LGBTQ

Was ist heutzutage eigentlich alles homophob?

Du bist dir also nicht sicher, ob man "schwul" als Schimpfwort verwenden darf. Hier entlang.

von Franz Lichtenegger
01 Februar 2017, 8:43am

Foto: Yaffa Phillips | Flickr | CC BY-SA 2.0

Der Duden listet drei unterschiedliche Definitionen für das Wort "schwul": Die erste beschreibt Aspekte männlicher Homosexualität, die zweite ist ein selten gebrauchtes (und veraltetes) Synonym für Homosexualität unter Frauen, die dritte lautet "unattraktiv, uninteressant, in Ablehnung hervorrufender Weise schlecht."

"Schwul" kommt aus dem Niederdeutschen und war ursprünglich ein Begriff für "drückend heiß" – später wurde er in das uns bekannte "schwül" abgewandelt. Im 19. Jahrhundert wurde "schwul" dann zum ersten Mal als beleidigende Bezeichnung für Homosexualität verwendet.

Für die damalige Konnotation mit hoher Temperatur gibt es unterschiedliche Erklärungsversuche, heute klingt sie höchstens noch im umgangssprachlichen Ausdruck "warmer Bruder" nach. Und während der immer noch weitgehend als diffamierend gilt, wurde die einstige Beleidigung "schwul" irgendwann wertneutral, sogar positiv – indem homosexuelle Männer angefangen haben, den Begriff  für sich zu beanspruchen. Aus einem Schimpfwort wurde eine feierliche Selbstbezeichnung.

Die abwertende, schwulenfeindliche Bedeutung, die dem Wort heute (auch im Englischen) innewohnt und schuld an der dritten Duden-Definition ist, hat sich erst im Laufe der Jahre gebildet. Laut einer Studie aus Berlin verwenden 62 Prozent aller Grundschüler "schwul" oder "Schwuchtel" und immer noch 40 Prozent "Lesbe" als Schimpfwort. Was es mit dem Selbstbild eines jungen Menschen macht, wenn mehr als die Hälfte einer Schulklasse die eigene sexuelle Identität synonym für etwas Schlechtes, etwas Dummes, etwas Minderwertiges versteht, ist selbsterklärend.

Aber wenn homosexuelle Männer sich spaßhalber mit "Seas Woama!" begrüßen, wenn die einzige wirklich etablierte Bezeichnung für die beste Freundin eines schwulen Mannes ("fag hag") wörtlich grob mit "Schwuchtelhexe" übersetzt und trotzdem noch verwendet wird, wenn jemand wie Tyler the Creator, der immer wieder betont, nicht homophob zu sein, auf seinem Debütalbum ganze 213 Mal "faggot" rappen kann – ist "schwul" als Schimpfwort dann überhaupt noch ein Problem?

Natürlich. Und natürlich kann man jetzt nicht einfach hergehen und für die gesamte Community pauschal festlegen, was beleidigend ist und was nicht. Das empfindet jeder Mensch anders und so was wie allgemeingültige LGBTQ-Statuten gibt es nicht. Man kann aber versuchen, eine Art Stütze für jene zu bieten, die sich unsicher darüber sind, wie man einander mit Respekt behandelt. Und dazu gehört nun mal auch, Mitmenschen so zu nennen, wie es ihnen angenehm ist. Wenn du dir nicht sicher bist – frag. Und wenn du nicht darauf verzichten kannst, ein Wort, das mich und meine Person beschreibt, als Beleidigung zu verwenden, ohne dich dabei in deiner Redefreiheit beschnitten zu fühlen, dann solltest du vielleicht über dich nachdenken – ebenso wie ich über mich und meinen Gebrauch von "behindert" nachdenke.

Homophobie wird oft als irrationale Angst angesehen, weil sie durch nichts begründet werden kann und dadurch keine tatsächliche Phobie ist. Während beispielsweise jemand mit Arachnophobie nicht gerade darauf brennt, ein paar Weberknechte zu treten, suchen homophobe Menschen oft ganz bewusst den Kontakt zu homosexuellen Menschen, um ihnen dann auf aggressive Art gegenüberzutreten.

Eine EU-weite Studie ergab 2013, dass 26 Prozent aller befragten LGBT-Personen in den fünf Jahren zuvor tätlich angegriffen oder Gewaltandrohungen ausgesetzt wurden. In Österreich hat zuletzt der Fall eines schwulen VdB-Unterstützers, der von FPÖ-Wählern beschimpft wurde, aufgezeigt, wie tief Homophobie auch hierzulande immer noch in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. 

Homophobe Männer kriegen bei Schwulenpornos einen Ständer.

