Wie es ist, als Transmann Sexarbeit zu machen

In einer Stadt voller Escorts ist Samuel East einer der wenigen Transmänner, die in Toronto als Prostituierter arbeiten.

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27 Februar 2016, 5:00am

Foto vom Autor

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„Du musst wissen, dass der Hass, der dir als Frau entgegenschlägt, viel schlimmer ist als der, dem du als Mann, Cis oder Trans ausgesetzt bist. Es ist eine andere Welt", erklärte mir Samuel East, ein Transgender-Sexarbeiter aus Toronto, letzten Monat bei einer Tasse Kaffee. East ist Mitte 20 und für ihn ist die Selbstdefinition als Mann noch relativ neu. Erst vor Kurzem hat er mithilfe von Testosteron-Präparaten die medizinische Geschlechtsangleichung begonnen, Sexarbeiter ist er allerdings schon lange.

Auch wenn es so gut wie unmöglich ist, konkrete Zahlen darüber zu bekommen, wie viele transsexuelle Prostituierte genau in Kanada arbeiten, ist es keineswegs ungewöhnlich, Transmenschen anzutreffen, die Sexarbeit leisten—entweder selbstständig oder angestellt in einer Escort-Agentur. Untersuchungen haben ergeben, dass transsexuelle Prostituierte mehr Anfeindungen und Gewalt ausgesetzt sind, als Prostituierte anderen Geschlechts—und wie alle Minderheiten in diesem Betätigungsfeld unterliegen sie einem höheren Grad der Fetischisierung als ihre weißen, heterosexuellen und Cis-Kollegen und Kolleginnen.

Während Transfrauen durch Prominente wie Caitlyn Jenner oder Laverne Cox in den letzten Jahren zunehmend in das Bewusstsein des Mainstreams gerutscht sind, sind Transmänner in vieler Hinsicht weiter unsichtbar. East sagt mir, dass die meisten Menschen noch nicht mal genau wissen, was es heißt ein Transmann zu sein. Diese Tatsache ist auch im Bereich der Sexarbeit deutlich zu spüren: East ist eine der wenigen männlichen Prostituierten im Stadtgebiet von Toronto, die früher eine Frau waren. Um uns ein besseres Bild davon machen zu können, wie seine Alltagsrealität aussieht, haben wir uns mit ihm über sein Leben und seine Arbeit unterhalten.

Einige der Namen, Orte und Vorfälle in diesem Artikel wurden verändert, um die Identitäten der beteiligten Quellen zu schützen.

VICE: Wie hast du angefangen, als Escort zu arbeiten?
Samuel East: Ich war ziemlich jung. Ich bin in einem Covenant House [christliches Obdachlosenheim für Kinder und Jugendliche] großgeworden, wurde dort aber rausgeschmissen, weil ich was mit Mädchen hatte. Damals war ich 18 und hatte überhaupt kein Geld—meine Haare waren auf einer Seite super lang und ich hatte eine Dread. Ich war eine von diesen abgeranzten Crustpunks. Wir machten damals dieses Ding, wo man jeden Abend in der Woche zu einem anderen Tempel gegangen ist, und dort kostenloses Essen und so Zeug bekommen hat.

Was hat dich denn in die Sexarbeit getrieben?
Ja, zu der Zeit fing ich als Sugar Baby an, was total beschissen ist. [Kunden] bekommen viel mehr von deiner Zeit, als sie eigentlich sollten. Es ist eigentlich die schlimmste Art von Sexarbeit, die man machen kann. Du opferst da quasi 24 Stunden deines Tages für jemanden, nur damit du am Ende des Monats 1.000 Dollar bekommst. Es war einfach der logische nächste Schritt, von dort ins Escort-Geschäft einzusteigen, wo ich dann als Frau gearbeitet habe. Vor drei Jahren etwa bin ich dann auf Review-Boards aktiv geworden. Die waren noch unter früheren Arbeitsnamen von mir. Die Dinge, die Menschen auf diesen Review-Boards schreiben, sind absolut widerlich.

Wie waren denn deine früheren Agenturen so? Vor allem die schlechter organisierten, zwielichtigen, für die du am Anfang gearbeitet hast?
Meine frühen Jobs hielten mich von einer Geschlechtsanpassung ab, weil das solche [kleinen] Agenturen waren, die schon fast an Menschenhandel grenzten. Wenn du an Menschenhandel denkst, denkst du natürlich an verschleppte Menschen, die in einen Raum gesperrt werden, wo sie dann zur Arbeit gezwungen werden. Das ist in der Regel aber nicht der Fall. Man willigt schon ein, dort zu sein, aber dann schicken sie einem ohne Vorwarnung lauter Kunden rein. Es kann passieren, dass du an einem Tag acht Typen hast—einen nach dem anderen.

