Wie mich eine Wiener Homo-Heilerin in meinem Schwulsein bestärkt hat

"Das Schlimmste was dir passieren kann, ist, dass dir ein Therapeut sagt, dass du normal bist."

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30 Jänner 2019, 1:57pm

Collage: VICE || Kreuzigung: imago | epd

"Ich fühle mich zu Männern hingezogen und möchte etwas dagegen tun", sage ich zu dem Pfarrer. Er ist ungefähr 40 Jahre alt und trägt einen schwarzen Anzug. Im Online-Pfarrblatt seiner Kirche hatte ich gelesen, dass die Gemeinde Homosexualität ablehnt. "Ich bewundere Ihren Mut", sagt der Pfarrer, und lächelt. "Toll, dass sie sich ändern möchten." Dann erzählt er mir von einer Frau. Sie sei auch homosexuell gewesen, heute aber sei sie es nicht mehr. Ihr Name sei Simone*. Sie könne mir helfen.

Ich bin schwul. Und ich frage mich, wie einfach es wohl ist, eine Person zu finden, die mich dazu bringen möchte, nicht mehr mit Männern zu schlafen. Es soll einige Menschen in Österreich geben, die Homosexuelle heilen wollen, und sie bieten ihre Dienste legal an. Personen, die für mich als junger Mensch gefährlich gewesen wären, als ich noch daran gezweifelt habe, ob meine Sexualität richtig oder falsch ist. Was wird mit mir passieren, wenn ich mich als Mann, der offen homosexuell lebt, ihren Märchen hingebe?


Auch bei VICE: Homosexuelle heilen – Hinter den Kulissen der sogenannten Reparativtherapie


Ich vereinbare einen Termin mit Simone. Ich schätze sie auf Mitte 40, sie ist ungeschminkt und trägt ihr Haar strubbelig kurz. Sie umarmt mich zur Begrüßung. Während unseres Gesprächs nennt sie mich immer beim Namen, stellt Fragen, und lacht viel. Zufällig kommen wir aus der gleichen Stadt. Wir sprechen über Lokale am Marktplatz, die wir beide kennen – das Gespräch fühlt sich gleich vertraut an. Sie erzählt mir, dass sie selbst mehr als 20 Jahre als lesbische Frau gelebt hat. Doch dann habe sie Gott und ihren Glauben wiedergefunden, eine Therapie gemacht und sich gegen ihr lesbisches Leben entschieden.

Das will ich zwar nicht, aber mich interessiert, was die Therapie in mir auslösen wird.

Ich wusste damals genau, dass ich nicht schwul sein will und ließ den Gedanken nicht zu.

Als Kind dachte ich auch, dass Homosexualität nicht normal sei. Wenn meine Familie und ich einen Film schauten, in dem sich zwei Männer küssten, reagierten alle angeekelt. In der Schule beschimpften Schülerinnen und Schüler mich als "Schwuchtel" und lachten über mich. Bis zu meinem 15. Lebensjahr wartete ich nach der Schule immer etwa zehn Minuten, bis all meine Mitschülerinnen und Mitschüler weg waren, um erst dann selbst loszulaufen. Einmal wartete eine Gruppe Jungs allerdings auf mich. Sie stießen mich zu Boden, schubsten mich, und einer von ihnen verpasste mir eine harte Kopfnuss.

Ich wusste damals genau, dass ich nicht schwul sein will und ließ den Gedanken nicht zu. Stattdessen fing ich an, Mädchen zu daten und versuchte ein Bild von mir zu erschaffen, das gar nicht zu mir passte.

Simone ist mittlerweile davon überzeugt, dass Schwule und Lesben nur an einem Trauma leiden. Homosexualität existiert für sie nicht. Das begründet sie mit Gott und der Bibel. "Das Schlimmste was dir passieren kann, ist, dass dir ein Therapeut sagt, dass du normal bist", sagt Simone. Deshalb möchte sie mich weitervermitteln, an eine Psychotherapeutin, die auch ihr schon geholfen hat. Sie vereinbart einen Termin für mich.

Homosexualität wurde lange Zeit strafrechtlich verfolgt. Bis in die 1960er Jahre wurden Homosexuelle mit Elektroschocks behandelt, mit absurden Geräten wie dem Konvulsator III von Siemens, oder auch mit Brechmitteln. In den Jahren darauf wurde versucht, Homosexualität durch Operationen am Gehirn chirurgisch zu heilen. In Österreich wurde das Totalverbot für Homosexualität 1971 aufgehoben, in Deutschland war gleichgeschlechtliche Liebe bereits seit 1969 teilweise straffrei. Legal schwul oder lesbisch leben kann man in Deutschland aber erst seit 1994, wenige Jahre später zog Österreich nach.

