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The Woman Who Fell To Earth

Als einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes musste sich Juliane Köpcke in den 70er Jahren elf Tage lang durch den südamerikanischen Dschungel kämpfen. Wir haben sie zu ihren damaligen Erfahrungen interviewt.

von Tom Littlewood
14 Juli 2010, 2:04pm

Foto: Martin Fengel

Juliane Köpcke wurde 1954 als Deutsche in Lima, Peru, geboren. Als Tochter eines weltberühmten Zoologen (Hans-Wilhelm) und einer nicht minder anerkannten Ornithologin (Maria) besuchte Juliane eine peruanische Highschool. Ihre Eltern betrieben ein paar Hundert Meilen entfernt eine entlegene Forschungsstation im Herzen des Amazonas. Die raue Natur im Amazonasgebiet war Juliane vertraut und sie kannte sich mit den Mechanismen dieses volatilen Ökosystems gut aus. Genau dieses Wissen sollte ihr später das Leben retten.

Am Weihnachtsabend 1971, nur wenige Stunden, nachdem sie die Highschool abgeschlossen hatte, stieg die damals 17-Jährige mit ihrer Mutter in ein Flugzeug, um den peruanischen Regenwald zu überqueren. Sie wollten Weihnachten mit dem Vater verbringen. Das Flugzeug flog in ein starkes Gewitter und verschwand innerhalb von Sekunden von der Bildfläche— 91 Passagiere fanden den Tod, Juliane überlebte als Einzige. Nachdem elf Tage lang ihr Tod angenommen wurde, tauchte sie wieder aus dem Dschungel auf und wurde mit ihrem Vater wiedervereint.

Werner Herzogs Fernsehproduktion Julianes Sturz in den Dschungel nahm sich 2000 der Details ihres bemerkenswerten Entkommens an. Weil aber bei Weitem nicht genug Menschen den Film gesehen haben oder Julianes Geschichte kennen, hat Vice sich neulich mit ihr unterhalten und sie gebeten, uns alles noch mal zu erzählen.

VICE: Können Sie die Atmosphäre am Flughafen beschreiben, als Sie dort ankamen, um diesen dem Untergang geweihten Flug zu nehmen? Kam Ihnen irgendetwas verkehrt vor?
Juliane Köpcke: Ganz normal, der Flug war verzögert, aber es gibt in Peru häufig Verspätungen bei Flügen, und deswegen hat sich da keiner was bei gedacht. Ich erinnere mich, dass es sehr voll war am Flughafen, weil alle Leute nach Hause wollten, um den Heiligen Abend mit ihren Familien zu verbringen. Und dann sahen wir die Maschine draußen stehen, eine Turboprop Electra A, die sehr gut aussah. Das kann man natürlich nicht beurteilen, wenn man kein Techniker ist, aber es wirkte eigentlich alles ziemlich perfekt. Dann sind wir eingestiegen und der Flug verlief die erste halbe Stunde ganz normal ...

War es Ihre eigene Entscheidung, am Fenster zu sitzen?
Ja, ich glaube schon, denn ich saß immer gerne am Fenster und hab rausgeschaut. Und meiner Mutter war es nicht so wichtig. Wir saßen ganz hinten, das war natürlich nur Zufall, in der vorletzten Reihe.

Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass nicht alles gut läuft?
Eigentlich erst, nachdem wir in das Gewitter hineingeflogen waren. Wir haben ein Sandwich serviert bekommen, das war etwa eine halbe Stunde, nachdem wir losgeflogen waren. Wir sollten auch 20 Minuten später schon wieder landen. Es sind ja nur 50-60 Minuten bis Pucallpa.

Was ist dann passiert?
Die Wolken wurden viel dichter. Ich flog damals noch sehr gerne, ich hab es auch nicht weiter beachtet und hab nicht drauf geschaut, wie das Wetter ist. Und dann wurde meine Mutter relativ unruhig, und sagte: „Das gefällt mir gar nicht", nachdem die Wolken immer dunkler wurden und es auch immer turbulenter wurde. Dann waren wir mittendrin in pechschwarzen Wolken und einem richtigen Unwetter mit Blitzen und Donner.

