Popkultur

Wir sind dem urbanen Mythos vom Glory-Hole auf der TU nachgegangen

Bewaffnet mit nichts weiter als einem Internetzugang und unserem untrüglichen Spürsinn haben wir unser bestes 'Galileo Mystery'-Mindset gechannelt und die Frage für euch beantwortet.

von Phoebe Baumann
30 April 2018, 7:00am

Imago | Alimdi

Kennt ihr die Geschichte von der Frau, die auf einem Date sehr dringend kacken musste, dann feststellte, dass die Spülung ihres Angebeteten defekt war und ihren Haufen deshalb kurzerhand in ihrer Handtasche versteckte? Oder die Legende, dass es in der U1-Station Stephansplatz deswegen so stinkt, weil dort versehentlich ein Bauarbeiter eingemauert wurde?

Das sind nur zwei der geschätzt verdammt vielen urbanen Mythen, die die Welt seit Anbeginn der Zeit (oder zumindest Wien seit Anbeginn des Internets) beschäftigen. Eine weiterer derartige Legende handelt von der Technischen Universität Wien. Hier soll es nämlich ein verstecktes Lustloch geben, das Glory-Hole-Touristen aus der ganzen Stadt anzieht.

Und weil wir unsere Stadtmythen genau so ernst nehmen wie unseren Job, haben wir uns sofort die Investigativ-Brille aufgesetzt und uns dieser Galileo-esken Fact-Checking-Aufgabe angenommen.

Eine erste Umfrage innerhalb der drei Stockwerke von VICE Austria führte leider zu keinem Ergebnis – auf die Frage "Kennst du das Schwanzloch auf der TU?", antwortete keiner der hier arbeitenden Menschen etwas anderes als "Nein", "Äh" oder "¡No hablo alemán!". Der nächste logische Schritt führte daher direkt an die datenjournalistische Monoquelle aller neuzeitlichen Information: ins Internet.

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Ein User teilt seine Präferenzen mit.

Googelt man "Glory Hole TU", stößt man zuallererst auf die Seite erotikforum.at. Hier gibt es sogar einen eigenen Thread mit dem Titel "Glory Hole TU", bei dem zahlreiche Nutzer Dates miteinander vereinbaren. Der Treffpunkt ist dabei meistens derselbe: zwei bestimmte, detailreich beschriebene Kabinen auf einer Herrentoilette im Freihaus.

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Ein anderer User erzählt von seinen Erfahrungen.

Nachdem die meisten Foren-Besucher und sonstigen User über das berüchtigte Glory-Hole sprechen wie über ein Seemonster, von dessen Existenz sie zwar überzeugt sind, das sie selbst aber bisher nur so halb zu Gesicht bekommen haben (aus dem Augenwinkel/als verschwommene Erinnerung etc.), bleibt mir aber auch nach der Netz-Recherche nichts anderes übrig, als mir persönlich ein Bild von der Sache zu machen.

Ich will herausfinden, ob es den Shotspot am Freihaus-Klo wirklich gibt oder hier einfach nur ein paar Trolle Fantasy-Fuckball miteinander spielen, um Menschen wie mich weiter zu verunsichern. Also mache ich mich auf den beschwerlichen physischen Weg zur mythenumwobenen Toilette (einmal quer über den Karlsplatz).

Als ich an der TU ankomme, scheint anfangs alles ganz normal. Die Studierenden stehen genauso gelangweilt vor der Mensa wie an jeder anderen Uni und die Toiletten sind genauso ekelhaft, wie ich es von der Hauptuni gewohnt bin. Von Glory-Hole-Vibe keine Spur.

Von den zwei Toiletten nahe von der Mensa ist eine kaum besucht, also nutze ich die Gunst der Stunde und spaziere problemlos rein. Ein Holzbrett ist wahllos an die Wand einer Kabine genagelt – vielleicht war hier schon früher ein Glory-Hole. Die andere Toilette hingegen ist hochfrequentiert. Hier herrscht ein regelrechtes Durcheinander. Ich beobachte also erst mal.

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Die alltäglichen Probleme der Glory-Hole-Benutzer.

Ein Mann, schätzungsweise Ende 30, steht vor der Toilette und scheint auf jemanden zu warten. Innerhalb der nächsten Stunde folgt er drei Männern ins WC und erscheint jeweils nach zehn Minuten wieder gemeinsam mit seinen männlichen Begleitungen, die sich vor der Kabine wortlos trennen. Die Häufigkeit und der dreimal haargenau identische Ablauf – ohne jede verbale Kommunikation – scheinen den Mythos zu bestätigen.

Natürlich könnte es sich streng genommen aber auch einfach nur um eine herkömmliche Drogentransaktion unter Studierenden handeln. Und auch die tatsächliche räumliche Zwischen-Kabinen-Aussparung, um die sich das Gerücht ja im Kern dreht, habe ich noch nicht mit eigenen Augen gesehen.

