Krampus

Die Burschen im Schafspelz: Wir haben uns in Österreichs Krampus-Szene umgeschaut

Jedes Jahr kommt es bei Krampusläufen zu Verletzten und Polizeieinsätzen. Zuletzt im November in Völkermarkt. Wie zeitgemäß ist die Tradition noch – und was kann man gegen Übergriffe tun?

von Paul Donnerbauer
03 Dezember 2017, 6:00am

Foto von Manuel Schummi, Unique Photos

“Dass man als Mädl an den Haaren gezogen wird oder mit ein paar Striemen an den Beinen heimgeht, bin ich gewöhnt“, erzählt die Kärntnerin Sabine F., die jedes Jahr mehrere Krampusläufe besucht. “Was sich da heuer abgespielt hat, war aber schon heftig.“

Gemeint ist ein Krampuslauf Anfang November in Völkermarkt, der mit sechs Verletzten und einem Polizeieinsatz geendet hat. Laut ORF soll die Polizei eine Stunde gebraucht haben, um die außer Kontrolle geratenen Krampusse zu beruhigen.

Ganz so drastisch hat es Sabine nicht erlebt. Aber: “Wenn ich Zuschauer von hinten umschubse und ihnen ins Gesicht schlage, dann nehme ich natürlich in Kauf, dass sich dabei wer verletzen könnte.“ Die Veranstalter sprechen in einem Statement auf Facebook trotzdem von einer “gelungenen Veranstaltung“, auch wenn es Bedarf für “kleine Verbesserungen“ gäbe und sich zwei der insgesamt 45 teilnehmenden Krampus-Gruppen “nicht korrekt“ verhalten hätten.

Der Vorfall gleich zu Beginn der diesjährigen Krampus-Saison hat jedenfalls die Diskussion über den umstrittenen Brauch neu entfacht. Wir haben uns in der Szene umgehört und mit Veranstaltern und Läufern ebenso gesprochen, wie mit Kritikern und Wissenschaftlern, die das teuflische Treiben seit Jahren beobachten.

Krampusse, Perchten, Klaubaufen, Buutzen, Buttnmandln und Schwoaftuifl: Für Laien sind die vielen verschiedenen Bräuche und Bezeichnungen, bei denen meist junge Männer mit mehr oder weniger gruseligen Masken und Kostümen durch die Straßen ziehen, kaum zu unterscheiden. Am bekanntesten ist sicher der Krampus. “Der Krampus ist der bestrafender Begleiter des heiligen Nikolaus“, erklärt Hermann Paier, der die Kärntner Krampusgruppe Teufelskreis Virunum leitet. “Seine Zeit endet eigentlich so um den 6. Dezember.“

Die Perchten – ein ebenfalls in weiten Teilen Österreichs verbreiteter Brauch – treten hingegen traditionell erst in den Rauhnächten zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Jänner in Erscheinung. “Die Aufgabe der Perchten ist es, die bösen Wintergeister und die Finsternis zu vertreiben. In den letzten Jahren sind aber sowohl Krampusse, als auch Perchten auf den Läufen vertreten“, so Paier.


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Auch zeitlich vermischen sich die zwei unterschiedlichen Traditionen immer mehr. Rund 150 Krampus- und Perchtenläufe gibt es in der heurigen Saison zwischen Anfang November und Ende Jänner. Die meisten davon in Salzburg.

Dem Salzburger Maskenbildner Stefan Koidl, der selbst bei der Gruppe Schergen des Kronos mitläuft, ist die Unterscheidung von Krampussen und Perchten trotzdem wichtig: “Viele der Läufer glauben, sie sind Perchten, obwohl sie Krampusse sind. Ich glaube, wenn Menschen das Brauchtum ausleben, sollten sie zumindest den Unterschied kennen und ein bisschen Hintergrundwissen haben.“

Die Wurzeln der beiden Bräuche und ob sie miteinander verwandt sind, war unter Historikern lange umstritten. Mittlerweile hat die historische Volkskunde aber eine sehr klare Vorstellung, woher die Bräuche kommen: “Geschichtlich haben beide Formen denselben Ursprung. Es handelt sich dabei um Karnevalsbräuche, die sich stark aus dem Stubentheater des Mittelalters entwickelt haben“, erklärt Matthäus Rest. Er analysiert gemeinsam mit einer Forschungsgruppe der Uni Wien das Phänomen Krampus seit 2011 wissenschaftlich und hat 2016 auch ein Buch dazu veröffentlicht.

