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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
DIE LITERATURAUSGABE 2013

Die Stute

Mary Gaitskill ist eine der größten lebenden amerikanischen Schriftstellerinnen. Sie schreibt für uns über Rassismus und den Verrsuch alles richtig zu machen.

von Mary Gaitskill
20 August 2013, 11:21am

Fotos von Sorryimworking

Ich lernte Velveteen kennen, als ich 45 war, aber ich fühlte mich immer noch jung. Ich sah auch jung aus. Wahrscheinlich, weil ich das nicht vorweisen konnte, was die meisten Leute in meinem Alter schon hinter sich hatten: Kinder kriegen und eine erfolgreiche Karriere haben. Ich habe spät geheiratet, nachdem ich eine Reihe von Beziehungen und ein intensives Halbleben als Künstlerin, die nur in Süd-Manhattan bekannt war, hinter mich gebracht hatte, während ich die andere Hälfte meines Lebens als Drogenabhängige dahinvegetierte.

Meinen Ehemann lernte ich bei den Anonymen Drogenabhängigen kennen. Damals wohnte er in der großen Stadt, aber inzwischen sind wir in eine kleine Stadt im Norden des Bundesstaates gezogen. Dort verdient er ganz anständig als Inhaber des Lehrstuhls für Anglistik an einem kleinen College. Allerdings geht viel von seinem Gehalt für seine Frau und Tochter aus einer früheren Ehe weg, und wir wohnen in einem alten, von der Fakultät gestellten Haus, das zwar ganz hübsch ist, wo aber nichts funktioniert. Dass wir nicht die Besitzer sind, stört uns nicht. Wir fühlen uns wohl und sind glücklich miteinander. Wir gehen oft essen und im Sommer verreisen wir.

Wenn mich die Leute fragen, was ich mache, sage ich manchmal: „Ich bin im Ruhestand“, manchmal: „Ich verändere mich gerade“, und seltener: „Ich bin Malerin.“ Die letzte Angabe mache ich immer mit einem peinlichen Gefühl, obwohl sie doch wahr ist: Ich male fast jeden Tag, und ich glaube, ich bin inzwischen viel besser als vor 20 Jahren, als ich in der Stadtmitte eine Ausstellung hatte. Aber es ist mir peinlich, weil ich weiß, dass sich das in den Ohren der Einheimischen hier, die Kinder und richtige Jobs haben, albern anhört. Sie würden das Leben, das ich geführt habe, bevor ich hierherkam, nicht verstehen. Es gibt ein paar Menschen—da­runter Frauen, die zu Hause malen, mit denen ich mich darüber unterhalten habe, was Kunst einmal für mich bedeutet hat und was ich wieder versuche, daraus zu machen: einen Ort, der wahrer und authentischer ist als das „wahre“ Leben. Einen Ort, an den ich mich nur noch dunkel erinnere und an dem ich tiefe Zufriedenheit empfunden habe. Wenn es mir gelang, ihn zu erreichen, war es so, als hätte ich den Radiosender mit meiner absoluten Lieblingsmusik gefunden. Und es gab nichts Wichtigeres, als diese Frequenzeinstellung meiner selbst immer bei mir zu haben.

Leider störten andere Menschen das Signal. Wenn ich mit ihnen zusammen war, konnte ich es nicht mehr hören. Das klingt wahrscheinlich sehr seltsam. Ich bin auch seltsam, und zwar noch viel seltsamer, als die blanken Fakten meiner Existenz nahelegen. Aber ich habe festgestellt, dass es noch viele andere seltsame Menschen gibt, und dass das Wort dadurch—auf Menschen angewandt—bedeutungslos geworden ist. Trotzdem haben mich die Menschen gestört. Deshalb habe ich nach Möglichkeiten gesucht, sie von mir fernzuhalten. Eine davon war meine äußerst kostspielige Drogensucht. Was ich aber nicht merkte bzw. verdrängte, war die Tatsache, dass Drogen noch mehr Störungen hervorriefen als Menschen. Sie erzeugten ein ganz eigenes finsteres Signal, das das ursprüngliche Signal zunächst verstärkte, sich dann mit ihm vermischte und schließlich verdrängte. Wenn das geschah, verlor ich jede Orientierung, und viele Jahre lang habe ich das nicht einmal gemerkt.

