Ich habe versucht, zu jedem Typen ja zu sagen, der mich auf der Straße angesprochen hat

Wie ihr wisst, gibt es ganz schön viele Creeps da draußen.

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29 September 2015, 8:30am

Foto: Jesse Acosta | Flickr | CC BY-ND 2.0

Eines Samstagabends als ich am Pariser Métro-Bahnhof République auf meine U-Bahn wartete, fragte mich ein Fremder: „Wollen wir einander nicht ein bisschen besser kennenlernen?"

„OK", antwortete ich. Der Typ erstarrte und glotzte mich an, als würde ich ihn auf den Arm nehmen.

„Ernsthaft? Du willst das echt?", lachte er. „Das bin ich nicht gewöhnt!" Um ehrlich zu sein, war ich das auch nicht.

Ich hatte mir vorgenommen, zwei Wochen lang zu jedem einzelnen Fremden, der mich auf der Straße anbaggerte, ja zu sagen und eine Unterhaltung mit ihm anzufangen. Einfach nur, um zu sehen, was passieren würde. Ich wollte herausfinden, wer sie waren, was in ihren Köpfen vor sich ging, ob ihre Maschen funktionierten, und, was am Wichtigsten war, ob ihnen eigentlich klar war, dass Frauen ihr Verhalten auf die Nerven geht. Die einzige Sache, die mich noch ein bisschen zügeln würde, war mein Überlebensinstinkt. Du solltest immer auf dieses kleine Warnsignal in deinem Kopf hören und dich schnellstmöglich aus einer Situation entfernen, sobald sie dir unbehaglich wird—selbst wenn der Typ, mit dem du gerade redest, dir versichert, alles sei in bester Ordnung. Bei diesem Métro-Typen klingelten allerdings keine Alarmglocken.

Also plauderten wir ein wenig. Es war ein bisschen unangenehm: Ich stand da, steif wie eine Straßenlaterne, und er saß auf einem kleinen Plastiksitz, die Hände im Schoß gefaltet. Hicham, Judith—wir stellten uns einander sehr höflich vor.


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„Ich liebe Paris, weil ihr Ladys immer elegante rosa Kleider wie das da anhabt", fühlte er sich angehalten, mir zu sagen. Wir machten Smalltalk darüber, dass er aus Picardie war und Fußball spielte. Er schien leider völlig entsetzt, als er herausfand, dass ich kein Kind mehr bin.

„Was? Du bist 29? Das glaub ich dir nicht", sagte er, die Stimme voller Enttäuschung. Ich versuchte verzweifelt, unsere nun gestorbene Unterhaltung wiederzubeleben, indem ich alle Fragen abfeuerte, die mir nur in den Sinn kamen: „Ist es schwer, Sportler zu sein? Wo in Picardie kommst du her? Magst du, äh, Zeug?" Doch er antwortete nur noch mit einsilbigem Genuschel. Ganz schön hart.

„Ich will dich nicht aufhalten, Judith, dein Freund wartet bestimmt schon auf dich", sagte er in einem letzten Versuch, der Unterhaltung zu entkommen. Wir standen schweigend nebeneinander und warteten zwei quälende Minuten auf die Métro. Es gab keinen Ort, an dem wir uns verstecken konnten—ein bisschen, wie wenn man mit dem Chef im Aufzug steht. Als die U-Bahn endlich kam, stieg ich in meinen Waggon, setzte meine Kopfhörer auf und sah zu, wie er sich absichtlich so weit weg wie möglich von mir hinsetzte. Mein Jasagerin-Experiment war ja ganz schön bescheiden losgegangen.

Am Sonntag, als ich gerade von einer besonders verschwitzten Runde Joggen nach Hause kam, sprach mich ein Typ an. Mein Schlüssel steckte schon im Haustürschloss.

„Stehst wohl auf Sport, Schätzchen?", sagte er.

„Ich tu mein Bestes", antwortete ich und klang dabei wahrscheinlich ein bisschen zu freundlich.

Er war in seinen Vierzigern und trug einen beigefarbenen Parka—der „Papa-Look".

„Das ist cool! Ich hoffe, du trägst etwas mit genug Halt? Sieht nämlich aus, als gäbe es da jede Menge zu halten, wenn du weißt, was ich meine!"

„Oder?" Nur um auch wirklich zweihundertprozentig klarzumachen, was er meinte, machte er pantomimische Brustgrabschbewegungen und drückte seine Lippen zu einem Schmollmund. „Wenn ich den nötigen Mumm hätte, würde ich fragen, ob ich sie anfassen darf. Ach scheiß drauf, ich bin mutig genug. Darf ich? Ich hab auch Geld, wenn du willst." An der Stelle musste ich ihn einfach unterbrechen. Wenn so etwas passiert, bleibe ich höflich, aber ich nehme auch kein Blatt vor den Mund.