Waren die anderen Passagiere auch so nervös wie Ihre Mutter?
Meine Mutter war auch nicht direkt aufgeregt. Sie war nur beunruhigt, man merkte das aber nach außen nicht. Die anderen Passagiere waren zu dem Zeitpunkt noch ruhig. Die waren auch nicht begeistert, aber man hat das nicht gespürt. Es war pechschwarz um uns herum und hat es pausenlos geblitzt. Ich sah plötzlich ein gleißendes Licht auf der rechten Tragfläche und meine Mutter sagte in dem Moment: „Jetzt ist alles aus." Da war ein Blitz in den einen Motor eingeschlagen, das sind ja Turbinen mit Propellern gewesen, und ich hab rausgeschaut, und in dem Moment ging dann alles ganz schnell. Was dann wirklich war, kann man natürlich auch nur versuchen zu rekonstruieren. Später haben wir dann erfahren, dass diese Turboprop-Elektra-A- Maschinen gar nicht dafür ausgelegt sind, durch schwere Turbulenzen zu fliegen. Ihre Tragflächen sind nicht flexibel genug. Der Blitz hat wahrscheinlich die Maschine dazu gebracht, in der Luft auseinanderzubrechen, denn sie ist jedenfalls nicht explodiert.

Juliane Köpcke am 4. Januar 1972 im Flugzeug nach Pucallpa, direkt nachdem sie im Dschungel gefunden worden war. (Foto von Harold Sells Jr., mit freundlicher Genehmigung von Juliane Köpcke)

Als Ihre Mutter gesagt hat: „Jetzt ist alles aus", hatte dieser Spruch damals eine Bedeutung für Sie?
Nein, ich kam nicht mehr dazu, darüber nachzudenken. Ich habe es registriert und danach hatte ich einen Blackout. Eins weiß ich noch: Ich hörte das unglaublich laute Brausen der Motoren und das Schreien der Leute und es ging also wirklich ziemlich steil nach unten. Danach war ich plötzlich draußen und es war still— also wirklich atemberaubend still im Vergleich zu dem Lärm vorher. Ich hörte dann aber nur das Sausen des Windes an meinen Ohren und ich hing in meiner Sitzbank. Meine Mutter und der Mann, der außen am Gang saß, sind beide herausgeschleudert worden. Ich trudelte in der Luft und ich sah den Wald unter mir drehen, wie ich dann später gesagt habe: „Wie grüner Blumenkohl, wie Brokkoli." Dann bin ich wieder in Ohnmacht gefallen und erst am nächsten Tag wieder richtig zu mir gekommen.

Was haben Sie gefühlt, während all das passierte? Hatten Sie Angst oder standen Sie einfach nur unter Schock?
Nein, Angst hatte ich keine, dazu hatte ich gar keine Zeit. Ich hatte auch, während ich fiel, keine Angst. Ich hab einfach nur registriert, dass mir der Gurt in den Bauch drückte und dass ich mit dem Kopf nach unten hing. Aber das war alles — das waren Bruchteile von Sekunden vermutlich. Oder ich hab es verdrängt, auf jeden Fall erinnere ich mich da nicht mehr dran.