Als ich Paul kennenlernte, war ich 40 und er 46. Ich hatte mehrere Jahre nicht mehr gemalt; meine Kreativität war abgestorben. Wir besuchten dasselbe Treffen der Anonymen Drogenabhängigen in einem sterilen, hell beleuchteten Raum ganz ohne irgendwelche Signale, nur mit Menschen. Auch wenn wir erst ein Jahre später zum ersten Mal miteinander Kaffee getrunken haben, fielen mir sofort seine tiefgründigen Augen und die animalische Eloquenz seiner haarigen Hände auf.

Als wir aus der Stadt wegzogen, spürte ich das Signal wieder, aber anders. Ich spürte es sogar, wenn ich mit Paul zusammen war. Das überraschte mich nicht. Schließlich war er anders als „andere Menschen“. Aber ich konnte es plötzlich auch in der Gegenwart anderer echter Menschen spüren bzw. durch sie hindurch, z. B. in der dichten Atmosphäre von Familien, die schon seit Generationen in dieser Stadt und in ihren Häusern lebten. Ich sah Frauen mit Kinderwagen oder ihren kleinen Kindern an der Hand im Supermarkt und spürte sofort, dass sie tief mit dem Ort verwurzelt waren und mit allem, das uns umgab, mit dem Gras, der Erde, den Bäumen und dem Himmel. Dass ich so viel durch ein Medium hindurch spürte, zu dem ich nicht dazugehörte, machte mich natürlich einsam. Ich fing an, mich zu fragen, ob es nicht ein Fehler gewesen war, keine Kinder zu bekommen, und wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich Paul früher kennengelernt hätte. Als wir zum dritten Mal miteinander schliefen, sagte er zu mir: „Ich will dich schwängern.“ Bis dahin hatte ich sicher mehrere Hundert Mal Sex gehabt, aber das hatte noch keiner zu mir gesagt. Ich wollte auch gar nicht, dass das jemand zu mir sagte. Wenn mir meine Freundinnen erzählten, dass ein Typ ihnen so was gesagt hatte, dachte ich immer: Igitt! Aber als Paul es sagte, hörte ich nur: „Ich liebe dich.“ Und ich fühlte das Gleiche. Wir schliefen miteinander und ich stellte mir schon vor, wie mein Bauch wider allen Erwartungen anschwellen würde.

Aber es war zu spät. Ich wurde nicht schwanger. Stattdessen starb meine Schwester Melinda. Ich weiß, die beiden Dinge haben nichts miteinander zu tun. Aber in meinem Kopf waren sie eng miteinander verknüpft. Meine Schwester lebte in Cleveland, Ohio. Sie war schon lange krank gewesen, und war so daneben, dass ihre Verwandten und Freunde gar nicht mehr an sie denken wollten, ich eingeschlossen. Sie war ständig betrunken, gemein und verrückt und rief mich mitten in der Nacht an, um mir völlig durchgeknallte Sachen zu erzählen. Als sie noch jünger war, trieb sie sich mit einer abgerissenen, schlechtgelaunten Schmalspur-Bikergang herum, die sie jetzt, wo es mit ihr bergab ging, links liegen ließ—wahrscheinlich weil sie selbst auf dem Abstieg waren. Ich hatte auch keine Lust, mich mit ihr zu unterhalten, aber ich schloss meine Augen und zwang mich zuzuhören. Ich hörte so lange zu, bis ich mich an das Gefühl erinnerte, das ich hatte, als wir als Kinder zusammen malten, auf dem Sofa kuschelten und Eiscreme von Untertassen schleckten. Aber manchmal konnte ich nicht zuhören, konnte ich mich nicht erinnern. Sie redete, und ich sah meine E-Mails durch und wartete darauf, dass sie mich in Ruhe ließ. Und das tat sie dann auch.

