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Eine Ode an die Herbst-Melancholie

Kälte oder sogar Regen sind die beste Ausrede für dich selbst, daheim bleiben zu dürfen.

von Hanna Herbst
01 Oktober 2015, 8:41am

Foto: Public Domain

Wenn der Herbst kommt, werde ich zu einem sehr merkwürdigen Menschen. Ich mag den Sommer nicht, also freue ich mich zwar, wenn es kälter wird, aber irgendwas stirbt gleichzeitig in mir. Ich fühle mich, wenn es kälter wird, wie Goethes Werther, habe weder Energie noch Lebensfreude in mir und warte wie ein verwelkendes Blatt auf den Frost, um endgültig sterben zu können.

Zu einem Teil liegt das vermutlich einfach an mangelndem Vitamin D. Mein Hausarzt hat mich einmal ausgelacht, weil er gesagt hat, er hat noch nie jemanden gesehen, der so wenig Vitamin D in sich hat. Ich bekomme dann immer Tropfen verschrieben, weil mir aber egal ist, dass ich aussehe wie ein wandelnder Geist und ich die Herbst-Melancholie liebe, nehme ich die Tropfen nicht. Stattdessen gehe ich heim, zünde eine bis 100 Kerzen an, höre Musik, die alles noch viel schlimmer macht und schreibe Texte, die sich, wenn der Herbst vorbei ist, lesen, als hätte sie eine depressive 14-Jährige geschrieben. Wie der erste Absatz dieses Textes zum Beispiel.

Die Welt ist im Herbst ein noch tristerer Ort als sonst, alles macht keinen Sinn und noch weniger, wenn mir mein Mitbewohner wieder mein Feuerzeug gestohlen hat und ich keine Kerzen anzünden kann, um die Melancholie in all ihrer Schönheit auskosten zu können. Als ich noch auf der Uni war, bin ich im Herbst (noch) viel weniger zur Uni gegangen oder generell aus dem Haus. Kälte oder sogar Regen sind die beste Ausrede für dich selbst, daheim bleiben zu dürfen. Mit einem Buch unter der Decke oder mit eingefrorenen Fingern am Laptop (ich bin zu geizig, um zu heizen, wenn es noch über 17 Grad in der Wohnung hat).

Jetzt, wo ich jeden Morgen für die Arbeit aufstehen muss, kann ich dieser Stimmung nicht mehr frönen, wie ich es gerne würde und wie es die Jahreszeit meiner Meinung nach eigentlich verdient hätte. Aber wahrscheinlich ist es besser so. Etwas, das einen aus diesem Loch reißt, ist ganz praktisch, wenn man nicht jedes Jahr den gesamten Herbst mit Bon Iver, Cat Power, Antony and the Johnsons oder Perfume Genius unter einer dicken Wolldecke verbringen möchte.

Irgendwie hasse ich den Herbst dafür, dass er mich manchmal zu einer lebensunfähigen Katastrophe macht. Aber ich liebe die Tage, an denen es plötzlich ganz früh dunkel ist und an denen man sich auf den Abend freut, weil man da einfach nichts mehr machen muss und sich dabei kein bisschen schlecht fühlt.

Hanna auf Twitter: @HHumorlos.