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The Road to Nowhere Issue

Wie das Silicon Valley Häftlinge zu Programmierern machen will

Das Programm ist nicht nur ein Versuch, Insassen eine Zukunftsperspektive zu bieten, sondern auch ein seltener Brückenschlag zwischen kalifornischen Häftlingen und den IT-Profis des Silicon Valley.

von Mary Pilon
28 Dezember 2015, 5:00am

Code.7370 im San Quentin State Prison, Kalifornien, ist vermutlich der erste Programmierkurs für Häftlinge in den USA. Fotos von Kent Anderson

Aus der The Road to Nowhere Issue 2015

Neulich saßen an einem Mittwoch­morgen 23 Insassen im kalifornischen San Quentin State Prison vor Computern ohne Internetzugang und bauten Websites und Handy-Apps. Sie arbeiteten unweit der über 700 Männer im Todestrakt, gleich westlich des alten „Kerkers" und der Gaskammer. In derselben Einrichtung hatte Johnny Cash 1969 einen Auftritt. Jonathan Gripshover, ein bärtiger Ausbilder, der sich von dem Meer aus Jeanskleidung abhob, machte eine Runde durch das halogenbeleuchtete Zimmer. Die Organisatoren behaupten, sein Kurs, ein Projekt der NGO Last Mile namens Code.7370, sei das erste Programmier-Projekt in einem US-Gefängnis. Im Januar werden die Insassen Teil von Silicon Valleys neuestem Rekrutierungsexperiment. Dann wird Last Mile ein weiteres Programm starten, im Rahmen dessen Häftlinge leichte Frontend-Programmierarbeiten für Firmen machen. Sie werden 15 bis 20 Dollar pro Stunde verdienen, ein Lohn, der laut den Organisatoren vergleichbar mit dem eines Praktikanten ist, der ähnliche Arbeit ausführt.

Die Insassen von San Quentin arbeiten im Rahmen des Joint-Venture-Programms der California Prison Industry Authority (CALPIA), welches „der Branche angeglichenen Lohn" verspricht, schon lange für externe Firmen. Doch andere kalifornische Häftlinge haben weniger Glück: Selbst die erfahrensten Arbeiter in den fast 6.400 CALPIA-Jobs, etwa in Reparatur und Handwerk, verdienen maximal 95 Cent pro Stunde. In den USA gibt es geschätzte 2.500 Gefängnisgewerbe, die jährlich Einkünfte in Höhe von etwa 2 Milliarden Dollar haben. Gefängnisarbeiter haben schon für Whole Foods Käse hergestellt, für Victorias Secret Unterwäsche genäht und Callcenter für den Telefonanbieter AT&T besetzt. Für Joint-Venture-Programme wie das mit Code.7370 legen Arbeitgeber zusammen mit Vertretern des Bundesstaats die Löhne fest. Das Ziel des Arbeitsprogramms ist laut den Organisatoren, den Häftlingen Kompetenzen und finanzielle Rücklagen für ihre Rückkehr in die Gesellschaft zu geben.

„Gefängnisarbeit hat eine lange und dunkle Geschichte", sagt Amy E. Lerman, Professorin für öffentliches Recht und Politikwissenschaft an der University of California, Berkeley. „Man muss das Programm in diesem Kontext sehen. Es gibt zwei sehr unterschiedliche Perspektiven darauf. Das eine ist die lange Geschichte der billigen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft der Südstaaten. Es gibt im Süden noch Gefängnisse, die Sträflingskolonnen einsetzen, und in den letzten Jahren haben Kritiker angemerkt, dass das unangenehm an die Plantagenarbeit erinnert. Heute gibt es neue öffentlich-private Partnerschaften, für die Gefängnisinsassen qualifizierte Kundendienstarbeit machen. Es ist sehr wichtig, dass die Insassen den Tag über etwas zu tun haben, und Berufsausbildungen, vor allem für hochqualifizierte Arbeit, können ihnen nützliche Kenntnisse für die Zeit nach der Entlassung vermitteln."

Um sich auf diese Arbeit vorzubereiten, schlossen die Insassen von Code.7370 Programmier- und Designprojekte ab, bevor am nächsten Tag ihre Kenntnisse überprüft wurden. „Zuerst hielt ich es für verrückt", sagte Chris Schuhmacher, ein Insasse und Kursteilnehmer, der seit 2001 inhaftiert ist. „Ich habe immer das Gefühl, die IT-Welt entzieht sich mir. Alles entwickelt sich so schnell. Als wäre ich Fred Feuerstein und alle anderen wären die Jetsons." Er hat noch nie ein Smartphone besessen und sich bisher nur per Modem ins Internet eingewählt. Doch in dem Kurs hat er eine App namens Fitness Monkey kreiert, die es Nutzern ermöglicht, Trainingseinheiten und Nüchternheit zu überwachen, und die mit Belohnungen zum Durchhalten ermutigt.