OK, und dann sind Sie am nächsten Nachmittag auf dem Dschungelboden aufgewacht?
Am nächsten Morgen. Also, das ist ja mittags so gegen halb eins passiert. Am nächsten Morgen um neun war ich dann so weit, dass ich auf die Uhr gesehen habe. Ich hatte eine Uhr, die noch ging und dann erst später ihren Geist aufgab. Da hab ich dann registriert, dass ich am Boden bin und mir war sofort klar, was passiert ist. Ich hatte aber eine so schwere Gehirnerschütterung, dass ich mich nicht aufrichten konnte. Mein Auge war dann auch zugeschwollen. Meine Brille — schon seit meinem 14. Lebensjahr trage ich eine Brille, weil ich sehr stark kurzsichtig bin—hatte ich verloren. Ich befand mich an einer Stelle, an der ich den Wald vor mir sah, aber trotzdem auch ein Stück des Himmels. Ich lag unter meinem Sitz und war abgeschnallt, Mir war gleich klar, dass ich abgestürzt war, und dass ich den Absturz überlebt hatte. Durch die Gehirnerschütterung und den Schock habe ich das einfach nur zur Kenntnis genommen. Das, woran ich dachte, war nicht an mich oder was passiert war, sondern wo meine Mutter war. Das war eigentlich das Erste, an das ich mich erinnere. Ich bin bestimmt ein paar Mal vorher schon aufgewacht, bin dann aber wieder in Ohnmacht gefallen, auch durch die schwere Gehirnerschütterung. Und ich muss mich ja abgeschnallt haben, weil ich bin bestimmt angeschnallt heruntergefallen. Das hat ja Werner Herzog auch nachher rekonstruiert. Wir wissen, dass ich zuerst unter dem Sitz hing, dass der sich dann vermutlich gedreht und den Aufprall abgepuffert haben muss, sonst hätte ich es nicht überlebt. Ich hatte mich unter den Sitz gezogen, weil es regnete. Daran erinnere ich mich auch, weil ich das geträumt habe. Ich habe geträumt, dass ich total dreckig und nass bin und dass ich eigentlich nur aufstehen muss, um zu duschen. Und dann habe ich so einen kurzen Erinnerungsfetzen, dass ich mich unter diesen Sitz gezogen habe, um mich vor dem Regen zu schützen. Dann hab ich gesagt, gedacht: „Ich muss doch einfach nur aufstehen." Und als ich den Entschluss fasste, das zu tun, bin ich aufgewacht.

Können Sie sich noch daran erinnern, wie sich die Gehirnerschütterung anfühlte?
Ich habe eigentlich gar nichts gespürt, ich war wie in Watte gepackt. Ich konnte mich nur mühsam aufrichten bis auf die Knie, dann ist mir wieder schwarz vor Augen geworden. Ich sah dann auf dem einen Auge nicht gut und wie ich dann später erfahren habe, waren wahrscheinlich durch den Aufprall und natürlich auch dadurch, dass ich herausgeschleudert wurde aus der Maschine durch den Druckunterschied die Adern in den Augen geplatzt. Deswegen war das Weiße in meinen Augen blutrot. Da habe ich vermutlich wie ein Zombie ausgesehen, wie man sich das in den Filmen so vorstellt. Ich selber habe davon nichts gespürt. Ich habe keinerlei Schmerzen gehabt und auch später keine Kopfschmerzen. Ich hatte nur Schwindel und mir wurde immer wieder dunkel vor Augen. Am Anfang bin ich dann immer wieder umgekippt, das hat so einen halben Tag gedauert, bis ich wieder aufstehen konnte.

„Durch den Aufprall und den Druckunterschied sind die Adern in den Augen geplatzt. Deswegen war das Weiße in meinen Augen blutrot."

Trotz dieses Zustands, war der erste Gedanke natürlich, Ihre Mutter zu finden.
Ich habe einen ganzen Tag lang gesucht und dann hab ich gemerkt, dass da niemand ist. Ich bin also überall herumgekrochen, ich habe gerufen und einfach nichts gehört. Noch am Nachmittag dieses Tages fand ich eine kleine Quelle und ich erinnerte mich, dass mein Vater gesagt hatte: Wenn man sich im Urwald verläuft und Wasser findet, dann soll man unbedingt dem Lauf des Wassers folgen.

Warum?
Das kleine Bächlein mündet dann irgendwann in ein größeres und dann wieder in ein größeres und dann stößt man irgendwann auf Hilfe. Ich hatte, als ich dieses Wasser entdeckt hatte, ein Ziel vor Augen und für mich war es eigentlich klar, was ich zu tun hatte. Es fiel mir natürlich relativ leicht, weil dort an der Absturzstelle niemand war und ich auch niemanden gefunden habe, der überlebt hatte. Hätte ich jemanden dort gefunden, der verletzt gewesen wäre, dann wäre ich vermutlich nicht weggegangen und das wäre dann der Tod für uns alle gewesen.