„Nein. Ich versuche einfach, nach Hause zu gehen, und du bist gerade sehr unangenehm", sagte ich laut und deutlich. Ich musste dauernd daran denken, dass ich es mir nicht leisten konnte, mich nicht kristallklar auszudrücken, falls der Typ mich vergewaltigte und es hinterher polizeiliche Ermittlungen gab. Ich wollte nicht, dass sie mir vorwerfen konnten, man hätte mein Verhalten auch anders deuten können. Es ist traurig, dass Frauen so denken müssen.

„Oooh, warum hast du nicht gleich gesagt, dass du dich wegen deiner Figur verunsichert fühlst", spottete er.

Ich ging ins Haus und schlug die Tür zu. Jede Frau ist schon einmal so einem gruseligen Creep begegnet—oder eher mindestens fünf Mal. Glücklicherweise scheinen sich mit meinem zunehmenden Alter immer weniger Perverslinge für mich zu interessieren. Im Alter von 14 bis 18 bin ich so vielen von ihnen begegnet. Männer fragten, ob ich mit ihnen ins Hotel gehen würde, oder deuteten mit Fingern und Zunge Cunnilingus an, während sie mich anstarrten. Und um das Ganze wirklich so furchtbar wie möglich für mich zu machen, taten sie es sogar, wenn ich mit meiner Mutter unterwegs war. Die Verletzlichkeit von Teenagern muss die Perverslinge erregen.

Doch auch nach diesem Arschloch wollte ich mein Experiment fortsetzen.

Der nächste Typ, dem ich begegnete, hieß Yacine. Tatsächlich war die überwältigende Mehrheit der Männer, die im Laufe dieser zwei Wochen auf mich zukam, arabischer Herkunft. Ich habe lange überlegt, ob ich das schreiben soll, weil ich keine dummen rassistischen Vorurteile schüren will, aber es ist nun mal die Wahrheit. Ich habe mit Yacine sogar darüber geredet.

„Ach ja, machen dich viele von ihnen an? Vielleicht ja, weil sie besseren Geschmack haben, was Frauen angeht!", lachte er. Und damit wischte er seelenruhig meinen lahmen Versuch der soziologischen Analyse beiseite. War mir aber auch egal. Yacine und ich saßen auf einer rostigen Bank über dem Belleville-Park, mit einer perfekten Aussicht auf ganz Paris. Er war mir mit Abstand der liebste von den Typen, die mich angebaggert haben.

Ich muss zugeben, dass Yacine wirklich gut aussah. Er hatte karamellfarbene Haut und lange schwarze Wimpern—es sah schon aus, als würde er Mascara tragen. Ich schätze, er hat mich auch auf originelle Art angesprochen. Er ist einfach direkt auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich gerne eine Joint rauchen würde.

„Ich mache gerade Entzug, aber gegen eine Zigarette hätte ich nichts", log ich.

Um uns herum waren jede Menge Leute—spielende Kinder, Touristen—, also fühlte ich mich sicher. Ich fühlte mich sogar ganz gut. Ich fühlte mich sogar so gut, dass ich einen Zug von dem Joint nahm. Yacine sagte, er lebe in einem kleinen Vorort namens Les Lilas, in Seine-Saint-Denis. Er erzählte mir, er würde normalerweise keine Frauen auf der Straße ansprechen, „nur in extrem seltenen Fällen, wenn eine Frau so schön ist wie du". Das war höchstwahrscheinlich einfach ein Spruch, aber was soll's.

„Ich versuche, zur Ruhe zu kommen und Ernst zu machen. Ich will eine kleine Familie, ein kleines Haus, genau wie meine Eltern. Ich schätze, es ist nur natürlich, jetzt wo ich alt werde. Ich bin 30." Er gab zu, dass er nicht glaubte, dass er seine Traumfrau auf der Straße treffen werde, doch er fände es amüsant. Manchmal funktioniere es, manchmal bekäme er ein direktes „Nein".

„Ich bin mir sicher, dass es für Mädchen nervig sein kann, so angesprochen zu werden. Manche Typen sind wirklich respektlos. Aber ich glaube, ich habe ein bisschen mehr Durchblick. Weißt du, meine Ex hat sich immer über die ‚nervigen Typen' beschwert, die sie angebaggert haben, aber dann hat sie sich auch beschwert, wenn niemand sie angesprochen hat, weil sie sich dann hässlich gefühlt hat. Ehrlich wahr!"

