Cameron ist nicht allein: Das sind die spektakulärsten Politiker-Abgänge

Der britische Premier singt. Seine Kollegen bieten testosteron-gesteuerte Rücktritte, Entschuldigungen, überraschende Machtdemonstrationen und enttäuschte Ehefrauen.

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13 Juli 2016, 4:00am

Diese kleine Melodie wird den Briten noch lange in den Ohren klingen: "Du-Du du du... right." Nachdem der englische Premier David Cameron gerade seinen entgültigen Rücktritt verkündet hat, tritt er zurück in die Downing Street 10 und fängt an zu singen. Offensichtlich hat er vergessen, dass er dabei noch sein Ansteckmikro trägt. Cameron hat damit den perfekten Jingle für den Brexit geschaffen. Man kann nicht anders, als sich den letzten Briten auf einer sinkenden Insel vorzustellen, wie er noch schnell "Du-Du du du... right" trällert—Sekunden, bevor er mit einem "Plopp" untertaucht. Cameron hat seiner eigenen Amtszeit das virale Denkmal gesetzt, das sie verdient.

Damit ist er aber nicht der Einzige: Wenn Politiker nach einer bewegten Karriere von ihrem Amt zurücktreten müssen, kommt es oft zu eigenartigen Szenen—besonders, wenn sie plötzlich und überraschend zurücktreten müssen. Mit dem Amt fällt auch der Vorhang, und manchmal fällt er eben ein paar Minuten zu früh: Nämlich dann, wenn die Kameras oder die Mikrofone noch laufen. Und oft genug fassen diese letzten Szenen das Werk des Politikers besser zusammen, als jeder Nachruf es je gekonnt hätte.

Hier sind die eigenartigsten Abgänge, die wir in den letzten Jahren erlebt haben:

DIE SALZBURGER FPÖ, DIE ÜBERRASCHEND VON STRACHE GEGANGEN WIRD

In der Salzburger FPÖ lief letztes Jahr nicht immer alles ganz reibungslos. Im Politikersprech könnte man vermutlich sagen, dass es doch so einige Unstimmigkeiten gab. Konkret heißt das: Mitglieder wurden ausgeschlossen, Richtlinien umgestürzt und Parteimitarbeiter gekündigt. FPÖ-Chef Strache kritisierte seine Parteikollegen daraufhin scharf und beorderte sie nach Wien.

Als man aber einfach nicht in Wien auftauchte, erschien Strache überraschend bei der Krisensitzung der Parteileitung in Salzburg und entließ kurzerhand persönlichden FPÖ-Salzburg-Klubobmann Karl Schnell und Landesparteiobmann Rupert Doppler. In der nachfolgenden Pressekonferenz sprach ein sichtlich aufgebrachter Strache davon, dass man die "Salzburger FPÖ von einer abgehobenen, diktatorisch agierenden Führungsblase befreit" habe. Schnell und Doppler nahmen den unfreiwilligen Abgang hin, sahen sich aber durch Strache aus ihrem Amt "geputscht".

Christian Wulff

Die Auslöser der Kameras klingen wie Trommelwirbel. Wulff tritt auf, hinter ihm seine Frau in Kostüm und mit angestrengtem Lächeln, das man kaum Lächeln nennen kann. "Ich habe Fehler gemacht, aber ich war immer aufrichtig. Die Berichterstattungen, die wir in den vergangen zwei Monaten erlebt haben, haben mich und meine Frau verletzt", sagt Wulff. Das sieht man weniger an ihm, dafür umso mehr an seiner Frau. Bettina Wulff steht nur ein Stück weit weg von ihm, aber ihr Blick zeigt schräg zur Seite und es wirkt, als läge ein nicht überwindbarer Graben zwischen ihnen. Als er ihr für ihren starken Rücken dankt, sieht sie aus, als würde sie gleich weinen. Die Trennung kam wenig überraschend. Wir hatten ihr damals neue Lover vorgeschlagen. Mittlerweile, nach kurzen Intermezzi mit anderen, sind die beiden wieder versöhnt.

