackelmärsche organisierte, seinen zehn Kilometer entfernten Heimatort Schleusingen einst zur Frontstadt erklärte und einem Kubaner eine volle Bierflasche auf den Kopf schlug. Frenck ist es auch, der hinter "Rock gegen Überfremdung" steckt.

Über eine Webseite verkauft er Waffen wie Armbrüste und Macheten und Neonazi-Artikel, Aufkleber mit "I sagt Frenck dazu. "Und HTLR heißt ja Heimat, Tradition, Loyalität und Respekt … Warum sollte man das verbieten?"

Das Geschäft läuft offenbar gut für ihn. Vor dem Gasthaus steht unübersehbar abgestellt sein Auto, ein schwarzer Hummer. Zum Führergeburtstag gab es dort das Schnitzel für 8,88 Euro. Weil der Andrang an diesem Tag groß sei, riet er Gästen auf Facebook, vorher zu reservieren.

Kloster Veßra gehört heute ganz den Neonazis. Türen sind geschlossen, Fenster auch. Selbst der auf Plakaten beworbene Flohmarkt findet heute nicht statt. Nur ein Mann mit grauen Haaren und Oberlippenbart dreht auf einer Wiese seine Runden mit seinem roten Rasenmäher. In dem nur ein paar Minuten entfernten Gasthaus hat er seine Frau vor mehr als drei Jahrzehnten kennengelernt.

Heute gehe da keiner mehr hin aus dem Ort, sagt er. An die Rechten habe man sich eben gewöhnt. "Das sind Menschen wie du und ich", sagt er. Und außerdem habe er auch in Frankfurt gewohnt, "direkt in so einem Türkenviertel". Kriminalität sei da nunmal ein Problem. "Da ticken die Uhren anders", sagt er. Das könne hier auch ganz schnell passieren, wenn man nicht aufpasse. Schließlich hätten schon "Asylanten" aus Suhl in der Nachbarschaft eingebrochen. Aber die da oben, das seien eben alles Marionetten.

Nebenan im Zentrum von Themar ist die Aufregung kaum zu spüren. Polizisten haben die Kleinstadt mit gerade einmal 3.000 Einwohnern abgeriegelt und versuchen so, die Neonazis vom Ortskern fernzuhalten. Die Bundesstraße, die hier entlang führt, haben die Beamten gesperrt, auch der Supermarkt ist geschlossen. Die Vögel zwitschern an gegen den Lärm der rechten Musik, die in der Distanz wummert.

Bevor die Neonazis kamen, kannte kaum jemand Themar. Und auf einmal gilt es als braunes Nest. In einer Seitenstraße stehen zwei ältere Frauen und ein Mann in Hausschuhen. "Wir haben Adolf noch miterlebt, haben im Bunker gesessen", sagt er, schaut mit großen Augen durch seine silberne Brille in Richtung des Konzerts und schüttelt den Kopf. Sollen die Rechten doch woanders hin. Wie viele hier hoffen sie, dass nach dem Wochenende einfach alles wieder ist wie sonst. Dass der Supermarkt wieder offen ist und die Bundesstraße. Dann pantoffeln sie zurück hinter die Fassade des Fachwerkhauses.

Die Politik, sagen einige Bürger von Themar, habe versagt. Dabei ist der Grund dafür, dass Tausende Rassisten hier einfallen, vor allem, dass Bodo Dressel, ein ehemaliges AfD-Mitglied und Bürgermeister der Nachbargemeinde, seine Wiese für das Konzert zur Verfügung gestellt hat. Die Stadt Themar und auch der Landkreis wollten die Veranstaltung nicht genehmigen. Mehrere Verbotsanträge gegen das Konzert waren erfolglos. Ein Verwaltungsgericht entschied, dass das Konzert als politische Versammlung gilt und deshalb stattfinden dürfe.

Eine kleine Gegendemonstration zieht durch die Stadt. Mit Kreide haben sie auf den Asphalt geschrieben: "Bei uns ist nur das Brot braun." Auf dem Marktplatz von Themar sitzen die Menschen auf Bänken und trinken Kaffee gegen rechts. An den Laternen hängen Plakate, an Häusern Protestbanner. Die Neonazis bekommen davon nichts mit.

Das Konzertgelände ist mit Bauzäunen umstellt, die mit schwarzer Folie umwickelt sind, um die Sicht zu verdecken. Wie in einem Gehege gepfercht stehen die Neonazis hinter dem Zaun. Und draußen stehen die Medien vor dem Affengehege, gucken und warten, wie Rechte kommen und gehen. Die Bühne steht unter einem großen, weißen Zelt. Am Eingang durchsuchen Polizisten jeden Besucher gründlich auf Waffen. Überall wehen schwarz-weiß-rote Fahnen.

Die Polizei hält Bürger, Demonstranten, Journalisten und Neonazis möglichst weit voneinander entfernt. Mehrere Hundertschaften sind aus ganz Deutschland angerückt, auch einen Wasserwerfer haben sie mitgebracht. Die Kosten dafür trägt das Land. Auch deshalb fordert Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) nun, das Versammlungsrecht für solche Veranstaltungen einzuschränken.