Die Figur des Krampus kommt wahrscheinlich aus dem Jesuitentheater der Gegenreformation. Die älteste Quelle stammt aus dem Jahr 1582. “Wenn heute aktive Krampusse von jahrtausendealten, germanischen, keltischen oder heidnischen Wurzeln sprechen, dann reproduzieren sie damit Theorien, die die deutschnationale Volkskunde im späten 19. Jahrhundert erfunden hat und die während der Nazi-Zeit ganz massiv in die Brauchtumsvereine hineingetragen wurde“, so Rest weiter. Belege für eine Verbindung des Krampus zu vor-christlichen Kulten gebe es jedenfalls nach wie vor keine.

"Der Krampus ist in vielschichtige, teils widersprüchliche und umstrittene ökonomische und politische Kontexte eingebettet", erklärt Matthäus Rest und spricht damit auch die politische Instrumentalisierung des Krampus an.

Dabei ist der Krampus längst nicht mehr auf den Alpenraum beschränkt, wie etwa Krampusläufe in den USA zeigen. Spätestens seit Christopher Waltz' Auftritt bei Jimmy Fallon dürfte der Krampus-Brauch auch einer breiteren Masse von Amerikanern bekannt sein. “In den USA gibt es mittlerweile mehr als hundert Krampus-Veranstaltungen jährlich", bestätigt Matthäus Rest, der selbst schon die 2013 gegründete Gruppe Krampus Los Angeles besucht hat.

"Der Krampus ist längst in eine globale Populärkultur eingegangen. Wir beobachten beispielsweise, dass er zunehmend auch in US-Fernsehproduktionen der Vorweihnachtszeit auftaucht", so Rest. Ein Beispiel dafür ist Familien-Horrorfilm Krampus von 2015.

Auch in Österreich selbst hat sich der Brauch verändert. Viele der Krampus- und Perchtenläufe sind heute Megaevents mit Laser- und Feuershows, Technosound und Kostümen, die mit der traditionellen Krampus-Tracht nicht mehr viel zu tun haben. Trotzdem oder gerade deshalb boomt das Brauchtum wie kaum ein anderes. Und auch die Läufer selbst sehen die Veränderung positiv. Je spektakulärer, desto mehr Zuschauer lautet die Formel. “Es macht Spaß, vor einem so großen Publikum aufzutreten“, sagt Hermann Paier vom Teufelskreis Virunum.

Selbst in der Szene umstrittene Alien-Kostüme auf Krampus-Läufen sieht Hermann Paier gelassen: “Gruppen wollen einfach auffallen und sich von anderen abheben. Und die Zuseher erwarten eine gute Show.“ Ihm selbst und seiner Gruppe wäre das traditionelle ohne leuchtende LED-Augen und Pyrotechnik zwar lieber, aber “das Brauchtum entwickelt sich weiter“, so Paier. Der Eventcharakter beschränke sich momentan ohnehin noch auf die größeren Städte. Im ländlichen Bereich laufe es noch recht gemütlich und familiär ab.

Was der eine als gemütlich und familiär bezeichnet, ist für die andere verwerflich. “Kennen und hassen gelernt habe ich die Krampus-Tradition wie so viele in Österreich schon als Kind“, erzählt etwa die Salzburgerin Katherina B. “Ich habe lebhafte Erinnerungen daran, wie die Krampusse dahergelaufen kommen und ich mich panisch ans Hosenbein meiner Mutter klammerte, weil ich dachte, jetzt muss ich sterben. Und das, obwohl ich mir sicher bin, dass diese Läufe damals vor knapp 20 Jahren noch nicht so krass waren.“

Dass es früher weniger wild zuging, will Hermann Paier aber nicht so stehen lassen. “Früher ging es viel härter zur Sache, nur wurde da nichts von den Medien aufgeputscht. Wir haben auch mit Vereinen aus anderen Bundesländern und mit den Kollegen in Slowenien, Italien und Deutschland gesprochen. Dort geht es auch zur Sache. Berichtet wird aber nur über Kärnten“, nimmt der Krampus-Läufer die Medien in die Verantwortung.

