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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
DIE LITERATURAUSGABE 2013

Interview mit Christine Nöstlinger

Die österreichische Kinderbuchautorin erzählt im Interview vom Recht auf seichte Unterhaltung.

von Katharina Nöstlinger, Fotos von Katarina Šoškić
17 Juli 2013, 2:30pm

Wenn ich früher damit angegeben habe, dass meine Tante die Geschichten vom Franz und Mini geschrieben hat, haben mir die Kinder immer unterstellt zu lügen. Jetzt bleibt diese Informationdenen vorbehalten, die mich, wenn ich meinen Nachnamen sage, nach den Verwandtschaftsverhältnissen fragen. So wie im Büro, wo die Augen in der Hoffnung auf Connections zu einer der bekanntesten Kinderbuchautorinnen gleich zu funkeln begannen. Ganz glücklich war ich nicht über den Vorschlag, ein Interview mit Christine Nöstlinger zu führen, da die Verwandtschaft zwar vorhanden war, aber meinerseits nicht unbedingt gepflegt wurde. Als ich zum Studieren nach Wien gezogen bin, hat sie mir ihre Telefonnummer gegeben und mich zum Essen eingeladen. Ich habe nie angerufen. Ich war immer viel zu beschäftigt damit, mir in meiner ersten eigenen Wohnung und der großen Stadt die Nächte um die Ohren zu schlagen. Umso schlechter war das Gewissen, als ich mich schließlich drei Jahre später doch bei ihr meldete. Aber ihre Einladung war nicht verfallen. Sie nimmt es mir auch nicht übel. Denke ich. Es ist genau das Verständnis für junge Menschen, das ihre Buchhelden und -heldinnen so einzigartig und authentisch macht. Mich beeindruckt, wie treffend die kleinen Ungerechtigkeiten, die einem als Kind widerfahren, in den Wischerbriefen auf den Punkt gebracht werden. Oder die Krise des Luki-Live, der in seiner Unzufriedenheit mit der Gesellschaft verloren geht und mit dem der Prototyp des Hipsters schon vor 20 Jahren erfunden wurde. Ich habe ihre Bücher geliebt, wahrscheinlich habe ich fast alle gelesen. Fast, denn es sind doch schon über 160 Stück, die Erwachsenenliteratur mitgezählt. Nach dem Treffen mit Christine Nöstlinger, meiner Tante und Autorin, habe ich mir zwei Dinge vorgenommen. Erstens werde ich die Bücher lesen, die mir auf die 160 fehlen. Zweitens werde ich sie wieder besuchen.

VICE: Es ist mir klar, dass das ein Gefallen ist, den du mir tust, danke!
Christine Nöstlinger:
Na, das ist ja wohl wurscht.

Passiert dir das oft, dass dich Freunde und Bekannte um einen Gefallen bitten?
Naja, meistens ist der Gefallen eine Lesung. Das mache ich manchmal nicht oder nur ungern. Ich kann diese ganzen Wünsche nicht erfüllen, weil ich sonst dreimal in der Woche für Gottes Lohn in irgendwelche Schulen gehen würde, wo Enkelkinder oder Kinder von Bekannten oder Freunden sitzen.

Also wenn dich etwas nervt, sagst du schon nein.
Ja, aber es fällt mir nie leicht. Ich bin eine eher konfliktscheue Person. So ein striktes Nein sage ich ungern. Meistens komme ich mit Antworten wie „ich habe leider keine Zeit“, „jetzt nicht, vielleicht später einmal“ oder so.

Sehr höflich! Letztes Mal habe ich dich gefragt, ob du vielleicht einen unveröffentlichten Text für die Ausgabe hättest. Und da hast du gleich gesagt: „Nein, ich hab nichts herumliegen, ich schreibe nicht für die Lade.“ Da habe ich mich gefragt, ob du eigentlich noch gerne schreibst?
Das ist verschieden. An manchen Tagen, wenn ich beim Schreiben das Gefühl habe, jetzt geht’s gut, dann mach ich es gern. Aber es gibt auch Zeiten, in denen ich meinen Rechner umschleiche, als ob er mein Feind wäre. Da will ich ihn nicht einmal hochstarten. Aber in meinem Alter kann ich mir auch leisten, nicht mehr so emsig zu arbeiten wie früher. Ich habe jahrzehntelang 70 Stunden pro Woche geschrieben. Jetzt komme ich wahrscheinlich auf nicht mehr als 25 Stunden oder 30.

