Die längste Wahl der Welt

Sozialpsychologen haben untersucht, wie persönliche Bedürfnisse das Wahlverhalten beeinflussen

Es scheint, als würde Wut bei Wählern von Hofer und VdB eine unterschiedliche Funktion erfüllen.

von Christoph Schattleitner
07 Dezember 2016, 6:00am

Das Wahlverhalten einer Gesellschaft zu erklären, stellt Meinungsforscher, Journalisten und politische Beobachter jedes Mal vor eine große Herausforderung. Die bekannteste Erklärung stammt wohl vom Forschungsinstitut SORA, das regelmäßig im Auftrag des ORF die Motive der Wähler abfragt.

Bei dieser Wahltagsbefragung wird geprüft, welche Aussagen (wie "beste Vertretung im Ausland") dem einen und dem anderen Kandidaten zugeschrieben werden. Das ist sehr aufschlussreich, kann aber nicht alle Motive abdecken—denn das würde voraussetzen, dass Wahlentscheidungen nur aufgrund inhaltlicher Gründe getroffen würden.

Im Mai 2016 habe ich eine andere Art von Umfrage ausprobiert. Ich habe die Wähler von Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen gebeten, mir in eigenen Worten zu erklären, warum sie sich für den entsprechenden Kandidaten entschieden haben. Es gab keine vorgefertigten Antwortmöglichkeiten, kein Multiple-Choice, kein "sehr wichtig" oder "stimme eher zu"-Feld.

Die Antworten fielen dementsprechend ausschweifend aus und hatten mehrheitlich eine oder mehrere Referenzen zu persönlichen Wünschen und Bedürfnissen der Wählenden. Eine Erkenntnis dieser Umfrage war es, dass Wahlentscheidungen viel komplexer als gedacht sind und nur zu einem Teil mit dem Bejahen oder Verneinen von inhaltlichen Positionen zu tun haben.

Es scheint, als würde Wut bei Wählern von Hofer und VdB eine unterschiedliche Funktion erfüllen.

Die Sozialpsychologen Adrian Lüders und Christina Mühlberger von der Universität Salzburg sahen das ähnlich und kontaktierten mich. Wenn psychologische Basisbedürfnisse—wie zum Beispiel das Bedürfnis nach Selbstwert, Identität und Kontrolle—verletzt werden, gibt es verschiedene Strategien, darauf zu reagieren. Zum Beispiel, wütend Protest zu wählen. Gemeinsam starteten wir den Versuch, Motivforschung einmal anders zu betreiben. Nachfolgend haben wir die Ergebnisse zusammengefasst.

Über die Befragung: Bei der Online-Umfrage vom 25.11. bis 2.12.2016 nahmen 631 Menschen teil, 553 gaben an, eher Van der Bellen zu wählen, 68 waren pro Hofer und 10 unentschlossen. Je ungleicher die Stichproben sind, desto eher können statistische Probleme auftreten. Die Sozialpsychologen sprechen deshalb bloß von "Zusammenhängen" und "Tendenzen". Um mit Gewissheit festzustellen, was Ursache und was Wirkung ist ("Kausalitäten"), wären weitere Untersuchungen im Labor notwendig. Die Fragen wurden aus wissenschaftlichen Theorien abgeleitet und haben den Anspruch, mithilfe der Sozialpsychologie das Wahlverhalten der Österreicher besser zu verstehen.

Werden psychologische Basisbedürfnisse verletzt, führt das grundsätzlich bei Betroffenen zu mehr Wut, höherer Unsicherheit und weniger gefühlter Handlungsfähigkeit. Interessant ist, dass es zwischen den Wählern von Van der Bellen und Hofer bei den Themen Bedürfnisbefriedigung, Unsicherheit und Handlungsfähigkeit keine signifikanten Unterschiede gibt. Das heißt: Die Wähler von Norbert Hofer fühlen sich *nicht* wie oft geglaubt unsicherer als die Wähler von Alexander Van der Bellen. Und sie fühlen sich *nicht* als "Globalisierungsverlierer", deren Bedürfnisse auf der Strecke gelassen werden—zumindest nicht eklatant mehr als die andere Wählergruppe.

