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So ist es, als Tochter eines berüchtigten indonesischen Gangsterbosses aufzuwachsen

Als Wulan geboren wurde, hatte ihr Vater schon einen kurzen Aufenthalt im Knast hinter sich, nachdem er versehentlich jemanden bei einer Kneipenschlägerei umgebracht hatte.

von Dea Karina
15 November 2016, 5:00am

Es war kein bestimmter Vorfall, der bei Wulan Mayastika Fragen über den Beruf ihres Vaters aufkommen ließ. Vielmehr dämmerte ihr allmählich, dass irgendetwas mit ihrem Vater nicht stimmen konnte. Einerseits war da sein Name: Obwohl er eigentlich Gunardi hieß, nannten ihn alle in der Nachbarschaft mit respektvoller Miene "Gun Jack". Und dann war da sein Job: Ihm gehörte ein Essensstand, trotzdem war sein Auto vollgestopft mit Waffen. Und ihm stärkte eine Gang den Rücken, die bereit war, diese Waffen auch einzusetzen.

"Ich hatte zum ersten Mal den Verdacht, dass mein Vater ein preman (ein Gangster in Indonesien, Anm. d. Red.) sein könnte, als mir klar wurde, dass sein Lebensrhythmus das genaue Gegenteil vom Rest seiner Familie war", erzählt mir Wulan. "Tagsüber schlief er und nachts ging er arbeiten. Als ich zur Grundschule ging, dachte ich, dass irgendwas komisch ist, weil seine Freunde so unheimlich waren, sie waren alle so groß und stark und hatten immer Waffen dabei. Nur zu mir waren sie wirklich freundlich."

"Eines Morgens fuhr mich meine Mutter zur Schule. Als ich im Auto meine Schnürsenkel binden wollte, entdeckte ich Schwerter unter dem Sitz. Meine Mutter erklärte mir, dass sie meinem Vater gehören."

Wulan wuchs in Badran auf—einem Problembezirk in Yogyakarta, der als chinesischer Friedhof begann. Früher versteckten sich Diebe auf der Flucht vor der Polizei in den Gräbern. Auch heute noch gehört Kriminalität in Badran zur Tagesordnung. "Wenn du aus Badran kommst, bist du entweder ein Krimineller, ein Spielsüchtiger, ein Alkoholiker, eine Waria (Transfrau, Anm. d. Red.) oder einfach nur durchgedreht", erzählt Wulan weiter.

In einem Bezirk voller Gangster schaffte es Gun Jack bis ganz nach oben. Er war ein "preman"—eine in Indonesien gängige Abwandlung des englischen Begriffes "free man", die für Kriminelle aller Art verwendet wird, die sich zwar am Rande der Gesellschaft aufhalten, dafür aber Großteile der illegalen und semilegalen Wirtschaft Indonesiens kontrollieren. Gun Jack beschützte Spielhallen—und sammelte für einflussreiche Männer dafür das Schutzgeld ein.

In Yogyakarta war Gun Jack bekannt für seine freundliche und offene Art. Nachdem sein Vater gestorben war, adoptierte er einen 13-jährigen Jungen. Der Junge ist heute 36 Jahre alt und heißt Mas Doni. Mas Doni ist das einzige von Gun Jacks Kindern, das beruflich in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist.

"Ich musste aufgrund der damaligen Umstände ein Leben auf der Straße wählen", erzählt mir Mas Doni. "Aber Vater hat mich dafür nicht verurteilt. Er hat keinen Menschen verurteilt. Er wollte stets, dass man sich treu bleibt ... Darum habe ich mein Leben Vater gewidmet. Um ihm seine Güte zurückzuzahlen."

Gun Jack in seiner Jugend

Das Leben für Wulan als Tochter eines Gangsterbosses war zwar spannend, aber gleichzeitig oft frustrierend. Bevor sie geboren wurde, hatte ihr Vater im Gefängnis gesessen, weil er bei einem Streit in einem Billardsalon einen Mann umgebracht hatte. Weitere Gefängnisstrafen konnte er zwar umgehen, trotzdem rastete er immer wieder aus.