O.k., aber hast du früher 70 Stunden geschrieben, weil es dir Spaß gemacht hat oder du dir gedacht hast: „Das hab ich jetzt im Kopf, das muss ich sofort aufschreiben.“?
Ich hab so viel geschrieben, weil ich jemandem zugesagt habe. Ich habe eine Zeit lang in einer Riesenwohnung in der Piaristengasse gewohnt. Da hatte ich drei Schreibtische. Auf einem lag das Buch, an dem ich gerade geschrieben hab, auf dem zweiten Schreibtisch lag die Arbeit für die tägliche Zeitungskolumne und auf dem dritten Schreibtisch lagen die Sachen, die ich für den Hörfunk gemacht habe oder Drehbücher fürs Fernsehen. Das musste ich auf drei Schreibtische aufteilen, weil ich sonst in meinem Chaos überhaupt nie zurechtgekommen wäre.

Du hast dir also immer sehr viel Arbeit aufgehalst.
Ja, ich bin kein Mensch, der aus einem inneren Drang heraus unbedingt schreiben muss. Wenn sich niemand für meine Bücher interessiert hätte, dann hätte ich wahrscheinlich zu schreiben aufgehört und mir etwas anderes gesucht.

Es ist dir also auch nicht unbedingt ein Anliegen, den Kindern und Jugendlichen, für die du hauptsächlich schreibst, etwas mitzugeben?
Na sicher ist es mir ein Anliegen! Egal, ob ich für Kinder, für Achtzigjährige oder für Fünfzigjährige schreibe, will ich es so gut als möglich erledigen. Da fließt natürlich auch meine Weltanschauung mit ein, worüber ich mich ärgere oder was ich für richtig halte. Aber einen wahnsinnig großen Mitteilungsdrang habe ich nicht. Es würde mir auch reichen, am Abend mit Freunden zusammenzusitzen und über Missstände zu schimpfen.

Das Buch Maikäfer flieg hat mir zum Beispiel deshalb so gefallen, weil es auf eine unnervige Art lehrreich war.
Ich glaube, jeder Mensch hat irgendwelche Dinge erlebt, die so heftig waren, dass sie ihn noch viele Jahrzehnte beschäftigen. Maikäfer flieg wollte ich schon schreiben, weil es ein Stück aus meiner Kindheit ist. Außerdem habe ich gemerkt, dass Kinder von dieser Zeit eigentlich sehr wenig Ahnung haben. Alles erklären kann man eh nicht. Wenn man Kindern alles erklären würde, was damals passiert ist, dann hätte man ein dickes Geschichtsbuch und keine Erzählung für Kinder. Also muss man auch sehr viel weglassen. Ein Kind will nicht ganz genau wissen, wer und was eigentlich die Gestapo oder die SS war. Man kann es anmerken, aber dafür müssen die Eltern oder andere Menschen aus dem Umfeld schon ganz ehrlich und offen mit dem Thema umgegangen sein. Ein Kinderbuch kann nur eine gewisse Stimmung vermitteln.

Bücher haben also auch eine erzieherische Funktion.
Naja, dümmer werden sie nicht davon. Mit Büchern setzt man flankierende Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung. Maikäfer flieg ist ja schon ziemlich alt, und als es erschienen ist, gab es noch Kinder aus Nazifamilien, die ein grausiges Weltbild über die Hitlerzeit hatten. Diesen Kindern wurde vermittelt, dass der Hitler eh ein guter Mensch war und Autobahnen gebaut hat. Also wenn so ein Kind das Buch liest, wird sich seine Haltung wahrscheinlich nicht verändern. Die konnten auch nichts dafür, dass sie so erzogen wurden. Wenn du von klein auf von deinen Eltern und Großeltern hörst, dass das alles ganz anders war und die SSler eh ganz herrliche Menschen waren, glaubst du das. Als Kind bist du einer solchen Erziehung hilflos ausgeliefert.

