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Pixel-Protest

Den Aufstand am Bildschirm proben: Die besten und schlechtesten Videospiele über Gewaltproteste

Demos, Hooligans und Bullen – wir haben Simulatoren und Strategiespiele zu Straßenschlachten ausprobiert, damit ihr es nicht müsst.

von Josef Zorn
01 Juli 2018, 5:00am

Screenshot aus 'Riot – Civil Unrest' | Merge Games

Die Welt ist gerade in Aufruhr; autoritäre und illiberale Regierungen sind im Vormarsch, egal wohin man blickt. In Russland, Italien, Ungarn, der Türkei, bei uns, in den USA und eigentlich auf dem halben Erdball hat der Populismus zum Siegeszug angesetzt und macht es allen von der Linken bis zum aufgeklärten Teil der Bevölkerung schwer, noch das Gute auf der Welt zu sehen.

Es sieht fast so aus, als wäre aus dem Arabischen Frühling von 2010 ein geopolitisch sehr kalter Winter geworden. Und ganz im Ernst: Wenn Donald Trump, Xi Jinping und Kim Jong-un irgendein Indikator sind, wird das wohl auch noch einige Zeit so bleiben. Zeit also, sich auf den Populismus einzustellen. Und dazu gehören auch die Proteste gegen ihn.

Anstatt uns einfach mit unseren Videospielen einzusperren, haben wir das einzig Vernünftige getan: uns mit Videospielen über Proteste eingesperrt und die verschiedensten Simulationen von Straßenschlachten für euch getestet, um zu sehen, wie realistisch Pixel-Protest sein kann – und ob er tatsächlich mehr Spaß macht, wenn man ihn vom Sofa aus betreibt. 1UP Pflasterstein und los.

Riot – Civil Unrest

Screenshot vom Autor 'Riot – Civil Unrest' (c) Merge Games

Ich hatte schon lange Lust auf eine Runde "Arabischer Frühling". Lasst euch von der pixeligen Grafik nicht täuschen. Riot – Civil Unrest nimmt das Thema Straßenkampf sehr ernst und lässt euch reale Protestaufmärsche, die Geschichte gemacht haben, miterleben – von den Oakland Riots in den USA, über die Anti-Müll-Demos in Keratea, Griechenland, bis hin zu den Studentenaufständen in Venezuela. Die Wichtigkeit des Disclaimers am Beginn des Spiels, dass man politische Selbstverantwortung beweisen und sich doch bitte auch persönlich über die dargestellten Ereignisse informieren solle, kann man dabei gar nicht hoch genug einschätzen.

Mit epischer Musikuntermalung kontrolliert man die in Gruppen unterteilten Menschenmassen im Aufruhr. So kann man auf Seiten der Demonstrierenden oder der Bereitschaftspolizei mal eben die Euromaidan-Proteste eskalieren lassen. Die Spielerin oder Spieler lenkt neben der "aggressiven" oder "friedlichen" Gesinnung der Demozüge auch deren Formationen. So kann man die einzelnen Gruppen mit praktischen Fähigkeiten ausstatten, wie zum Beispiel "Mitstreiter mobilisieren via Social Media", "Megaphoneinsatz für kontrolliertere Aktionen", "Hunderte setzen sich nieder", "DIY-Rauchgranaten", "Knallkörper" und sogar "Molotov-Cocktails".

Screenshot vom Autor 'Riot – Civil Unrest' (c) Merge Games

Das Ziel ist es meistens, wie bei jeder guten Demo, Raum zu gewinnen und diesen zu besetzen – ihr wisst schon, occupy eben. Beim Anspielen der Missionen mit den Polizeieinheiten fällt auf, wie ungleich viel leichter es ist, das "Level" von zuvor zu meistern. Den Spezialeinheiten wird es im Spiel also viel einfacher gemacht als den Demonstrierenden. Ob man das gut findet oder nicht – es ist in jedem Fall wahrheitsgemäße Repräsentation. Die Proteste gegen die Baupläne in Maddalena, Sardinien, zum Beispiel hatte ich in Nullzeit niedergeschlagen, die Okkupanten vertrieben und ihre Zelte niedergetreten.

Riot ist Zeitgeschichte in Videospielform und für manche vielleicht etwas unangenehm zu spielen, aber umso wichtiger. Es tut, was die Unterhaltungsform des Videospiels am besten kann: das interaktive Element nicht beliebig, sondern gezielt einsetzen, wo es eben auch der Inhalt verlangt. Riot bringt das Chaos einer Demos erschreckend authentisch rüber – bis hin zu den Kamel-Einheiten am Tahrir Platz im Level zu "Arab Spring".

Hooligans – Storm over Europe

Screenshot vom Autor 'Hooligans – Storm over Europe' (c) DarXabre

Gleich vorweg: Hooligans ist nicht, wie befürchtet, das Nazi-Spiel nach dem es klingt, auch wenn milieubedingt gewisse Tendenzen in diese Richtung zu erkennen sind.

