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Ist es OK, seine Familie zu hassen?

Manche Menschen glauben, dass sie Familienmitglieder um jeden Preis mögen müssen, auch wenn sie Arschlöcher sind.

Verena Bogner

Verena Bogner

Foto: Costică Acsinte | flickr | CC

Die Verwandtschaft kannst du dir nicht aussuchen. Das ist nicht nur eine alte Bauernregel, sondern für viele eine durchaus reale und oft schmerzhafte Erfahrung. Wenn mich jemand fragen würde, wen ich mit vollster Überzeugung als "Familie" bezeichnen könnte, würden mir genau drei Personen einfallen—und mit einer davon bin ich nicht einmal verwandt.

Familie bedeutet für mich, füreinander da zu sein, sich gern zu haben und aufeinander aufzupassen. Zirka 80 Prozent meiner biologischen Familie sind mir herzlich egal. Von einigen würde ich sogar behaupten, dass ich sie nicht mag. Nicht, weil sie mir irgendetwas Schlimmes angetan haben, sondern, weil sie Eigenschaften haben, die ich auch bei Nichtverwandten hasse.

Wenn ich mit anderen über meine Familie spreche und ihnen sage, dass mich zum Beispiel der Tod einiger relativ naher Verwandten nur minimal tangieren würde, reagieren sie mit Unverständnis. Sie dreschen Phrasen wie "Blut ist dicker als Wasser" und erklären mir, dass man sich mit der Familie ohne Wenn und Aber zu verstehen habe.

Das klingt meistens genau so lange nachvollziehbar, bis man selbst am anderen Ende des Verwandtschaftsbeziehungsspektrums angekommen ist. Dann stellt man sich aber umso mehr Fragen. Vor allem diese: Warum glauben manche Menschen, dass man Blutsverwandte aus Prinzip lieben und wertschätzen muss, selbst wenn sie Arschlöcher sind?

Laut Brigitte Rollett, Psychologin und Lehrende an der Universität Wien, ist das Gefühl, die eigene Familie lieben zu müssen, theologischen Ursprungs und geht auf das christliche Prinzip der Feindesliebe zurück. "Das Ganze hat natürlich dann seine Berechtigung, wenn es zu einer Aussöhnung führt", so Rollett gegenüber VICE.

Feindesliebe bedeutet übrigens, dass man den Groll, den man gegen eine bestimmte Person hegt, durch den Verzicht auf Rache oder Ähnliches kompensieren und überwinden will. Dieses Konstrukt geht zurück auf das Neue Testament, laut dem Jesus einmal "Liebet eure Feinde" gesagt haben soll. Dass er mit diesem Satz einigen von uns über 2000 Jahre später noch immer Schwierigkeiten bereitet, hat der Heiland damals wohl nicht geahnt.

Meine Gefühle für meine Mutter würde ich als eine Mischung aus Verachtung und Mitleid beschreiben.

Diese Schwierigkeiten sind aber auch nicht für jeden Betroffenen unüberwindbar. Im Fall von Daniel* waren sie nur vorübergehender Natur; früher konnte er seine Familie nicht leiden, heute kann er sich gut mit ihr arrangieren. "Natürlich muss man seine Familie nicht mögen", sagt er. "Genau das hab ich auch mehr als 10 Jahre getan. Ich habe sie zwar nicht gehasst, aber ich habe einfach beschlossen, dass ich sie nicht brauche."

Begonnen hatte alles im Alter von 10, als seine Mutter zum zweiten Mal heiratete und er plötzlich einen neuen kleinen Bruder bekam. "Ich hab mich einfach nicht mehr als Teil dieser Familie gefühlt", erzählt er. "Mit 11 hab ich davon geträumt, auszuziehen; mit 12 hab ich zu Hause wie in einer Mietwohnung gewohnt. Es war alles sehr sachlich. Irgendwann haben wir einfach einen Deal gefunden, der mehr ein Vertrag war als eine Familie. Dann bin ich irgendwann tatsächlich ausgezogen und mit der Zeit mochte ich meine Familie auch wieder. Rückblickend betrachtet könnte man das Ganze vielleicht echt einfach als klassische Teenager-Probleme sehen."

Andere Menschen versuchen, sich mit Familienmitgliedern zu arrangieren, um die sie sich in einem anderen Umfeld niemals bemühen würden. Bernhard* erzählt von einem Onkel, mit dem er quasi aufgewachsen ist, den er aber aufgrund seiner politischen Ansichten nicht leiden kann: "Wenn man mit meinem Onkel über politische Sachen redet, wird er ziemlich schnell zum Trottel. Bei Familienfeiern vermeidet zum Beispiel schon jeder politische Themen, weil mein Onkel dann nur rechten und antisemitischen Scheiß redet. Darum mag ich ihn auch nicht. Hassen tu ich ihn zwar auch nicht, aber wenn er nicht mein Onkel wäre, würde ich nichts mit ihm zu tun haben wollen."