Sie hatte unter der Dusche einen Schlaganfall. Als sie Tage später gefunden wurde, lief das Wasser immer noch. Es war Sommer und ihr Leichnam hatte sich mit Wasser vollgesaugt und war ganz aufgedunsen. Trotzdem gelang es mir, sie zu identifizieren, obwohl ihr dünner, winziger Mund beinahe in ihren aufgequollenen Wangen verschwand und Kinn und Augenbrauen zu einer unmenschlichen Fratze verzerrt waren.

Paul half mir, ihre Wohnung aufzulösen. Ich war sicher zehn Jahre nicht mehr bei ihr gewesen. Sie wollte nie, dass wir sie besuchten, sondern wollte lieber zu uns kommen, und jetzt wusste ich auch, warum. Ihre Wohnung war völlig verwahrlost, voller alter Pizzakartons, gebrauchter Pappteller und Plastikbesteck und Kisten und Tüten voller Müll, die sie wohl schon vor Jahren wegbringen wollte. Monatealte Post lag haufenweise ungeöffnet auf jeder freien Oberfläche. Die Wände waren mit schwarzem Schimmel übersät. Paul und ich standen mitten im Raum und fragten uns: Warum haben wir ihr nicht geholfen? Die Antwort lautete: Wir hatten ihr geholfen. Wir hatten ihr Geld geschickt und wir hatten sie zu Weihnachten abgeholt, um mit uns zu feiern. Ich hatte mich mit ihr unterhalten, auch wenn ich keine Lust dazu hatte. Aber als ich da so in ihrer Wohnung stand, war mir klar, dass das nicht gereicht hatte. Sie hatte es mitgekriegt, wenn ich keine Lust hatte, mit ihr zu telefonieren, und das war mindestens jedes zweite Mal. Sie hätte mehr gebraucht als unser Geld.

Während ich mich noch von dem Schock erholte, machte ich lange Spaziergänge durch das kleine Stadtzentrum, lief hinaus auf die Landstraße und kehrte schließlich wieder in die Stadt zurück. Ich betrachtete die Frauen mit ihren Kindern. Ich sah in ihre kleinen, wunderschönen Gesichter und dachte an die Zeit, als Melinda so war wie sie.

Einmal ging unsere Waschmaschine kaputt und ich musste in den Waschsalon. Ich war alleine dort und im Radio lief ein Song aus den 70ern über ein Mädchen und ein Pferd, die beide starben. Als ich den Song erkannte, faltete ich gerade die Wäsche zusammen. Die Stimme der Sängerin ist dünn und künstlich, aber ganz hübsch, und hinter der Künstlichkeit klingt die reine Traurigkeit über Kleinheit und Versagen durch und der Glaube an schöne Dinge, die nicht echt sind, denn nur so kann man überleben. Mir stiegen Tränen in die Augen. Als Melinda klein war, hatte sie Pferde geliebt. Eine Zeit lang ist sie sogar geritten. Wir konnten uns keine Reitstunden leisten, also arbeitete sie im Stall, um sie sich zu verdienen. Einmal habe ich sie zusammen mit meiner Mutter abgeholt, und ich sah, wie sie innerhalb des Rings neben dem Stall im Kreis ritt. Dabei sah sie so selbstbewusst und glücklich aus, dass ich sie kaum erkannte. Ich fragte mich, wer das hübsche Mädchen war. „Es hieß, sie starb im Winter / Als der tödliche Frost heranzog / Und das Pony, das sie Wildfang nannte, brach aus seinem Stall aus / Sie geriet in einen Schneesturm und kehrte nie zurück.“ Der Song war scheiße. Er ist völlig irrelevant. Aber er erinnerte mich an meine Schwester, wie sie in einer Zeit, als ihr Leben noch in Ordnung war, auf einem wunderschönen goldenen Pferd auf mich zugeritten kam. „Sie kommt mich holen, das weiß ich genau / Und auf Wildfang reiten wir beide davon.“ Ich weinte leise vor mich hin und faltete weiter meine Wäsche zusammen. Keiner war da, der mich hätte sehen können.

