Warum interessieren sich so viele Frauen für extrem brutale Pornos?

"Extrem brutaler Gangbang", "Vergewaltigung" – nach Pornos mit diesen Schlagworten suchen vermehrt auch Frauen. Forscher rätseln warum.

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Mai 3 2017, 9:35am

Bild: Screenshot aus 'Die To-Do Liste'/Varsity Pictures

Klar, auch Frauen suchen online nach Pornos. Das Neue: Ein Viertel der Suchanfragen zielt auf Videos, in denen Gewalt gegen Frauen gezeigt wird. Fünf Prozent der Suchen drehen sich explizit um Darstellungen von Vergewaltigungen. Zwar suchen Männer immer noch bedeutend häufiger nach Pornos – aber dafür suchen Frauen mindestens doppelt so oft nach extremeren Inhalten.

Zu diesen überraschenden Erkenntnissen ist der ehemalige Google-Datenforscher Seth Stephens-Davidowitz gekommen. Er hatte für sein neues Buch uneingeschränkten Zugriff auf die Such- und View-Statistiken von PornHub erhalten. "Meine Datenanalyse zeigt, dass die Porno-Genres, die Gewalt gegen Frauen zeigen, fast immer überdurchschnittlich Frauen zusagen", schreibt er.

Aber warum sind so viele Frauen versessen darauf, Videos mit Tags wie "painful anal crying", "public disgrace" oder "extreme brutal gangbang" anzuschauen? Oder Inhalte, die "forced" oder "rape" im Titel tragen? Die feministische Porno-Bewegung, die sich Gleichstellung und Empowerment auf die Fahne geschrieben hat, mag derzeit gehypt werden, aber die Daten zeigen, dass viele Frauen gleichzeitig extrem frauenfeindliche Pornografie konsumieren.


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Dabei ist es für Frauen gar nicht ungewöhnlich, Fantasien von erzwungenem Sex zu haben. Das geht zumindest aus einer Studie zu Vergewaltigungsfantasien von Frauen aus dem Jahr 2012 hervor. Die Forscher der University of North Texas und der University of Notre Dame haben dafür 355 jungen Frauen eine erotische Vergewaltigungsfantasie über Kopfhörer vorgespielt und dabei untersucht, wie sehr die Teilnehmerinnen erregt wurden.

Diese Fantasie lehnte sich an die Handlungen diverser Liebesromane an: Ein männlicher Protagonist fühlt sich zu einer Frau hingezogen und macht keinen Hehl daraus, mit ihr schlafen zu wollen. Die Frau geht darauf jedoch nicht ein. Er versucht erfolglos, sie zu überzeugen, und sie blockt seine Avancen immer wieder ab. Der Mann überwältigt die Frau schließlich und vergewaltigt sie. Sie wehrt sich die gesamte Zeit über und gibt ihm zu keinem Zeitpunkt ihr OK. Da sie den Mann jedoch attraktiv findet und körperlich stimuliert wird, empfindet sie den erzwungenen Sex als befriedigend.

Die Forscher fanden heraus, dass 52 Prozent der Frauen Fantasien von erzwungenem Sex hatten, 32 Prozent von einer Vergewaltigung und 28 Prozent von erzwungenem Oralsex. Insgesamt gaben 62 Prozent der Frauen an, sich schon mindestens einmal einen erzwungenen Sexakt vorgestellt zu haben. Außerdem untersuchten die Forscher, ob diese Fantasien ein Anzeichen für die sogenannte "Sexual Blame Avoidance" sind. Dieser Begriff bezeichnet die Annahme, dass durch unsere Slut-Shaming-Kultur sozialisierte Frauen bewusst an erzwungenen Sex denken, um Scham- und Schuldgefühle auszublenden.

Das Gegenteil ist der Fall: Frauen, die sich in Sachen Sex laut eigener Aussage nicht unterdrückt fühlen, neigten eher zu Vergewaltigungsfantasien, aber auch zu einvernehmlichen Fantasien – und hatten mehr Selbstvertrauen.

Foto: Pixabay | CC0 Public Domain

Theorien, dass Frauen, die Gedanken an Vergewaltigungen erregend finden, männliche Dominanz brauchen, um mit ihrem Leben zurechtzukommen, gelten mittlerweile zum Glück als überholt. Auch Freuds These, dass Frauen keinen Spaß an vaginalem Sex empfinden können und ihn deswegen masochistisch umdeuten müssen, haben Theorie und vor allem Praxis heute widerlegt. Ein wichtiger Punkt bei Sexfantasien ist eben, dass sie Fantasien sind. Sie finden ausschließlich im Kopf der Frau statt. Dort hat allein sie die Kontrolle, wie weit der Akt geht. Durch die reine Vorstellung wird sie nicht körperlich verletzt oder traumatisiert – und kann sich daher ohne Risiko den Gedanken hingeben. KEINE Frau will ernsthaft im realen Leben vergewaltigt werden.

Frauen, die sich erzwungenen Sex vorstellen, fühlen sich also sexuell befreit. Gilt das nun auch für die Frauen, die sich brutale Pornos anschauen? Ganz so eindeutig ist die Sache hier nicht, denn in diesem Bereich gibt es kaum Forschungen. 2011 fand man in einer Studie lediglich heraus, dass viele Frauen, die vor allem extreme Pornos schauen, von Familienmitgliedern entweder sexuell missbraucht oder psychologisch gequält wurden.

Der britische Psychiater und Autor Raj Persaud sagt, dass wir anders als bei der Vergewaltigungsfantasie-Studie nicht wissen, wie es um die Frauen steht, die nach Gewalt-Pornos suchen.

"Ich glaube, hier hat sich bei den Frauen, die missbraucht wurden, ein verzerrtes Sexbild entwickelt", erklärt er. "Opfer von psychologischem Missbrauch befinden sich häufig in gewalttätigen Beziehungen. Das Muster wiederholt sich." Die Forscher können aber nicht sagen, ob Frauen, die nach brutalen Pornos suchen, wirklich in solchen Beziehung leben. Das ist bisher nicht untersucht.

"Wir wissen nicht, ob sie zu den brutalen Inhalten masturbieren und ob sie aus eigenem Interesse nach solchen Dingen suchen oder das nur tun, weil ihre Beziehungspartner oder Affären es so wollen."

Gail Dines, eine bekannte Porno-Gegnerin und Professorin in den Fächern Soziologie und Frauenforschung, sagt: "Wir müssen wissen, wie lange die Frauen auf den Porno-Seiten bleiben und was sie dort machen. Ansonsten können wir nicht sagen, ob sie zu den brutalen Inhalten masturbieren und ob sie aus eigenem Interesse nach solchen Dingen suchen oder das nur tun, weil ihre Beziehungspartner oder Affären es so wollen."

Dines zufolge ist eine Sache jedoch klar: "Wenn die Frauen, die brutale Pornos schauen, wirklich missbraucht wurden, dann verankern sie das Trauma nur noch fester in ihren Nervenzellen und ihrem limbischen System." Auch wenn also mittlerweile klar ist, dass einem nicht die Hände abfallen, wenn man masturbiert und Pornos nichts per se Schlechtes sind, sagt sie: "Pornos schaden dem limbischen System in diesem Fall sehr, denn man sieht dabei zu, wie einem anderen Menschen das gleiche Trauma widerfährt."

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