Es gibt auch viele Kinder, die außer dem Fernseher gar niemanden haben, der ihnen etwas erzählt.
Ich hab nichts gegen das Fernsehen. Manchmal erfährt man im Fernsehen wesentlich gescheitere Sachen als von den Eltern. Kommt darauf an, was man sich anschaut. Ich bin prinzipiell gegen überhaupt kein Medium. Es hängt davon ab, wie dieses Medium benutzt wird. Sowohl von denen, die es füttern, als auch von denen, die das dann konsumieren.

Beim Weltfrauentag vor zwei Jahren hast du erklärt, dass du eher pessimistisch in die Zukunft blickst, wenn du dir deine Enkelin anschaust.
Ich bin generell kein besonders optimistischer Mensch, ich bin ein heiterer Pessimist. Eigentlich sehe ich alles von meinem Hirn her ziemlich pessimistisch und ich befürchte, ich hab damit gar nicht so unrecht. Aber vom Gefühl her bin ich bei Gott nicht depressiv, sondern eigentlich ein recht heiterer Mensch.

Du hast aber auch gesagt, dass du hoffst, dass das wieder ganz anders ausschaut, wenn sie 18 ist. Deine Enkelin ist jetzt fast 18. Hat es sich etwas zum Guten gewendet?
Es ist nichts anders. Aber sie sagt: „Das wird schon noch kommen, lasst mich in Ruhe!“ Das ist eine berechtigte Haltung. Ich bin 77 Jahre alt, ich kann mich in den Kopf einer Siebzehnjährigen nicht adäquat hineinversetzen. Aber eines ist mir natürlich klar: Immer sind irgendwelche Siebenundsiebzigjährigen dagesessen und haben den Kopf geschüttelt und gefunden: „So wie die Jugend ist, das gefällt uns nicht.” Das hat es immer schon gegeben und wahrscheinlich bin ich genauso. Aber um noch einmal zum Pessimismus zurückzukommen: Ich glaube, dass ein vernunftbegabter Mensch früher oder später auch tatsächlich zur Vernunft kommt. Diejenigen, die schon als Jugendliche nachgedacht und sich engagiert haben, waren immer schon in der Minderheit. Das war nie die große Menge. Wenn ich mit 17 Jahren im Gymnasium Schriftsteller gelesen habe, die mich fasziniert haben, und das den anderen nahebringen wollte, bin ich auf taube Ohren gestoßen. Da ich ein beliebtes Kind war, habensie sich das halt geduldig angehört, aber dass deswegen wer Tucholsky, Hasenclever oder Osietzky gelesen hätte, bezweifle ich.

Als beliebtes Kind hat man es leichter. Das ist ja auch oft Thema in deinen Büchern.
Ja, sicher. Aber ich glaube, es ist jetzt schlimmer. Menschen sind anscheinend von Natur aus sehr feige. Und Mobbing über ein Medium zu betreiben, in dem man anonym ist, fällt den Menschen einfach leichter als Face to Face. Das hat es ja früher nicht gegeben.

Du hast einmal gesagt, du warst ein fieses Kind.
Wenn ich von mir selber gesagt habe, dass ich ein fieses Kind war, dann gehe ich schon streng mit mir um. Ich war natürlich kein sehr freundliches Kind. Wie man so schön sagt: Für eine gute Pointe verkauft’s die Großmutter. Ich war nicht sehr liebreizend oder besonders geduldig und hatte eher einen Hang zu leicht sarkastischen Gehässigkeiten. Aber ich war eigentlich immer recht beliebt, also kann es nicht so arg gewesen sein.

