Drogen

Drogendealer erzählen, mit welchen Methoden sie Ahnungslose bescheißen

"Eigentlich können sie sich fast glücklich schätzen, dass ich ihnen nur Mehl andrehe. Andere zwielichtige Dealer verkaufen viel gefährlichere Dinge und behaupten, das sei Kokain."

von Sarah Perrin
07 Mai 2019, 2:23pm

Symbolfoto: imago images / STPP (bearbeitet)

Wer Drogen kaufen will, bekommt es zwangsläufig mit Kriminellen zu tun. Klar, ist ja auch illegal. Manche mögen einen Ehrenkodex haben, aber wer glaubt, dass die meisten Dealer ehrlich sind, kennt vermutlich einfach keine Dealer. Vielleicht steckt er einem statt Gras ein Tütchen Oregano zu. Oder das Gramm Kokain ist in Wahrheit nur Mehl. Oder es ist einfach nur die Qualität oder die Menge des Einkaufs, die nicht stimmt.

Eigentlich ist es für die Dealer gar nicht ratsam, ihre Kundschaft über den Tisch zu ziehen. So baut man sich schließlich keinen treuen Kundenstamm auf. Manchmal führt allerdings kein Weg an krummen Deals vorbei – zum Beispiel wegen Geldmangels.

Aber wie wissen die Dealer und Dealerinnen, dass sie einer ahnungslosen Person gegenüberstehen, die sich gut abziehen lässt? Und wie genau gehen sie dann vor? Um das herauszufinden, haben wir mit vier Drogendealenden gesprochen, die schon mal jemanden beschissen haben. Um die Identitäten unser Interviewpartner und -partnerinnen zu schützen, haben wir ihre Namen geändert.


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Bastien, 31, verkauft Gras

Bastien baut seit zehn Jahren bei sich zu Hause Marihuana an. So kifft er selbst kostenlos und verdient nebenher Geld, indem er seine Arbeitskollegen und -kolleginnen in der Versicherungsbranche mit Gras versorgt. Er lacht, als er sich daran zurückerinnert, wie er mal ein Gramm Gras für 21 Euro verkauft hat (normal sind in Österreich laut Schätzungen um die zehn Euro pro Gramm).

VICE: Was macht ahnungslose Kunden aus?
Bastien: Das sind Leute, die nichts über meine Ware wissen, die nicht noch mal nachwiegen und die kaum Kontakte haben.

Wie erkennst du solche Leute?
Ich fasse da immer die Kunden ins Auge, die Geld haben und in den gleichen Kreisen arbeiten wie ich. Die kennen nicht viele Dealer und haben höchstens Zugang zu schlechtem Weed. Wenn sie dann mein hochwertiges Marihuana sehen, ist ihnen der Preis fast schon egal.

Und wie bescheißt du sie dann?
Ich glaube nicht, dass sie sich wirklich abgezogen vorkommen. Ich sage ja von Anfang an meinen Preis. Weil sie keine Ahnung haben, wie das alles vonstattengeht, läuft der Kauf sehr geradlinig, fast schon ehrlich ab.

Nathan, 27, verkauft Kokain

Nathan zieht seine Kundschaft auf eine andere Weise über den Tisch und geht dabei ein viel größeres Risiko ein: Er linkt zufällig kennengelernte Fremde, indem er ihnen Mehl anstelle von Kokain verkauft.

VICE: Woran erkennst du ahnungslose Kunden?
Nathan: Das sind immer Frischlinge. Außerdem dürfen sie mich nicht kennen, damit sie mich nicht wiederfinden. Sie vertrauen mir, obwohl sie keine Ahnung haben, wer ich bin. Und sie wissen absolut nichts über Drogenschmuggel.

Wie findest du deine Opfer?
Ganz ehrlich, die finden eher mich. Das sind fremde Leute, die mich nachts ansprechen oder mir eine Nachricht schreiben und Drogen kaufen wollen. Ich bescheiße ja auch nicht jeden. Allgemein ziele ich dabei auf jüngere Leute ab, die schwächer sind als ich – damit sie mir nicht aufs Maul hauen, wenn ihnen klar wird, dass ich sie abgezogen habe.

Wie genau gehst du bei deiner Masche vor?
Ich treffe mich mit diesen Leuten an einem öffentlichen Ort. Davor fülle ich zu Hause so viel Mehl in ein Tütchen, dass es wirkt wie ein Gramm Kokain. Dieses Tütchen wickle ich dann in mehrere Mülltüten ein, damit niemand mehr das Produkt riechen oder sehen kann. Beim Treffen übe ich später extraviel Druck aus. Ich sage zum Beispiel, dass die Polizei ganz in der Nähe ist und wir den Deal deshalb schnell über die Bühne bringen müssen.