"Mein Vater folgte keinen Regeln. Er schuf sie", erklärt mir Wulan. "Er parkte mal im Halteverbot. Dafür wurde er vom Parkplatz-Wächter ausgeschimpft. Also hat mein Vater einfach seine Freunde angerufen, die den armen Kerl dann zusammenschlugen. Mir hat nicht gefallen, was ich sehen musste. Ich bin dann ausgestiegen und weggelaufen. Mein Vater ist mir hintergerannt und hat sich bei mir tausendmal entschuldigt. Ich war aber so sauer. Ich meinte zu ihm, dass ich ihn nie wieder sehen will."

Ein anderes Mal stießen Gun Jacks Männer mit einer rivalisierenden Gang zusammen. Als Wulan eines Tages nach Hause kam, war jedes einzelne Fenster zerstört. Und im Bakso-Stand ihres Vaters war eine Bombe hochgegangen. "Das war ein wirklich traumatisches Erlebnis. Davon wurde sogar in den Zeitungen berichtet."

Es hatte aber auch Vorteile, einen Gangster-Daddy zu haben. Fremde Leute auf der Straße machten ihr regelmäßig Geschenke. Restaurantbesitzer wollten von ihr partout kein Geld annehmen. Und auch die Polizei legte sich ordentlich dafür ins Zeug, dass sie stets sicher über die Straße kam. Jedes Mal, wenn sie ihr Vater von der Schule abholte, schrien die Kinder aus der Nachbarschaft "Gun Jack! Gun Jack!".

"Jeder kannte meinen Vater", erzählt mir Wulan mit einem Seufzer.

Gun Jack (links)

Als Wulan dann erwachsen wurde, vertraute ihr Gun Jack ein großes Geheimnis an: "Mein Vater hatte immer Angst, dass ich mich für ihn schäme. Darum hat er mich eines Tages zu sich gerufen und mir einen Ausweis gezeigt, die bewies, dass er in Wirklichkeit für den indonesischen Geheimdienst arbeitete. Er meinte, dass ich stolz auf ihn sein könnte. Ab diesem Tag wurde unsere Bindung noch enger."

"Ich habe mich immer gefragt, warum er so häufig die Stadt verlassen hat. Er meinte zu mir, er habe beruflich außerhalb der Stadt—und manchmal auch außerhalb des Landes—zu tun. Das war beispielsweise bei den Bali-Anschlägen 2002 der Fall. Erst später verstand ich: Er arbeitete in dieser Zeit mal wieder für unseren Geheimdienst."

Wulan ist heute 22 Jahre alt und wohnt noch immer in Badran. Ihr Leben als Tochter eines preman führte dazu, dass sie ein großes Interesse für die menschliche Psyche entwickelte—und deswegen an der Universitas Gadjah Mada Psychologie studierte.

Badran

Gun Jack starb 2011 an einem Lymphom. Seit dem Tod ihres Vaters hat sich laut Wulan ihre Heimatstadt stark verändert. Eine neue Art von premen hat die Kontrolle über Yogyakarta übernommen. Gangs junger Männer, die mithilfe von Einschüchterung und Gewalt Veranstaltungen liberaler Künstler und Aktivisten aus der Stadt verhindern. Solche Zustände sind weit von der Zeit unter Gun Jack entfernt, einem Mann, der versucht hat, Transgender-Sexarbeiter auf einer Farm unterzubringen, damit sie sich nicht auf der Straße verkaufen müssen.

"Es wäre toll, wenn die Medien häufiger über ihn berichten würden. Denn mein Vater war ein echtes Vorbild", sagt Wulan. "Vor allem für die Leute, die in diesem Land auf der Straße leben. Die brauchen Vorbilder. Das Leben hier ist chaotisch. Die Leute kämpfen blind um Macht und materielle Besitztümer. Sie brauchen ein Vorbild, das ihnen zeigt, dass man auch auf der Straße ehrenvoll leben kann."

Auch für Mas Doni bleibt Gun Jack eine Quelle der Inspiration. Für ihn bleibt er ein Mann, der Witwen Reis schenkte und mit den eigenen Händen mithalf, in seinem Bezirk Moscheen aufzubauen: "Er war sehr großzügig. Er hat sich mit allen verstanden—Prostituierten, Rikscha-Fahrern, Straßenhändlern, Alkoholikern ... Er kümmerte sich um die Gruppen am Rande der Gesellschaft. Als Vater noch am Leben war, wurde Badran im ganzen Land respektiert. Dieser Respekt ist jetzt Geschichte."