Etwa ein Jahr später fingen Paul und ich an, über Adoption zu sprechen. Zuerst sagte er: „Das geht nicht.“ Obwohl er es nicht aussprach, glaube ich, er war verletzt, dass ich mich nicht mehr bemüht hatte, von ihm schwanger zu werden und jetzt stattdessen irgendein fremdes Kind haben wollte. Außerdem wollte seine Tochter aus erster Ehe nicht auf die Uni, an der er unterrichtete, und nachdem seine Frau ihm eine Szene gemacht hatte, hatte er versprochen, ihr ein Studium an der Brown University zu bezahlen. Und selbst wenn es nicht am Geld mangelte, war er der Meinung, dass uns die körperliche Konstitution fehlte, um ein Kind großzuziehen.

„Und was ist mit einem älteren Kind?“, fragte ich. „Wie alt? Sieben Jahre? Aber über dieses Kind wüssten wir doch viel zu wenig“, gab er zu bedenken. Siebenjährige wären in vieler Hinsicht schon fertige kleine Menschen, und das könnte problematisch werden. Nur würde man das erst viel zu spät merken.
 

Wir diskutierten hin und her, zwar nicht sehr intensiv, aber ausdauernd, ob nachts im Bett und oder morgens am Frühstückstisch. Die Monate vergingen. Der Frühling hielt Einzug und die trockene, eisige Winterluft wurde erst rau und feucht, und schließlich satt und mild. Und auch Pauls Augen wurden immer milder, wenn wir über das Thema sprachen. Ein Freund von ihm erzählte ihm von einer Organisation, die arme Kinder aus der Großstadt aufs Land holte, damit sie ein paar Wochen bei den dort ansässigen Familien lebten. Dieser Freund meinte, das sei doch eine gute Gelegenheit, um das Terrain zu sondieren und zu sehen, wie es wäre, ein Kind um sich zu haben, das von jemand anderem erzogen worden war.

Wir riefen die Organisation an und sie schickte uns Informationsmaterial, unter anderem auch eine Broschüre mit weißen und schwarzen Kindern vorne drauf, die Blumen in der Hand hielten und lächelten, mit weißen Erwachsenen, die schwarze Kinder umarmten, und mit einem schlanken schwarzen Mädchen, das ein wolliges weißes Schaf streichelte. Das war sentimental, schmeichelte der weißen Eitelkeit und war in höchstem Maße manipulativ. Gleichzeitig war es aber auch unwiderstehlich. Es ließ einen glauben, dass die Gefühle, die man sich zu haben einbildete, wahr seien. „Ja“, sagte ich. „Lass es uns versuchen. Es sind ja nur zwei Wochen. Dann können wir herausfinden, wie das ist. Und wenn es nichts ist, hat das Kind wenigstens einen schönen Sommer.“

Der Bus hatte Verspätung. Wir warteten eine ganz Stunde auf einem heißen Schulhof, weil uns die Nachricht nicht mehr erreicht hatte. Als wir sahen, dass sonst keiner da war, dachten wir uns schon, dass wir zu früh dran waren, aber wir trauten uns nicht, etwas Kaltes zu trinken zu besorgen, weil wir nicht wussten, wann die anderen kommen würden. Paul blieb im Auto sitzen, machte die Tür auf und hörte Radio. Ich stieg aus und lief auf dem Asphalt auf und ab. Diese gerade Linie zwischen Himmel und Erde gefiel mir nicht. Wer würde schon gerne als Erstes einen leeren Schulhof sehen, wenn er in eine neue Stadt kam? Ich dachte an die Stimme des Mädchens am Telefon, Velvets Stimme. Sie klang so voll und rund, so süß und frisch.
 

