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Was ich in Nickelsdorf und am Westbahnhof gesehen habe, ist eine Schande

Unser Gastautor hat in der Nacht von Montag auf Dienstag mehrere Refugee-Familien von Nickelsdorf nach Wien gefahren—wo sie dann auf der Straße schlafen sollten.

von Oliver Jiszda
17 September 2015, 9:00am

Alle Fotos vom Autor

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Als ich am Montagabend um 23:30 Uhr in Nickelsdorf ankomme, sehe ich gleich einige Menschen aus der Zivilbevölkerung, die sich zu Konvois zusammengeschlossen haben, um die Fliehenden aus Nickelsdorf nach Wien zu bringen.

Der Staat Österreich hat zwar Busse zur Verfügung gestellt, aber die fahren nur in irgendwelche Lager, in denen die Refugees registriert werden sollen. Da viele nicht in Österreich bleiben wollen, trauen sie sich nicht in die Busse und sind vollkommen auf uns Private angewiesen, wenn sie mit ihren Kleinkindern nicht in der feuchten Kälte auf einem „überdachten" LKW-Ladeplatz übernachten wollen.

Ein paar Meter weiter stehen bereits dutzende Riesenzelte des Bundesheers, sind aber noch komplett leer. Als ich frage, warum nicht die Menschen, die draußen frieren, in die Zelte einchecken können, bekomme ich als Antwort: „Die sind fürs Bundesheer." Weit und breit ist niemand vom Heer da. Die Frage, was das Ganze soll, stelle ich nur mir selbst.

Da die Polizei die Zufahrtsstraße gesperrt hat, kann man den Sammelplatz nur zu Fuß erreichen—in völliger Dunkelheit und nach zirka einem Kilometer Marsch. Die Taxis hingegen haben eine eigene Zufahrtgenehmigung erhalten und dürfen bis zum Sammelplatz vorfahren.

Das bedeutet logischerweise auch, dass die Taxis die erste Fahrgelegenheit bieten, um von dort weg zu kommen. Wie bereits berichtet wurde, haben einige Taxis absolute Wucherpreise verrechnet. Der Fairness halber muss man aber auch sagen, dass einige ausländische Fahrer den Fliehenden auch Gratisfahrten angeboten haben. Trotz der Skepsis der Refugees, die in Ungarn einiges an Lügen und unsanfter Behandlung von offizieller Seite erlebt haben, vertrauen einige von ihnen den Fahrern und lassen sich auf das Angebot ein.

Dass rund einen Kilometer zahlreiche private PKWs bereitstehen, bekommt natürlich kaum einer mit, also mussten wir die Strecke ebenfalls zu Fuß abgehen, um die Menschen auf dem Sammelplatz darüber zu informieren.

Hat man dann eine Familie gefunden, die fast alle mit Kleinkindern angekommen sind, muss man mit dieser dann schließlich völlig erschöpft den 1-Kilometer-Marsch zum Auto antreten—vorbei an jenen Taxifahrern, die sich auch noch darüber lustig machen, dass man die Frechheit besitzt, sie nach einem gratis Transfer zu fragen. Hätte ich nicht ein kleines Kind im Arm getragen, das vor Kälte zitterte, hätte ich mir die Mühe gemacht, sie anzuzeigen, aber man hat in der Situation dann doch Wichtigeres zu tun.

Mit der Familie geht es dann weiter zum Westbahnhof. Mir wird mitgeteilt, dass dort die Flüchtlinge übernommen werden und einen Schlafplatz zugeteilt bekommen. Als ich, immer noch mitten in der Nacht, am Bahnhof ankomme, ist dort niemand außer zwei Dolmetschern. Die beiden erzählen, dass sie von zwei Security-Mitarbeitern des Bahnhofs verwiesen wurden.