Wenn wir—und ich glaube, da spreche ich für eine ganze Generation—am Computer sitzen, passieren immer tausend Dinge gleichzeitig. Geht dir das auch so? Surfst du viel herum?
Nein. Letztens habe ich die Gebrauchsanweisung für meine Waschmaschine im Internet gelesen, weil ich die gedruckte nicht mehr gefunden habe. Das ist praktisch. Aber sonst surf ich eigentlich wenig. Aus Jux und Tollerei überhaupt nicht. Und wenn ich etwas nachschauen will, nehme ich noch immer lieber ein Lexikon in die Hand. Ich hasse es, wenn ich mit einer oder mehreren meiner Töchter am Tisch sitze und beim geringsten Schas im Wald wird sofort nachgeschaut. Das würde mir nie einfallen.

Und zur Unterhaltung?
Ich lese viel und wenn ich sehr müde bin, dann schaue ich blöde Sachen im Fernsehen. So richtigen Blödsinn. Da zapp ich zwischen den Sendern herum und irgendwo bleibe ich hängen. Manchmal verfolge ich, völlig hirnrissig, vier verschiedene Programme, weil mich eigentlich keines interessiert, ich aber dann doch wissen will, wie es weitergeht. Das kann ein Western sein, ein depperter Hans Moser Film oder eine hirnrissige Komödie—ganz egal. Ich will dann auch gar nichts wirklich Ernsthaftes sehen, sondern es geht mir um die Bilder.

Das heißt, beim Lesen kannst du dich weniger gut entspannen?
Das kommt wie beim Fernsehen ganz drauf an, was man liest. Zum Beispiel ist der Donnerstag fast ausschließlich für Die Zeit reserviert. Zuerst löse ich im Magazin das Kreuzworträtsel. Ohne geht’s nicht. Das muss ich auch bis Freitag fertig haben, denn da kommt meistens der Anruf eines uralten Freundes meines Ehemannes: „Und was ist neunundzwanzig senkrecht?“ Dann bespreche ich mit ihm das Kreuzworträtsel, weil er immer Angst hat, dass er schon von Alzheimer bedroht ist. Dafür muss man schon das Hirn anstrengen, weshalb auch immer der halbe Tag vergeht, bis ich es gelöst habe. Da arbeite ich dann auch meistens nicht mehr, höchstens eine Kleinigkeit.

Gibt es eine österreichische Tageszeitung, die du gerne liest?
Normalerweise, als ich nicht gerade gehbehindert war und jeden Tag außer Haus ging, habe ich mir immer denStandard gekauft. Aber ich komme drauf, ich brauche ihn eigentlich nicht. Ö1 höre ich sehr gerne und fühle mich auch sehr gut informiert. Was ich dann im Standard lese, das hab ich ja am Tag davor schon im Abendjournal gehört. Und mein Gott, ganz übel ist die Presse auch nicht, aber alles andere brauche ich eigentlich schon gar nicht. Und im Standard interessiert mich dann im Höchstfall, wenn vernünftige Leute was schreiben, der „Kommentar der anderen”. Und das kann man auch online lesen.

Der Computer ist also doch nicht ausschließlich für die Arbeit und Bedienungsanleitungen da?
Nein, natürlich nicht. Ich finde es auch toll, dass man mit Menschen schreiben kann, ohne einen Brief zu verschicken. Obwohl ich sehr schlecht im Beantworten von Mails bin. Viele Leute sind total erschüttert, weil ich nur alle zwei oder drei Tage meine Mails anschaue. Die können das nicht glauben und rufen mich dann an: „Hast du mein Mail nicht bekommen?“ Aber ich habe es natürlich bekommen, ich lasse mich nur nicht zum Sklaven von hundert Mails am Tag machen. Ich habe schon früher die Briefe nicht beantwortet, warum soll ich jetzt die Mails beantworten? Gut, Mails zu beantworten ist ein bisschen einfacher als Briefe zu schreiben. Man muss sie nicht ausdrucken, man muss sie in kein Kuvert stecken, man muss keine Briefmarke draufpicken, man muss nicht zum nächsten Postkasten rennen, der jetzt eh schon ganz weit weg ist, weil man sie alle abmontiert hat.

