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Das 'Game of Thrones'-Staffelfinale war niederschmetternd, dramatisch und tödlich

Die heiß erwartete letzte Folge der sechsten Staffel versprach, ein großes Feuerwerk zu werden. Und genau so sollte es auch kommen. Eine Analyse.

von J. W. McCormack
29 Juni 2016, 6:00am

Bild: bereitgestellt von HBO

ACHTUNG: Dieser Artikel enthält Spoiler für die komplette sechste Staffel.

Die düstere Seite von Westeros

Hast du schon das Finale der sechsten Staffel von Game of Thrones gesehen? Bzw. hast du das "Was bisher geschah"-Segment gesehen, mit diesem komischen Direkteinstieg in die Szenerie mit den Leichenbergen und verlustreichen Triumphen vom Battle of the Bastards, begleitet von den Klängen Wagners? Und was ist mit der darauffolgenden Einleitung, die sich noch einmal mit dem Gemetzel von Dorne beschäftigte—inklusive einem Ned-Stark-Zusammenschnitt und einer Zusammenfassung der derbsten Sätze aus Staffel 6? Die Einleitung, die den opernhaften und elegischen Ton einführte, der sich durch den gesamten Rest der Folge ziehen sollte?

Und falls du die Folge schon mehrmals angeschaut haben solltest: Hast du das einem Sonnensystem ähnelnde Gebilde bemerkt, das während des Abspanns immer über Westeros schwebt und nun tatsächlich in der Bibliothek von Oldtown zu sehen war? Und was ist mit dem stillen und langsamen Spannungsaufbau, als sich die Silhouetten von Cersei, Tommen, Margaery und dem High Sparrow ihre Kampfgewänder anziehen?

Ich frage das alles nur, weil die etwas unheimlich anmutende Stimmung von "The Winds of Winter" scheinbar schon feststand, bevor die eigentliche Story begann. Außerdem weiß ich, wie gereizt manche Leute auf Spoiler reagieren, und will deshalb jedem die Chance geben, es sich noch mal zu überlegen und vielleicht doch nicht weiterzulesen. Ich meine, es kann ja sein, dass man das Staffelfinale noch nicht gesehen hat. Immerhin haben die GoT-Produzenten bei dieser Folge auch absolut keine Gefangenen gemacht, eine Bombe nach der anderen platzen lassen und das Setting ausradiert, an das wir uns in den 59 vorherigen Folgen gewöhnt hatten.

Vom Ableben von neun namentlich bekannten Charakteren (ich rechne hier die böse Nonne mit ein, die wohl irgendwo im Off sterben wird) will ich hier gar nicht erst anfangen. Denn das war echt krass. Das Staffelfinale, das fast so lang daherkam wie ein Spielfilm, startete gleich voll durch: In einer durchgängigen und mit dem Fokus spielenden Sequenz, die man mit einer lieblichen Klaviermelodie unterlegt hat, führen die Produzenten uns direkt vor Augen, dass wir keine Chance haben, die Bürger von King's Landing vor der drohenden Katastrophe zu warnen. Wir sehen dabei zu, wie die Massen in die Great Sept of Baelor drängen, um bei den Verhandlungen von Loras und Cersei dabei sein zu können (irgendwie scheint das relevant zu sein, denn man sieht eigentlich nur selten, wie sich Komparsen irgendwo versammeln). Und sofort beschleicht uns auch die Vorahnung, das da niemand lebend wieder rauskommt. Dann geht der erste Prozess jedoch ziemlich ereignislos vonstatten—wenn man mal davon absieht, dass man Loras Stirn mit einem Septagram versieht. Seine Gelübde sind dabei richtig tiefgründig, wenn man bedenkt, dass der Knight of the Flowers niemals die Gelegenheit haben wird, sie auch einzuhalten, und dass sich die düstere Seite von Westeros im Laufe der Folge immer deutlicher zeigt. Immerhin wenden sich immer mehr Charaktere—Cersei, Daenerys, Sansa und Arya—genau dieser Seite zu.

Großmaester Pycelle ist der erste, der in den Katakomben stirbt. Seine Mörder sind dabei die "Little Birds", die sein Rivale, der Gentleman-Totenbeschwörer Qyburn, damals von ihrem ehemaligen Meister Varys übernahm. Er hatte eigentlich einen ganz guten Lauf (und für diejenigen, die sowas interessiert: Der Schauspieler Julian Glover wurde jetzt schon in mehreren Filmen getötet—von Star-Wars-Rebellensoldaten über James Bond und Indiana Jones bis hin zu einem arroganten Thomas Morus.