Eine Skizze und die Umsetzung als Holzmaske. Foto mit freundlicher Genehmigung von Stefan Koidl

Für die Krampusse selbst ist die aktuelle Berichterstattung über den Brauch jedenfalls alles andere als zufriedenstellend. Das zeigte auch ein Protestmarsch Ende November in Klagenfurt. Dutzende Krampus-Gruppen hatten sich versammelt um ein Zeichen “gegen die Medien“ zu setzen, wie Organisator Rene Rückenbaum gegenüber dem ORF erklärte. “Vor einem Krampus muss man sich nicht fürchten, er gehört einfach zum Brauchtum“, sagt Rückenbaum.

Hermann Paier ist da pragmatischer: “Wer zu einem Krampuslauf geht, muss sich im klaren sein, dass es die Rute zu spüren gibt. Die Rute gehört zum Brauchtum dazu.“ Die Kontrollen und Vorschriften der Bestrafungswerkzeuge seien aber in den letzten Jahren deutlich gestiegen. “Die Anforderungen, um bei einem Lauf mitmachen zu dürfen, sind sehr hoch“, so Paier.
Tatsächlich führen viele Veranstalter heute Alkoholkontrollen bei den Läufern durch, haben externe und interne Ordnerdienste und Erkennungsnummern für die einzelnen Läufer. Wie die Vorfälle der letzten Wochen zeigen, dürfte es aber noch ein paar Lücken im selbst auferlegten Kontrollsystem geben.

Eine gesetzliche Regelung für Krampusläufe in Österreich gibt es aufgrund der unterschiedlichen Landesgesetze nicht, heißt es dazu im Innenministerium. So fällt ein Krampus- oder Perchtenumzug in Kärnten zum Beispiel weder unter das Versammlungs- noch unter das Veranstaltungsgesetz und wir daher per se auch nicht polizeilich begleitet. Nur bei Großveranstaltungen wie dem Lauf in Klagenfurt würden Einsatzkräfte zum Beispiel zur Regelung des Verkehrs angefordert, erklärt Chefinspektor Michael Masaninger von der Landespolizeidirektion Kärnten.

"Als ich 12 Jahre alt war, wurde ich dort auf die Straßenmitte gezerrt und so lange geschlagen, bis meine Oberschenkel komplett rot und später blau waren. Das ist dort nichts Ungewöhnliches." – Roman Möseneder, freier Mitarbeiter bei VICE

In Tirol hingegen fallen Krampusläufe sehr wohl unter das Veranstaltungsgesetz. Hier entscheidet der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin der jeweiligen Gemeinde, ob Polizeikräfte hinzugezogen werden oder nicht. “Amtsbekannt ist, dass beispielsweise im Bezirk Lienz diese Veranstaltung normalerweise von der Polizei überwacht wird“, erklärt Florian Kurzthaler, Pressesprecher der Tiroler Landesregierung.

Aber zu wie vielen Vorfällen und Ausschreitungen kommt es pro Jahr wirklich? Als wir diese Frage stellen, wird sie von Behörde zu Behörde geschoben. Eine Antwort darauf hat niemand. In der polizeilichen Statistik werden Körperverletzungen, die während eines Krampuslaufs passieren, nicht gesondert vermerkt, sondern in der Kategorie Veranstaltungen abgespeichert.