Vor mehr als 15 Jahren rückte ein Oi!-Skinhead am Tresen einer Bar an mich heran und begann von diesem Spiel zu schwärmen. Oi!-Skins beschreiben sich selbst gerne als unpolitisch und Ska-affin. Sie lieben Moshpits, Springerstiefel und sich zu prügeln. Seine Empfehlung Hooligans – Storm Over Europe passt also wie die buchstäbliche Faust aufs Auge zu dieser Anarcho-Ideologie.

Man spielt eine (natürlich) britische Horde an Hooligans, die ihrem Fußball-Club in europäische Metropolen folgt und dabei alles kurz und klein schlägt. Die Anführer der Einheiten, oder "Hardcore Units", wie sie hier genannt werden, tragen Bomberjacken. Außerdem gibt es noch ein paar unmenschlich fetten Glatzköpfe für die "schweren Angriffe", aber auch langbärtige Biker und blasse Raver in Jogginganzügen.

Video-Einspielungen zwischen den Levels (Screenshot vom Autor)

Als Spielender kommandiert man diese kleine Armee grölender Randalier durch die Straßen, lässt sie Läden ausrauben und dann direkt einreissen. Das hat strategische Gründe: Schließlich braucht man Geld, um ihnen Bier zu kaufen – quasi das Hooligan-Benzin und eine Form der In-Game-Währung. In den Bars rekrutiert man weitere Einheiten, wobei man auch die Selbstmordrate der Rauschbirnen im Auge behalten sollte. Außerdem gibt man besser nicht zu viel Geld für Bordelle und Dope aus, auch wenn es die Moral und das Kampfverhalten verbessert.

In diesem offensichtlich hochqualitativen Strategiespiel solltest du Polizei dringend meiden – gegen Knüppel, Helm und Gas hast du nämlich absolut keine Chance. Fans und Hools der gegnerischen Mannschaften werden dafür umso geschickter eingekesselt und zu blutigem Mus geschlagen. Das Gameplay wird dabei aber leider schnell repetitiv: Pubs zerlegen, Bier saufen, Pflastersteine sammeln, sich prügeln und das Ganze von vorne. Anarchie funktioniert in Videospielform anscheinend ähnlich gut wie in echt.


Auch auf VICE: Echter Protest bei der Razzia gegen die Pizzeria Anarchia


Power & Revolution: Geopolitical Simulator

Eine haitianische Terrorgruppe nimmt nach vielen landesweit angezettelten Unruhen und Demos gewaltsam die Hauptstadt Port-au-Prince ein. In Vogelperspektive auf einer Karte der Innenstadt verfolgt man die Straßenschlachten, dargestellt in Vektorgrafik wie bei einem Anfang-80er-Arcade-Shooter. Jemand weigert sich aus Patriotismus, mit der Panzerfaust auf das Museum zu schießen. Egal, am Ende sind das Militär und die Regierungstruppen Haitis ausgeschalten, und meine Terrormiliz kann als reguläre Partei bei den nächsten Wahlen antreten.

Stellt sich nur die Frage: Warum mache ich das hier eigentlich? Die Motive oder Absichten der Terrortruppe bleiben – abgesehen davon, dass man sich "Machtgeilheit" als Ursache selber denken kann – im Dunkeln. Und auch der Rest des Spiels ist weitaus dämlicher als sich das vielleicht anhört. Power & Revolution besteht aus wirren kleinteiligen Menüs, ist komplett überfüllt mit unnötigen Daten und man weiß zu keinem Zeitpunkt, was man eigentlich tun soll. Vielleicht, weil es eben kein Spiel ist, sondern ein geopolitischer Simulator.

Screenshot vom Autor 'Power & Revolution' (c) Eversim

Die Entwickler haben mit Statistik- und anderen Datenbank-Tools (vielleicht sogar Google Maps und Wikipedia), einen extrem akkuraten Nachbau der Länder unserer Erde gebastelt. Bruttosozialprodukte, Positionen von Militärbasen und sogar Flugrouten wirken wahrheitsgetreu eingepflegt.

Doppelt eigenartig wirkt daher ein Textverweis, dass alle Details in diesem Spiel fiktiv und Ähnlichkeiten zu tatsächlichen Personen, Schauplätzen und Situationen reiner Zufall seien. Auch der schwarze US-Präsident im ersten Level, der wie Barack Obama aussieht und "Jack Ohama" heißt, lässt mich etwas skeptisch gegenüber dieser Ansage werden. Auch bei den spielbaren global-politischen Szenarios "Syrien-Irak-Konflikt" oder "US-Wahlen 2016" erscheint der Fiktionsgrad, naja, eher niedrig zu sein.

Screenshot vom Autor 'Power & Revolution' (c) Eversim

Für diesen Spieltest habe ich das thematisch passende Szenario "Revolutions!" gewählt, das in der besagten terroristischen Übernahme Haitis endete. Statt spannendem Taktieren und Ressourcen-Management wie in Civilization, trage ich dabei aber eigentlich nur Treffen mit Diplomaten, Politikern und Tierschützern in meinen Terminkalender ein.

