Ein Mann hat zwei Bärenattacken am selben Tag überlebt – und uns davon erzählt

"Ein Biss in meinen linken Unterarm ging durch den Knochen. Ich hörte es knacken."

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05 Dezember 2017, 12:02pm

Todd Orr nach den Bärenattacken | Foto mit freundlicher Genehmigung von Orr

Egal, wie scheiße dein Tag bisher läuft, du kannst dich immer mit einer Sache trösten: Wenigstens wurdest du heute noch nicht zweimal von einem Bären angegriffen.

Genau das ist vor etwa einem Jahr Todd Orr passiert, im Gallatin National Forest im US-Bundesstaat Montana. Er erlitt dabei eine erschreckend lange Liste an Verletzungen. Nachdem wir damals schon über den Vorfall berichteten, haben wir nun Todd kontaktiert und uns genau erzählen lassen, wie es ist, wenn ein Grizzlybär versucht, einem das Gesicht abzureißen.


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VICE: Was treibt dich in die Wildnis?
Todd Orr: Ich bin ein großer Outdoor-Fan. Seit 28 Jahren arbeite ich für den Gallatin National Forest, und außerdem betreibe ich Skyblade Knives, eine Firma, die handgemachte Messer an Jäger und Messersammler verkauft. Am 1. Oktober 2016 wurde ich von einem Grizzlybären angegriffen. Dank meiner Reaktionsschnelligkeit, meines Anti-Bären-Sprays, meines Trainings und meines Überlebenswillens bin ich noch hier. Um zu überleben, musste ich fast fünf Kilometer zurücklegen, mit einem gebrochenen Arm, Sehnenrissen, Dutzenden Einstichstellen von den Bärenzähnen, und einer ziemlich zerfetzten Kopfhaut. Dann fuhr ich mit dem Auto ins Krankenhaus.

Was hast du denn da draußen gemacht, als es zur Bärenattacke kam?
Die Elchjagd-Saison stand bevor, also wollte ich dort schonmal nach Elchfährten schauen. Von zu Hause musste ich ungefähr 90 Minuten zum Beginn des Pfads fahren, und von dort aus lief ich noch einmal fünf Kilometer im Dunkeln – das war etwa eine Stunde zu Fuß. Ich liebe es, die Wildnis im Südwesten Montanas zu erkunden, und dabei bin ich normalerweise allein, wie auch an diesem Tag. Ich kenne kaum jemanden, der Lust hat, um 4 Uhr morgens aufzustehen, um dann mehr als 30 Kilometer bis auf 3.000 Höhenmeter hochzuwandern.

Für mich wäre das auch nichts.
An jenem Morgen war gerade die Sonne aufgegangen, als ich aus dem Wald auf eine offene Wiese trat. Sofort bemerkte ich eine Grizzly-Mutter mit ihren Jungen, die an der Weggabelung vor mir stand. Die Bärenfamilie rannte ein Stück den Pfad hoch, über die Anhöhe und außer Sichtweite. Ich wartete 30 Sekunden, bis ich mir sicher war, dass die Bärin das Gebiet verlassen hatte und ich weitergehen konnte. Ein paar Schritte später hörte ich hinter meiner linken Schulter einen Zweig knacken. Ich drehte mich um und sah die Bärin, die genau auf mich zu gerannt kam.

Todd im Gallatin National Forest

Oh, wow!
Sie hatte etwa 65 km/h drauf. Ich zog mein Anti-Bären-Spray aus dem Schulterholster und schrie, damit die Bärin bemerken konnte, dass ich ein Mensch bin – ich hoffte, das würde sie zum Umkehren bewegen. Aber Pech gehabt. Innerhalb von Sekunden hatte sie mich erreicht. Ich drückte den Auslöser komplett runter und sprühte ihr voll ins Gesicht. Ihr Schwung trug sie durch den Pfefferspray-Nebel und zu mir. Ich verschränkte meine Hände hinter dem Nacken und drückte meine Arme an den Kopf, um ihn zu schützen. Ich erwartete, dass sie mich überrennen und verschwinden würde. Wieder Pech gehabt. Stattdessen stürzte sie sich auf mich und biss mich. Ich konnte hören, wie die Bisse meine Muskeln zerfetzten, als sie ihre Zähne immer wieder in meinem rechten Arm vergrub. Dann verschwand sie.

Das klingt furchtbar.
Und ich bin ja noch nicht fertig mit der Geschichte. Ich lief den Pfad zu meinem Auto zurück, aber nach etwa acht Minuten hörte ich wieder ein Geräusch hinter mir – der Grizzly war zurück. Diesmal passierte es so schnell, dass ich nicht einmal Zeit hatte, das Spray aus der Halterung zu holen, oder nach meiner Pistole zu greifen. Ich warf mich wie beim ersten Mal zu Boden, um mich zu schützen. Ich konnte nicht fassen, dass es mich jetzt schon wieder erwischte. Ich weiß noch, dass ich mich sogar fragte, was ich denn getan hätte, um das zu verdienen. Wieder schützte ich meinen Nacken und die Seiten von Hals, Kopf und Gesicht, indem ich meine Arme darum schlang. Ich drückte mich an den Boden, um mein Gesicht und meine Augen zu schützen. Die Bärin krachte auf mich nieder und biss mir immer wieder brutal in die Schulter und in die Arme. Diesmal war sie noch viel aggressiver als beim ersten Mal.

