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akademikerball

Eine Zeitzeugin über den Akademikerball und die "Dritte Republik"

Die Zeitzeugin Dora Schimanko hat uns einen Text geschickt, in dem sie ein bisschen aus ihrem Leben erzählt und erklärt, warum es für sie so wichtig ist, gegen den Akademikerball zu demonstrieren.

von Dora Schimanko
01 Februar 2017, 10:30am

Titelfoto: Kurt Prinz

Die heute 84-jährige Dora Schimanko flüchtete 1938 nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland mit ihrer Familie nach England, um der Verfolgung durch die Nazis zu entgehen. "Ob sie uns als Linke oder als Juden verfolgt hätten, wäre in unserem Fall völlig egal gewesen", schreibt Dora Schimanko in ihrem 2011 erschienen Buch "Warum so und nicht anders". Nach der Rückkehr nach Wien 1946 engagierte sich Dora Schimanko unter anderem in der KPÖ. Seit vielen Jahren tritt sie außerdem in Schulen und bei öffentlichen Veranstaltungen als Zeitzeugin auf. Schimanko zählt zu einer der schärfsten Kritikerinnen des sogenannten Akademikerballs und engagiert sich für die Initiative #aufstehn.

Spätestens seit dem Wiener Kongress sind in dieser Stadt Bälle mehr als nur Tanzvergnügen. Sie dienen sowohl der Repräsentation verschiedener Gruppen als auch der Vernetzung von Menschen und Organisationen mit ähnlichen Strukturen und Zielen.

Der Burschenschafterball des Wiener Korporationsrings, der auch dieses Jahr wieder in der Wiener Hofburg stattfindet (offizieller Veranstalter ist seit 2013 die FPÖ, Anm.), war von Anfang an ein Treffen der radikalen politisch Rechten. Er diente und dient ihrer Repräsentation und Vernetzung. Mit dem Vormarsch rechtspopulistischer Parteien und Gruppen wurde dieser Ball zum Treffpunkt solcher Leute aus vielen europäischen Ländern. 

Es gab Proteste und Demonstrationen gegen diesen Ball, die schließlich zur Änderung der offiziellen Trägerschaft und des Namens führten. Dennoch erfüllt der jetzige Akademikerball nach wie vor die Funktionen des Burschenschafterballs.

Es ist grauenhaft, dass die repräsentativsten Räumlichkeiten der Zweiten Republik von einer privaten Betreibergruppe nach rein kommerziellen Kriterien für eine solche Veranstaltung vermietet werden. Das kommt fast einer Käuflichkeit des Rufes dieser Republik nach.

"Die allgemein böse Stimmung machte mir Albträume und ich begriff gefühlsmäßig, dass wir ausreisen müssten."

Den wenigsten österreichischen Staatsbürgern ist bekannt, dass nur ein Beschluss beim Treffen der Siegermächte in Jalta Anfang 1945 (bei der die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges ihre Einflussbereiche festlegten) die Zweite Republik und damit Österreich als selbstständigen Staat ermöglicht hat.

Im März 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein. Unser Land wurde (unter Gewaltandrohung) als "Ostmark" dem sogenannten "Dritten Reich" angeschlossen und dieser Anschluss von den meisten Staaten der Welt anerkannt. Daher galten wir ab diesem Zeitpunkt fast überall als Deutsche. Etwa in England und dem Commonwealth, den USA und in Frankreich. Eine Außnahme stellte die Sowjetunion dar. Dort gab es die österreichische Nationalität ohne Staatszugehörigkeit.

Ich war beim Anschluss erst 5 Jahre alt und verstand natürlich nicht, weshalb ich plötzlich in einen anderen Kindergarten gehen musste und nicht mehr allein auf die Strasse durfte, wieso so viele Nachbarn und Fremde in unserer Wohnung einquartiert wurden. Aber die allgemein böse Stimmung machte mir Albträume und ich begriff gefühlsmäßig, dass wir ausreisen müssten.

Hier kannst du die Geschichte des Akademikerballs und seiner Proteste nachlesen.

Ich kam mit einem Kindertransport nach England und hatte das Glück, dass meine engsten Verwandten die Nazizeit in England und in anderen Ländern überleben konnten.

Für mich persönlich als Flüchtling war die Anerkennung Österreichs als Staatsgebilde Anfang 1945 ein Wechsel vom "feindlichen Ausländer" in England zum "einfachen Ausländer". Das bedeutete für uns ein Nachlassen der Postzensur, freies Reisen ohne Meldung bei der Polizei und dass vieles erlaubt wurde, was den "Feindlichen" (enemy aliens) verboten war.

Die nach Kriegsende erfolgte Gründung der Zweiten Republik und das Etablieren unserer jetzigen Verfassung waren also direkte Folgen des Sieges über den deutschen Faschismus. So war es nur logisch, dass Propaganda für ein großdeutsches Reich, Antisemitismus oder Wiederbetätigung (im Sinne der Tätigkeit für nazifaschistische Ziele) verboten wurden und diese Gesetze Teile unserer Verfassung wurden.

Schon nach der Rückkehr nach Wien im Jahre 1946 hatte ich nicht nur unter den schlechten Lebensbedingungen der Nachkriegszeit zu leiden, sondern auch unter dem anerzogenen Antisemitismus meiner Schulkollegen. Alle Betroffenen betonten damals, es brauche halt Zeit, um die Auswirkungen der Nazizeit zu beseitigen und die Einhaltung der Verfassungsgesetze zu sichern.

"Will die Zweite Republik mit dem Burschanschafterball in der Hofburg dokumentieren, dass sie das Nazi-Erbe antreten würde?"

Es gab und gibt aber stets Gruppen, die faschistische Gedanken fördern. In letzter Zeit kommt es immer wieder vor, dass gerade die Gesetze, die uns vor diesen Gruppen schützen sollen, nicht oder nur sehr nachlässig exekutiert werden. Antisemitische Plakate und sogar die Bezeichnung von KZ-Häftlingen (die meistens Opfer politischer und rassischer Verfolgung waren) als Verbrecher wurden nicht entsprechend bestraft.

Das fand einerseits Beifall bei den nach wie vor großdeutsch agierenden Burschenschaftern. Andererseits gab es im In- und Ausland – besonders in Ländern, die gegen die Hitlerbarbarei gekämpft hatten – schon öfter Kritik.

Will die Zweite Republik mit dem Burschanschafterball in der Hofburg – die immerhin als Ausweichquartier des Parlaments vorgesehen ist – dokumentieren, dass sie das Nazi-Erbe antreten würde?

Die vielfachen Bestrebungen, unsere Verfassung zu ändern oder gar eine "Dritte Republik" auszurufen, jagen mir 70 Jahre später noch immer Angst ein. Werden unser aller Freiheiten, offen zu reden, einen anderen Glauben zu haben, alternativ oder unangepasst zu leben in einer "Dritten Republik" bestehen bleiben?

Es lässt mich erschaudern, wenn heute Befürworter solcher Ideen wieder in den repräsentativsten Räumlichkeiten der Republik tanzen. Es gilt, den Anfängen zu wehren!

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