"Homosexualität ist für niemanden gut"

Erst 1992 wurde Homosexualität von der Weltgesundheitsorganisation aus dem Diagnosekatalog der Krankheiten gestrichen. Therapien, die Homosexuelle zu Heterosexuellen machen wollen, gibt es aber noch immer – mittlerweile sind es Gesprächstherapien. In Österreich und in den meisten europäischen Ländern sind sie nach wie vor erlaubt. Am 10. Januar hat die SPÖ erneut einen Antrag in den Nationalrat eingebracht, in dem sie ein gesetzliches Verbot dieser Therapien fordert. Die bekannteste Therapieform heißt Reparativ- oder Konversionstherapie, kommt aus den USA und ist auch im deutschsprachigen Raum verbreitet. Meistens steht sie in einem religiösen Kontext. Therapien wie diese werden entweder von offiziellen Therapeutinnen und Therapeuten oder in kirchlicher Seelsorge angeboten.

Ich melde mich bei der Therapeutin, ich nenne sie hier Eva*. Ich konnte ihren richtigen Namen auf der offiziellen Liste für Psychotherapeutinnen und -therapeuten des Gesundheitsministeriums nicht finden. Wir treffen uns in der Kirche, in der ich schon den Pfarrer getroffen hatte. Die Kirche stellt den Raum für die Therapie kostenfrei zur Verfügung. Eva ist ungefähr 55 Jahre alt, trägt eine eckige Hornbrille und hat graue, kurze Haare. Wir geben uns die Hand, sie schaut mir aber nicht in die Augen. "Homosexualität ist für niemanden gut", sagt sie. Es sei der falsche Weg.

Ich wechselte irgendwann die Schule und lernte mit 16 Jahren jemanden kennen, der schwul ist. Er wurde mein bester Freund. In dieser Zeit ließ ich zum ersten Mal den Gedanken zu, wirklich schwul zu sein. Als ich eines Abends bei ihm übernachtete, nahm ich meinen Mut zusammen und sagte: "Ich will dir was erzählen." Ob er das Licht ausschalten kann? Ich konnte ihm dabei nicht in die Augen schauen. Er schaltete das Licht aus und ich sagte zum ersten Mal: "Ich glaube, ich bin auch schwul."

In der ersten Therapiestunde stellt Eva mir fast nur Fragen. Um mich besser zu verstehen, sagt sie.

Waren deine Eltern liebevoll zu dir?

Gab es in deiner Familie Soldaten, die im Krieg gefallen sind?

Gab es Schwangerschaftsabbrüche in deiner Familie?

Ich bin ehrlich, und ihr Blick zeigt mir, dass sie in meinen Antworten genau die Probleme findet, die sie finden will. Immer wieder murmelt sie ein leises "Aha" und kritzelt ein paar Notizen in ein Heft. Als ich ihr von einer Fehlgeburt meiner Mutter erzähle, schreckt sie auf. "Das könnte in der Therapie noch sehr wichtig sein", sagte sie, und notiert die scheinbar sehr wichtige Information. Nach einer Stunde bin ich erschöpft. Bei jeder Antwort hatte ich das Gefühl, ihr genau das zu bestätigen, was sie sowieso schon denkt: Ich bin schwul, weil ich ein unverarbeitetes Trauma habe. Am Ende faltet sie die Hände, und betete zu Gott. Er soll mir helfen, den richtigen Weg zu finden. Ich fühle mich zunehmend unwohl.

Treffen wie diese können für Jugendlichen zu großen Problemen führen: "Diese Therapien führen zu Enttäuschungen und verlängern den Weg, bis man sich selbst akzeptiert", sagt Wolfgang Gombas. Er ist Vorstandsmitglied in der Vereinigung Österreichischer Psychotherapeutinnen und -therapeuten. Dass diese sogenannten Therapien meistens religiös motiviert sind, macht alles schwieriger. "Es ist nicht leicht Ideal und Realität miteinander in Einklang zu bringen", sagt Gombas.