Wie fühlt sich das an?
Jeder Biss hat die Wucht eines Vorschlaghammers mit Zähnen. Ein Biss in meinen linken Unterarm ging durch den Knochen. Ich hörte es knacken. Meine Hand wurde taub und meine Finger unbrauchbar. Der plötzliche Schmerz raubte mir den Atem. Ich wusste, dass ich tot spielen musste, sonst würde die Bärin mich zerfetzen. Ich kauerte da zu einer Kugel zusammengerollt und versuchte, mich tot zu stellen. Sie biss mich noch etwa ein halbes Dutzend Mal und versetzte mir mit einer Tatze einen Schlag an den Kopf, der über meinem rechten Ohr eine 13 Zentimeter lange Wunde aufriss – ich war beinahe skalpiert. Der Fleischlappen klappte an meiner Kopfseite runter, das Blut lief mir in die Augen. Ich konnte nichts sehen und hielt immer noch vollkommen still. Adrenalin hatte die Schmerzen ausgeblockt, aber meine Sinne waren alle extra empfindlich. Ich konnte fühlen und hören, wie ihre Zähne bei jedem Biss durch meine Muskelfasern rissen. Sie hob mich hoch und schmetterte mich wieder auf den Boden und biss zu, wieder und wieder. Ich dachte, ich sterbe.

Und dann?
Dann hörte die Bärin plötzlich auf, mich anzugreifen, und stand einfach auf mir. Das werde ich nie vergessen. Es war totenstill bis auf ihr Atmen und Schnuppern. Und dieser Geruch! Ich hörte ihren Atem und spürte ihn auf meinem Hinterkopf und an meinem Nacken, nur Zentimeter von meiner Wirbelsäule entfernt. Sie stand einfach regungslos da und nagelte mich damit am Boden fest. Ich war hilflos. Aber ich bewegte mich nicht und machte keinen Mucks. Und dann ... ging sie einfach.

Einige von Todds Verletzungen, einmal vor und einmal nach dem Reinigen

Von einem Bären zweimal angegriffen werden muss doch ziemlich selten sein.
Extrem selten. Ich hatte einfach nur großes Pech. Nach dem ersten Angriff ging ich den Pfad zu meinem Truck zurück, und sie folgte ihrer Anhöhe ebenfalls in diese Richtung. Wir nahmen im Grunde denselben Weg vom Ort des ersten Angriffs weg! Die Anhöhe, auf der sie lief, und die Schlucht mit dem Pfad, wo ich unterwegs war, kamen nach etwa 450 Metern zusammen. Ich denke, sie hat nach unten geblickt, mich dort gesehen und sich zu einem zweiten Angriff entschlossen.

Was für Verletzungen hast du davongetragen?
Nachdem ich ins Krankenhaus gefahren war und mich hatte röntgen lassen, brauchten zwei Ärzte etwa sieben Stunden, um all meine Bisswunden zu reinigen und zu nähen. Mein linker Arm war gebrochen, mit großen Bisswunden, die meine Muskulatur im Unterarm zerfetzt hatten. Außerdem waren die Nerven beschädigt und zwei Sehnen vom Muskel losgerissen. An meinem rechten Arm und der rechten Schulter hatte ich auch etwa 25 tiefe Bisswunden und Risse. Dann war da die tiefe Wunde an der Seite meines Schädels, direkt über dem Ohr, und ein Biss in meiner rechten Seite, direkt über der Taille, von dem ich vier Einstichstellen hatte. Am Kreuz hatte ich tiefe Einstichwunden von ihren Krallen, die sich in meinen Rücken gruben, als sie auf mir stand. Am nächsten Tag musste ich zu einem orthopädischen Chirurgen, der den Schaden in meinem linken Arm untersuchte. Es brauchte eine Operation, um die ganzen Wunden neu zu öffnen, den Schaden einzuschätzen und die Muskelrisse zu kitten. Dann mussten sie noch die losgelösten Sehnen wieder befestigen. Mein linker Arm erinnerte ziemlich an Hackfleisch.

Und wie geht es dir heute?
Zum Glück hatte ich nach drei Monaten Physiotherapie etwa 90 Prozent der Bewegungsfähigkeit und Kraft in meinem linken Arm wieder. Ich trainiere weiter mit Gewichten und merke, dass es Stück für Stück besser wird. Der Arm wird nie wieder bei hundert Prozent sein, aber ich kann inzwischen fast alles damit machen. Eigentlich erkennt man nur noch an den Narben, dass mir was passiert ist.

Und was denkst du über Bären?
Ich hasse sie nicht. Ich wünsche mir keine Rache. Ich wünsche mir auch nicht, dass die Bärin, die mich angegriffen hat, eingeschläfert wird. Sie hat mich einfach als Bedrohung gesehen und wollte ihre Jungen beschützen. Ich habe meine Lektion gelernt. Wenn ich jetzt im Wald bin, passe ich viel besser auf als früher. Ich hatte früher eigentlich zu wenig Angst. Und an bestimmte Orte gehe ich jetzt nicht mehr allein.

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