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Der inzwischen reuevolle, ehemalige Angsthase Lancel folgt einem anderen messerschwingenden Straßenjungen in die Wildfire-Barrikaden, die sich schon bald entzünden und damit Mace, Loras, Margaery Tyrell, den High Sparrow, seine Anhänger, Kevan Lannister sowie eine unbekannte Anzahl an unschuldigen Juroren und Schaulustigen in den Tod reißt. Viele dieser Charaktere hatten dabei scheinbar noch unerledigte Aufträge und ihr Ableben mutet deswegen doch wie ein ziemlich tragischer Verlust an (OK, eigentlich haben wir das Ganze in Brans Visionen ja schon gesehen). Eigentlich untergraben nur zwei Szenen die Gewaltigkeit dieser ganzen Tragödie: Zum einen Cerseis wrestling-ähnliche Rumprahlerei vor der gefangen gehaltenen Sister Unella und, dass Gregor Cleganes seinen Helm abnimmt, während man sein Gesicht immer noch nicht sieht (hat HBO hier vergessen, eine "Smell-o-vision"-Funktion für das verrottende Fleisch einzubauen?). Und trotzdem scheint es recht angebracht zu sein, den Niedergang eines großartigen Hauses und eines wichtigen Antagonisten zu betrauern—ganz zu schweigen vom armen Tommen, der sich verzweifelt aus einem Fenster des Red Keep stürzt, nachdem er alles beobachtet hat. Was wir aus dem Ganzen außerdem lernen? Man sollte immer genau wissen, was im eigenen Keller lagert, und eine gesunde Angst davor haben.

Bild: bereitgestellt von HBO

Rache, Gerechtigkeit, Feuer und Blut

Aber selbst nach einem so starken Auftakt lässt die Folge kaum nach. Jaime schmollt im Beisein von Walder Frey und kann einfach nicht den Sieg feiern, der die Ehre gekostet hat, die er in Brienne sieht. Samwell Tarly und seine Familie kommen an der Citadel an und müssen dort natürlich erstmal den üblichen Papierkram über sich ergehen lassen: Der Erz-Registrar will, dass er sich mit dem Erz-Zulassungsbeamten trifft, damit der sicherstellen kann, dass Tarly für die Ausbildung zum Maester geeignet ist. Tarly stört das jedoch nicht weiter. Er ist inmitten des ganzen Sturm und Drangs auch weiterhin eine Auflockerung und Identifikationsfigur—allein schon, wenn er beim Anblick der riesigen Bibliothek an einen Bücherwurm erinnert, der zum ersten Mal in die Universitätsbibliothek oder in eine Großstadtbuchhandlung geht. Irgendwie hoffe ich, dass wir Tarly erst am tatsächlichen Serienende wiedersehen, wenn er seinen Debütroman fertigstellt, mit George-R.-R.-Martin-Gedächtnisbart sowie ruinierter Sehkraft in die Kamera blickt und dabei anmerkt: "Nun, es hat vielleicht mehr als 20 Jahre gedauert und mehrere versäumte Deadlines gebraucht, aber es war auf jeden Fall ein 'Game of Thrones'."

Endlich ist es mal irgendwie schön, wenn sich die Handlung nach Dorne verlagert, wo Lady Olenna Tyrell in vollem Trauergewand den verhassten Sand Snakes all das ins Gesicht sagt, was wir schon immer mal sagen wollten. Varys hat dann auch seinen großen Auftritt, indem er eine implizierte Allianz mit der Targaryen-Armada vorschlägt (was plötzlich fast alle der überlebenden Nicht-Stark-Protagonisten in ein Bündnis mit Daenerys zwingt). Was die Drachenkönigin selbst angelangt: Sie hat dann auch in ein paar verträumten, wortreichen und (wie immer) weinlastigen Szenen mit Daario und Tyrion ihren Auftritt. Bei diesen Szenen stellt man Geschlechterrollen in Frage, diskutiert über die bedauerlichen Vorzüge von Ehrgeiz gegenüber persönlichem Verlangen und überrascht uns mit Tyrions ernst gemeinter Treue zu Daenerys (immerhin war ihm so etwas wie Treue sonst immer fremd).