Grafik: Barbara Mair | VICE Media, Quelle: Adrian Lüders & Christina Mühlberger | Universität Salzburg

Unterschiede werden erst beim Thema Wut erkennbar: Es scheint, als würde Wut bei Wählern von Hofer und VdB unterschiedliche Funktionen erfüllen. VdB-Wähler, die angeben, wütend zu sein, spüren eine höhere Unsicherheit (BIS) und eine geringere Handlungsmotivation (BAS) als wütende Hofer-Wähler. Das bedeutet, dass wütende Van-der-Bellen-Wähler ängstlicher und besorgter sind als wütende Hofer-Wähler. Wütende Hofer-Sympathisanten fühlen sich stärker, entschlossener und zielorientierter als wütende VdB-Wähler.

Aus der Forschung wissen die Sozialpsychologen, dass Wut ein Mittel ist, um sich wieder handlungsfähig zu fühlen. Es gibt aber auch andere Methoden, um mit dem Wegfallen von Bedürfnissen umzugehen. Grob unterscheiden die Forscher dabei zwischen einer sogenannten Wachstums- und einer Vermeidungsstrategie. Sprich: Ist es mir wichtiger, Misserfolg zu vermeiden oder Erfolg zu genieren? Will ich auf positive Entwicklungen hoffen können oder mich weniger vor negativen Entwicklungen fürchten? Obwohl sich beide Wählergruppen gleich "unsicher" fühlen, haben sie andere Strategien, damit umzugehen.

Hofer-Wähler wollen eher kurzfristig Misserfolge vermeiden, wünschen sich daher vor allem Stabilität und möchten nach Möglichkeit keine Risiken eingehen.Die Vermeidung von Misserfolg und damit eine schnelle Wiederherstellung von Sicherheit funktioniert am Beispiel der Flüchtlingssituation, indem man die Grenzen schließt.Der geglaubte Misserfolg wird damit kurzfristig vermieden und so eine Welt erhalten, die man kennt und in der man sich sicher fühlt. Van der Bellen-Wähler wollen dagegen eher Erfolge erreichen und wünschen sich daher vor allem Wachstum und sind bereit, sich auf Neues einzulassen.

Das meist langfristig angelegte Erreichen von Erfolg und damit das Streben nach Wachstum dient als alternative Strategie, um Unsicherheit zu reduzieren und damit Handlungsfähigkeit sicherzustellen. Diese Wachstumsmotivation zielt auf das psychologische Belohnungssystem des Gehirns ab. Jene Strategie kann auch ohne Unsicherheit angewandt werden, bei VdB-Wähler wird sie aber vor allem zur Lösung der Verunsicherung genützt.

Grafik: Adrian Lüders & Christina Mühlberger | Universität Salzburg

In dieses Bild passt auch der Parameter "Veränderung": Hofer-Wähler sehen den Bedarf dafür stärker bei ihren Mitmenschen oder den allgemeinen Gegebenheiten in Österreich als Wähler von Van der Bellen. Wähler von Van der Bellen sehen ihn hingegen eher bei sich selbst. Übertragen auf das Beispiel der Flüchtlinge, könnte dies bedeuten: VdB-Sympathisanten würden eher bei sich selbst Toleranz üben oder bei der Integration von anderen helfen.

Interessant ist auch, dass Hofer-Wähler eine deutlich größere Distanz zum politischen System empfinden als die Wähler von Van der Bellen. Sie vertrauen und identifizieren sich mit der Politik weniger und sind allgemein unzufriedener. Eine größere Distanz geht allgemein einher mit Wut und Protest. Vielleicht—das ist eine Interpretation—Protest aufgrund von Reaktanz, einer Widerstandsmotivation. Das hieße, Leute würden sich als "Trotzreaktion" mit der FPÖ solidarisieren, weil die Partei bewusst vom politischen System ferngehalten wird.

Oder wie ein Hofer-Wähler im VICE-Fragebogen schrieb: "Seit dem ÖH-Newsletter hab ich so eine Wut, dass ich mich bewusst für den freiheitlichen Kandidaten entscheiden werde. Hätte die ÖH nicht zu einer Demo gegen Hofer aufgerufen, hätte ich vermutlich ungültig gewählt."

Christoph auf Twitter: @Schattleitner