Wenn ich dann die 80 Euro in der Hand halte, haue ich schnell ab und blocke die Nummer der Kunden. Das ist schon ziemlich aufregend. Ich finde, diese Leute sollten nicht einfach so einer fremden Person vertrauen. Damit sind sie mitverantwortlich dafür, dass sie abgezogen werden. Eigentlich können sie sich fast schon glücklich schätzen, dass ich ihnen nur Mehl andrehe. Andere zwielichtige Dealer verkaufen da viel gefährlichere Dinge und behaupten, das sei Kokain.

Serena, 23, verkaufte Gras

Serena ist die einzige Frau in unserer Dealer-Runde. Die inzwischen-23-Jährige verkauft zwar kein Marihuana mehr, aber zwischen 19 und 22 zog sie beim Drogenhandel viele Leute ab – teils, weil sie Geld brauchte, und teils, weil sie sich rächen wollte. "Als ich anfing, Drogen zu nehmen, wurde ich so oft beschissen, dass ich die fehlenden Regeln im Drogengeschäft irgendwann auch selbst ausnutzte", sagt sie.

VICE: Wie sieht der perfekte ahnungslose Kunde aus?
Serena: Diese Kunden sind normalerweise noch jung und unerfahren. Sie haben außerdem keine Ahnung, wie sie die Ware prüfen können. Man kann leicht Druck auf sie ausüben und erkennt sie schnell daran, wie sie über ihren Konsum reden: Wenn sie übertreiben und damit prahlen, angeblich jeden Morgen zu koksen, sind sie wahrscheinlich richtige Anfänger. Dann lässt man sie am besten einfach reden und zieht sie dann ab.

Wer lässt sich am einfachsten bescheißen?
Ich zog meine Masche damals vor allem bei Frauen durch, die jünger waren als ich. Die haben mir nämlich automatisch vertraut. Es gibt nicht viele Drogendealerinnen, deswegen sind die Kundinnen immer sehr glücklich, wenn sie es mit einer Frau zu tun haben. Sie glauben dann, es gäbe da eine Art weibliche Solidarität. Ich suchte mir vor allem junge Frauen aus, die ihr Taschengeld ausgeben wollten und mit denen ich keine gemeinsamen Bekannten hatte.

Was liefen die Deals ab?
Ich ließ sie in den Eingangsbereich eines Gebäudes kommen, in dem ich vorgab zu wohnen. So konnte mich keines der Mädels finden, falls sie sich rächen wollte. Ich zeigte ihnen dann etwas von meinem guten Weed und sagte, dass sich in dem kleinen, undurchsichtigen Beutel das gleiche Gras befände. In Wahrheit hatte ich da aber nur Wiesengras oder manchmal auch gar nichts reingepackt. Und jedes Mal waren meine Kundinnen total glücklich darüber, es mit einer netten Dealerin zu tun zu haben. Sie stellten keine Fragen, sondern drückten mir die 40 Euro in die Hand und gingen wieder.

Ab und an verkaufte ich auch einen Rest Speed anstelle von Koks. Das bereute ich aber direkt, denn es wird schnell gefährlich, wenn sich Leute Dinge in die Nase jagen, die sie nicht gewohnt sind. Inzwischen habe ich mit all dem aufgehört. Ich verdiene mein Geld jetzt legal. Es tut mir richtig leid, dass ich Minderjährige abgezogen habe. Anfangs war das noch lustig, aber irgendwann holte mich mein schlechtes Gewissen ein.

Philippe, 28, verkauft Kokain

Philippe dealt nicht nur mit Kokain, er nimmt die Droge auch regelmäßig selbst. Weil er seine treue Kundschaft nicht vergraulen will, ist er beim Verkauf nur gelegentlich unehrlich. Ein- oder zweimal habe er aber schon Leute abgezogen, die ihm auf die Nerven gingen.

VICE: Wie definierst du Kundschaft, die sich leicht bescheißen lässt?
Philippe: Das sind immer richtige Arschlöcher. Leute, die dich nur als reinen Kokslieferanten sehen. Dein Privatleben und deine Probleme sind ihnen scheißegal, sie wollen nur den Stoff.

Im Grunde hältst du also Ausschau nach dem größten Arschloch?
Einmal war da dieser Typ, der mich richtig bedrängte. Er ließ mich einfach nicht in Ruhe, obwohl ich ihm schon gesagt hatte, dass wir durch seien. Dem wollte ich dann zeigen, was passiert, wenn man mir auf den Zeiger geht.

Was hast du ihm verkauft?
Ich habe meine Ware bei ihm gestreckt. Bei einem Gramm Koks waren 0,6 Gramm dann nur Puderzucker und ein paar Medikamente. Halt alles, was ich zusammenkratzen konnte. Eigentlich mache ich so was aber nicht, weil so kassiert man ganz schnell Prügel. Wenn jemand rausfindet, dass du gestrecktes Zeug verkaufst, gibt es immer Probleme.

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