Code.7370 geht acht Stunden täglich, vier Tage die Woche für sechs Monate, ähnlich den intensiven Drill-Programmen, die im Silicon Valley so beliebt sind. Mehr als 200 Insassen bewarben sich in San Quentin um einen Platz, und die 23 Auserwählten mussten eine schriftliche Bewerbung, ein persönliches Gespräch und eine Bewertung ihrer Fähigkeiten bewältigen. Auf dem Lehrplan stehen JavaScript, HTML, CSS und Python, und am Ende des Kurses erhalten die Insassen ein Zertifikat. Das Joint-Venture-Arbeitsprogramm, das im Januar startet, hat laut den Organisatoren bereits eine lange Warteliste.

Im Januar wird San Quentin ein Arbeitsprogramm starten, durch das Insassen Frontend-Programmier­arbeiten für externe Firmen erledigen können.

Von vorne könnte man San Quentin für ein Schloss oder das Anwesen eines exzentrischen Milliardärs halten. Es steht umgeben von Palmen am Rande der San Francisco Bay, vom Gefängnishof aus sieht man die Millionen-Dollar-Anwesen reicher Nachbarn. San Quentin ist das älteste Gefängnis Kaliforniens und gehört mit mehr als 4.000 Insassen auch zu seinen größten. Es ist so groß, dass es seine eigene Postleitzahl hat. Manche Wärter scherzen, es sei die „erste bewachte Wohnanlage" Kaliforniens.

Die Bay Area ist eine sehr reiche Region, in der es extrem arme Gegenden gibt. Laut der Gefängnisbehörde California Department of Corrections and Rehabilitation (CDCR) kostet die Inhaftierung einer einzelnen Person den Bundesstaat fast 64.000 Dollar im Jahr, wobei 55 Prozent der entlassenen Häftlinge innerhalb von drei Jahren erneut inhaftiert werden. Code.7370 wurde in Reaktion auf diese hartnäckige Rückfallrate entwickelt.

Das Programm entstand vor etwa fünf Jahren, als Chris Redlitz, geschäftsführender Teilhaber der Risikokapitalfirma Transmedia Capital, San Quentin besuchte. Er und andere Organisatoren von Last Mile waren wegen der Distanz zwischen der IT-Community im Silicon Valley und der rasant ansteigenden Gefängnisbevölkerung aus hauptsächlich Schwarzen und Latinos besorgt, die trotz der räumlichen Nähe wuchs. 2010 fing Redlitz an, ein Unternehmerprogramm für Häftlinge zu entwickeln. „Ich dachte: ‚Es gibt so viel Talent hier drinnen'", sagte er. Zwei Jahre später schlossen Insassen den ersten Kurs ab und im Oktober 2014 wurde der Lehrplan um Programmieren erweitert. Der erste Kurs dazu wurde im April dieses Jahres abgehalten.

„So viele Leute in San Francisco nutzen Programmierer in Übersee", sagte Redlitz. „Sehen sie nach, ob die Vorstrafen haben? Nein. Denn es ist egal. Der Code muss passen. Und so sollte es hier auch sein, denn sie können gute Arbeit leisten." Redlitz beschreibt die Insassen als die idealen Angestellten, weil sie so konzentriert und motiviert sind. „Es ist eine große Chance", sagte er.

„Ich lege mich jeden Abend in mein Bett und lese einfach nur übers Programmieren", sagte Aly Tamboura, ein Insasse, der bald seine 14-jährige Strafe hinter sich hat. Eines von Tambouras Projekten ist es, interaktive Grafiken mit Inhaftierungsstatistiken zu erstellen. Er schaltete zwischen eleganten Diagrammen mit einer grünen Linie hin und her, die die wachsende Gefängnisbevölkerung von 1960 bis heute zeigte, und seine Augen weiteten sich hinter seiner dicken Brille. Er deutete auf das Diagramm, das die Bewohner von San Quentin nach Ethnie aufführte: Der längste Strich stand für die 45,85 Prozent, die schwarz sind, so wie er. (Ein Sprecher des CDCR sagte, die Behörde könne eine solche Aufstellung „aus Sicherheitsgründen" nicht machen.) Tamboura konnte Muster in den Daten sehen, wie etwa die Tatsache, dass sehr viel seltener Verurteilungen wegen Vergewaltigung und Mord in San Quentin sind als wegen Diebstahl und Einbruch. „Manche dieser Sachen schockierten mich", sagte er.

Der ehemalige Häftling Tulio Cardozo landete wegen einer Anklage im Zusammenhang mit der Explosion seines Haschlabors, bei der er sich Brandnarben zuzog, im Gefängnis. Arbeitgeber im Silicon Valley seien verständnisvoll, sagte er. „Sie denken sich: ‚Vielleicht wurdest du erwischt und einige andere in diesem Zimmer wurden nicht erwischt.'"