Als nächstes gehe ich also mit der Familie auf die Suche nach einem Platz. Der Bahnhof ist völlig überfüllt. Wir müssen also in die Bahnhofshalle—diese ist zumindest beheizt und damit besser als im Freien, wenn auch nicht um viel. Die Menschen liegen auf dem Boden.

Ich muss an die Rechten denken, die auf jede Hilfsaktion für fliehende Menschen am liebsten damit antworten, dass es unsere eigenen Obdachlosen schlechter gehe. Wenn man sich die Situation der Schlafenden am Bahnhofsboden ansieht, ist nicht viel Unterschied.

Da ich noch ein paar Mal hin und her fahren will, kann ich mich nicht weiter um die Familie kümmern. Als ich gerade gehen will, stellt sich ein Vertreter der ÖBB mit Polizeiunterstützung vor mich und erklärt mir, dass die Eltern mit ihren drei Kleinkindern nicht im Bahnhof schlafen dürfen, also auf der Straße im Freien übernachten müssen, weil sie in zwei Stunden mit der Reinigung des Bahnhofs beginnen müssten.

Da zucke ich komplett aus. Ich kündige an, dass ich dieses Vorhaben dokumentieren und an die Medien bringen werde. Da geben sie nach und lassen die Familie doch noch gewähren. Außer den Securitys ist niemand da, der sich um die Refugees kümmert. Ich kann mir nur vorstellen, wie andere Familien abgewiesen werden, für die sich niemand einsetzt, wegen denen niemand mit Presse droht.

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Und das alles mitten in Wien, an genau dem Bahnhof, der von der Politik als Musterbeispiel für Refugee-Hilfe zitiert wird. Nicht, dass sich die Zivilbevölkerung nicht kümmern würde; aber solange das der Umgang von offizieller Seite ist und hier immer noch Menschen am Boden schlafen müssen (und sogar abgewiesen werden), ist der Westbahnhof trotzdem nichts, was sich Politiker und andere Vertreter des offiziellen Österreichs an die Fahne heften können.

Es ist eine Schande für Wien und für Österreich, dass Kriegsflüchtlinge mit Kleinkindern zum Teil ohne Decken, Matten oder Schlafsäcken auf der Straße schlafen müssen. Und wenn sie doch eine Unterlage ergattert haben, dann von privaten Helfern. Krisenmanagement stelle ich mir anders vor.

Wären wir irgendwie daran interessiert, die Situation unter Kontrolle zu bekommen, würde längst an jedem Bahnhof Militär mit Notstands-Setup bereitstehen.

Bei jedem Hochwasser ist das Bundesheer ziemlich schnell darin, zu betonen, dass wir es für die Bewältigung von Katastrophen und Krisen und nicht nur für Militäreinsätze brauchen würden. Wo ist das Heer in Krisensituationen wie dieser?

Klar könnte die Situation noch schlimmer sein. Aber nur, wenn wir uns dann nicht gleichzeitig für unseren Reichtum und unsere hohe Lebensqualität rühmen. Beides zusammen geht nicht.

Ich bin dann noch mehrmals zwischen Nickelsdorf und Wien hin und her gefahren und erst frühmorgens ins Bett gekommen. Die ganze Nacht über konnte ich nicht anders, als die Zustände zu dokumentieren, mit denen die Menschen, die Krieg und Flucht hinter sich gebracht haben, auf der Durchreise durch Österreich konfrontiert sind.

Klar könnte es immer noch schlimmer sein. Aber nur, wenn wir uns dafür auf der anderen Seite nicht jedes Mal dafür rühmen, was für ein tolles, reiches Land Österreich doch ist. Beides zusammen geht nämlich schwer.

Wenn ihr mich heute fragt, ob es richtig ist, Menschen in solchen Notsituationen zu dokumentieren, sage ich euch: Es ist das einzig Mögliche, damit sich an der Notsituation jemals etwas ändern kann. Damit die Lage niemand verschweigen kann und das Versagen von öffentlicher Hand niemals vergessen wird.