"Es ist wichtig, dass du nicht in die Szene gehst. Das wäre gefährlich"

Für Johannes Wahala passen Homosexualität und Religion aber durchaus zusammen. Er war katholischer Priester, heute lebt er offen homosexuell und arbeitet als Therapeut. Er hat den Verein COURAGE gegründet, bei dem sich Homosexuelle und Transpersonen beraten lassen können. Mit seinem Verein hat er in den letzten Jahren bereits mehrere selbsternannte Homo-Heiler beim Ethikrat gemeldet, die sogenannte Umorientierungen in Österreich anboten. Wahala weiß, was diese Therapie auslösen kann: "Diese Menschen leiden an Depressionen, Panikattacken und haben Angst- und Schlafstörungen." Außerdem hätten viele von ihnen eine Neigung zu Selbstverletzungen und seien suizidgefährdet.

"Die meisten Therapieformen, die Homosexuelle umorientieren wollen, gehen davon aus, dass Gott die Welt, und mit ihr nur heterosexuelle Menschen geschaffen hat", sagt Wahala. Alle Personen, die von dieser Norm abweichen, würden in Sünde leben und bräuchten Hilfe. In der Therapie würden die Patientinnen und Patienten dann stark bevormundet. Sie dürfen keine Kontakte zu homosexuellen Personen haben, bestehende Freundschaften sollten beendet werden. "Letztlich ist es eine Gehirnwäsche", sagt Wahala.

"Es ist wichtig, dass du nicht in die Szene gehst. Das wäre gefährlich", sagt Eva bei unserer nächsten Therapiesitzung. Eine Beziehung darf ich natürlich auch nicht haben oder auf Kontaktversuche eingehen. Sex ist verboten. Ich stimme einfach mal zu. Danach reden wir darüber, dass Menschen stets Entscheidungen treffen – bewusst oder unbewusst. Das hier fühlt sich eher an wie ein Gespräch mit einer Patentante, als eine Therapie. Dann sagt sie weiter: "Dinge, die wir im Mutterleib erleben, können Auswirkungen auf unsere späteren Entscheidungen haben." Ach, echt?

Nachdem ich mich vor meinem besten Freund geoutet hatte, erzählte ich es immer mehr Freundinnen und Freunden. Ich sagte es auch meiner Mutter. Sie fragte sowieso immer mal wieder nach, weil sie merkte, dass etwas nicht stimmt und ich Probleme mit meinen Mitschülerinnen und -schülern hatte. Meine Mutter erzählte es dann auch meinem Vater und meinem Bruder. Beide hatten kein Problem damit. Mein Bruder kam irgendwann sogar weinend zu mir und entschuldigte sich, dass er mich nie unterstützt hatte. Meine Familie akzeptierte mich immer, sie wussten nur oft nicht, wie sie mit mir umgehen sollten. In den darauffolgenden Jahren lernte ich weitere Schwule und Lesben kennen, schlief mit einem Mann und verliebte mich zum ersten Mal. Ich habe gelernt, mich selbst zu akzeptieren und bin mittlerweile stolz darauf schwul zu sein.

Nach vier Wochen fühle ich mich nicht mehr wohl in meiner Rolle als unglücklicher schwuler Mann. Mir fällt es immer schwerer, das alles ernst zu nehmen. Ich breche meinen Selbstversuch ab. Ich bin heute 25 Jahre alt und zweifle nicht mehr an meiner sexuellen Orientierung. Ich habe Menschen um mich herum, die mich akzeptieren, und Eltern, die kein Problem mit meiner sexuellen Orientierung haben. Aber was wäre, wenn dieser Pfarrer mir als Jugendlicher begegnet wäre? Wenn ich die Schule nicht gewechselt, und meinen besten Freund nie kennengelernt hätte? Wenn meine Eltern mich nach meinem Outing rausgeschmissen hätten?

Online informiere ich mich über die Kirche, in der meine Therapiestunden stattfanden. Gruppentreffen für Kleinkinder, Kinder und Jugendliche werden in der Pfarrgemeinde angeboten. Immer wieder stelle ich mir einen kleinen Jungen vor, der – wie ich damals – nicht so richtig zu den anderen Jungs passt, und einen Vater, der sich an den freundlichen Pfarrer wendet. Sein Sohn sei vielleicht schwul, würde der Vater ihm erzählen. Er kenne eine Frau, die früher lesbisch war, mittlerweile aber geheilt sei. Sie könne behilflich sein, würde der Pfarrer vielleicht antworten.

Wenn mir das passiert wäre, hätte ich diesen Text vielleicht nie geschrieben.

*Namen von der Redaktion geändert

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