Liest du eigentlich E-Books?
Ich hätte ein Kindle, aber das mag ich nicht. Ich blättere gerne, ich liebe gewisse Bücher auch wegen der Papierqualität und des richtigen Satzspiegels. Es gibt natürlich auch hässliche Bücher, aber die schönen habe ich gern in der Hand.

Aber Kinderbücher eher nicht.
Nein, ich lese keine Kinderbücher. Hin und wieder, wenn mir ein Verlag, bei dem ich bin, etwas schickt, blättere ich es durch, aber ich habe keine Sehnsucht danach zu lesen, was meine Kollegen zu erzählen haben.

Apropos Kollegen. Warum ist Thomas Brezina auf dich beleidigt?
Der ist beleidigt, weil er sich von mir sozusagen gemobbt fühlt. Aber ich schwöre, das war nicht ich. Das war wer anderer, der so auf ihn losgegangen ist. Nur finde ich es nicht der Mühe wert, ihm das auseinanderzusetzen. Und in Wirklichkeit ist er wahrscheinlich beleidigt, weil er nie Preise kriegt. Aber ich habe überhaupt nie öffentlich über ihn geschimpft. Von mir aus soll jeder schreiben, was er will, in der Qualität, zu der er im Stande ist. Ich gehöre auch nicht zu diesen Kinderbuchautoren, die gegen jedes Buch, das einem nicht gefällt—ob zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt—, wettern und sagen, dass das Schund sei. Außerdem finde ich, auch Kinder haben ein Anrecht darauf, einfache Unterhaltungsgeschichten zu lesen. Die wollen sich ja auch ausrasten.

Da ist also gar keine spannende Geschichte dahinter?
Nein, ich kenne seine Bücher auch gar nicht näher. Irgendwann einmal habe ich eines gelesen. Gefallen hat es mir nicht, aber es ist das gute Recht eines jeden Kindes, sich irgendwo zwei Stunden zu entspannen und so ein Buch zu lesen. Wir Erwachsenen lesen ja manchmal auch irgendwas, das nicht gerade das Gelbe vom Ei ist. Ich schaue halt blöd fern, ist auch nicht besser.

Wobei Unterhaltung und Entspannung nicht im Widerspruch zu guter Literatur stehen müssen.
Nein, überhaupt nicht. Ich habe jetzt nur das Wort „seicht“ vermieden, um den Brezina nicht wieder zu kränken. Man muss halt auch sagen, dass ich es leicht habe, weil ich Bücher schreibe, die von der Kritik anerkannt sind, und ich trotzdem mein gutes Einkommen und somit ein gutes Auskommen habe. Es gibt natürlich viele Kinderbuchautoren, die sehr gute Bücher schreiben, und trotzdem bleibt der Erfolg aus. Es ist aber auch verständlich, dass die dann natürlich grantig sind, wenn jemand, der sich nicht so plagt, etwas schreibt, das offensichtlich nicht so gute Literatur ist, und trotzdem viel Geld verdient.

Du hast schon des Öfteren gesagt, dass du dein Geld gerne ausgibst, und ich kann das bestätigen, denn von dir habe ich immer die großzügigsten Spenden bekommen.
Peanuts.

Für mich damals als Kind waren das unglaubliche Beträge. Du wohnst aber trotzdem hier im 20. Bezirk. Wenn ich dich besuche, fühle ich mich ein bisschen wie im Urlaub.
Im Spaß sage ich auch oft, dass ich schon immer im Ausland leben wollte. Das ist der eine Punkt. Der wesentliche Punkt ist, dass meine Tochter zwei Gassen weiter wohnt. In meinem Alter habe ich ganz gerne jemanden, der hin und wieder auf mich und meine Wohnung schaut. Außerdem hatte ich es satt, dass ich immer, wenn ich meine Ansichten über Integration und Zuwanderer äußerte, zu hören bekam: „Ja Sie haben’s ja leicht, Sie wohnen im 8. Bezirk—oder in Hietzing.“ Einzig die Infrastruktur lässt etwas zu wünschen übrig. Das ist aber auch klar, in einer Gegend, in der sehr viele Türken wohnen, sperren langsam die österreichischen Läden zu und die türkischen machen auf. Es ist halt hier etwas üppiger, man findet an jeder Ecke einen Ein-Euro-Shop, man kann in jeder Gasse studieren, wie türkische Hochzeitskleider ausschauen, und es gibt erstaunlich viele Handyshops. Aber stören tun mich die Türken überhaupt nicht. Manchmal stören mich die Wiener Ureinwohner, die auf die Türken schimpfen.