Alfred Gusenbauer und seine Entschuldigung für die begangenen Fehler

Screenshot via Youtube

Alfred Gusenbauer war—mit einer Amtszeit von zwei Jahren—nur kurz an der Spitze der Macht. Ab 2006 leitete er als Bundeskanzler die Große Koalitionsregierung von SPÖ und ÖVP—allerdings nicht, ohne immer wieder im Zentrum der Kritik zu stehen. Angefangen bei der versprochenen, aber nicht durchgeführten Abschaffung der Studiengebühren, bis hin zu Kritik an seinen eigenen Abgeordneten—von denen er der Ansicht war, dass ein Drittel "zu vergessen" und ein weiteres Drittel "resozialisierbar" sei—, trat "Gusi" doch in ein paar Fettnäpfchen.

2008 trennten sich die Wege von SPÖ und ÖVP vorzeitig aufgrund unüberbrückbarer Differenzen und die beiden Parteien riefen Neuwahlen aus. (Ja, das sind die beiden Parteien, die auch heute gemeinsam regieren.)

Am Ende seiner Amtszeit entschuldigte er sich für die begangenen Fehler—zumindest bei seinen Parteigenossen. Nachsicht ist eben besser als Vorsicht oder so.

Gerhard Schröder, der nicht gehen will

Gerhard Schröder hat einen großartigen Doppelabgang hingelegt: Zuerst in der einzigartigen Elefantenrunde am Abend seiner Abwahl, in der ein testosterongeladener Kanzler als einziger im Raum nicht verstand, dass er tatsächlich abgewählt wurde und Angela Merkel die neue Kanzlerin war. Selten hat ein alter Mann seine Arroganz derart durchschaubar entlarvt. Im Grunde hat es dann also sehr gut gepasst, dass eine Bundeswehrkapelle bei Schröders "echtem" Abschied, dem Großen Zapfenstreich in Hannover, Frank Sinatras "My Way" für ihn spielte.

Obamas Mic Drop

Obama ist nur in dieser Liste, damit er noch mal allen anderen zeigen kann, wie es richtig geht: Mit einem gepflegten Mic Drop und der Ansage "Obama Out".

Die Coolness, die er damit beim White House Correspondents Dinner vor ein paar Monaten demonstrierte, wird wohl keiner der Kollegen so bald erreichen. Aber man könnte immerhin versuchen, sich nicht noch in der letzten Sekunde den Nachruf zu sabotieren. Wir sind auf jeden Fall gespannt, was bei seinem europäischen Äquivalent Angela Merkel passieren wird, die zurzeit immerhin vor Obama auf Platz 2 der "The Worlds Most Powerful People" Liste des Forbes Magazin steht.

Was jetzt schon vielen als sicher gilt: Sie wird ein letztes Mal die Raute formen. Dann erschüttert ein ohrenbetäubender Krach die Erde, Blitze schießen aus ihren Fingern, und am Ende bildet sich genau in der Raute ein schwarzes Loch, das ganz Deutschland verschluckt.

Heinz Fischer, der beim Abschied leise "Baba" sagt

Am Freitag, dem 8. Juli, verabschiedete sich Heinz Fischer nach zwölfjähriger Amtszeit als Bundespräsident von der Politik und ging offiziell in Pension. Diejenigen, die via Live-Stream durch einen Schleier aus Tränen dabei waren oder auch nur in den Nachrichten die Meldungen vom Amtsende unseres Bundes-Heinzis mitbekommen haben, werden jetzt vielleicht einwerfen, dass daran rein gar nichts spektakulär war.

Das stimmt einerseits natürlich. Andererseits hat Fischer das vermeintlich "gespaltene" Österreich zu mehr Rationalität und Humanität ermahnt, was nur die Abgeordneten der FPÖ nicht mit Applaus belohnten und beim Einsteigen in die Limousine vor dem Parlament noch ein letztes Mal stilecht "Baba" gewinkt. Wenn das nicht genauso spektakulär wie (und tausend Mal besser als) Richard Nixons Peace-Geste beim Besteigen des Helikopters vor dem Weißen Haus ist, wissen wir auch nicht weiter. Außerdem reden wir hier immer noch von Österreich. Was hier spektakulär und begeisterungsfähig bedeuten, hat dieses Video vom Fischer-Abschied ziemlich eindrucksvoll auf den Punkt gebracht.

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