Dieser Stimme wollte ich süße, frische Sachen schenken; ich wollte alles Gute, was ich finden konnte, zusammentragen und ihr geben. Am Abend zuvor hatten wir Lebensmittel für sie eingekauft: Schachteln mit Cornflakes und Obst, um es dazu zu essen, Eier, für den Fall, dass sie keine Cornflakes mochte, Orangensaft und Speck und Weißbrot, Schinken und Käse, Hähnchen zum Grillen, kalten Kakao und Möhren. „Mochte deine Tochter Möhren, als sie klein war?“, fragte ich Paul. „Weiß ich nicht mehr“, antwortete er. „Ich glaub schon.“ „Alle Kinder mögen Möhren“, sagte ich und legte sie in den Einkaufswagen. „Ginger, mach dir nicht zu viele Gedanken“, sagte er. „Kinder sind gar nicht so schwierig. Solange man nett zu ihnen ist und sich um sie kümmert, mögen sie einen auch. Alles klar?“

Aber ich hatte Kinder anders in Erinnerung. Ich lief weiter den Asphalt auf und ab. In meiner Erinnerung waren Kinder sehr wählerisch in dem, was sie wollten. Oder waren nur wir so? Ich musste daran denken, wie Melinda und ich einmal am vierten Juli mitten auf der Straße saßen, Wackelpudding aßen, das Feuerwerk betrachteten und davon überzeugt waren, wir hätten gerade Glöckchen aus dem Fernsehen gesehen. Wir hielten uns an den Händen, und es war alles so, wie es sein sollte. Wir waren glücklich. Doch unser Glück war sehr empfindlich und es brauchte nicht viel, um es zu zerstören.

Nach und nach kamen weitere Autos mit Weißen in mittleren Jahren auf den Parkplatz gefahren. Das Problem war, dass ich nicht sicher war, ob ich alles Gute zusammenhatte, das ich ihr geben konnte. Oder ob ich überhaupt etwas hatte. „Dich selbst“, hatte Paul gesagt, als er mich eines Nachts im Arm hielt. „Dein wahres Selbst ist das Beste, was du jemand anders schenken kannst.“ Und ich hatte ihm geglaubt. Aber ich stellte mir das nicht so leicht vor. Paul stieg aus dem Wagen aus. „Sieh mal“, sagte er. „Da sind sie.“ Zwei Busse kamen in den Hof gefahren. Ich dachte nur: Benimm dich ganz natürlich. Die Busse hielten an, die Türen gingen auf und zerzauste, verschwitzte Erwachsene strömten lächelnd heraus. Es wurden Nachnamen und Nummern gerufen. Dann sprangen Kinder aus den Bussen. Einige blinzelten eifrig ins Sonnenlicht, andere sahen auf den Boden, als wär es ihnen peinlich oder als hätten sie Angst.

Und dann kam sie. Ihr runder Kopf war zu groß für ihren hageren Körper, und ihr langes, krauses Haar ließ ihn noch größer erscheinen. Ihre Haut war goldbraun, sie hatte volle Lippen und kräftige Wangenknochen. Ihre Stirn war breit, aber sanft, sie hatte eine breite Nase und braune, tellergroße Augen mit langen, dichten Wimpern und markanten Brauen. Ihr Gesichtsausdruck war so voller Reinheit, dass mir fast das Herz stehenblieb.

Dann hörte ich Pauls Namen. Wir traten vor. Das Kind sah uns direkt an. Unwillkürlich war mir, als müsste ich mein bewegtes Herz schützen, doch der Drang, das Gesicht des Mädchens zu berühren, war noch stärker. „Das ist Velvet“, sagte eine unscheinbare Person mit einem Lächeln in der Stimme. „Velvet, das sind Mr. und Mrs. Adams.“ Sie war für uns bestimmt!