Sind Sie denn auch auf tote Menschen gestoßen?
Ja, ein einziges Mal, erst am vierten Tag nach dem Absturz, fand ich eine Sitzbank, die in die Erde gebohrt war. Die ist mit solcher Wucht heruntergefallen, dass sie sich etwa einen Meter in die Erde bohrte und die drei Leute, die dort angeschnallt waren, waren ganz bestimmt sofort tot. Das war natürlich ein hässlicher Moment. Es war das zweite Mal überhaupt, dass ich einen toten Menschen sah. Das andere Mal war es ein kleines Kind gewesen, das aufgebahrt war bei einer Totenmesse.

Wie sind Sie damit zurechtgekommen, diese Absturzopfer zu finden?
Ich hab das vorher geahnt, dass ich tote Menschen finden werde, weil ich habe das Geräusch gehört, das die Königsgeier machen, wenn sie landen, das ist also ein großer Kondor, der größte Neuweltgeier, den gibt es in Südamerika und ich kannte das Geräusch von früher, weil ich ja vor dem Absturz eineinhalb Jahre auf der Station meiner Eltern gelebt hatte. Als ich das Geräusch hörte, ahnte ich, dass da irgendwo ein größeres totes Tier oder ein Mensch liegen muss—und so war es dann auch. Ich kam um die Bachbiegung und fand diese Sitzbank. Ich habe von den Leuten nicht viel gesehen— nur die Füße, die nach oben standen. Ich habe dann erst mit einem Stock die Füße berührt. Ich konnte die Toten nicht anfassen. Ich roch nichts und die waren auch nicht angefressen oder irgendwie verwest. Sicher fing die Verwesung an, aber das habe ich da nicht bemerkt. Ich hab gesehen, dass es eine Frau war, weil sie lackierte Fußnägel hatte, und zwei Männer, den Schuhen und den Hosen nach zu urteilen. Nach einer gewissen Zeit bin ich weitergegangen, aber im ersten Moment war ich wie gelähmt.

Vor Schreck?
Ich weiß es nicht genau, vielleicht der Respekt vor dem Tod und der Gedanke, dass sie es nicht geschafft hatten ...

Kurz danach fingen Sie an, Suchflugzeuge über Ihnen zu hören.
Ja, aber ich konnte mich ihnen nicht zeigen, und als ich keine Maschine mehr über mir sah, wusste ich mit totaler Sicherheit, dass die Suche eingestellt worden war.

Was war das für ein Gefühl?
Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Ich war nicht verzweifelt, aber das war natürlich auch der Schock und die Gehirnerschütterung. Ich hatte keinerlei Schmerzen und kein Panikgefühl, aber mir war schon klar, dass ich jetzt aus eigener Kraft sehen musste, wie ich da rauskam. Ich wusste nicht, dass der Fluss, an den ich kam, unbesiedelt war, und hoffte natürlich doch bald Hilfe zu finden, weil es ein breiterer Fluss war. Es wurde mir im Laufe der Zeit suspekt, weil die wilden Tiere so zahm waren, von denen ich wusste, dass sie sehr scheu sind: Affen, Marder und Spießhirsche—die sieht man normalerweise nicht. Und außerdem lagen viele umgestürzte Bäume im Flussbett. Das alles ist ein Zeichen, dass der Fluss nicht befahren wird. Das hat mir natürlich sehr zu denken gegeben, aber ich hab's dann verdrängt, dass dort keine Hilfe sein könnte.

„Ich kam um die Bachbiegung und fand diese Sitzbank. Ich habe von den Leuten nicht viel gesehen—nur die Füße, die nach oben standen. Ich habe dann erst mit einem Stock die Füße berührt."

Sie waren ja außerdem nicht ganz unverletzt nach dem Absturz.
An der linken Wade hatte ich einen tiefen Schnitt, der aber nicht sehr stark blutete. Das ist ja oft so, wenn man einen Schock hat, dass die Blutung nicht stark einsetzt, obwohl der Schnitt sehr tief war. Der ist dann, nachdem ich ja immer im Wasser war und da auch schwamm oder mich treiben ließ in dem größeren Fluss, auch ziemlich groß vernarbt. Mein rechtes Schlüsselbein war gebrochen. Das hab ich gespürt, weil der Knochen gebrochen und übereinandergeschoben war. Es schaute aber nichts heraus aus der Haut, es war also keine offene Wunde.