In der kommenden Stunde wiederholen sich die Verabredungen (oder die gemeinschaftlichen WC-Gänge aufgrund von außergewöhnlich starkem Synchron-Harndrang) noch einige Male. Auch ein anderer Mann, der zuvor in der Nähe der Toiletten abhängt, betritt die Kabine nach kurzen Blicken auf sein Handy innerhalb von nur einer halben Stunde ganze drei Mal; jedes davon dicht gefolgt von einem weiteren vermeintlichen Urinierer. Auf meine Frage, ob er denn von dem Lustloch gehört hat, antwortet er verdutzt: "Da hast du den Falschen, ich warte hier nur auf meine Freundin." Kurz darauf ist er verschwunden. Offenbar dürfte er sich mit ihr via WhatsApp über einen alternativen Treffpunkt verständigt haben.

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So läuft's ab.
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Die Diskrepanzen der Glory-Hole-Benutzer.

Nach den Besuchen der beiden Heavy-User bietet sich endlich ein kurzes Loch (ha) und ich nutze die Chance, um wie ein Anthropologe in einer Porn-Parody von Indiana Jones in das sagenumwobene Klo zu spazieren. Als erstes fällt mir die Retro-Beleuchtung mit Schwarzlicht auf – ein Relikt aus jener Zeit, als der Karlsplatz noch als Drogenumschlagplatz galt.

Ich taste mich durch den dunklen Raum, der auch ohne Loch schon an eine Folterkammer erinnert, mit den Postings aus dem Erotikforum als Wegweiser in meinem Kopf, bis ich die beschriebene Kabine erreiche. Hier, zwischen Klopapier, das durch eine verdächtige weiße Flüssigkeit verklebt ist, und einer verstopften WC-Muschel, finde ich es tatsächlich: das Glory-Hole. Die Wand ist offensichtlich so lange mit einer Bohrmaschine bearbeitet worden, bis an der Stelle ein Loch entstanden ist. Ich fotografiere das Artefakt und verspüre tiefen Respekt für dieses zentimetertiefe Commitment.

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Das Glory Hole gibt es wirklich.

Damit ist es amtlich: Das Glory-Hole existiert. Bei aller Spaß-Recherche bedeutet das auch, dass an dieser Stelle vielleicht ein kleiner Reminder zur hohen Ansteckungsgefahr von Geschlechtskrankheiten angebracht ist. Auch wenn wir mit Sicherheit nicht die Glorie aus euren Spaßlöchern vertreiben wollen, ist bei der Verwendung solcher Glory-Holes darauf zu achten, dass keine Körperflüssigkeiten übertragen werden und ihr unbedingt Kondome verwendet. Auch der HI-Virus kann nicht nur beim Vaginal- und Analsex übertragen werden, sondern eben auch bei Oralsex. Hilfe und Beratung zum Infektionsrisiko von HIV findest du hier.

Wo wir sowohl die Existenz, als auch die gefahrlose Benutzung geklärt haben, gilt es nur noch herauszufinden, ob der Mythos – und auch der Fakt – zum Glory-Hole an der TU auch den Studierenden oder der Belegschaft an der Technischen Universität bekannt ist.

Unter den Studierenden vor Ort zeichnen sich sehr schnell drei Arten von Antworten ab: 1. Ein definitives "Nein", in seltenen netten Fällen ergänzt um ein "Habe ich noch nie mitbekommen", 2. Ein definitives "Ja natürlich" ab und zu mit dem Zusatz "Das kriegt man spätestens bei seiner ersten TU-Feier mit" und 3. ein verstohlenes "Ja, aber ich möchte lieber nicht darüber reden".

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Im Erotikforum können die User vereinbaren, wann sie sich treffen.

Und wie steht es mit der Universität selbst? Die PR-Abteilung der TU wirkt auf meine Nachfrage zuerst eher verdutzt. Ich merke sofort, dass man in dieser technischen Einrichtung thematisch sehr weit von meinem geisteswissenschaftlich sehr ernsthaften Methodenmix aus Kultur- und Sozialanthropologie und Journalismus angesiedelt ist.

Bettina Kunnert, die Pressesprecherin der TU, schmunzelt in sich hinein, als ich sie frage, ob die Uni von dem Glory-Hole weiß. Sie selbst habe gedacht, es sei ein Gerücht, sagt sie. "Es wurde ja auch erzählt, dass es eine Sauna an der TU gibt, was ein reiner Mythos ist. Deswegen sind wir dem Glory-Hole-Thema auch nie nachgegangen."

Konfrontiert mit meiner makellosen Beweisführung (Foto) und meiner Frage, ob und wie die Uni auf das Glory-Hole zu reagieren gedenkt, antwortet Kunnert entspannt: "Das Freihaus ist ein öffentliches Gebäude – und solange sich niemand bedroht oder belästigt fühlt, haben wir keinen Grund, einzuschreiten." Sie fügt noch hinzu, dass auf den Toiletten regelmäßig Instandhaltungsarbeiten durchgeführt werden, von denen früher oder später auch das Glory-Hole betroffen sein wird. "Allerdings nicht, weil man besonders lustfeindlich ist, sondern eher, weil schadhafte Wände nunmal beseitigt werden", sagt Kunnert abschließend.

Das Glory-Hole gibt es also – und wird es trotzdem nicht ewig geben. Aber solange da draußen noch Menschen existieren, die mit Bohrmaschinen für ihre Träume auf Uni-Klos kämpfen, wird es wohl nicht das letzte gewesen sein.

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