Was es bedeutet, nicht Mann und nicht Frau zu sein

Ich will einfach sein dürfen, wer ich bin. So wie ich geboren wurde: Dazwischen.

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Juni 24 2016, 12:12pm

Alle Fotos von Alex Jürgen

Am 21. Juni 2016 lehnte das Standesamt im österreichischen Steyr den Antrag von Alex Jürgen auf Korrektur des Geschlechtseintrags im Geburtenbuch ab. Als intergeschlechtliche Person fordert Alex den Eintrag "X" , "anders" oder "inter". Eine Beschwerde gegen den Beschluss des Standesamts führt nun voraussichtlich zu einer gerichtlichen Entscheidung über die Anerkennung eines dritten Geschlechts—erstmalig in Österreich, in Deutschland gibt es die Möglichkeit, das Geschlecht nicht anzugeben und sich später für "männlich" oder "weiblich" zu entscheiden. Ein festes drittes Geschlecht gibt es offiziell nicht.

Für VICE hat Alex vor zwei Jahren seine* Geschichte aufgeschrieben.

Obwohl die Wissenschaft mehr als 4.000 Variationen zwischen Mann und Frau kennt, sind in unserer Gesellschaft nur zwei akzeptiert. Aber was, wenn ein Baby sich nicht ebendiesen zwei Kategorien zuordnen lässt? Laut Gesetz muss in Österreich binnen einer Frist von ein bis zwei Wochen ein Geschlecht in die Geburtsurkunde eingetragen werden. Ob sich dieser Mensch in seinem späteren Leben auch so entwickelt, sei dahingestellt.

Ich war so ein Baby. Mein Körper sah nicht aus, wie der eines Mädchens und auch nicht wie der eines Knaben. Vorerst wurde "Junge" eingetragen und das sollte die nächsten zwei Jahre auch so bleiben. Weitere Untersuchungen und demütigende Fotoaufnahmen später entschieden Ärzte, dass es besser für mich wäre, mich weiterhin als Mädchen—Zitat aus den Akten—"mit den sich hieraus ableitenden Konsequenzen" aufzuziehen.

Die Konsequenzen sahen so aus, dass mir im Alter von sechs Jahren mein zu kleiner Penis vollständig amputiert wurde und mit zehn Jahren auch noch die in den Leisten liegenden, womöglich reproduktionsfähigen Hoden.

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Alle Fotos: Alex Jürgen / 366 Days - 366 Artworks

Mit 14 bekam ich weibliche Hormone verabreicht und die Brust begann, zu wachsen. Mit 16 operierte man mir eine künstliche Vagina. Obwohl ich versuchte, mich in der Rolle der Frau zurecht zu finden, wollte und wollte das aber einfach nicht passen. Die riesigen Brüste waren mir fremd und die Hormone rebellierten in meinem Kopf.

Mit 19 Jahren erkrankte ich an Leukämie. Ich war ein Jahr in Behandlung, 13 Wochen davon im Koma und musste danach—vom Sitzen angefangen, bis zum Stehen, Gehen und alleine Essen—alles neu lernen. Da fragt Mensch sich schon mal: Warum das auch noch?

Für mich war das ziemlich klar. Wenn man Jahre lang seinen Körper so sehr hasst wie ich, dann muss dieser zwangsläufig mal den Hut draufhauen. Mir wurde bewusst, dass ich mich nicht länger verstecken konnte und anfangen musste, meinen Körper so zu akzeptieren, wie er ist: Dazwischen!

Wenige Jahre später traf ich Elisabeth Scharang und wir beschlossen, gemeinsam einen Film zu machen. Während den Aufnahmen zu Tintenfischalarmin dem ich mich zum ersten Mal vor der Welt als zwischengeschlechtlich outete—wurde mir bewusst, dass ich so nicht weiterleben wollte. Ich konnte die künstlichen Brüste an mir nicht mehr ertragen und wechselte 2004 meinen Geschlechtseintrag noch einmal auf "männlich".

Nicht aber, weil ich ein Mann sein wollte, sondern schlichtweg deshalb, weil ich keine Frau sein wollte und will. Als Frau wurde mir eine Amputation nicht gewährt. Kaum war das "F" im Pass zum "M" geworden, lag ich auch schon erneut unterm Messer—um zum ersten und letzten Mal meinen Körper, soweit es noch möglich war, wieder in den zu verwandeln, der er jetzt ohne diese Behandlung wäre.