Während die Steuerzahler die Sicherung des Konzerts finanzieren, verdienen die Veranstalter. Der Eintritt kostet 35 Euro. Das bedeutet insgesamt Einnahmen von mehr als 200.000 Euro. Dazu kommen noch Erlöse aus dem Verkauf von Getränken und Merchandise. Selbst nach Abzug der Kosten bleibt wohl ein stattlicher Betrag.

Auf dem Mittelstreifen der Straße, die direkt an der Wiese vorbeiführt, stehen Absperrungen. Etwa 20 Journalisten stehen auf der einen Seite, auf der anderen laufen die Rechten von den Parkplätzen zum Konzert.

Aus ganz Europa sind sie gekommen – aus Russland, Tschechien, Italien, Österreich und der Schweiz. Einige tragen Kutten der in Deutschland verbotenen Organisation Blood & Honor. Verbotene Tattoos haben sie mit Pflastern überklebt. Wie auf einem Laufsteg stolzieren sie vorbei, strecken den Rücken durch für die Kameras.

"Drecksau!", ruft einer über die Absperrung. "Ich schlage euch tot!", ein anderer. Sie müssen direkt an den rund 20 Journalisten vorbei, sind oft nur eine Armlänge entfernt. Viele haben die Wangenmuskeln angespannt, halten den Mittelfinger in die Luft und schauen uns mit bohrendem Blick ins Gesicht. Als wollten sie uns so spüren lassen, was sie gerne mit uns machen würden.

Daran zweifeln muss man nicht: Der Verfassungsschutz beobachtet so viele Rechtsextreme wie nie zuvor. Auch rechtsextreme Straftaten haben in den letzten Jahren stark zugenommen.

Immer wieder zeigen sie ihre Verachtung in Themar offen, gerade gegenüber Frauen. Immer wieder ruft irgendjemand: "Schlampe!" Eine Fotografin bespucken sie, eine Journalistin mit Kopftuch beschimpfen sie als "Putzlappenfrau".

So geht es den ganzen Nachmittag weiter. Ein kleingewachsener Mann fasst sich in den Schritt, leckt sich mit der Zunge den Mund und sagt: "Nimm mich doch mal als Wichsvorlage!" Einer weiterer fragt: "Willst du meinen Schwanz lutschen?" Wieder ein anderer zischt: "Morgen kommt ein Nafri in dein Bett!" Seine Freunde lachen darüber.

Später steigt eine Frau durch die Absperrung und stürmt auf einen Fotografen zu. "Ich habe zwei Kinder und will Privatsphäre", ruft sie und greift nach ihm.

Ein Mann mit blonden Haaren, der aussieht wie H.P. Baxxter nach längerer Heroinabhängigkeit, geht mit seinem Kumpel auf eine Gruppe Polizisten zu: "Und, wart ihr auch in Hamburg?" Die Beamten nicken. "Scheiße, oder?", sagt er, sein Blick wandert rüber zu den Journalisten. "Hättet ihr mal ein bisschen fester zugetreten."

Der Zustrom an Rechten nimmt selbst am späten Nachmittag nicht ab. Sogar die Veranstalter scheinen überrascht davon. Sie müssen Zäune umstellen und das Gelände erweitern, dann geht ihnen die Stempelfarbe aus. Besucher bekommen ab dann nur noch mit Edding ein Kreuz auf den Handrücken.

Die Musik auf der Bühne ist vor allem Lärm, die Texte kann man auf der Straße nicht verstehen. Die Sprechchöre zwischen den Songs aber schon. "Frei, sozial und national!", schallt es aus dem weißen Zelt. Und: "Rudolf Heß! Rudolf Heß!"

In seinem Kleingarten auf der anderen Straßenseite nickt ein untersetzter Mann mit Hornbrille im Takt. Sollen die doch ihren Kram machen, meint er. Ihm sei das egal. Und überhaupt: Was wolle man da schon machen? Es ist das, was einige heute sagen: Die Rechten, das sei schon schlimm. Aber solange sie nicht randalierten wie in Hamburg, sei doch alles in Ordnung.

Am Ende gibt es 46 Anzeigen wegen Körperverletzung, Verstößen gegen das Waffengesetz, Bedrohung, Beleidigung, Sachbeschädigung und das Verwenden verfassungsfeindlicher Symbole. Eine davon für den Sänger der Band Blutzeuge, der "Sieg Heil!" in die Menge gerufen hat.

Wir hier, die dort. Deutschland im Jahr 2017, das ist eben nicht nur Ehe für Alle und die schrittweise Legalisierung von Cannabis, sondern auch Themar. Und wir Journalisten stehen herum wie Krawalltouristen, die einmal in den Abgrund schauen wollen, tief in den rechten Schlund, bevor sie wieder ins Auto steigen und verschwinden. Weit weg von den Neonazis.

Während wir mit 170 Stundenkilometern über die Autobahn rasen, heben in einem großen, weißen Zelt in Themar Tausende Menschen den rechten Arm zum Hitlergruß und brüllen "Heil! Heil! Heil!" in die dunkle Nacht. In weniger als zwei Wochen werden einige von ihnen wiederkommen, dann findet an gleicher Stelle das nächste Rechtsrock-Konzert statt.

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