Bei manchen geht die Abneigung gegen Familienmitglieder noch weiter. Christian* sagt von sich selbst, dass er seine Mutter verachtet. "Als Kind hatte ich meine Mutter total lieb. Aber ich würde sagen, seit ich ungefähr 16 bin, liebe ich sie nicht mehr. Irgendwann ist sie dann zu ihrem neuen Freund gezogen und hat mich quasi alleine gelassen. Sie macht ihr Ding, ich meins. Eine Seite von mir will schon immer noch, dass sie glücklich ist, aber andererseits weiß ich auch, dass ich ihr überhaupt nichts schuldig bin. Meine Gefühle für sie würde ich als eine Mischung aus Verachtung und Mitleid beschreiben. Oft denke ich mir schon, dass ich nicht so über meine Mutter denken sollte, aber ich bin mit der Sache und mir selbst inzwischen im Reinen. Ganz scheißen kann ich aber nicht auf sie—wenn ich genau drüber nachdenke, mach ich das aber eher für mich als für sie."

Ob im individuellen Fall Chancen auf eine Aussöhnung oder Besserung bestehen, ist für Rollett eine psychologisch beziehungsweise psychotherapeutisch zu lösende Frage. Hier kommt Katharina Henz ins Spiel. Sie ist Psychotherapeutin im zweiten Wiener Gemeindebezirk mit Schwerpunkt auf Familientherapie.

Wir haben sie in ihrer Praxis besucht und mit ihr über das Dilemma, in dem sich viele in Bezug auf unliebsame Familienmitglieder sehen, gesprochen. "Was ich einer Person gegenüber empfinde, steht mir in jedem Fall frei", sagt sie. "Wer soll mir verbieten, dass ich jemanden nicht mag? Davon unabhängig ist die Frage, wie man jemandem deshalb gegenübertritt." Was sie ihren Klientinnen und Klienten in so einem Dilemma empfiehlt, ist die Methode des sogenannten Splittens. "Man kann sich selber sagen, dass es an der betreffenden Person eine Seite gibt, die man einfach nicht leiden kann, aber auch einen Teil, den man zumindest würdigen oder OK finden kann. Das ist meistens sehr hilfreich—so hat man auch nicht das Gefühl, dass man sich zu sehr verbiegt oder verleugnet."

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Wie man sich diesen Personen gegenüber auch verhält—man zahlt in jedem Fall einen Preis, meint Henz: "Verbiegt man sich zu sehr, glaubt man häufig, man habe seine eigenen Ideale verleugnet. Verbiegt man sich gar nicht, zahlt man meistens einen hohen sozialen Preis. Es ist eine Frage der Interessensabwägung. An sich spricht nichts dagegen, dass man jemandem gegenüber höflich distanziert bleibt, wenn einem die Person zum Beispiel keine Gewalt angetan hat. Ich sag meinen Klienten in solchen Fällen oft, sie sollen es da wie die Pinguine aus Madagascar handhaben: Einfach nur winken und lächeln."

Was Henz und Rollett gemeinsam haben, ist, dass beide eine grundkatholische Ursache in diesem Dilemma sehen. Im Gegensatz zu Rollet vermutet Henz aber nicht das Prinzip der Feindesliebe als Ursache; für sie kommt das Ganze eher vom Vierten Gebot, Vater und Mutter zu ehren: "Das Gebot basiert auf der Idee, dass man nach oben hin demütig sein soll, denn von oben kommt das Gute, das Leben. Wenn man sagt, dass man einen Großcousin zweiten Grades nicht mag, stellt sich da die Frage meistens gar nicht, ob man ihn vielleicht doch mögen muss. Ganz anders ist es, wenn es zum Beispiel um einen Onkel geht, weil der eine Generation über einem steht."

Auf die Frage, ob man seine Familie nun mögen muss, antwortet auch sie mit einem klaren "Nein". Gefühle könne man sich nun mal nicht aussuchen. Man könne sich aber sehr wohl entscheiden, wie man mit bestimmten Gefühlen umgeht; und damit am Ende auch, wie sehr man sich von ihnen dominieren lässt.

Natürlich muss am Ende jeder Mensch seine eigene Lösung finden. Das Wichtigste auf dem Weg dorthin ist aber, sich nicht von religiös motivierten Grundprinzipien und Geboten knechten zu lassen, sondern genau das zu tun, worin Österreicherinnen und Österreicher leider besonders schlecht sind: nämlich im ersten Schritt die eigene Wirklichkeit erkennen, auch wenn sie uns nicht gefällt, beziehungsweise nicht gesellschaftsfähig ist, und dann mit ihr umgehen lernen. Hauptsache, man ist mit sich selbst im Reinen.

Verena auf Twitter: @verenabgnr


Titelfoto: Costică Acsinte | flickr | CC