Solche bedeutenden Momente der menschlichen Liebenswürdigkeit spülen die Produzenten dann noch mit einer kleinen Menge an Fan-Anbiederung herunter—vor allem dann, wenn Arya in den Twins auftaucht und sich endlich an Walder Frey rächt, indem sie mindestens zwei seiner Söhne zu einem Kuchen verarbeitet und ihm diesen dann vorsetzt. Du fragst dich jetzt bestimmt, wie sie es ohne Komplizen geschafft hat, den gesamten Hofstaat lang genug zu überwältigen, um ein solches kulinarisches Unterfangen zu realisieren. Wie konnte Varys eigentlich gleichzeitig in Dorne und auf Daenerys' Flaggschiff sein? Und wie war es Olenna möglich, vom Untergang ihrer Familie zu erfahren und zwischen den Szenen nach Sunspear zu reiten? Um eine Antwort auf solch ausgezeichnete Fragen zu finden, empfehle ich, ein altbekanntes Mantra immer und immer wieder zu wiederholen: "Es ist nur eine Fernsehserie, ich sollte mich einfach mal entspannen."

Bild: bereitgestellt von Helen Sloan/HBO

Der Winter ist da

Es ist zwar auch schön zu sehen, wie sich die sonst etwas sinnlosen Daenerys-im-Rassistenland-Szenen endlich in den Westeros-Handlungsstrang integrieren, aber die Grundpfeiler von Game of Thrones sind schon immer die Lannisters und die Starks gewesen. Und trotzdem sind die beiden Häuser nur selten der größte Feind für das jeweils andere. Nein, die Bedrohung liegt immer mehr in den eigenen Reihen. In Winterfell vertreiben Davos und Jon Melisandre und Littlefinger entlockt Sansa einen Funken an glaubwürdiger Boshaftigkeit. Von Sansa können wir sowieso noch eine Art dunkle Phase erwarten, wenn man bedenkt, wie sie beim Tod von Ramsay Bolton gelächelt und wie augenscheinlich widersprüchlich sie auf die Krönung von Jon Snow reagiert hat.

Game of Thrones läuft immer dann zur Höchstform auf, wenn die Produzenten den Fantasy-Aspekt der Serie dazu nutzen, um sich auf die Komplexität von zeitgenössischen Beziehungen zu beziehen—ganz abseits von den genretypischen Unterscheidungen zwischen Gut und Böse. Sansas destruktives Verhältnis zu Baelish ist in Bezug auf die Darstellung einer Person unerreicht, die sich bewusst ist, wie sie manipulative und gleichzeitig attraktive Macht einsetzt. Und die Machtlosen dürstet es natürlich nach Macht: Sansa kennt quasi nichts außer Leid und sehnt sich deswegen nach der Kontrolle über ihr Schicksal, das bisher immer in den Händen anderer Menschen lag. Und Baelish spürt ein Verlangen nach einer Liebe, die so groß ist, dass selbst ein ganzer Kontinent sie nicht ersetzen konnte. Gleiches gilt für Cersei, die am Ende des Staffelfinales als böse Königin mit bösen Schulterstücken dasteht, während ihr geliebter Jaime sie anblickt und dabei förmlich "Majestät, ich bin mir nicht so sicher, ob das eine gute Idee ist" zu schreien scheint.

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Irgendwie hat es etwas Beruhigendes an sich, dass man Brans Vision, die Jon Snows wahre Abstammung (ein mehr als offenes Geheimnis) bestätigt, weder flüchtig abhandelt, noch zu einem unglaublich tiefgründigen Moment der Episode macht. Schon im Laufe der ganzen Staffel sind die Produzenten immer darauf bedacht gewesen, viel Wert auf die genauen Einzelheiten der eigentlichen Handlung zu legen—obwohl man auch viele Fan-Wünsche erfüllt, überflüssige Charaktere verabschiedet und unvollendete Handlungsstränge wiederaufgenommen hat. Deswegen können wir uns jetzt auch mal mit nicht so wichtigen Charakteren wie etwa Lyanna Mormont beschäftigen, die erzählerische Kongruität von Dingen wie die Übernahme von Robbs "King in the North"-Schlachtruf analysieren und Details wie etwas Cerseis neue Löwenkrone oder die neu gestalteten Segel von Daenerys' Flotte bewundern.

Man munkelt, dass die letzten beiden GoT-Staffeln jeweils nur sechs oder sieben Episoden umfassen. Wenn die Produzenten vorhaben, für diese Episoden das "Winds of Winter"-Motiv als Vorlage zu nutzen, dann habe ich da kein Problem damit. Eigentlich hätte das Finale dieser qualitativ etwas schwankenden Staffel nicht besser enden können, denn es hinterlässt bei uns das Gefühl, dass diese Geschichte wichtig ist und wir alle auf eine gewisse Art und Weise am Schicksal der Helden, der Bösewichte und der Charaktere irgendwo dazwischen beteiligt sind.

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