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'Arbeitsmarkt' – Eine Erzählung über Ehe und Karriere

Tim Parks

Tim Parks

Ein Mann will, dass seine Frau wieder arbeiten geht. Die Frau findet, sie hat mit den Kindern genug zu tun. Die Situation kann nur schiefgehen.

Fotos: Nakeya Brown

Aus der Literaturausgabe 2017.

Thomas fand es an der Zeit, dass Mary auf den Arbeitsmarkt zurückkehrte. Sie fand die Kinder noch zu jung. „Du bist so begabt", sagte er ihr. „Ich weiß!", lachte sie. Schließlich ging sie zu einem Bewerbungsgespräch. „Es geht angeblich um das Exportbüro, aber eigentlich wäre ich nur eine bessere persönliche Assistentin", sagte sie. „Besser klingt gut", meinte Thomas. „Vielleicht ist er ein interessanter Typ."

Mary saß an ihrem Platz am Esstisch, las Onlinezeitung und aß einen Apfel. Thomas stand mit dem Rücken zum Kamin. „Du bist ein interessanter Typ", sagte sie, ohne aufzusehen. „Ich könnte deine Assistentin sein." Thomas hatte beschlossen, heute Abend nichts zu trinken, doch der Kühlschrank rief leise nach ihm. „Ich habe schon eine Assistentin", lachte er. „Wissen wir", sagte sie.

Die Firma stellte Designerleuchten her und vertrieb sie weltweit. Eigentlich genau Marys Ding. In den folgenden Tagen musste Thomas sich auf die Zunge beißen, um nicht zu fragen, ob sie von der Firma gehört habe. Wenn er von der Arbeit kam, war sie beim Pilates oder schwimmen oder Gassi mit dem Hund. Die Kinder waren auf ihren Zimmern und taten, was auch immer Heranwachsende so tun. Thomas verweilte kurz beim Kühlschrank. Er ging ins Wohnzimmer und zündete das Kaminfeuer an. Seine Tochter Sally kam mit einem Handtuch ums Haar nach unten. „Was ist aus Mama und dem Job geworden?", fragte sie. „Weiß nicht", sagte Thomas. Sally setzte sich ans Klavier, hämmerte zwei Akkorde und stand wieder auf. „Wann gibt's Essen?" „Wenn deine Mutter zurück ist", sagte er.

Das Mädchen wirkte frustriert. „Können wir nicht einfach selber kochen?"

„Könnten wir", sagte Thomas. „Aber du weißt doch, wie Mama ist. Bestimmt hat sie was geplant."

Sally ging wieder hoch, das Haar ausschüttelnd. „Bei mir wird's spät", rief sie.

Am Sonntag kam Marys Bruder mit seiner Frau und den beiden Kleinen zu Besuch. Mary kochte Pilzrisotto, mit Kanapees als Vorspeise und einer Mandeltarte zum Abschluss. Thomas wählte die Weine aus. Malcolm wirkte müde, aber zufrieden mit sich und der Welt. „Zu viel Zeit vor Gericht verbracht", sagte er. Katie erzählte von ihrer Erleichterung, ihren Zeitungsjob trotz Entlassungsrunde behalten zu haben. „Du kannst stolz auf dich sein", sagte Thomas. „Das heißt, dass du gut bist." „Ja, bald bin ich die letzte Überlebende." Die Entlassungen hatten dazu geführt, dass alle länger arbeiteten denn je. „Ich mache so viel wie vor fünf Jahren noch drei Mitarbeiter. Die Hälfte aller Artikel in diesem Zeitungsteil und Redigieren und Layout mache ich komplett."

Sie erzählte vom Computerabsturz neulich. Das totale Chaos; erst im Morgengrauen sei sie zu Hause gewesen. Während sie sprach, saßen ihre kleinen Kinder auf dem Teppich und spielten mit ihren Handys. Mary schwieg, doch als sie Thomas beim Kaffeekochen in der Küche streifte, murmelte sie: „Stolz?" Und an der Spüle flüsterte sie: „Ich verstehe nicht, warum die überhaupt Kinder bekommen haben, wenn sie am Ende von Filipinos großgezogen werden."