Gegenüber VICE berichten viele von teilweise traumatischen (Kindheits-)Erlebnissen auf Krampusläufen. “In Nussdorf in Salzburg laufen die meisten immer noch mit Holzrouten herum“, erzählt zum Beispiel unser Kollege Roman Möseneder. “Als ich 12 Jahre alt war, wurde ich dort auf die Straßenmitte gezerrt und so lange geschlagen, bis meine Oberschenkel komplett rot und später blau waren. Das ist dort nichts Ungewöhnliches.“

Laut Katherina B. sind die Umzugsmasken für einige auch ein Deckmantel für Übergriffe gegen Frauen. Sie erinnert sich an einen anderen Vorfall, der sich bis heute auswirkt: “In der Unterstufe hatte ich jeden Herbst wochenlang Angst vor dem Nachhause gehen, weil sich manchmal Burschen aus der Umgebung als Krampusse verkleidet haben und vor allem junge Mädchen angegangen sind“, erzählt sie uns. “Da kam es dann auch zu zahlreichen Übergriffen. Die Verkleidung gibt einem da halt sehr schnell sehr viel Narrenfreiheit.“ Noch heute stresst sie das Geräusch der Krampus-Glocken, fügt sie am Ende noch hinzu.

Katherina B. plädiert deshalb dafür, den Läufen einen geordneten Rahmen zu geben. “Wenn sich Leute so etwas unbedingt anschauen wollen, dann sollte das in einem Rahmen stattfinden, wo keine Kinder traumatisiert werden, keine Übergriffe stattfinden und niemand verletzt wird.“ Sie stellt auch in Frage, ob wirklich alle Traditionen um jeden Preis erhalten bleiben müssten.

"Der Brauch muss für die Nachwelt erhalten bleiben. Brauchtum ist Kultur und Heimat." – Hermann Paier, Leiter der Kärntner Krampusgruppe Teufelskreis Virunum

Bei den Krampus-Gruppen selbst sieht man das naturgemäß anders. “Der Brauch muss für die Nachwelt erhalten bleiben. Brauchtum ist Kultur und Heimat“, sagt uns Hermann Paier. Er verweist auch auf die Rolle der Zuschauer: “Dinge hinterher schmeißen, an den Hörnern ziehen und schupfen sind keine Kavaliersdelikte. Schwarze Schafe gibt es auf beiden Seiten. Ein respektvoller Umgang miteinander ist einfach wichtig.“

Der Maskenbildner Stefan Koidl betrachtet den Brauch von einer ganz anderen Seite. Für ihn steht die Kunst des Maskenbildens im Vordergrund. “In der Kunst ist es wichtig, die Gefühle der Menschen anzusprechen. Und eines dieser Gefühle ist nun mal auch Angst“, erklärt der Künstler seine Faszination für Krampus-Masken. Ihm macht es Spaß, gruselige Gesichter ins Holz zu schnitzen. Für 2018 hat er schon zirka 60 Vorbestellungen für Krampus-Masken. Eine Maske kostet im Schnitt zirka 600 Euro.

Angst vor den dämonischen Masken hat Stefan Koidl selbst aber schon lange nicht mehr. “Irgendwann verliert man einfach die Furcht vor den Fratzen. Ich bin ja auch Teil des Herstellungsprozesses und weiß, dass diese einfach nur Holz ist.“

An ein baldiges Ende des Brauchs glaubt er übrigens nicht. “Meiner Meinung nach nimmt die Begeisterung von Jahr zu Jahr zu. Immer mehr Menschen außerhalb von Österreich sind fasziniert von den Masken.“ Eine Entwicklung, die auch Matthäus Rest beobachtet: “Das Interesse ist auf jeden Fall gewachsen. Es gibt mehr aktive Krampusse und mehr Veranstaltungen.“

Ein gutes Geschäft ist der Brauch inzwischen auf jeden Fall geworden. Bei den großen Läufen geht es um Gewinne im vier- bis fünfstelligen Bereich, wie uns ein Salzburger Veranstalter verrät. Ein Großteil davon werde aber gespendet: an karitative Einrichtungen wie die Volkshilfe ebenso, wie an die Kinderkrebshilfe oder den lokalen Fußballverein.

Paul auf Twitter: @gewitterland

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