Sie haben sich wirklich nur einen Knochen gebrochen bei diesem Sturz vom Himmel?
Alles andere ist erst später bekannt geworden, als ich zum Arzt kam. Ich hatte eine Halswirbelstauchung und ein angebrochenes Schienbein, aber nur so einen Haarriss, der war nicht weiter tragisch. Und einen Kreuzbandriss — das war an sich das schlimmste von allem, bloß hab ich davon nichts gemerkt, das war erst später, als ich dann beim Arzt war und im Bett war, da ist das eine Bein total angeschwollen, steif geworden und ich hatte 40 Grad Fieber.

Sie haben im Dschungel diese Dinge also nicht nur psychisch, sondern auch körperlich verdrängt?
Das einzige, was mich beunruhigt hat, war diese kleine Stelle am Oberarm. Das war keine tragische Wunde, aber es war eine ganz kleine, offene Wunde, da haben dann Fliegen ihre Eier reingelegt, Maden sind geschlüpft unter der Haut, und die haben dann ein Loch in meinen Arm gefressen.

Oh Gott!
Ich hatte Angst, dass mir der Arm womöglich abgenommen werden muss. Und nachdem unser Hund so etwas Ähnliches gehabt hatte—ich glaube, das war die gleiche Fliegenart—und sich das entzündet hatte, war ich dann beunruhigt und dachte, da muss ich jetzt irgendwas machen, um diese Maden herauszubekommen. Das war aber nicht so einfach. Ich hatte einen offenen Ring, den man zusammendrückte, damit hab ich es versucht, das ging aber nicht, weil das Loch schon so tief war, dann hab ich es mit einem Stock versucht, das ging auch nicht. Erst später, am zehnten Tag, als ich dann dieses Boot fand und einen Außenbootmotor mit Benzin drin beziehungsweise ein Fass, in dem auch Diesel lagerte, da hab ich, wie bei unserem Hund, Petroleum in die Wunde geträufelt und die Maden sind nach oben gekommen—nicht alle, aber die meisten. Der Rest wurde mir dann von den Leuten, die mich gefunden haben, herausgeholt, und später von dem Arzt, bei dem ich dann war.

Können wir noch mal kurz auf das Boot zurückkommen? Sie waren 10 Tage im Dschungel und auf einmal stolpern Sie über dieses Boot?
Das war ganz eigenartig. Ich hab es zuerst nicht geglaubt, ich war ja schon sehr schwach und es war der zehnte Tag am frühen Nachmittag. Ich konnte nicht mehr, habe mich dann auf eine Tiefbank sinken lassen und vor mich hingedämmert. Da hab ich gedacht, ich muss jetzt, nachdem die Sonne schon schräg stand— meine Uhr ging schon lange nicht mehr und ich musste mich nach der Sonne richten—einen Platz finden, an dem ich schlafen kann. Ich habe immer eine Stelle gesucht, die einigermaßen eben war und wo ich im Rücken etwas hatte. Entweder ein kleines Steilufer oder einen Abhang oder einen dicken Baum für alle Fälle, damit nichts von hinten an mich herankommen konnte. Und ich richte mich auf und sehe dieses Boot da liegen, das habe ich zuerst nicht geglaubt. Ich habe erstmal geglaubt, ich halluziniere, es ist soweit, dass ich nicht mehr so ganz meiner Sinne mächtig bin. Dann habe ich das Boot angestarrt und mich langsam darauf zubewegt. Schnell ging es sowieso nicht mehr, weil ich zu schwach war. Dann habe ich es angefasst und gesehen, es ist wirklich ein richtiges Boot — ein Boot mit Außenbordmotor, kein Einbaum mit Paddeln oder so. Dann sah ich einen kleinen Weg in der Nähe, der in den Wald führte, den habe ich dann genommen und wollte den Abhang hinaufkriechen. Das war sehr schwer, weil ich so schwach war und ich da kaum noch hochkam. Ich habe dann sehr, sehr lange gebraucht, um den Abhang zu erklimmen.