Sie war so schön, ruhte so in ihrem Körper, war aber gleichzeitig sehr zurückhaltend und ließ sich nur zögernd auf die Situation ein. Ich war aufgeregt und nervös und wusste nicht recht, wie ich mich verhalten sollte. Ich konnte nicht einmal normal mit meiner eigenen Familie umgehen. Wie sollte ich mich dann um ein bedürftiges Kind aus einer anderen Kultur kümmern? Dieser Gedanke war das reinste Klischee, aber ich konnte förmlich spüren, wie anders sie war. Gleichzeitig fühlte ich ihre Herzensgüte und ihren Wunsch, uns zu helfen, und das war noch faszinierender. Wir ließen sie allein, damit sie mit ihrer Mutter telefonieren konnte, und als wir die Treppe hinuntergingen, flüsterte ich Paul zu: „Was hältst du von ihr?“

„Sie ist ein liebes Mädchen“, sagte er. „Es wird alles gut.“ Kurz danach kam sie auch die Treppe herunter. Ihr Gesicht sah traurig aus, und der emotionale Umschwung war gravierend. Einen kurzen Augenblick lang dachte ich, es wäre etwas Schlimmes passiert. Aber sie sagte bloß, dass ihre Mutter nicht zu Hause sei. Ich gab ihr ein paar Kekse zu essen und fragte sie, was sie gerne machen wollte. Ich schlug vor, dass wir in die Stadt, zum See oder auf die Bowlingbahn fahren oder einen Spaziergang durch die Nachbarschaft machen könnten. Oder wir könnten rüber zu den Ställen gegenüber gehen und die Pferde besuchen. „Pferde“, sagte sie, den Mund noch voller Kekskrümel. „Können wir zu den Pferden gehen?“

***

Als wir zum Haus zurückkamen, wollte sie ein Sandwich essen, also machte ich ihr eins mit Schinken und Käse, und belegte es mit ein paar Tomaten, für die Vitamine. Sie fragte, ob wir eingelegte Gurken hätte, und ich sagte Nein, sorry. Während sie aß, sah sie mich fragend an. Der Tomatensaft tropfte am Sandwich herunter. Sie fragte, ob die anderen Mädchen auch dort sein würden, wenn sie ihre Reitstunde hätte. Ich antwortete, dass ich es nicht wüsste. Ich fragte mich, ob sie wohl etwas Diskriminierendes zu ihr gesagt hatten, aber ich traute mich nicht zu fragen, aus Angst, sie verlegen zu machen. Ich dachte eigentlich nicht, dass in dieser Stadt Rassisten lebten, aber Rassismus kann auch gemäßigt auftreten.

„Was hältst du von denen?“, fragte ich.

„Ich weiß nicht“, antwortete sie.

„Würdest du sie gerne wiedersehen?“

„Nein.“

Ich fragte sie, ob sie einen Badeanzug mitgenommen hatte. Sie sagte Ja. Ich erzählte ihr, dass wir ihr eine Schwimmweste besorgt hätten, für unseren Besuch am See. Sie wollte sie gerne sehen, und als ich sie brachte, probierte sie sie an und runzelte die Stirn; sie war zu klein. Das war mir sehr unangenehm. Wir gingen zu Paul in den Garten, der Unkraut jätete, und sagten ihm, wir würden zum Laden fahren und eine neue Schwimmweste kaufen. Er sagte, er würde mit uns kommen. Sie nahm die Weste mit ins Auto und fummelte an ihr herum. Als wir über die Kingston Bridge fuhren, spürte ich, dass sie kurz mit dem Fummeln aufgehört hatte. Als ich mich umdrehte, hatte sie ihre Hände im Schoß liegen, und ich sah ihr weiches, aufmerksames Profil, während sie aus dem Fenster schaute und den weiten blauen Himmel und das sprudelnde Wasser auf sich wirken ließ. Starke Gefühle überwältigten mich, ohne dass ich mir ihrer Natur bewusst war.

Als wir vor dem Geschäft geparkt hatten, sagte sie: „Jetzt passt sie.“ Und das hatte sie selbst gemacht. Sie hatte verstellbare Riemen und Verschlüsse angepasst, nach denen wir nicht einmal gesucht hatten. Da sagte Paul: „Du bist viel schlauer als wir.“ Da strahlten ihre Augen schüchtern.

