Musik

Ich hing in den 90ern in Tausenden Teenager-Schlafzimmern

Ein Boyband-Teenie-Schwarm erzählt: So fühlst du dich, wenn 20.000 kreischende Teenies ein Stück von dir wollen und sich dabei sogar zu Tode trampeln.

von Ben Adams
16 Juni 2016, 7:40am

Titelbild: Illustration: Esme Blegvad

Früher war Ben Adams einer der Sänger der um die Jahrtausendwende herum erfolgreichen Boygroup A1 und brachte somit auch Millionen Mädchenherzen zum Schmelzen. Für uns hat er sich an diese Zeit als Teenager-Schwarm Nummer 1 zurückerinnert.

Boygroups funktionieren so gut, weil sie für viele junge Mädchen die erste Erfahrung in Sachen Schwärmerei bzw. Gefühle für einen Jungen darstellen. Genau aus diesem Grund casten Plattenfirmen doch auch liebend gerne ein paar gut aussehende Jungs zusammen, die noch nicht mal gut singen oder Lieder schreiben können müssen. Verkaufen tut sich das Ganze ja sowieso. Und jeder Musiker, die sich verächtlich über seine weiblichen Fans äußert, sollte sich mal daran erinnern, dass er ohne diese Fans wahrscheinlich an irgendeiner Supermarktkasse sitzen würde.

Ich war damals erst 16 und machte gerade meinen Schulabschluss, als ein Management die Boygroup A1 zusammenstellte. Zu dieser Zeit trug ich auch diese Gardinen-Frisur und ich ließ nie einen Stylisten an meine Haare, weil die mich immer richtig hässlich herrichteten. Eigentlich habe ich Locken und deswegen war mein Styling auch immer eine richtige Mühsal, aber als die Plattenfirma erkannte, dass mein Look bei den weiblichen Fans und in den Teenie-Zeitschriften richtig gut ankam, durfte ich mir meine Mähne nicht abschneiden. Und plötzlich sahen andere Boygroups und Typen wie etwa Nick Carter genauso aus wie ich. So lief ich letztendlich jahrelang mit der gleichen beschissenen Frisur herum.

Als sich dann immer mehr Mädchen für unsere Band interessierten, war das für uns kein wirkliches Problem, weil wir ja sowieso kaum Kontakt zu "normalen" Menschen hatten. Im Grunde lebten und arbeiteten wir die ganze Zeit in einer Blase. Wir hielten uns nie für längere Zeit an einem Ort auf. So ging es von Flughafen zu Flughafen und von Hotel zu Hotel und nichts fühlte sich echt an. Ich bin eben nicht gerade unter normalen Umständen erwachsen geworden. Wäre mir mehr Zeit geblieben, um normale Dinge zu tun, dann hätte ich wohl auch besser verstanden, was unsere weiblichen Fans über uns oder mich gesagt haben.

Wenn wir uns durch eine Menge bewegten, fragte man uns so auch nicht einfach nur nach einem Autogramm, sondern versuchte direkt, uns an den Klamotten oder Haaren zu reißen, um etwas von uns mit nach Hause nehmen zu können.

Wenn wir direkten Kontakt zu unseren Fans hatten, dachten wir uns ganz oft nur: "Verdammte Scheiße, das Ganze ist irgendwie außer Kontrolle geraten." Die vor unserem Hotel wartenden Jugendlichen waren teilweise so verzweifelt, dass sie sich selbst verletzten, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie wollten halt, dass wir nach unten kommen und sagen: "Hört auf damit, so kann es nicht weitergehen." Aber selbst in solchen extremen Fällen wiesen uns die Security-Mitarbeiter an, da nicht hinzugehen, weil dann jeder Fan so agieren würde, um an uns ranzukommen. Unterm Strich gab es viele Momente, die rückblickend richtig komisch waren.

Dabei war es vollkommen egal, wo wir uns befanden. Überall wollten schreiende Mädchen ein Stück von uns haben—und zwar wortwörtlich. Wenn wir uns durch eine Menge bewegten, fragte man uns so auch nicht einfach nur nach einem Autogramm, sondern versuchte direkt, uns an den Klamotten oder Haaren zu reißen, um etwas von uns mit nach Hause nehmen zu können.

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Es sind sogar junge Mädchen gestorben, weil sie uns unbedingt sehen wollten. So kam es bei unserer ersten Tour durch Indonesien zu einer schrecklichen Tragödie. Wir hatten keine Ahnung, wie beliebt wir dort überhaupt waren, und erwarteten bei einer Autogrammstunde mit anschließender Performance in einem Einkaufszentrum deshalb nur so 2.000 Menschen. Als dann jedoch um die 20.000 Fans auftauchten, waren die Angestellten und Security-Mitarbeiter dementsprechend nicht ausreichend vorbereitet und völlig überfordert. Kaum waren wir dort, gab es auch schon ein Riesengedränge und zwei Mädchen wurden gegen eine Glaswand gedrückt. Sie erlagen ihren Verletzungen. Als die Securitys davon Wind bekamen, brachten sie uns sofort weg. Dadurch kam es zu einer Art Massenflucht, um zu dem Bus zu gelangen, in dem wir uns dann befanden. Dabei kamen im Gedränge auf den Rolltreppen noch zwei weitere Mädchen ums Leben.