Vor über 20 Jahren wurden in einem Experiment ausschließlich heterosexuelle Männer nach der Beantwortung eines Fragebogens in zwei Gruppen unterteilt – homophob und nicht homophob. Anschließend wurden beiden Gruppen drei Videos gezeigt, in denen sexuelle Handlungen stattfanden: Eines zeigte einen Mann und eine Frau, eines zwei Frauen und wiederum eines zwei Männer. Währenddessen wurden die Penisumfänge der Probanden gemessen, um so auf sexuelle Erregung zu schließen. Während beide Gruppen auf die heterosexuellen und lesbischen Szenen gleichermaßen reagierten, war es interessanterweise nur die vermeintlich homophobe Gruppe, die während der schwulen Szene eine Penisumfangs-Steigerung aufweisen konnten.

Kurzum: Homophobe Männer kriegen bei Schwulenpornos einen Ständer. Von Männern ausgehende Schwulenfeindlichkeit steht demnach in direkter Verbindung zu homosexueller Erregung, die von Betroffenen unterdrückt oder nicht wahrgenommen wird.

Laut Wolfgang Wilhelm von der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen liegt ein Grund für Homophobie darin, dass "lesbische und schwule Beziehungen die patriarchale Geschlechterordnung in Frage stellen" – demnach seien beispielsweise homosexuelle Männer nicht nur das Subjekt, das die Frau als Objekt begehrt, sondern beides in einem. "Dies kann heterosexuelle Frauen und Männer in ihrem Selbstverständnis verunsichern."

"Ich habe absolut nichts gegen Schwule und finde eh super, dass du dazu stehst – aber wenn ich zwei Männer sehe, die sich küssen, da muss ich speiben."

Mir persönlich wurde mal von einem Typen Intoleranz vorgeworfen, weil ich dieser Äußerung seinerseits nicht zugestimmt habe. Es war noch nicht mal so, als dass ich mich irgendwie empört hätte, ich habe ihn lediglich nicht in der Aussage bekräftigt. "Wir werden halt keine Freunde werden", war mein ungefährer Wortlaut – woraufhin er derjenige von uns beiden war, der sich auf den Schlips getreten fühlte. Warum ich denn so engstirnig sei, warum ich das nicht einfach akzeptieren könne. Es sei immerhin seine Meinung, und die müsse ich doch genauso tolerieren können, wie er ja immerhin auch meine Homosexualität toleriert. Das lasse ich einfach mal so stehen.

No homo.

Ursprünglich ein Hip-Hop-Ausdruck aus den 90ern, ist "No homo" im Zuge der Anglizismus-Welle längst auch im deutschen Sprachgebrauch angekommen und dort fest verankert. Ihr kennt das von jedem Bro aus eurem Newsfeed, der einen heterosexuellen Männerabend ausdrücklich mit einem möglichst heterosexuellen Hashtag ausweisen möchte. Der Twist ist, dass "No homo" dabei eine Position einnimmt, die zwar nicht explizit Anti-LGBTQ ist, sich aber klar davon abgrenzen möchte. 

Nic Subtirelu stellt in einem Blog, der sich mit dem Gebrauch von "No Homo" auseinandersetzt, die offensichtliche Frage: Warum würde ein heterosexueller Mann in permanenter Alarmbereitschaft bezüglich Fehlinterpretationen seiner eigenen Sexualität stehen, wo er doch ohnehin einer viel stärker repräsentierten Gruppe angehört? Darüberhinaus verwenden "No homo" oftmals auch Männer, die eigentlich tolerant gegenüber Homosexualität auftreten, und offenbar trotzdem (oder gerade deshalb) Angst davor haben, selbst für schwul gehalten zu werden.

Auch wenn das buchstäblich ein First-World-Problem sein mag – es ist genau dieses unterschwellig homophobe Verhalten, das viele von uns zu spüren bekommen: Ambivalente Pseudo-Toleranz ist für Betroffene oder Gemeinte nicht unbedingt besser als offene Diskriminierung. "Wenn du merkst, dass die Leute eigentlich total offen sein wollen, aber trotzdem total indiskrete Fragen stellen", entgegnet mir eine lesbische Freundin auf die Frage, wo Homophobie für sie anfängt. "Ich habe irgendwann aufgehört, bei so etwas mitzuspielen. Wenn ich auf einer Party bin, will ich mich nicht als empirische Studie zur Verfügung stellen."

Vielleicht sollten wir da lernen, weniger empfindlich zu sein. Vielleicht sollten aber auch alle anderen lernen, sensibler zu werden. Vielleicht solltest du deinen Sprachgebrauch überdenken – ziemlich sicher sogar. Vielleicht sollte ich aber auch damit beginnen, deine Absichten nicht vorschnell einzustufen. Sprache entwickelt sich konstant – und es ist ebenso schwer, sie zu verbieten wie ihre Bedeutung zu verändern. Vielleicht sollten wir einander entgegenkommen, yes homo. 

Franz auf Twitter: @FranzLicht