​Mit 25 kann ich mir das Leben nicht mehr leisten!

Man gewöhnt sich dran, in jedes Ratatouille Pinienkerne zu werfen. Doch dann kommen Erwachsenen-GAs, Pensionskassenbeiträge und so weiter.

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29 Jänner 2015, 9:00am

Foto von Jan Müller

Es sind noch 10 Monate. 10 Monate kann ich noch auf dem Stand leben, auf dem ich jetzt lebe. Das ist auch ein bequemer Stand: Kaufsucht nach Büchern, ab und zu Kino- oder Theaterabende und mittelmässig gepflegte Zuneigung zu Alkohol—und zwar besserer als Ankerbier! (Also, schon auch, aber selten.)

Mit 20 hatte ich grade meinen Zivildienst beendet. Das gab ein schönes Sparkonto-Pölsterchen. Dann begann ich mein Studium: Vier Tage studieren, eine Parallelexistenz im Hobby Politik und am Freitagabend als Garderobier im Hallenstadion. Auch damals war ich schon kaufsüchtig nach Büchern, trank Alkohol und auch nur selten Ankerbier. Das Kulturprogramm war ebenfalls dasselbe. (Okay, ich habe am Stadtrand in einem kaum isolierten Estrich ohne Dusche gewohnt.)

Irgendwann bekam ich eine HiWi (Hilfswissenschaftler)-Stelle an der Uni. Mein Lohn verdoppelte sich. Ich zog um, zahlte etwas mehr Miete (Aber die Heizkosten sanken, da die neue WG isoliert war). Sonst lebte ich weiter wie bisher. Irgendwann begann ich Vollzeit zu arbeiten. Meine Haben-Seite wurde nochmals deutlich grösser, allerdings fielen—absolut berechtigt—die elterliche Unterstützung und die Kinderzulagen weg. Also lebe ich auch jetzt weiter wie bisher.


Foto von Mattes; Wikimedia; Public Domain

In drei Tagen verfällt meine Legi (Studentische Legitimationskarte). Dann wird mein Kulturprogramm schon mal massiv teurer: Statt dass ich am Theater Basel Last Minute-Tickets für 10 Franken abstauben kann, zahle ich in der schlechtesten Kategorie 41 Franken pro Abend. Ich werde die Studentenkonditionen auf der Bank verlieren und damit künftig mehr Spesen als Zinsen haben und somit Geld vernichten, wenn ich Geld auf der Bank deponiere. Ebenso werde ich meine „StuCard" abgeben müssen: Die Studenten-Maestrokarte der Kantonalbanken macht (manche) Döner einen Franken billiger. Das tut weh. Aber das ist meine Schuld: Ich hätte ja weiter studieren können.

Trotzdem: Das SBB-Generalabo bekomme ich noch bis 26 zum Jugendtarif, Krankenkassenprämienverbilligung bekomme ich dieses Jahr (Danke liebes, rotgrünes Basel! Ehrlich gemeint.) noch. Pensionskassenabzüge machen meinen Lohn auch noch ein Jahr lang nicht kleiner.

Aber nach meinem 25. Geburtstag weiss ich wirklich nicht, wie es weitergehen soll:

Das GA wird pro Jahr statt 2600 Franken plötzlich 3655 Franken kosten. Und wenn ich in den Urlaub fahre, zahle ich auch den Erwachsenentarif für mein Interrail.

Meine Krankenkasse wird pro Monat plötzlich 380 Franken kosten. (Und das obwohl ich 2500 Franken Selbstbehalt habe!)

Und von meinem Bruttolohn werden Monat für Monat 5,5% Pensionskassenbeiträge abgezogen. (So habe ich das zumindest verstanden. Alleine das Recherchieren der Infos zur Pensionskasse raubte mir aber den letzten Nerv. Die Steuererklärung reicht doch schon—wie viel Freizeit soll ich eigentlich in Bürokratie investieren?)


Foto von Michael Minor; Flickr; CC BY-SA 3.0

Es ist viel Geld, das mir dann nicht mehr zur Verfügung steht. Das ist das Geld, das mir dann vielleicht für Biomilch, Arthouse-Kino und die hemmungslose Büchersucht fehlt. Ich werde wohl öfter Sixpacks Anker statt Quöllfrisch kaufen. In den Denner statt in den Coop gehen. Ich kauf keine Pinienkerne mehr fürs Ratatouille und esse anstelle von Ratatouille öfters mal eine „Mama"-Suppe. Statt ins Abendkino mit meinen Freunden, schau ich mir die Filme mit den lieben Kollegen Journalisten bei den Gratis-Pressevisionierungen an (Als ob ich die Zeit dazu hätte.). Mein Lebensstandard wird sinken, weil ich älter werde. Es ist als nähme man mir das Stützrad weg, die Schwimmflügeli.

Für Lehrlinge mag das auch der richtige Moment sein, um die Schwimmflügeli zu amputieren. Ich bin aber grad mal ein knappes Jahr auf dem Vollzeit-Arbeitsmarkt. (Und das auch nur, weil ich meinen Bachelor in sechs Semestern Intensivdasein gemacht habe.)

Es ist ja ganz nett, dass unser knapp-noch-sozialer marktwirtschaftlicher Staat es den Jüngeren erleichtern will, ins Leben zu starten. Aber die Realität ist heute halt nicht mehr, dass man mit 16 Maurer wird und dann in diesem Beruf ackert bis man 65 ist (oder den Rücken kaputt hat).


Foto von Jan Müller

Entweder gehen wir 13 Jahre zur Schule, machen Zivil- oder Militärdienst, studieren, machen Abschlüsse, quälen uns durch Praktikas, Hospitanzen und Volontariate, um dann irgendwann irgendwie in einem echten Beruf anzukommen. (Das Ende dieses Berufslebens ist auch nicht mehr klar markiert, da sich die Bevölkerungspyramide nach und nach zu einem Bevölkerungs-Atompilz wandelt.)

Oder wir gehen neun Jahre zur Schule, machen eine Lehre und erkennen Mitte 20, dass wir doch mal noch etwas anderes machen wollen. Dann besuchen wir eine Fachhochschule und machen hinterher dasselbe Spiel mit Praktikas und Volontariaten etwas abgekürzt.

In jedem Fall sind wir mit 25 nicht an dem Punkt, an dem wir auf alle Stützräder und Schwimmflügeli verzichten können. Im besten Fall sind wir mit 25 an dem Punkt, an dem wir mit den Schwimmflügeli grad mal etwas rumpaddeln können. Und in diesem besten Fall fehlt unserer Workaholic-Existenz dann die Zeit für das Bürokratietheater von Steuererklärungen, Krankenkassenprämien und Pensionskassen.

Sag Benj auf Twitter, dass er mit dem First World-Gejammer aufhören soll: @biofrontsau

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