'Unter Studenten' – Eine Kurzgeschichte über Vergewaltigung

In sechs Episoden schildert der Erzähler seine Begegnungen mit sexueller Gewalt auf dem Campus.

|
21 Februar 2017, 5:00am

Fotos von Fanny Schlichter

Aus der Literaturausgabe 2017

Die Fotos stammen aus einer neuen Reihe über die Partykultur Minderjähriger, an der die Fotografin Fanny Schlichter zurzeit arbeitet. Die gezeigten Personen haben keinerlei Assoziation mit dieser Geschichte.

1. 

Im ersten Studienjahr hatte ich einen Freund, der aus dem Rugby-Team ausgestiegen war, aber noch im E-Mail-Verteiler stand. Im Frühling schrieb jemand spätnachts in die Liste: "Grade ein Mädchen von vorn und hinten gefickt, gute Nacht!!!" Ich hörte, das sei in einem der pseudogothischen Bogengänge des Campus passiert. Der Bogengang war stark von Studenten frequentiert, die vom Trinken in der Stadt zurückkehrten, also hieß "in" sicherlich auf der schmalen Hausmeistertreppe, die vom Bogengang zum riesigen Schieferziegeldach des Gebäudes führte. 

Der Bogengang war nach einem Abschlussjahrgang benannt, zu dem ein US-Präsident mit inzwischen lädiertem Ruf gehörte. Mein Freund – der sein Haar quer über die Stirn kämmte und seinen zweiten Vornamen von einem anderen Präsidenten geerbt hatte und der kein richtiger Freund war – zeigte sie mir im Verzeichnis der Studienanfänger. Sie war ein hübsches Mädchen, hatte etwas Katzenartiges. Sie war aus St. Louis. Ich war aus Kansas City, aber man muss schon aus Orten wie Montana oder Alaska kommen, damit ein gemeinsamer Heimatstaat zu automatischem Interesse führt. 

Drei Jahre später belegte ich einen Videokurs für Fortgeschrittene und hatte den Einfall, meine imaginäre Produktionsfirma nach diesem Bogengang zu benennen. Etwas an der Geschichte erfüllte mich mit nostalgischer Sehnsucht nach der Jugend, die ich zu versäumen fürchtete. Eine Freundin aus dem Videokurs verstand die Anspielung und sagte mir, das Mädchen aus St. Louis sei damals vergewaltigt worden. Deswegen lag sie jetzt ein Jahr zurück, weil sie ihr Studium unterbrochen hatte.

2.

Es gab ein Mädchen, das dienstags mit mir das politische Humormagazin des Campusradios machte. Ich gab den Progressiven, sie die Konservative. Einem Radiofreund gegenüber schlug ich vor, das Mädchen und ich sollten vielleicht einen Schlagabtausch einbauen, in dem wir uns gegenseitig absurde Anschuldigen sexuellen Fehlverhaltens machten. Tja, sie wurde letzten Monat vergewaltigt, sagte der Freund. Ein koreanischer Elektrotechnikstudent war ihr nach Hause gefolgt. Ihre Mitbewohnerinnen hatten es gesehen, aber gedacht, er laufe mit ihr, wenn auch mit ungewöhnlichem Abstand, nämlich vielleicht zehn Schritten. Sie erinnerte sich an nichts, doch am Morgen spürte sie es. An den Typen erinnerte sie sich; er war ihr früher an jenem Abend begegnet.

3.

Es gab ein Mädchen in einem der Wohnheime, das im zweiten Jahr vergewaltigt oder versucht-vergewaltigt wurde, von einem Typen, der sich in ihr Bett legte, während sie und ihr Freund darin schliefen. Die Polizei kam, und die Geschichte war in allen Unizeitungen. Es war das einzige Mal, dass ich mitbekam, dass ein Fall sexueller Gewalt publik wurde. Ein alter Mann schrieb dem Alumni-Magazin, um zu fragen, warum denn niemand kommentiere, dass der Freund des Mädchens bei ihr übernachtet hatte, und war so etwas heutzutage schon normal? Sie wurde in ein anderes Wohnheim verlegt, und der Typ – aus unserem Jahrgang, ein Schwarzer aus einer karibischen Einwandererfamilie – wurde überall namentlich genannt und brach erst temporär, dann permanent ab und landete an der öffentlichen Universität der Ostküstenstadt, in der er aufgewachsen war.

Jahre später hörte ich von einem Freund des Typen, dass man ihn letztendlich von allen disziplinären und strafrechtlichen Vorwürfen freigesprochen habe, doch da sei es für ihn schon nicht mehr infrage gekommen, an die Uni zurückzukehren. Er hatte eine heimliche Affäre mit dem Mädchen gehabt, und eines Nachts war er betrunken in ihr Zimmer gewankt, und der Freund war aufgewacht und hatte den Typen konfrontiert, und das Mädchen saß in der Zwickmühle.