Juliane Köpcke in Lima am Abend ihres Abschlussballs am 22. Dezember 1971 (die Nacht vor dem Absturz). Foto mit freundlicher Genehmigung von Juliane Köpcke

Was hat Sie dort oben erwartet?
Ein Unterstand. Einfach nur eine Hütte ohne Wände, ein Boden aus Palmenrinde, darüber ein Dach, und darin befand sich der Außenbordmotor und auch dieses Fass und eine große Plastikplane darüber. Da habe ich erst versucht, mich zu verarzten, da war ein Schlauch zum Ansaugen des Diesels, das hab ich dann auch so gemacht und den Diesel in die Wunde geträufelt. Das tat dann furchtbar weh. Danach wurde es dunkel und ich habe diese Plane genommen und wollte dort erst schlafen. Der Boden war zu hart, da konnte ich nicht schlafen. Da bin ich mit der Plane zum Fluss runter und hab mich unten in den Sand gelegt. Am nächsten Tag bin ich dann wieder in die Hütte hinauf, weil es in Strömen regnete und habe dort den Vormittag verbracht. Da saßen überall Frösche. Da hab ich gedacht, ich muss jetzt unbedingt etwas essen, sonst sterbe ich.

Das klingt ziemlich pragmatisch.
Ich habe früher immer gedacht, man hat Schmerzen, wenn man hungert, und ich hatte keinerlei Schmerzen. Ich war inzwischen auch schon so apathisch und geschwächt, dass es mir schon mehr oder weniger egal war. Trotzdem habe ich versucht, diese Frösche zu fangen.

Sie wollten wirklich die Frösche essen?
Ja, aber das wäre mir nicht gut bekommen, denn das waren Pfeilgiftfrösche, die waren hochgiftig. Ich war eh zu langsam, sodass ich sie nicht fangen konnte. Dann hörte es auf zu regnen und ich hätte weitergehen wollen, aber der Wille war nicht mehr da. Plötzlich hörte ich Stimmen. Zuerst habe ich es nicht geglaubt—oder, wie Werner Herzog sagt: Es war wie Engelsstimmen. Drei Leute kamen aus dem Wald und die waren natürlich zuerst erschrocken. Meine Augen waren immer noch blutrot, auch nach zehn Tagen. Nachdem ich natürlich gut Spanisch konnte, habe ich ihnen gleich erzählt, wer ich bin. Sie haben im Radio von dem Absturz gehört und haben mir etwas zu essen gegeben und meine Wunden verarztet und wir haben dann dort die Nacht verbracht.

Was war die Reaktion von diesen Menschen, die Sie gefunden haben?
Sie glauben ja dort auch an alle möglichen Geister. Sie haben zuerst gedacht, ich bin eine Wassergöttin, eine sogenannte Yemanjá, weil die angeblich blond ist. Sie haben mich dann am nächsten Tag mit dem Boot flussabwärts gebracht. Am Nachmittag haben sie mich in einer kleinen Stadt in eine Krankenstation gebracht. Dort wurde ich verarztet. Dort war eine Pilotin, die zu den Missionaren gehörte, die in der Nähe von Pucallpa einen kleinen Ort hatten. Dort hat mich diese Pilotin mit einer kleinen zweimotorigen Propellermaschine hingebracht. Das war nur ein ganz kurzer Flug, aber mir war das natürlich nicht sehr angenehm. Es war nur eine Viertelstunde und dann wurde ich privat bei einem dieser Missionsärzte untergebracht und dort wieder gesund gepflegt.