So, wie mir ging—und geht es—vielen Kindern. Weil unsere Gesellschaft keinen Raum hat für Menschen, die dazwischen sind. 20 bis 25 Babys sind es im Jahr in Österreich, die bei der Geburt offensichtlich nicht einem dieser zwei Geschlechter zugeordnet werden können. Noch mehr finden erst Jahre später heraus, dass sie Inter*Sex sind. Manche sogar nie. Sehr viele dieser Kinder erfahren operative, normierende Eingriffe, demütigende Fotoaufnahmen. Das Gefühl, nicht richtig zu sein, ist uns allen sehr vertraut.

Das ist ein Grund, warum ich für einen weiteren Geschlechtseintrag kämpfe. Ohne diesen Raum für Zwischengeschlechtlichkeit werden weiterhin gesunde Körperteile einer Gesellschaft geopfert, die nicht mehr als zwei Geschlechter akzeptieren will.

In anderen Kulturen ist das seit jeher anders. Die Natur hat immer Zwitterwesen erschaffen. Bei den Pflanzen, bei den Tieren und auch bei den Menschen. Dass Schnecken Zwitter sind, weiß jedes Kind. Kein Wunder, es wird ja auch in der Schule unterrichtet. Dass es die aber auch unter den Menschen gibt, wird nirgends gelehrt, in Medizinbüchern höchstens am Rande überflogen.

Diese Operationen müssen gesetzlich verboten werden. Kinder sollten sich später im Leben selber entscheiden können, ob und was sie an ihrem Körper verändern wollen und in welchem Geschlecht. Intergeschlechtlichkeit zu entpathologisieren und als Variante von Geschlecht zu akzeptieren, auch in den Dokumenten, das würde dazu beitragen, dass diese Behandlungen aufhören.

Für mich—mit den Spätfolgen nach dem Krebs—ist es auch wichtig, würdig im Krankenhaus behandelt zu werden, wo es nur Männer- und Frauenzimmer gibt. Mit einem "M"-Eintrag liege ich dann mit meinen künstlich geschaffenen Genitalien im Männerzimmer. Wenn man nicht aufstehen kann, kriegt man die Bettpfanne untergeschoben und wird gewaschen, in einem Raum voller Männer. Für mich ist das eine Horrorvorstellung. Mit einem anderen Geschlechtseintrag hätte ich das Recht auf Privatsphäre und ein Zimmer, das ich mir mit anderen Intergeschlechtlichen teile.

Des Weiteren macht auf Flughäfen immer mehr der Ganzkörperscan die Runde. Ich kenne Inter*Personen, bei denen der Geschlechtseintrag im Pass durch den Körperscan infrage gestellt wurde. Manche Menschen haben eben—entgegengesetzt zum Pass—entweder zu viel oder zu wenig in der Hose, werden herausgefischt, gefilzt und womöglich des Betrugs beschuldigt, sich für jemand ganz anderen auszugeben. Ebenso ein Szenario, das mir und anderen dann erspart bleiben würde.

Und bei den bisher erwähnten Gründen kratze ich jetzt mal nur an der Oberfläche von dem, was es bedeutet, nicht Mann und nicht Frau zu sein.

Im Internet liest man die schlimmsten Einträge über mich. Eines würde sich nur wichtig machen wollen und hätte nichts Besseres zu tun. Aber für mich geht es um die Sicherheit, einen Platz in der Gesellschaft zu haben, der normal und gesetzlich anerkannt ist. Ich denke an meine Zukunft und an die Zukunft künftig geborener Zwischengeschlechtlicher.

Die Welt ist eben bunt und nicht schwarz-weiß. Das gilt auch für die Menschen! Und ich will einfach sein dürfen, wer ich bin. So wie ich geboren wurde: Dazwischen. Und das bitte, ohne mich dabei zu diskriminieren und verurteilen lassen zu müssen.

Wer das nicht verstehen kann, der stelle sich einmal vor, wie er oder sie sich fühlen würde, wenn einem die besten Teile einfach so weggeschnitten würden, weil sie zu klein, zu gross oder zu unförmig sind.

Alex Jürgen ist hier auf Facebook. Mehr über Intersexualität erfahrt ihr beim Verein Intersexueller Menschen Österreich.

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