4.

Meine Freundin aus dem zweiten Jahr, mit der ich nach dem Abschluss wieder eine Weile zusammen war, als ich in L.A. lebte und sie für eine NGO in Port-au-Prince arbeitete, hatte die Angewohnheit, offensichtlich sarkastische Aussagen wörtlich zu nehmen, wenn sie betrunken war. Dann stritt sie mit der Person über Punkte, in denen beide vermutlich einig waren. In einer Taqueria in Echo Park, wo hyperbunte Alpenwandgemälde mit Wasserfällen und galoppierenden Pferden an der Wand hingen, machte ich etwa einmal die Bemerkung, dass es ziemlich erstaunlich sei, dass es in unserem letzten Jahr nur zwei Vergewaltigungen an der Uni gab, und welch ein Zufall, dass ich beide Opfer persönlich kannte. Das passiert noch viel, viel öfter, sagte meine Freundin. Mir ist es im ersten Jahr passiert.

Das Gespräch kam zum Erliegen und dann auf andere Themen. Die Einzigen, die es interessierte, waren zwei schwule Ex-Kommilitonen, von denen einer immer noch behauptete, bi zu sein. Als wir in meine Wohnung zurückkehrten, hatte ich schlechte Laune. Sie verstand nicht, warum, und sagte, das sei vor langer Zeit gewesen, und sie wolle jetzt nicht "darüber", sondern über "uns" reden, und ob ich sie liebte, was ich nie gesagt hatte, aber jetzt einfach sagen musste. Dann wälzte sie sich weg von mir, weil ihr auch oft sehr warm wurde, wenn sie viel trank.

5.

Diese Freundin hatte mir einmal erzählt, dass eine Freundin von ihr, eine ihrer Kolleginnen aus dem Segel-Team, der ich ab und an Pharmazeutika verkauft hatte, von einem Sportler vergewaltigt worden war, als der sie auf ihrem Zimmer besuchte. Sie war von ihrer Magersucht zu geschwächt, um sich zu wehren. Eines Nachts im letzten Jahr brachte ich ihr eine Lieferung vorbei und nickte auf ihrem Bett langsam ein – draußen war es kalt, und bei ihr war es gemütlich, sie hatte ein teures Privatbett mit einer großen Matratze. Anfangs fand sie es noch in Ordnung, doch dann kam unmerklich ein anderer Wind auf, und sie lichtete den Anker und sagte: Sorry, nein.

Im zweiten Jahr hatte sie in einer großen Wohnheimsuite gewohnt, und eins der anderen Mädchen, aus einer bekannten amerikanischen Familie industrieller Philanthropen, wandte sich plötzlich gegen sie und verpetzte sie wegen ihrer Kokainsucht, obwohl die Erbin selbst in dem Bereich viel schlimmer war, wenn man meiner Kundin glauben konnte. Sie wurde zwei Tage lang wegen Mangelernährung und Dehydrierung im Krankenhaus behandelt. 

Nach ihrer Entlassung nahm sie ein Taxi zu ihrem SUV, der inzwischen Strafzettel angesammelt hatte. Sechs Jahre nach unserem Abschluss (sie hatte keinen, doch ihre Eltern setzten durch, dass sie dabei sein konnte, denn es könne sie sonst gefährlich aus der Bahn werfen) starb sie in Colorado an Herzversagen. Ein paar Freunde, die davon wussten, dass ich ihr manchmal Zeug verkauft hatte, fragten mich, ob ich angesichts ihrer Todesursache Schuldgefühle hätte, und ich fand die Frage idiotisch. Ich suchte online nach ihrem Nachruf und klickte mich zum Gästebuch durch, doch da war es schon archiviert und offline genommen worden, und man musste bezahlen, um es wieder zu öffnen.

6.

Einmal ging ich nach einem Champagnergelage mit einer wohlhabenden, schlanken Blondine nach Hause, die mir nur oberflächlich bekannt war. Wir liefen am Gesundheitszentrum für Studierende vorbei, und ich konnte nicht beurteilen und bemühte mich auch nicht zu beurteilen, ob sie mich mit in ihr Wohnheim nehmen wollte. Auf ihrem Zimmer wurde ich, wie ich später erfuhr, sehr streitlustig. Ich setzte sie vor die Tür, auf den Korridor, zog ihren mit nautischen Motiven bedruckten Flanellpyjama an und ging schlafen. Sie schlief bei einer Freundin den Gang runter auf dem Sofa. Ich schrieb ihr einen Entschuldigungsbrief auf zu großem Briefpapier, das ich für Todesfälle reserviert hatte. Da diese nicht besonders häufig waren, dachte ich mir, ich könnte es ganz gut verwenden.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

Mehr VICE
VICE-Kanäle