Wie war es, als Sie Ihren Vater zum ersten Mal wiedergesehen haben?
Wir haben nicht viele Worte gewechselt, aber wir hatten uns wieder. Dann war natürlich auch gleich der Gedanke, was jetzt mit meiner Mutter war. Aufgrund meiner Erzählungen wurde die Maschine gefunden, aber es hat natürlich noch einige Tage gedauert, bis die Leichen geborgen wurden. Als meine Mutter dann schließlich identifiziert wurde, ist es uns erst ... also mir, richtig bewusst geworden, dass ich die einzige war, die überlebt hatte und dass ich meine Mutter verloren hatte. Die richtige Trauer ist erst viel später gekommen, weil ich dauernd interviewt wurde, die Kriminalpolizei kam, die Luftwaffe und örtliche Polizei. Dann hat mein Vater sehr schnell die Exklusivrechte an den Stern abgetreten. Da kamen die auch gleich und ich habe eine Zeit lang jeden Tag Interviews gegeben. Dadurch war ich natürlich ständig abgelenkt. Ich kam dann zuerst auch mit diesem Ruhm nicht zurecht. Ich war über Nacht weltberühmt geworden und ich bekam Briefe aus aller Welt, das hat mich ungeheuerlich gerührt. Ich hab es zuerst nicht verstanden, warum die Leute mir schreiben.

„Ich richte mich auf und sehe dieses Boot da liegen, das habe ich zuerst nicht geglaubt. Ich habe erstmal geglaubt, ich halluziniere, es ist soweit, dass ich nicht mehr so ganz meiner Sinne mächtig bin."

Wie war es, zusammen mit Werner Herzog wieder zurück zu der Unglücksstelle zu gehen?
Es war natürlich eigenartig. Die Absturzstelle musste gesucht werden. Es war alles dicht zugewachsen und im dichten Regenwald. Sie mussten Wege zu den einzelnen Wrackteilen, die noch genauso dalagen wie vorher, anlegen. Sie haben einen Landeplatz für einen Hubschrauber angelegt. Ich hab das relativ unbeteiligt zur Kenntnis genommen — also nicht unbeteiligt, aber ohne mich aufzuregen.

Denken Sie, dass Ihnen diese Erfahrung persönlich etwas gebracht hat?
Ich habe viel Neues gelernt. Das hat eigentlich meine Erinnerungen und meine Erfahrungen sehr bereichert und ergänzt. Vor allem war es fast wie eine Therapie, es hat mir auch psychisch sehr geholfen. Ich habe mich so darauf konzentriert, dass ich es gut mache, dass ich gar keine Zeit hatte, mich richtig aufzuregen. Was mich am meisten beeindruckte, war, als wir dann das Räderwerk des Flugzeugs aufsuchten — die eine Seite lag dort mit den Rädern nach oben — und das war so ein endgültiger Eindruck. Das war wie ein totes Tier, ein toter Organismus, wie ein Lebewesen. Und diese Endgültigkeit—dass es wirklich endgültig zu Ende ist—hat es dann auch noch mal für uns symbolisiert.

Sie reden im Film direkt in die Kamera. Das ist schon eine sehr beeindruckende Leistung in so einer Situation. War das Ihre Idee oder die von Werner Herzog?
Das war Werner Herzogs Regie. Er hat mich sehr behutsam geführt. Er wollte, dass ich es für mich erzähle, als ob ich es in mich hinein erzähle, ohne große Emotionen oder da rumzuhampeln. Er wollte es nicht sehr lebendig haben, sondern sehr bedächtig, und das kommt auch in dem Film zum Ausdruck. Aber es war für mich kein Problem, in die Kamera zu reden, wir hatten ja genug Zeit, wir haben viele Szenen auch nur einmal gedreht, worauf ich dann natürlich stolz war.

Ich finde das immer noch sehr beeindruckend und außergewöhnlich, wie Sie mit diesem Trauma umgegangen sind, überhaupt solche Erlebnisse und Erfahrungen — solche schrecklichen Dinge — zu verdrängen und zu unterdrücken.
Ja, und man muss bedenken, ich hatte keine psychologische Betreuung. Heute kriegt man da ja sofort jemanden zur Seite gestellt, aber Anfang der 70er-Jahre hat man das noch anders gesehen und es war eigentlich auch nie ein Thema. Wenn ich nicht zurechtgekommen wäre, hätte ich mich selber darum kümmern müssen. Aber es hat geklappt. Ich hatte natürlich lange Zeit noch Albträume, Jahre lang, und die Trauer ist natürlich immer wieder über mich gekommen, dass meine Mutter gestorben war und so viele andere Leute auch. Auch die Frage, wieso nur ich überlebt habe, das ist natürlich was, was mich immer beschäftigt und auch weiter beschäftigen wird.