Ich habe immer darüber nachgedacht, ob das Gekreische jetzt wirklich mir galt oder einfach nur irgendjemandem. Wer weiß das schon.

Mit einem solchen Zwischenfall kann man mental überhaupt nicht richtig fertig werden. Zum Glück hatte ich damals drei Freunde an meiner Seite, die ja genau das Gleiche durchmachen mussten. Unser Ziel hat ja immer nur darin bestanden, einfach nur Musik zu machen. Dabei sollte doch nie jemand zu Schaden kommen. Ich musste immer wieder daran denken, dass das Ganze nie passiert wäre, wenn wir diesen Auftritt nicht angesetzt hätten. Uns traf zwar keine Schuld, aber das wollte damals einfach nicht in meinen Kopf reingehen. Und ich bin mir auch heute immer noch nicht ganz sicher, wie ich über diesen Zwischenfall denken soll. Danach haben wir auch erstmal eine gut einjährige Auszeit genommen, in der wir mithilfe psychologischer Berater versucht haben, die Tragödie vernünftig zu verarbeiten.

Als wir nach dieser Pause dann wieder in Arenen auftraten, betrachtete ich mir die Menschenmengen und dachte dabei immer: "Scheiße, hier kann alles passieren!" Irgendwie hat man in einer solchen Situation schon irgendwie die Kontrolle, irgendwie aber auch gar nicht. Beim Anblick der kreischenden Fans überlegt man sich auch, ob sie bei Westlife oder One Direction (oder wer auch immer gerade angesagt ist) genauso ausrasten würden. Ich meine, junge Fans sind zwar einerseits sehr loyal, aber andererseits springen sie auch schnell von Band zu Band. Ich habe immer darüber nachgedacht, ob das Gekreische jetzt wirklich mir galt oder einfach nur irgendjemandem. Wer weiß das schon.

A1 im Jahr 2010 | Foto: Wikimedia Commons | CC BY-SA 2.0

Zu Hause in Großbritannien lebte ich damals im Londoner Stadtteil Battersea. Mir gegenüber befand sich ein Park und in diesem Park zelteten immer Leute, die mithilfe eines Fernglases einen Blick in meine Wohnung erhaschen wollten. Wenn man mich im TV oder irgendwo auf offener Straße sieht, dann ist es ja völlig OK, Hallo zu sagen oder nach einem Foto zu fragen, aber so habe ich mich doch wie auf einem Präsentierteller gefühlt. Als die Fans dann sogar damit anfingen, bei mir zu klingeln, musste ich richtig unhöflich werden, weil man sonst schnell gesagt hätte: "Ach, ist schon gut, bei Ben kann man das machen, der ist voll nett." Bei meinem Bandkollegen Mark Read sah die Sache nämlich ganz anders aus: Wenn dort jemand geklingelt hat, haben seine Eltern diese Person direkt auf eine Tasse Tee eingeladen. Soweit wollte ich es gar nicht erst kommen lassen und deswegen legte ich auch ein schroffes Verhalten an den Tag.

Die Plattenfirmen dachten einfach, dass es sich auf die Verkaufszahlen auswirkt, wenn die Fans wissen, dass man eine Freundin hat.

Meine Karriere hat sich definitiv auch auf meine zwischenmenschlichen Beziehungen ausgewirkt. Heutzutage sieht das Ganze anders aus, aber damals erlaubten es die Plattenfirmen einem nicht, eine öffentliche Beziehung zu führen. Aus diesem Grund war es für mich und meine damaligen Freundinnen zum Beispiel nicht möglich, draußen Händchen zu halten. Auf Konzerten mussten sie auch immer irgendeine Hintertür nehmen. Die Plattenfirmen dachten einfach, dass es sich auf die Verkaufszahlen auswirkt, wenn die Fans wissen, dass wir eine Freundin hatten—so nach dem Motto: "Na ja, er ist jetzt ja nicht mehr zu haben, also mögen wir ihn auch nicht mehr." Unsere Freundinnen mussten da natürlich schon einiges mitmachen. Im Grunde war man in diesem Business als Single wirklich besser dran. Ich meine, es war ja auch kein Problem, jeden Tag ein neues Mädel für einen spaßigen One-Night-Stand zu finden. Bei einer Partnerin, der man vertrauen konnte, sah die ganze Sache jedoch wieder anders aus.

A1 existierte ungefähr fünf Jahre lang. Ich war am Tag der Auflösung also 21 oder 22 Jahre alt, blätterte durch mein Tagebuch und dachte mir nur: "Scheiße, der Rest meines Lebens ist leer." Es fühlte sich fast so an, als würde im mit 22 in den Ruhestand gehen. Ich habe damals auch viele Freunde verloren, weil wir einfach nichts mehr gemeinsam hatten. Damals gab es noch keine Social-Media-Plattformen und deswegen war es auch kein Problem, mal ein bisschen unterzutauchen. Ich hielt mich also eine ganze Weile lang sehr bedeckt und ging auch nicht mehr wirklich fort. Heutzutage spiele ich mit A1-Reunion-Shows, schreibe für andere Künstler Musik und arbeite an einem Musical. Ich habe es tatsächlich den alten Fans zu verdanken, dass ich in diesem Business noch so aktiv sein kann. Damals hatte ich jedoch ein wenig die Orientierung verloren und führte deswegen erstmal ein zurückgezogenes Leben.