Da wir schon mal am Einkaufscenter waren, beschlossen wir, ihr ein Fahrrad zu kaufen. Es dauerte eine ganze Weile, denn es war ihr unangenehm, eins auszusuchen. Wir fragten immer wieder: Was ist mit dem hier? Gefällt dir das hier? Magst du die Farbe? Und sie sagte immer nur: „Ich weiß nicht“, und sah verwirrt auf den Boden. Als ich sie fragte: „Willst du überhaupt ein Fahrrad?“, sagte sie Ja, aber so, wie sie es sagte, hätte es auch Nein bedeuten können. Da kam ein Verkäufer zu uns, und das machte die Sache nur noch schlimmer. Ich hatte das Gefühl, wir taten ihr irgendwie Gewalt an, als sie plötzlich sagte: „Das da!“, und auf ein violettes Fahrrad mit Blumen zeigte.

Als wir wieder zu Hause waren, holten Paul und ich unsere eigenen Räder und machten mit ihr eine Tour durch die Nachbarschaft auf der Straße, die hinter unserem Haus begann. Es war zwar nur eine kurze Strecke, aber für uns war es ein Abenteuer, das uns alle drei verband. Wir kämpften uns schwitzend ein paar Hügel hoch und rasten sie dann wieder herunter. Wir kamen an Stellen mit aufgeplatztem Asphalt, und ich rief: „Achtung, Huckel!“ Und Velvet grinste triumphierend, während wir darüber ruckelten. Als wir durch einen kleinen Park mit Ententeich fuhren, wollte sie anhalten und sich die Enten ankucken. Es gab auch eine Schaukel, und obwohl sie eher für Kindergartenkinder geeignet war, wollte Velvet darauf schaukeln. Wir waren zu groß, um mit ihr zu schaukeln, also stießen wir sie abwechselnd an. Wir spielten auf der Wippe und auf dem wackeligen hölzernen Karussell, und dann wollte sie noch mal schaukeln. Sie war wie hypnotisiert und wirkte regelrecht gierig, als wüsste sie, dass sie schon zu alt dafür war, aber als wollte sie es nachholen, weil sie das als Kleinkind nicht gehabt hatte. Außerdem machte es Spaß—zumindest fanden wir das.

Als wir wieder zu Hause waren, fragte Paul Velvet, ob sie Celia Cruz mochte, und sie sagte: „Ja!“ Also legte er eine CD von ihr auf und drehte sie so laut, dass man sie noch im Hinterhof hätte hören können. Velvet leistete mir Gesellschaft, während ich den Salat zubereitete und das Hähnchen fertig machte, das Paul im Garten grillen wollte. Es war ein gutes Gefühl, ihr etwas zu essen zu machen. Ich musste daran denken, wie meine Mutter immer in der Küche gekocht hatte; ihre Hüften lehnten sicher an der Anrichte, während ihre Hände flink und geschäftig herumwirbelten. Ich musste an das Gefühl von Liebe und Vertrauen denken, das ich damals empfunden hatte. Ich wollte dieses Gefühl auch vermitteln, selbst wenn es nur für kurze Zeit sein würde. Als Paul das fertige Hähnchen auf einem großen Teller hereintrug, wusste ich, dass es ihm auch Freude machte.

Beim Essen fragten wir nach ihrer Familie, und sie erzählte uns, dass ihr Bruder auch bei einer anderen Familie wäre. Ihre Mutter würde als Altenpflegerin arbeiten. Dann fragte sie, ob wir auch Kinder hätten, und Paul erzählte ihr von seiner Tochter. Velvet war enttäuscht, als sie erfuhr, dass Edie in Italien war. Velvet fragte mich nicht, ob ich Kinder hätte, sondern sah mich nur neugierig an. Als ich nichts sagte, wollte sie noch einmal zum Telefon und versuchen, ihre Mutter zu erreichen.