Du bist im Penny Markt bei dir ums Eck überfallen worden.
Zielpunkt. Aber bitte, meine Tochter ist in Hietzing überfallen worden. Also was soll das, man kann in ganz Wien überfallen werden. Das würde ich nicht diesem Bezirk anlasten.

Zurzeit gehst du ohnehin nicht viel raus, weil du einen Unfall hattest.
Ja, ich habe vergessen, in welchem Alter ich bin, und bin, um den Weg zum Taxi abzukürzen, über einen mit Schnee bedeckten Eishaufen geturnt und saß dann im Herrenspagat auf dem Eishaufen. Der Taxler war sehr erschrocken: „Gnä’ Frau, gnä’ Frau, is Ihna was passiert?“ In dem Schock bin ich aufgestanden und hab mir gedacht, „gut is’ gegangen, nix is’ gschehn“, bin noch in das Taxi gestiegen und nach Hause gefahren. Wie ich dann im Lift gestanden bin, habe ich gemerkt, hoppla, da tut aber doch einiges weh. Ich gehe schon raus, aber das ist mir lieber in Begleitung. Wenn man auf zwei Krücken geht, kann man ja nichts tragen. Da kannst du nicht einmal ein Kaffeehäferl transportieren. Ich brauche im Moment noch jemanden, der für mich einkauft. Aber sonst komme ich zurecht. Es sind oft die winzigen Kleinigkeiten, zum Beispiel das Haustor unten geht streng auf. Dann stehst du da mit zwei Krücken, innen beim Haustor, musst die Krücken in ein Eck lehnen, aufpassen, dass die nicht umfallen. Dann musst du die Tür ein bisschen aufmachen, einen Fuß reinstellen, dann mit einer Schulter die Tür aufdrücken, dann wieder nach den Krücken greifen. Es geht, aber es ist mühselig.

Du erzählst das so gelassen, siehst du es mit Humor?
Na aber sicher. Man kann ja auch gleichzeitig frustriert sein und trotzdem das Komische an einer Situation sehen.

Wenn du wieder ganz fit bist, was wirst du machen? Dich mit Freunden treffen?
Ja natürlich, ich habe viele Freunde. Es kommen auch jetzt viele zu mir, ich vereinsame also nicht. Ich kann mir auch jetzt schon ein Taxi bestellen, mit den Krücken runterhumpeln, dann eben mühselig das Haustor aufmachen und mich ins Taxi setzen und in ein Kaffeehaus oder in ein Restaurant fahren. Dazu kommt, dass ich nie ein sehr beweglicher Mensch war. Ich bin eher ein sitzender Mensch. Daher geht mir auch gar nicht so viel ab. Mein Mann ist im Waldviertel, wo wir ein Haus haben, jeden Tag spazieren gegangen, manchmal drei Stunden. Er hat mich nie überreden können, obwohl ich da nicht gehbehindert war, auch nur eine Stunde durchs Waldviertel zu spazieren.

Schon immer Stadtkind, niemals Landkind.
Immer Stadtkind. Mein Mann hat das Haus sehr gern gehabt und ich bin halt mitgefahren. Ob ich im Waldviertel oder in Wien schreibe, war mir egal. Aber die Natur, ja, in der Sonne auf einem Liegestuhl, okay, aber das ist schon alles, was ich an Natur brauche.

Du hast also im Waldviertel auch gearbeitet.
Ja, oft sogar viel mehr, weil die Ablenkung nicht so groß war.Im Waldviertel kommt man nicht in die Versuchung, sich jeden Abend mit jemandem zu treffen oder jemanden einzuladen.

