Schon wieder Wahlen!!!

Folgt Politikern auf Instagram, wo sie noch halbwegs echt sind

Auf Instagram habe ich gelernt: Kern trägt rote Socken, Sobotka liest am Beifahrersitz 'Österreich' und Van der Bellen trinkt in einem düsteren Lokal gezuckerten Espresso mit Sebastian Kurz.

von Christoph Schattleitner
07 Oktober 2017, 4:00am

Foto: instagram.com/sebastiankurz

Social-Media-Plattformen sind wie Pornos. Meistens ist alles viel zu schön, um wahr zu sein. Da gibt es den Scheinwerfer, der die schöne Seite beleuchtet, dort den Helfer, der die Kamera in der richtigen Perspektive hält und natürlich ein bisschen Make-up. Und der Ton ist sowieso von jemand ganz anderem.

Ich tu es, du tust es, und alle, die mehr Geld als wir haben, tun es noch aufwändiger. Und sowohl Bundeskanzler als auch Außenminister haben nicht nur Kleinkram für Inszenierung, sondern einen eigenen Fotografen, der sie begleitet. Und eine Grafik-Abteilung, die Sujets entwirft, auf denen nur der eigene Kandidat sympathisch dreinschaut.

Wie gut diese Inszenierung von Sebastian Kurz und Christian Kern in Tageszeitungen funktioniert, hat der Medien-Watchblog Kobuk recherchiert. Weil kaum Medien Geld für unabhängige Fotografen ausgeben, gibt es vom Außenminister in traditionellen Medien fast ausschließlich Fotos, bei denen er der aktive Part ist. Und es wirkt: Der Papst, der iranische Präsident, und ja sogar der allmächtige Erwin Pröll lauscht, wenn Sebastian Kurz spricht.

Auf Facebook und YouTube ist bei den Kandidaten inzwischen nicht unbedingt weniger Inszenierung zu finden. Kamerateams liefern im Wahlkampf Slow-Motion-Videos mit inspirierender Hintergundmusik und starken Botschaften von einem eigentlich stinknormalen Kirtag. Die politischen Inhalte, aber auch der eigene Charakter werden dabei inszeniert – ziemlich genau so wie es Influencer mit viel zu teuren Unterhosen oder Handtaschen machen.

Es ist oft ein echter Blick hinter die Kulissen, den die Protagonisten teilweise unfreiwillig zulassen

Aber es gibt einen letzten Zufluchtsort, wo die Inszenierung noch nicht eingedrungen ist. Instagram haben diese Leute nämlich zum Glück alle noch nicht verstanden. Alleine der Name der Plattform verheißt das Gegenteil von Inszenierung: Instant Telegram, der bildliche Schnellschuss. Das gilt natürlich schon lange nicht mehr für den normalen Feed, wohl aber für den Großteil der Storys. Und vor allem bei den Politiker-Accounts, die alle zu klein für eine wirklich professionelle Betreuung sind.

Ich folge schon seit Längerem allen österreichischen Politikern, die ich dort finden konnte. Für politisch Interessierte ist das ein ziemlicher Genuss. Es ist nämlich oft wirklich ein Blick hinter die Kulissen, den die Protagonisten dort teilweise unfreiwillig zulassen. Die meisten Storys sind kurze Videos oder Schnappschüsse, aufgenommen von ihren Mitarbeitern. Die wenigsten Storys sind professionell gemacht oder vorproduziert. Alles ist noch eher konzeptlos, alles noch halbwegs echt. Hier meine Highlights aus den vergangenen Monaten:

Fotos: instagram.com/sebastiankurz

Mein Lieblingsfoto ist das von Sebastian Kurz in einem Seniorenheim, weil es ungefähr allem widerspricht, wie er sich sonst inszeniert. Er sitzt. Er hört zu. Er ist der unwichtige Teil der Szene. Das habe ich noch nie davor irgendwo gesehen.

Sehr geliebt habe ich auch das Bild daneben, das kurz vor der UN-Generalversammlung irgendwo in New York von einem Mitarbeiter Sebastian Kurz' aufgenommen wurde. Alexander Van der Bellen streut sich Zucker in seinen Espresso und übt offenbar schon für die grantige Miene, die er später beim Zusammentreffen mit Donald Trump aufsetzen wird.

Für einen, der nur die mediale Inszenierung kennt, wirkt dieses Bild geradezu surreal – eine Spur zu echt, wie von einem Paparazzo geschossen. Das Bild sieht nicht nach einem staatsmännischem Gespräch zwischen Bundespräsident und Außenminister im Rahmen der Vereinten Nationen aus. Das Foto hätte genauso gut um 03:00 in der Früh in einem Tanzcafé in Amstetten aufgenommen worden sein können (nicht nur wegen der Fotoqualität, sondern auch, weil diese Bank wirklich nicht nach New York aussieht).

Links: instagram.com/vanderbellen. Rechts: instagram.com/bk_christiankern

Auch der Bundespräsident, der in Österreich automatisch Sympathie gewinnt, wenn er sich zurückhält, wählt auf Instagram eine normale – und damit für sein Amt ungewöhnliche – Sprache. Ich freue mich jedenfalls schon auf die erste diplomatische Note, in der "Atomkraft? Nein, danke! Around the world!" steht.

Links: instagram.com/wolfgangsobotka.at Rechts: instagram.com/matstrolz

Der Innenminister hält bei einer Autofahrt am Beifahrersitz jenes Druckerzeugnis in der Hand, das ziemlich gut erklärt, warum seine Politik ist, wie sie ist. Matthias Strolz sitzt im Kleinbus offenbar lieber mit Laptop hinten und macht Grimassen. Und ja, ich hab mehrere Minuten lang vergeblich versucht, rauszufinden, ob Wolfgang Sobotka angeschnallt ist.

Fotos: instagram.com/diegruenen

Dafür habe ich irgendeinen Grünen wohl mal dabei erwischt, wie er mit Handy in der Hand durch Wien geradelt ist. Sonst ist der Auftritt aber eher nicht so aufregend (siehe rechts). Norbert Hofer postet übrigens keine Storys und seit der Bundespräsidentenwahlkampf vorbei ist, gibt es auch keine tiefgründigen Zitate mit Sonnenuntergang mehr. Leider.

Fotos: instagram.com/matstrolz

Eine Ehrenerwähnung hat der Mitarbeiter von Matthias Strolz für den Urlaubsgag Richtung Tarek Leitner und Christian Kern verdient.

Links: instagram.com/polizei_im_bild Rechts: instagram.com/wolfgangsobotka.at

Und zum Schluss hier diese Bilder voller Schönheit! Johanna Mikl-Leitner bewundert nach dem Durchschneiden irgendeines Eröffnungsbandes ihre Schere, als hätte sie noch nie etwas so wunderbares gesehen. "Find Someone Who Loves You Like Mikl-Leitner Looks At Scissors", würde das Internet dazu sagen. Und auch der Gesichtsausdruck von Wolfgang Brandstetter schreit: Ich möchte ein Meme sein. Vielleicht tut ihm ja einer von euch den Gefallen.

Christoph auf Facebook und Twitter: @Schattleitner

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