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Der Macher von 'Doom' hat ein Handyspiel über Tacos herausgebracht

Ich habe John Romero auf Twitter bezüglich 'Gunman Taco Truck' und Rassismus angeschrieben. Was folgte, ist der Jugendtraum eines jeden Fanboys.

von Josef Zorn
23 Februar 2017, 11:21am

Ein gutes Handyspiel ist selten. Wobei man hier vielleicht die Definition von "gut" und "Handyspiel" durchkauen müsste – aber lieber ein anderes Mal. Immerhin geht es hier um den Macher von Doom, und damit des Spiels, das absolut jeder von euch kennt, der in den 90ern schon mit einem PC gesegnet war. John Romero, der diesen wohl weltbekannten Egoshooter mitentwickelt hat – genau wie Wolfenstein 3D und Quake –, reisst aktuell wieder erfolgreich meine ganze Aufmerksamkeit an sich. Und zwar ausgerechnet mit einem Mobile-Game über Tacos. Das Beste ist aber, dass ich mit diesem Helden meiner Jugend in direkten Kontakt treten durfte.

Kurz zum Spiel: Gunman Taco Truck ist eine sehr coole Mischung aus Verwaltungssimulation – Tacos zubereiten und die Lagerbestände einteilen – und irrem Geballere auf pixeligen Autobahnen voller in Blutfontänen explodierenden Mutanten. Und das alles, während man den Fast-Food-Truck von einer Stadt in die nächste fährt. Ziel ist es, den Truck durch die postnuklearen USA bis nach Kanada zu bringen. Aus den zerstückelten Körperteilen und dem mutierten "Roadkill" machst du dann direkt die Fleischeinlagen für die vielen, teils echt kompliziert aufgebauten Tacos. Riesenameisen-Taco, Schimmel-Taco oder das "Menacing Taco", dessen Rezept ich mir nie merken kann.

Die Idee für Gunman Taco Truck hatte übrigens Donovan Brathwaite-Romero, John Romeros Sohn, der damals neun Jahre alt war.

John Romero, der mittlerweile in Irland lebt, ist selber auf Twitter stark vertreten. Er postet immer wieder mal alte Doom-Sprites oder auch Videos von alten Mac 2-Spielen, die er vor Ewigkeiten gemacht hat. Ich habe am Release-Tag von Gunman Taco Truck gleich mal Romeros Posting geteilt und das Spiel sofort runtergeladen. Das erste Bild, das ich nach dem Start gesehen habe, war ein Typ vor einer Zaunabsperrung, der "Oh thank you, Lord! A Mexican!" ausrief und neben einem "Keep Inside"-Schild stand. Diese Figur ist übrigens Johns Vater, wie ich jetzt weiß – aber dazu später. Bevor ich das wusste, machte dieser erste Eindruck mich und mein zynisches Millennial-Gehirn jedenfalls stutzig, und ich glaubte an irgendeine subversive politische Bedeutung. 

Warum also nicht einfach direkt den Mann hinter dem Ganzen fragen? Weil man sich auf Twitter aber kurz halten muss, habe ich John Romero etwas plump mitgeteilt, dass ich Gunman zwar super finde, aber nicht sicher bin, ob das Spiel vielleicht ethnisch unsensible Elemente enthält. Auf diese eher spontan hingerotzte Anfrage folgte ein kleiner Fanboy-Traum.

John Romero hat meine Tweets nicht nur gelikt, sondern auch darauf geantwortet und mir seine Mail-Adresse gegeben. In diesem ersten Bild samt zufällig generierten Text, das ich bei Gunman vorgesetzt bekommen hatte, sah ich ein überspitztes politisches Statement. Ich wollte von Romero nun also wissen: Ist in dem Spiel ein versteckter Seitenhieb auf Rassismus, Einwanderung, Trump oder gewisse Mauern, die gebaut werden sollen, enthalten? 

Alle Screenshots vom Autor 'Gunman Taco Truck' (c) Romero Games

Oder ist das Spiel vielleicht allgemein ironisch gemeint und will Stereotype ad absurdum führen? Es war jedenfalls ein kleiner semantischer Strudel der politischen Korrektheit, in den ich da geraten war. Ja, ich weiß, das ist eine sehr überinterpretierende Sicht auf die Welt und sicher auch gewissermaßen traurig, dass man in diesen politisch surrealen Zeiten jede Mexiko-Referenz sofort als gesellschaftspolitisches Statement sieht. Aber um so besser waren John Romeros Antworten.

Ich bin Mexikaner und Native American. Ich habe die gesamten Dialoge in 'Gunman Taco Truck' selber geschrieben und kann dir versichern, dass es definitiv nichts Beleidigendes gegenüber Mexikanern beinhaltet. Tatsächlich ist es so, dass es sich bei jeder Erwähnung des Worts "Mexikaner" um einen sehr positiven Satz handelt. Das Spiel versetzt dich direkt in die Position des letzten Mexikaners auf Erden und alle anderen nordamerikanischen Überlebenden sind einfach nur froh, dich zu sehen – einen Mexikaner, der Tacos machen kann. In den USA liebt man gute Tacos!

In mexikanische Familien dreht sich überhaupt alles ums Essen und Kochen. Über Generationen hinweg werden Rezepte weitergegeben und im Gedächtnis behalten, ohne sie nachschlagen zu müssen. So zeigen Mexikaner ihre Gefühle und beweisen ihre Liebe: Sie kochen dir was. In 'Gunman Taco Truck' lassen wir den Spieler dieses Gefühl nachempfinden. Wenn du die Tacos aber falsch zusammenstellst, beschweren sich die Kunden wütend und wollen ihr Geld zurück. Das ist "cartoony" und lustig, das kann man vielleicht als eine Art Statement sehen, in Bezug auf die "Mir steht nur das Beste zu"-Kultur der USA.