Die Dialoge mit diesen Figuren laufen jedes Mal nach dem gleichen Schema ab, die Sprachausgabe ist kaputt und dazwischen werden peinlichste Stockfotos eingeblendet. Weltpolitik wird zur Lachnummer und hat noch nie so gelangweilt – wie soll man da bitte nicht mit Putschversuchen liebäugeln.

Riot Police

Auf der anderen Seite der Gewaltproteste stehen die Schlagstockträger in Blau mit Schäferhund und Tränengas im Anschlag. Ja, ich bin übergelaufen. In Riot Police spielt man zur Abwechslung die Exekutive, und kann die Figuren endlich mal einzeln befehligen.

Screenshot vom Autor 'Riot Police' (c) Activision

Absurderweise macht es die Spielsteuerung nahezu unmöglich, die Demonstrierenden nicht komplett kaputt zu knüppeln – oder will es die Polizei (zumindest in den Augen der Developer dieses Spiels) am Ende genau so? Eine gewaltlose(re) Verhaftung vorzunehmen, ist spielmechanisch jedenfalls hochgradig umständlich.

Im Briefing vor einem Einsatz bekommt man den heißen Tipp, die Leute erst einmal Straftaten begehen zu lassen, denn dann wären alle Formen polizeilichen Einschreitens "berechtigt". Die Krawallbrüder und -schwestern unschuldig zu verhaften, macht den Spielerinnen und Spieler tatsächlich das Leben schwer. Andere Protestteilnehmende in Sichtweite werden in Folge extrem aggressiv und solidarisieren sich gegen die Bereitschaftspolizei.

Screenshot vom Autor 'Riot Police' (c) Activision

Die Macher des Spiels sind offenbar der Meinung, dass es einen pumpenden Metal-Soundtrack braucht, um mit etwas Pep zu "deeskalieren". Selbstkritische Untertöne, wie beim Polizei-Sim Urban Chaos, gibt es hier keine – nur billige Witze zwischendurch, über Donuts, Bestechungen und Patronen, die am Schreibtisch rumliegen.

Riot Police wird nicht nur sehr schnell viel zu schwierig, sondern auch sehr schnell zur nervtötenden Qual. Unterhaltungstechnisch und moralisch ist der Tiefpunkt schon beim zweiten Level mit den Uni-Protesten erreicht. Jetzt fühle ich mich schmutzig; schmutzig wie ein Schweinchen.

1.700

Als damals die besetzte Pizzeria Anarchia in Wien geräumt wurde, haben sich ein paar Landsleute die Zahl der an diesem Tag entsandten Exekutivbeamten zum Anlass genommen, ein witziges kleines Browser-Spiel zu machen. Wer sich nicht erinnert: Es waren 1.700 Polizistinnen und Polizisten und damit eventuell vielleicht unter Umständen eine Handvoll zu viele.

Auch aus heutiger zeithistorischer Distanz lässt sich nur sagen, dass das Spieldesign immer noch beeindruckend ist. Ganz besonders, wenn man bedenkt, dass 1.700 vorrangig eine kleine, schnell entstandene Satire-Aktion und kein großer professioneller Indie-Release ist. Dass das Spiel selbst auch noch wirklich gut ist, halte ich für die Kür; mein einziger Kritikpunkt wäre das Level "Baumgartner Höhe, gesponsert von Red Bull", das ein bisschen zu einfach ist – aber diesen Fehler macht es dafür mit dem schönen Titel gut.

Screenshot vom Autor '1.700'

Zur Mechanik: Man manövriert die ins Bild tapsende Pixel-Polizei um, über und durch die Hürden der Pizza-Punks, um sie aus dem besetzten Haus zu vertreiben. Der teilweise kritisierte Umstand, dass man auf Seiten der Polizeikräfte spielt, relativiert sich eigentlich, wenn man die Spielfiguren genauer betrachtet: Es sind hirnlos Befehle befolgende Nachläufer, à la Lemmings, die explodieren, sobald die autonomen Hausbesetzer sie anpissen. Ein perfektes Spiel, um Motorik und Nostalgiemuskeln zu trainieren.

Beim Genre der Gewaltprotest-Spiele scheitert es, wie man bei einigen der Beispiele hier sieht, oft am Kontext und der Intention, die entweder problematisch sind oder ganz fehlen. Protest-Simulatoren bieten sich natürlich an, um politische Statements zu transportieren und die Mechanismen von Rebellionen, Putschen oder Polizeieinsätzen aufzuzeigen. Im besten Fall lernt man von diesen Spielen sogar etwas über Geschichte und politische Machtdynamik. Aber der Spaßfaktor – sogar bei manchen der besseren Titel in dieser Liste – leidet unter dem gezwungenen Realismus, dem eher mäßig guten Gameplay und der inhaltlichen Überfrachtung.

Als Gil Scott-Heron damals "The revolution will not be televised" postulierte, wusste er nicht, dass es einmal solche Videospiele geben wird. Wir ergänzen den ikonischen Satz also noch um ein gemurmeltes "But the revolution might be in a mediocre video game". Protest eignet sich wohl auch weiterhin eher dazu, seinen Unmut auszudrücken, als Spaß in Videospielen damit zu haben. In diesem Sinne, happy riots!

Josef auf Twitter: @theZeffo

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