Bist du ein geselliger Mensch?
Ja. Aber ich bin kein Partytyp, der irgendwo hingeht, um mit zwanzig Leuten Smalltalk zu führen. Ich habe bemerkt, dass ich zu Events mit hundert Leuten gehe und dann immer mit den drei gleichen irgendwo in einer Ecke sitze. Da hätte ich nicht auf die Party gehen müssen, sondern hätte mich einfach mit den drei treffen können. So gesellig, dass ich immer wieder neue Menschen kennenlernen will, bin ich nicht. Ich bin ein eher treuer Mensch. Die richtig guten Freunde, die ich habe, die habe ich seit fünfzig, sechzig Jahren. Viele natürlich sind jetzt schon weggestorben. Die Männer, die Frauen gibt’s noch, wie das halt so ist. Es wird dünner rundherum.

Du hast auch Kochbücher geschrieben, ich habe sie zugegebenermaßen nicht gelesen, weil ich nicht gerne koche. Ich weiß aber, dass du sehr gut kochst.
Das habe ich, glaube ich, schon verlernt. Kochen ist vor allem eine Sache der Routine. Mein Ehemann hat wirklich gerne gegessen, da habe ich jeden Tag gekocht. Wenn du jeden Tag kochst, dann kriegst du Routine und es geht dir geschwind von der Hand. Ich habe öfter für acht Leute drei Gänge in zweieinhalb Stunden erledigt, und das hat mich nicht gestresst. Wenn ich heute Menschen einlade und für die was zu essen mache, dann hole ich das Dessert aus dem Oberlaa und für das andere berechne ich den ganzen Nachmittag. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich im Kochbuch nachschaue.

Hast du auch gekocht, weil du selbst gerne isst? Oder eher weil du dich freust, wenn es den Bekochten schmeckt?
Ich esse überhaupt nicht gerne. Ich habe vor allem wegen meines Mannes gekocht. Außerdem für Freunde, weil so viel Lob für so wenig Einsatz heimst man ganz selten ein. Ich habe schon andere Sachen für Menschen getan, die mir viel mehr Mühe gemacht haben als Kochen, und bin nicht auf so begeisterte Gesichter gestoßen. Anscheinend werde ich gerne gelobt.

Du erzählst öfter von den Schönheitsoperationen von Bekannten, und in deinen Büchern gibt es zum Beispiel das übergewichtige Gretchen Sackmeier oder das Ameisenbär- Mädchen mit der riesigen Nase und ohne Kinn. Wie wichtig ist das Aussehen einer Person?
Natürlich ist für ein Mädchen das Aussehen, durch alle Generationen hindurch, unheimlich wichtig. Und die mit der großen Nase, ich bin mit so einer in die Schule gegangen, dieses arme Mädchen hatte eine sehr große Nase. Allerdings nicht so groß, wie sie geglaubt hat. Und wenig Kinn. Die hat sich immer die Hand auf die Nase gehalten, weil sie die Nase verdecken wollte. Man hat kaum verstanden, was sie da drunter gememmelt hat. Da hatte ich auch ein lustiges, nein, eigentlich ein trauriges Erlebnis. Ich war einmal in einer Schule und habe aus dem Buch vorgelesen. Ich habe dann gefragt, was man da macht, und daraufhin hat die Klasse unisono gesagt: „Na eine gute Idee wär’ doch, dass sie sich in einen Blinden verliebt!“ Da sieht man, wie wichtig ordentliche Nasen sind.