Als Last Mile beschloss, das Programm in San Quentin einzuführen, gab es einige Hindernisse zu überwinden. Einen Programmier-Lehrplan an Whiteboards und ohne Internetanschluss zu vermitteln, sei eine Herausforderung gewesen, so Wes Bailey, der Programmdirektor von Last Mile. Bailey lädt die Inhalte auf eine externe Festplatte. „Es ist überraschend schwer, den Kurs offline zugänglich zu machen", sagte er.

Jegliche Ausrüstung muss von der Gefängnisleitung genehmigt und die Computer müssen untersucht werden, um sicherzugehen, dass sie sich nicht mit einem externen Netzwerk verbinden lassen. Wenn Kursteilnehmer ein Problem haben, müssen sie sich mit Büchern helfen. „Ich bin hier die Suchmaschine", sagte Gripshover, der Lehrer vor Ort. Viele der Teilnehmer lesen Druckversionen von Wired, Fast Company, Entrepreneur und Inc. oder informieren sich übers Fernsehen über diverse IT-Phänomene. Und sie haben Fragen. „Sie sagen: ‚Zeigen Sie mir Facebook'", sagte Gripshover. „‚Zeigen Sie mir Twitter. Was ist Instagram? Funktioniert Tinder wirklich so?'" Außerdem lesen die Insassen Enchantment von Guy Kawasaki, ein Standardwerk im Silicon Valley, und lernen Dinge wie Händeschütteln und Augenkontakt: soziale Werkzeuge, die ihnen helfen werden, einen Job zu finden. „Zeug, das man als selbstverständlich ansieht", sagte Gripshover.

Die Organisatoren hoffen außerdem, dass sie letztendlich ein Privatunternehmen für Programmierer gründen können, um Code.7370-Absolventen nach ihrer Entlassung aus San Quentin einzustellen. Dazu würden dann Menschen wie Tulio Cardozo gehören, der 2011 das Unternehmerprogramm für kürzlich entlassene Häftlinge von Last Mile absolviert hat. Seitdem hat Cardozo an verschiedenen Web-Entwicklungs-Projekten in der Bay Area gearbeitet. Etwa die Hälfte seines Körpers ist bedeckt von schweren Verbrennungen: Sein Haschlabor explodierte, was auch zu seiner fünfjährigen Haftstrafe führte. Er sagte, er sei positiv überrascht davon, wie viel Verständnis seine Arbeitgeber bezüglich seiner Vergangenheit hätten.

„Sie denken sich: ‚Vielleicht wurdest du erwischt und einige andere in diesem Zimmer wurden nicht erwischt. Aber du willst jetzt das hier machen und du hast einen Grund, härter zu arbeiten als alle anderen'", sagte Cardozo.

Manche Gefängnisse, darunter auch San Quentin, bieten Ausbildungen in Handwerken wie Möbelreparatur. Doch die höheren Einstiegsgehälter im Programmieren verringern eventuell die Versuchung, in ein lukratives, aber illegales Straßengeschäft zurückzukehren. „Wenn du rauskommst und ein branchenübliches Gehalt verdienen kannst, dann macht das einen Unterschied", sagte Cardozo. „Du hast eine Chance, niemals zurück zu müssen. Du kannst Rechnungen zahlen, Essen kaufen, Rentenvorsorge betreiben, vielleicht sogar ein paar Spielsachen kaufen und dich gut fühlen mit dem, was du tust. Das ist vorausschauend. Wenn man nicht genug verdient oder keine Kenntnisse hat, mit denen man in zehn Jahren noch Geld verdienen kann, weiß ich nicht, wie man der Versuchung widerstehen soll, etwas anderes zu tun." Es bleibt abzuwarten, ob Cardozo und die Teilnehmer von Code.7370 Jobs finden und solche Gehälter verdienen. Seit seinem Abschluss hat sich Cardozo für ein Hacker-Bootcamp im Silicon Valley angemeldet, um auf den bei Last Mile gelernten Kenntnissen aufzubauen.

Derweil saßen die Insassen von San Quentin wie gebannt vor ihren Bildschirmen. Jorge Heredia war einer von ihnen. Er ist seit 1998 inhaftiert und hat eine lebenslängliche Strafe. Im Juni lehnte der Bewährungsausschuss seinen Entlassungsantrag ab. Er zeigte mir auf seinem Bildschirm den Code, der das Grundgerüst von Funky Onion bildete, einer von ihm erstellten Website, die Obst und Gemüse mit optischen Makeln an Konsumenten vermittelt. Ganz oben stand der Slogan des Projekts: „Selbst Grünzeug verdient eine zweite Chance."