Manchmal bekam ich, direkt nachdem einer weg war, SMS wie: „Hey, in zehn Minuten kommt dein nächster Kunde." Dir bleibt dann überhaupt nicht genug Zeit, um zu duschen, die Bettwäsche zu wechseln oder sich sonst irgendwie vorzubereiten. Es war schrecklich. Dein Körper wird nach Stunden dieser Tätigkeit auch ganz schön in Mitleidenschaft gezogen. Ich habe mir die Hüfte ausgekugelt, weil ich acht Stunden am Tag Cowgirl gemacht habe. Immerhin habe ich dadurch jetzt Oberschenkel wie eine Amazone.

Was ist mit der ersten Agentur passiert, für die du gearbeitet hast?
Die hat dichtgemacht. Das ist passiert, als das Gesetz geändert wurde und man nicht mehr offen für seine Dienste werben durfte. Ihr ganzes Business-Modell beruhte darauf, eine „Speisekarte" mit allen Wahlmöglichkeiten anzubieten, die den Kunden offenstehen—das ist so ziemlich das Herabwürdigendste, was man sich vorstellen kann. Ich bekomme noch immer SMS mit: „Hey, was steht denn heute bei dir auf der Karte?" Als wäre ich ein beschissenes Restaurant! Wer hat dir gesagt, dass du überhaupt jemandem schreiben sollst? Das ist etwas, das ich als männlicher Sexarbeiter machen kann—ich kann viel frecher zu den Leuten sein. Es ist toll! Endlich kann ich mal etwas von meiner Wut rauslassen. [lacht]

Wo bist du danach gelandet?
Nun, wirklich besser wurde es danach nicht. Bei meiner ersten Agentur haben die kein Wort gesagt, wenn jetzt zum Beispiel jemand reinkam und dich geschlagen hat. Die neue Agentur war aber noch viel schlimmer. [Mein Boss] brachte mich zum Arbeiten nach Alberta, wo ich 1.500 Dollar am Tag verdiente. Also, das war schon ein Traum, aber es war unglaublich hart. Ich wurde einmal von einem Klienten so krass verprügelt, dass ich überall blaue Flecken hatte—und sie saß im Zimmer gegenüber und hat nichts gemacht. Das ist schon ein extremer Fall. Sie war eine echte Psychopathin. Es ist aber oft so, dass die Leute, die diese Läden schmeißen, entweder nichts mitbekommen oder es ihnen einfach egal ist.

OK, im Gegensatz zu Terminen, die du bei dir Zuhause machst, ging es an diesen Orten quasi zu wie in einer Art Mini-Bordell?
Ja, das war eine Eigentumswohnung. Wenn man als Sexarbeiter in eine Privatwohnung kommt, fragt man sich automatisch, wie viele Prostituierte wohl noch dort sind. Die sind wirklich überall. Ich kann dir eine Reihe Wohnungen in der Stadt zeigen und dir sagen, wo die verschiedenen Agenturen sind.

Wann hast du dich dazu entschieden, die Geschlechtsangleichung zu vollziehen?
Als ich noch für eine andere Agentur gearbeitet habe, kam ich irgendwann an den Punkt, an dem ich einfach nicht mehr konnte. Damals stand auch der Termin mit meinem Endokrinologen an und weil ich die ganze Sache unbedingt durchziehen wollte, legte sich bei mir irgendwie ein Schalter um. Ich bin dann mit meiner Brustbinde, einem Packer und allem Drum und Dran zur Arbeit gegangen und musste dann richtig fiese Kommentare einstecken—also so richtig schlimmen und erniedrigenden Scheiß.

Ich wusste, dass ich Kunden verlieren würde, weil Transmänner einfach keinen Anklang finden. Die T-Renaissance ist halt noch nicht eingetreten. Die Klienten, die mich immer noch buchen, nehmen meine Dienste jetzt allerdings länger in Anspruch, weil es in Toronto nur wenige Sexarbeiter meiner Sorte gibt.

Wie haben sich die Dinge seit der Angleichung für dich verändert?
Es ist inzwischen schon viel besser geworden. Ich werbe jetzt auch weniger um Kundschaft. Als Transmann wendet man sich einfach nicht an seine Klientel—also heterosexuelle Typen. Wenn man auf diese Reviewboards geht und „Tranny" eingibt, findet man wirklich die widerlichste Scheiße. Die meisten Menschen sind immer noch nicht transfreundlich. Über Transfrauen, die als Prostituierte arbeiten, reden sie noch als Männer.