Vielleicht hat sich dieses Paar auf der Straße kennengelernt. Wahrscheinlich aber nicht. Foto: Keith Gallagher | Flickr | CC BY-ND 2.0

Es war nicht komplett unangenehm, Yacine dabei zuzuhören, wie er über die Komplexitäten des Verhältnisses von Männern zu Frauen sprach. Er lachte ständig und war sehr fröhlich. Ich mochte seine Gesprächigkeit, denn so kam es nicht zu peinlichen Schweigepausen. Er hat mir kaum Fragen über meine Arbeit gestellt, aber sich für kleine Details interessiert: Er wollte wissen, ob mir die Füße wegen meiner High Heels wehtaten und was für Sport ich mochte. Ich glaube, deswegen war es auch so angenehm, mit ihm abzuhängen: weil er wirklich etwas zu sagen hatte. Wir haben uns bestimmt 40 Minuten unterhalten und uns dann mit Wangenküsschen verabschiedet. Ich ging sogar so weit, ihm meine Nummer zu geben. Er rief mich natürlich sofort an, um zu sehen, ob die Nummer eine falsche war.

Bei allen anderen Männerbegegnungen änderte sich der Ton schlagartig, sobald ich erwähnte, dass ich Journalistin sei. Zum Beispiel war da dieser eine Mann, dem ich am Dienstagabend begegnete, während ich auf einer Bank saß und auf eine Freundin wartete.

„Bitte sag jetzt nicht, du wartest auf deinen Freund. Bitte!" Ich musste wirklich ein bisschen lachen. Abdelkarim war 23 und lebte in Saint-Denis. Mehr werden wir vermutlich nie über ihn erfahren, denn er war sofort sehr verschlossen, als ich ihm von meinem Beruf erzählte.

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„Was, echt? Du bist Journalistin? Also bist du Freimaurerin? Hör auf zu lügen, du bist Freimaurerin. Oder vielleicht dein Vater?"

Wow. Ich versuchte, mit seinem Hass auf Journalisten umzugehen und ihm zu erklären, dass ich keine Freimaurerin bin, doch es fühlte sich zunehmend so an, als würde ich mit dem Kopf immer wieder gegen eine Wand rennen, also beließen wir es dabei.

Am folgenden Tag saß ich in der Nähe der Sorbonne auf einer Terrasse, als mich zwei Studenten ansprachen und fragten, ob ich mit ihnen ein Bier trinken gehen wolle. Die Jugendlichen—beide studierten Geschichte und Politikwissenschaft—waren extrem überrascht, als ich die Einladung annahm. Wieder schlug die Situation um, als ich meine Identität preisgab. „Du schreibst einen Artikel für VICE? Ich lese nur internationale Zeitungen, die sind viel besser. Le Monde ist rechts und von Libération fangen wir am besten gar nicht erst an", sagte einer von ihnen und der andere nickte eifrig.

Als wir unser Bier ausgetrunken hatten, ging sein Kumpel zu seinem Bus und ich lief mit Matthieu zu seiner Métro-Station. Wir hatten einander nichts zu sagen, also lachte ich ständig nervös. Er murmelte dauernd irgendwas über die Trivialität der 24-Stunden-Nachrichtensender, der „Diktatur der Emotionen", von „denselben Bildern, die den ganzen Tag gesendet werden", et cetera, et cetera, bis zum Umfallen. Für ihn hatte ich viel weniger Geduld als für Abdelkarim. Als wir uns verabschiedeten, versuchte er es doch noch einmal, Gott segne ihn.

„Willst du mit zu mir kommen? Ich wohne in der Nähe. Wir könnten ein bisschen mehr ..." Ihm gingen die Worte aus.

Ich stand da und fragte mich, wie er den Mut aufbringen würde, den Satz zu beenden. Mit welchen grammatischen Attributen würde er das unmoralische Angebot verkleiden? Wir standen auf dem Saint-Michel-Boulevard, mitten am helllichten Tag, nüchtern—das lasse ich ihm also, er war schon mutig.

Ich sagte nichts und starrte ihn an. Das kann nicht gerade geholfen haben.

Wenn ich ein netter Mensch wäre, hätte ich einfach lächeln können, um ihm zu verstehen zu geben, dass ich es kapiert hatte, oder ich hätte einfach ablehnen können, ohne ihm Zeit zu lassen, den Satz zu beenden. Ich hätte sogar so taktvoll sein können, so zu tun, als hätte ich es nicht kapiert, um dann mit den Worten „Oh mein Gott, ich komm' zu spät!" zu verschwinden. Doch da ich eine eiskalte Sadistin bin, habe ich es ein bisschen genossen, ihm dabei zuzusehen, wie er nach Worten rang.

„...mehr ... mehr ... na ja ... es ist dort mehr ungestört", kam er schließlich zum Ende.

Wie man sich wahrscheinlich schon denken kann, lehnte ich höflich dankend ab.

„Warum hast du dann mit uns was getrunken?", murmelte er, als er sich schon von mir abwandte. „Egal, Judith ist sowieso ein Schlampenname." Diese Worte herauszubringen, bereitete ihm offensichtlich dafür nicht die geringsten Probleme.


Titelfoto: Jesse Acosta | Flickr | CC BY-ND 2.0