In dem Buch ist es nicht möglich, dem Mädchen die Nase zu operieren. Findest du Schönheitsoperationen in bestimmten Fällen in Ordnung?
Wenn die Nase sehr groß ist und es wäre meine Tochter, würde ich wahrscheinlich das Geld herausrücken, aber prinzipiell finde ich es falsch. Ich weiß auch, dass es meistens nicht die mit den großen Nasen sind, die sich dann wirklich operieren lassen. Ein Freund von mir, der plastischer Chirurg ist, hat mir auch erzählt, dass das bei jungen Mädchen zu einer Sucht wird. Erst kommen sie wegen der Ohren, dann wegen der Nasen, dann brauchen sie die Fettabsaugung an den Oberschenkeln. Die wollen sich in ein Barbiepuppenwesen verwandeln. Und ich glaube, es ist noch niemand zufriedener oder glücklicher geworden, wenn er operiert war. Zum Glück gibt es jetzt ein Gesetz, dass man zumindest 16 oder 18 sein muss. Das halte ich für sehr vernünftig.

Ist man mit 18 erwachsen?
Manche müssen schon mit 14 erwachsen sein, manche Menschen sind es aber auch mit 70 noch immer nicht.

Und du? Du hast gesagt, du warst für die 68er zu alt. Da warst du knapp über 30.
Ja, wenn man verheiratet ist, Kinder und einen Beruf hat, hat man keine Zeit für sowas. Das ist von Studenten ausgegangen, jüngere, sehr linke Freunde von mir, die sind dreimal in der Woche am Abend in einem Arbeitskreis gesessen und haben die außerparlamentarische Opposition diskutiert. Ich bin daheim gesessen und habe meine Kinder gehütet.

Die dann selbst Arbeitskreise im Keller veranstaltet haben.
Das war aber später. Und auch nur eine war wirklich beinharte Maoistin. Das ist ja wieder ganz was anderes im Vergleich zu den 68ern. Ich glaube, man nennt sowas Kaderpartei, die sich immer wieder gespalten hat, bis es nur mehr zehn waren.

Wirst du eigentlich oft auf der Straße erkannt?
Nein, und da in der Gegend schon überhaupt nicht. Wenn, dann sind das meistens Frauen um die Fünfzig, die mir dann nachrennen, mich anschauen und fragen: „San Sie’s?“ Was sagst du auf sowas? Ich weiß doch gar nicht, wen sie meint. Gibt ja auch Verwechslungen. Als ich in der Josefstadt gewohnt habe, hat eine alte Frau immer zu mir gesagt: „Guten Tag, Frau Burkhard!“ Die Frau Burkhard ist die Schauspielerin, die Mundls Ehefrau gespielt hat. Ich bin da nie eingeschritten. Einmal, bei irgendeinem Theaterstück, in dem die Burkhard mitgespielt hat, sagt sie nach der Vorstellung zu mir: „Übrigens, in der Josefstadt ist eine, die verwechselt mich mit Ihnen. Die sagt immer zu mir: ,Guten Tag, Frau Nöstlinger.‘“ Ist wahrscheinlich dieselbe Alte gewesen.

Fühlst du dich geschmeichelt bei der Verwechslung oder eher nicht?
Das ist nicht schlecht. Wir haben uns beide nicht empört, sie ist eine gute Schauspielerin, ich bin eine halbwegs gute Autorin, da kann man schon verwechselt werden. Auch wenn wir uns überhaupt nicht ähnlich schauen. Das hat wahrscheinlich etwas damit zu tun, dass sie die Frau vom Mundl gespielt hat und ich Mundartgedichte verfasst hab. Da dürfte sich im Kopf dieser Dame halt einiges verknotet haben.

In Villa Henriette hast du auch selbst eine kleine Rolle übernommen.
Ja, ich habe eine Hausmeisterin gespielt.

Hat dir das Spaß gemacht?
Nein, überhaupt nicht. Filmen macht keinen Spaß und dauert ewig. Da sitzt man den ganzen Tag für einen Satz herum. Einmal stimmt das Licht nicht, einmal hört der Tonmeister etwas, das nicht dazugehört, dann sieht man wieder den Schatten vom Mikrophon. Filmen bedeutet herumsitzen und warten. Aber das sind halt so Gags von Filmregisseuren, dass sie selbst oder der Autor irgendwo im Film kurz auftritt. So wie bei Hitchcock, der ja auch oft als Statist dabei war.

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Literaturausgabe 2013
Jahrgang 7 Ausgabe 6
Christine Nöstlinger