Velvet klang glücklich, als ihre Mutter schließlich antwortete, und sagte: „Ma-mi!“ Aber sofort danach fing die Frau an zu brüllen. Sie brüllte so laut, dass sogar ich sie hören konnte. Velvet sprach rasch; manchmal klang es, als würde sie sich rechtfertigen, und manchmal klang sie flehend. Ich hörte, wie sie „Celia Cruz“ mit einem hoffnungsvollen Ton in der Stimme sagte, doch die Mutter brüllte immer weiter. Schließlich sah Velvet mich an und sagte: „Mein Mutter bedankt sich für das Fahrrad, das Sie mir geschenkt haben.“ Dann legte sie auf und sah sauer und glücklich zugleich aus.

Später sahen wir uns Videos an. Ich hatte einen Film über ein Mädchen spanischer Herkunft, das sich nicht unterkriegen ließ und ihr beschissenes Leben in den Griff bekam, indem es lernte zu boxen. Ich hatte ihn noch nicht gesehen, nur die Trailer, die zeigten, wie alle möglichen Leute auf sie einredeten, dass sie nichts taugte, während der Satz „Beweis ihnen das Gegenteil!“ eingeblendet wurde. Dann sah man, wie das Mädchen zu lateinamerikanischer Musik auf einen Sandsack einschlug. Ich dachte, der Film würde eine inspirierende Wirkung haben—Beweis ihnen das Gegenteil!—und freute mich schon darauf, mit Velvet davor zu sitzen und mich zusammen mit ihr inspirieren zu lassen. Wir ließen den Film laufen, und in der ersten Szene brüllte der Vater das Mädchen an, dass sie nichts taugte. Velvet sah ziemlich deprimiert drein. „Es wird besser“, versprach ich. Doch das Geschrei bei dem Mädchen zu Hause ging noch eine ganze Weile weiter. Dann ging sie zur Schule und wurde vom Lehrer angebrüllt. Die anderen Mädchen lästerten und beleidigten sie, und in der nächsten Szene war sie in der Toilette und verprügelte jemanden. „Können wir was anderes kucken?“, fragte Velvet.

Das war mir peinlich und ich zeigte ihr, was ich sonst noch hatte: einen Film über ein pakistanisches Mädchen in England, das sich gegen alle Vorurteile dazu entscheidet, Fußballstar zu werden, und ein Film über ein blondes Mädchen, das herausfindet, dass es eine Prinzessin ist. Velvet suchte sich den zweiten Film aus, und wir sahen ihn uns zusammen auf der Couch an. Gierig saugte Velvet jede einzelne Szene des Films auf, der von sinnlosem Überfluss und grenzenloser Bejahung nur so triefte. Eine Schauspielerin, die für ihre Rolle als schöne, lebenslustige Nonne berühmt geworden war, als ich noch ein Kind war, führte die Prinzessin in ein Zimmer und überhäufte sie dort mit Juwelen. In einer Trance grenzenlosen Behagens lehnte sich das kleine Mädchen, das mich gar nicht kannte, an mich und legte seinen Kopf auf meine Schulter. Schüchtern streichelte ich ihr Haar. Als Paul ins Zimmer kam, spürte ich die Wärme, die von ihm ausging, obwohl das Licht gedämpft war und ich sein Gesicht nicht sehen konnte.

Als Paul und ich in dieser Nacht zu Bett gingen, fühlten wir uns sehr nahe und schliefen in fester Umarmung ein. Als ich mitten in der Nacht ängstlich und traurig aus einem Albtraum erwachte, an den ich mich nicht mehr erinnern konnte, streckte ich meine Hand nach ihm aus und kuschelte mich an seinen Rücken. Doch anstatt seinen Namen zu sagen, hörte ich mich selbst „M’lindie!“ wimmern, wie ich Melinda genannt hatte, als ich fünf war. Und obwohl ich wach genug war, um zu wissen, dass ich Pauls großen männlichen Rücken umschlungen hielt, flüsterte ich trotzdem erneut „Melinda“, bevor ich wieder einschlief.

Das mag merkwürdig klingen, aber das war es nicht. Denn Melinda und ich hatten in den ersten sechs Jahren unseres Lebens in einem Bett geschlafen.”
 

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Mary Gaitskill
Literaturausgabe 2013
Jahrgang 7 Ausgabe 6
Kulturen