„Wo ist Sally?", fragte Malcolm. „Meine Lieblingsnichte."

Die Tochter war zu ihrem Freund gegangen.

„Übers Wochenende!", meldete sich Mark zu Wort. Er wollte diesmal bei den Erwachsenen sitzen.

„Oh-oh", sagte Malcolm.

„Ihr lasst sie doch nicht bei ihm übernachten?", fragte Katie. „Sie ist erst 16, oder?" Sie erklärte, es erschwere Jugendlichen später die Trennung, wenn sie erst einmal beieinander übernachtet hätten. Alles werde so kompliziert. Sie habe mal einen Artikel darüber geschrieben.

„Wart du mal ab", sagte Mary.

„Oh, Katie wird sich schon durchzusetzen wissen", lachte Malcolm. „Sie wird dafür sorgen, dass ihre zwei keinen Unfug anstellen, wenn sie in das Alter kommen."

„Katie ist kaum zu Hause", bemerkte Mary.

Kurz herrschte Stille am Tisch.

„Was soll das denn jetzt heißen?", fragte Katie.

„Genau, was ich gesagt habe."

„Willst du etwa andeuten …"

„Und ob", sagte Mary. Zum ersten Mal schien der Besuch ihr Freude zu bereiten.

„Mädels!", flehte Malcolm.

„Mary meint doch nur, dass man Leute nicht daran hindern kann, Sex zu haben, wenn sie es wirklich wollen …", sagte Thomas.

„Das stimmt auch", sagte Mary.

Malcolm versuchte ein Lachen.

„Ich fasse das gerade nicht", fing Katie an. „Eine winzige Kritik und …"

„Wo wir beim Thema sind", unterbrach Mary. „Gestern habe ich ein Jobangebot bekommen."

Wieder kurz Stille. Mary hatte seit ihrer zweiten Schwanger­schaft keinen Job gehabt.

„Großartig!", sagte Thomas.

„Und was für eins?", fragte Malcolm.

„Ich soll ein Exportbüro führen."

„Hochwertige Designleuchten", erklärte Thomas. „Nobles Zeug."

Nun redeten alle gleichzeitig. Mark wirkte völlig aus dem Häuschen.

„Bravo, Mama!", krähte er. „Gut gemacht!" „Jetzt findest du wohl raus, was es heißt, Arbeit und Familie zu vereinbaren", sagte Katie. „Glückwunsch, Schwesterherz", sagte Malcolm grinsend. „Super Neuigkeiten."

„Ich hab' nicht gesagt, dass ich angenommen habe", antwortete Mary.

Wieder traf die Stille sie wie ein Scheinwerfer. Alle starrten sie an.

„Ich bin nur zum Bewerbungsgespräch gegangen, weil Tom mir ununterbrochen damit in den Ohren liegt. Stimmt's, Schatz?" Sie stand auf und begann, die Teller einzusammeln.

„Mary! Das können wir nachher machen."

Sie war schon unterwegs in die Küche und rief: „Fragt ihn mal, wieso."

Mark lief ihr nach. „Mama!"

„Es wäre verrückt, den Job nicht anzunehmen", fand Malcolm. „Wenigstens mal ausprobieren, wie es ist."

Katie schüttelte den Kopf. „Natürlich willst du, dass sie arbeitet, Tom. Würde ihr guttun."

Da klopfte jemand ans Fenster. Sally wollte rein. Sie hatte anscheinend geweint, doch sie verhielt sich tapfer. „Hi, Onkel. Hi, Katie. Gut seht ihr aus."

Dann klingelte es an der Tür. Sally wandte sich ihrem Vater zu. „Sag ihm, ich will ihn nicht sehen. Der kann sich verpissen."