Ich erinnere mich an eine Review, in der sich eine Transfrau, die untenrum operiert worden war, als Frau bewarb—sie ließ den ganzen Trans-Aspekt komplett raus. Männer erwarten nämlich einen Schwanz zwischen den Beinen, wenn sie auf der Suche nach einer Transfrau sind. Sie wurde deswegen total fertiggemacht—so Sachen wie: „Das geht so nicht! Der Typ ist ekelhaft!"

Siehst du dich jetzt Transphobie ausgesetzt?
Ja. Also da, wo ich jetzt arbeite, ist es sehr transfreundlich, aber ich habe meine ganzen Stammkunden verloren, die mir bis dahin treu gefolgt war. Ich bin einfach nach und nach aus dem Raster gefallen.

Leute von früher haben mir Sachen geschrieben wie: „Wenn deine Kunden herausfinden würden, dass du trans bist, wären sie angewidert." Ich bin noch nicht sehr weit mit meiner Angleichung. Ich sehe eigentlich immer noch so aus wie früher. Jetzt beten mich Kunden manchmal darum, Frauenunterwäsche zu tragen, was eigentlich keinen Sinn ergibt, weil der Markt für weibliche Escorts ziemlich übersättigt ist. Viele von ihnen denken auch, dass ich eine Transfrau bin, und sind dann richtig verwirrt. „Ja, wie groß ist dein Schwanz?!" Gar nicht. Ich habe keinen.

Ich habe letztens um 8 Uhr morgens einen Anruf von einem Typen bekommen, der mich fragte, ob ich Mädchen oder Junge bin. Er sprach mich dann die ganze Zeit in der weiblichen Form an. Ich finde es nicht wirklich schlimm, wenn man mal einen Fehler macht, aber ich war eigentlich sehr deutlich zu ihm gewesen. Ich hatte auch noch keinen Kaffee gehabt und da kann ich schon mal pissig werden.

Du scheinst wirklich gut damit umzugehen. Wie schaffst du es denn, mit respektlosen Menschen weiter Geschäfte zu machen?

Ich bin inzwischen daran gewöhnt. Meine Messlatte für beschissenes Verhalten ist mittlerweile ganz weit unten—da kann man ganz locker drüber humpeln. Meine ganze Berufserfahrung hat mich auf diesen Punkt vorbereitet. Menschen können wirklich extrem erniedrigend sein. Ich habe Reviews über junge Mädchen gesehen, 18 Jahre alt, und die sind wirklich krass: „Die macht wirklich alles! Du kannst sie einfach benutzen." Das hat mich an mein eigenes, jüngeres Ich erinnert. So was ständig um sich herum zu sehen, stumpft einen ab.

Deswegen [dominiere ich Männer jetzt]—es ist ein emotionales Ventil. OK, meinetwegen bist du ein Arschloch, aber ich werde dich jetzt eine Stunde lang rücksichtslos verprügeln und du wirst mich dafür noch bezahlen. Du bist nämlich eine ganz arme Wurst. Es macht einen härter—auf eine sehr rohe Art.

Von deinen eigenen Erfahrungen ausgehend: Wie unterscheidet sich in diesem Geschäft die Arbeit als Transmann von der als Transfrau?
[Transfrauen] sehen sich tagtäglich Transphobie ausgesetzt—Transmänner bekommen [während der Angleichungsphase] nach und nach immer mehr dieser „Butch-Lesbe"-Kommentare gesteckt und dann plötzlich gilt man als Mann. Transmänner gehen eigentlich immer als Männer durch. Testosteron ist ein unglaublich beständiges Hormon. Das, was es mit dir anstellt, kann nicht wieder rückgängig gemacht werden. Viele Transfrauen lassen eine Elektrolyse [permanente Haarentfernung], Operationen an den Stimmbändern und so weiter durchführen ... es gehört eine Menge dazu. Deswegen werden sie auch so oft dem falschen Geschlecht zugeordnet.

Viele Menschen wissen noch nicht mal, was ein Transmann ist—dass eine Frau eine Geschlechtsangleichung zu einem Mann gemacht hat, haben sie noch nie gehört. In den Mainstream-Medien wird das auch so gut wie gar nicht thematisiert. Dadurch ist man allerdings auch in gewisser Weise frei, wenn man die Angleichung durchführt. Du musst dir als Mann auch nicht die gleiche Scheiße anhören wie als Frau. Du hast endlich Platz zum Atmen.