Österreich hätte selbst Werteschulungen nötig

Sebastian Kurz fordert Werteschulungen für Geflohene. Aber welche Werte wollen wir vermitteln? Und halten wir uns selbst an sie?

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06 November 2015, 11:15am

Foto: Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres | Flickr | CC BY 2.0

Jeder hat einen anderen Lösungsansatz für die Asylsituation. Die einen sind für Anpacken, die anderen für Wegpacken und wieder andere wählen den guten alten österreichischen Mittelweg: nicht zu radikal, nicht zu liberal und vor allem keine praktische Hilfe, sondern theoretische Reglements.

Ein aktuelles Beispiel dafür liefert Integrationsminister Sebastian Kurz, der eine verpflichtende Werteschulung für Geflohene verlangt. Das ist vielleicht nicht wahnsinnig ergebnisorientiert, aber es zeigt zumindest, dass es uns um Statements geht. Genau wie damals im September, als die ÖVP einen recht ergebnislosen 8-Punkte-Aktionsplan zur Bewältigung der Asylsituation vorgestellt und damit eine Meme-Flut im sozialen Netz ausgelöst hat (inklusive einer Auffrischung der Erkenntnis, dass man als Politiker niemals Schilder in die Kamera halten sollte).

Anscheinend reichen Forderungen und Theoriegebilde in Österreichvöllig aus, um uns das Gefühl zu vermitteln, dass unsere Politiker die Ärmel hochkrempeln und sich eines Problems annehmen. Aber wenn wir schon nicht weiter überlegen als bis zum gedanklichen Grenzzaun aus „Die haben es ja auch nötig, dass ihnen endlich mal jemand Menschenrechte beibringt", ist die Frage zumindest, welche einheimischen Werte wir den neu ankommenden Refugees denn eigentlich vermitteln wollen.

Laut Kurz geht es vor allem um Werte wie Menschenwürde, Gleichberechtigung, Rechtsstaatlichkeit oder Demokratie. Daneben sollen aber auch Themen wie die Kindergarten- und Schulpflicht, die Notwendigkeit des Deutschlernens, die Einhaltung der Nachtruhe oder das richtige Verhalten im Gesundheitssystem auf dem eintägigen Schulungsprogramm stehen.

Dass diese Punkte an sich nicht unwichtig sind, steht für mich genauso außer Frage, wie der Umstand, dass die Unterstellung, man müsse den Zuwanderern all das erst mal erklären, auf reinen Vorurteilen basiert. Was zwischen (und eigentlich auch in) den Zeilen) mitschwingt, ist die Vorstellung, dass Refugees ihre Kinder aus den Schulen abziehen, ihnen Deutsch verbieten und im Krankenhaus einen Aufstand machen, wenn sie nicht sofort aufgerufen werden.

Umgekehrt könnte man natürlich die Frage stellen, wie viele unserer angeblichen Grundwerte wir selbst nicht nur in Schulungen vermitteln, sondern auch in unserem eigenen Alltag den Refugees vorleben.

Gehört es zu unserer Vorstellung von Menschenwürde, Menschen aus Kriegsgebieten in Lagern, Containern und auf der Straße schlafen zu lassen? Gehört es zu unserem Verständnis von Gleichberechtigung, dass in einer ÖVP-geführten Landesregierung genau 0 (in Worten: null) Frauen vertreten sind? Gehört es zu unserem Konzept von Rechtsstaatlichkeit, die Hilfe für Tausende Ankommende auf private Unterstützer auszulagern und Verantwortung weiter zu delegieren? Gehört es zu unserer Idee eines aufgeklärten europäischen Landes, auf Krisen mit Abgrenzung, Zaunbau und Kampfrhetorik zu reagieren? Gehört es zu unserer Auffassung von Demokratie, Christen die Freiheit zu lassen, welche Bibelversion sie glauben wollen, aber Muslimen eine einheitliche Koran-Übersetzung vorzuschreiben?

Und das sind nur jene Punkte, an denen die ÖVP in irgendeiner Form beteiligt ist. Wenn man als Refugee aus der Kurz'schen Werteschulung kommt und noch dazu einen Volksrocker über die Unterdrückung der heterosexuellen Mehrheit und angeblich polizeistaatliches Vorgehen gegen seine Facebook-Postings fantasieren hört, während eine antisemitischen Verschwörungstheoretikerin krampfhaft ihr Mandat verteidigt und ein FPÖ-Abgeordneter bei der Todesroute über das Mittelmeer nur an das Volkslied „Eine Seefahrt, die ist lustig" denken muss, dann ist eines völlig klar: Gut, wenn man lernt, dass bei uns ab 22:00 Uhr Nachtruhe herrscht.

Und: Eigentlich gar nicht so verwunderlich, dass man in Österreich Schulungen für die Vermittlung unserer angeblichen Grundwerte braucht.

Markus auf Twitter: @wurstzombie

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