"So zeigen Mexikaner ihre Gefühle und beweisen ihre Liebe: Sie kochen dir was. In  Gunman Taco Truck lassen wir den Spieler dieses Gefühl nachempfinden."

Als John Romero mit dieser simplen Erklärung antwortete, die noch dazu voller liebenswerter Selbstverständlichkeit war und ganz ohne Ironie auskam, war ich ziemlich erleichtert. Keine überlangen politischen Brandreden, keine Meta-Ebenen und moralischen Fallen – und keine versteckten "Das wird man wohl noch sagen dürfen"-Rassismen. Kein böser Hintergedanke. Einfach nur: Mexikaner sind super, Tacos sind super, wer mag bitte keine Tacos?! Eine fast hoffnungsvolle kulinarische Botschaft der Liebe, die ich gerne doppelt und dreifach unterschreibe.

Als ich Gunman Taco Truck im Bett, in der U-Bahn und in jeder anderen freien Minute auf dem Handy in mich aufsog, ist mir außerdem noch etwas aufgefallen: Nicht nur, dass dieses Handyspiel Frust-Qualitäten und herausfordernde Schwierigkeitsgrade hat, die mit jedem vollwertigen Videospiel mithalten können – ich fühlte mich sogar tatsächlich mehrfach an den Klassiker Doom erinnert.

Auf eine merkwürdige Art und Weise kam ich mir vor – obwohl ich ein Smartphone in den schwitzigen Händen befingerte –, wie an den PC-Bildschirm der 90er zurückversetzt, als ich wild links und rechts zuckend den Feuerbällen der Doom-Imps ausgewichen bin. Genau so körperlich angespannt und turbotippend bearbeite ich den Handyscreen bei Gunman Taco Truck

Auch die extrem einfache Story, die in drei Standbildern heruntergebrochen wird, scheint seelenverwandt mit Dooms simplen Textanzeigen, die damals erklären sollten, was zum Teufel in dieser Höllenhandlung überhaupt passiert. Kurz. Lustig. Es geht um das Spiel und nicht um die große Narration dahinter. 

Das Gameplay der Straßenschlachten in Gunman Taco Truck ist extrem schnell, überfordert mich teils sogar, und man muss dabei auch punktgenau sein. Für das Zusammenstellen der Taco-Rezepte in den schwierigeren Levels strenge ich wiederum mein Gedächtnis auf das Härteste an (ich mache sogar Notizen, wozu ich mich das erste und letzte Mal bei The Witness gezwungen fühlte). 

In Doom gab es dieses unglaublich schnelle Gameplay und die Massen an Gegner, die mir entgegen stürmten ebenfalls. Genauso forderte dieser Heavy-Metal-Egoshooter damals aufgrund des komplexen Designs der Levels und Räume mein Erinnerungsvermögen heraus wie kein anderes Spiel. "Wo muss ich hin. Orientierung verloren! Hier war ich schon, es liegen ein Haufen toter Monster herum." John Romero gab mir recht.

Ich fühlte mich sogar tatsächlich an den Klassiker Doom erinnert.

Diese Parallele zwischen 'Doom' und 'Gunman' gibt es wirklich. Man braucht ein gutes Gedächtnis für die Rezepte und viel Geschicklichkeit für die Schieß-Sequenzen des Spiels am Highway. Leute mögen Lernprozesse und besonders, für das Dazugelernte belohnt zu werden. Dinge über viele Teilbereiche hinweg zu meistern, ist spaßig und interessant. 

Etwas vollkommen zu beherrschen, ist im Gegenzug dann wieder langweilig. Deshalb ist Gunman Taco Truck ein "Rogue Like" – also ein Spiel mit zufällig generiertem Verlauf. Man kann den Weg nach Kanada, Winnipeg, nicht auswendig lernen, die Zutaten haben immer verschiedene Verfügbarkeit in den Shops, so wie auch die Mods in den Garagen. Hierbei Intelligenz zu beweisen und die immer neuen Situationen zu meistern, fühlt sich super an für den Spieler. 

Ich bin sehr stolz auf meine mexikanische Herkunft. Mein Vater ist übrigens der allererste Charakter, den man im Spiel sieht. Mein Sohn Donovan hat sich das Spiel ausgedacht und eine Menge Concept Art dafür erstellt. Er hat ganz viel gezeichnet und jede Idee des Spiels genau beschrieben, bevor wir etwas umgesetzt haben. Alle Tacos, Monster, Waffen, Trucks und die Zutaten sind von ihm. 

Wie diese mexikanischen Rezepte, von denen John erzählt, haben er und seine Frau Brenda (die übrigens auch eine bekannte supersmarte Spiele-Entwicklerin ist) auch ein Stückchen "Gaming-Genetik" an den gemeinsamen Sohn weitergegeben. Irgendwie eine schöne Geschichte, die da hinter dem netten kleinen Mobile-Spiel steckt. Besonders muss ich dabei unterstreichen, dass Gunman Taco Truck auch ohne jegliches Wissen über die irgendwelche Hintergründe einfach sehr großen Spaß macht. 

Für mich, der ich mit Doom, "wolf3d.exe" und Romeros Vermächtnis aufgewachsen bin, fühlte sich die ganze Sache aber außerdem ein bisschen so an, wie von Super Mario High Five zu bekommen oder die Motorsäge von Evil Dead-Ash halten zu dürfen. Ein guter Tag; ein gutes Spiel.

Josef auf Twitter: @theZeffo