Sie drehte sich um und rannte nach oben.

***

Mary musste ihre Entscheidung bis zum folgenden Mittwoch fällen. Die Kinder waren absolut dafür. Da sie schon so viel Überzeugungsarbeit leisteten, war Tom lieber still. Wenn er jetzt etwas sagte, war das vielleicht sogar kontraproduktiv. Doch er fragte sich, wie er und seine Frau an den Punkt gelangt waren, wo sie nicht einmal mehr darüber sprechen konnten, ob sie einen Job annehmen sollte. Und warum war es ihm dann so wichtig, dass sie es tat? Wenn Malcolm und Katie tatsächlich gefragt hätten, wäre ihm vielleicht gar keine Antwort eingefallen.

„Ich wäre in Wahrheit einfach nur eine dumme Assistentin", sagte Mary den Kindern am Montagmorgen. „Und auch noch für einen Mann, der zehn Jahre jünger ist als ich. Das mit dem Exportbüro ist ein typischer Köder. So was kenne ich schon."

Sie fuhren gerade die Kinder zum Bus. Thomas konzentrierte sich auf die Straße.

„Außerdem: Euer Vater verdient viermal mehr, als ich dort verdienen würde, also würde es finanziell kaum etwas ausmachen", sagte sie beim Abendessen. „Ich bräuchte natürlich eine Haushaltshilfe, und dann kommen die Kosten für den Arbeitsweg dazu. Vierzig Minuten im Auto. Am Ende sehe ich da kaum noch einen Vorteil."

Thomas wusste, dass sie all das an ihn richtete, obwohl sie es scheinbar den Kindern sagte. Er überlegte zu sagen, er könne weniger arbeiten, wenn sie auch ein Einkommen hätte, doch dann ließ er den Moment verstreichen. Er wollte nicht weniger arbeiten.

„Du würdest neue Leute kennenlernen, Mama", sagte Mark.

„Ich brauche keine neuen Leute, solange ich meine Familie habe."

„Du sagst immer, wir haben nicht genug Geld", sagte Sally.

„Eigentlich haben wir doch genug. Oder, Tom?"

Ihre Frage überraschte ihn.

„Und als wir uns die Badrenovierung nicht leisten konnten?", hakte Sally nach.

„Tom?"

„Wir müssen nicht gerade knapsen, nein", sagte er. „Immerhin haben wir das neue Bad am Ende ja auch gekauft."

Dennoch wünschte er sich verzweifelt, dass sie den Job annahm. Wie konnte er sie überzeugen?

***

„Wollen wir mit dem Hund zum Pub laufen?", fragte er am Dienstagabend, als die Spülmaschine eingeräumt war.

Mary runzelte die Stirn. Das Cross Keys war drei Kilometer entfernt. Es gab einen Wanderweg über die Hügel. Sie waren diesen Weg schon ewig nicht mehr gegangen. Oder überhaupt irgendwohin. Im Winter würde es dort matschig und dunkel sein.

„Wer geht mit dem Hund raus, wenn ich dauernd arbeiten bin?", fragte sie.

„Wir!", riefen Mark und Sally.

„Ja, vielleicht zwei Wochen lang", sagte Mary. „Ich habe uns keinen wunderschönen Hund geholt, damit er den ganzen Tag im Haus versauert."

„Also?", fragte Thomas.

Sie gingen den Hügel hinauf und bogen in den Wald ab. Mary hatte eine Taschenlampe dabei. Sie bückte sich, um Ricky von der Leine zu lassen. Der Pfad war hier so schmal, dass sie hintereinander laufen mussten, doch ab dem Gipfel des Hügels konnte Thomas neben ihr gehen und sich einhaken. Rechts von ihnen funkelten die Lichter der Stadt in der Ebene. Über ihnen verlieh eine dünne Mondsichel dem Abend etwas Geisterhaftes. Er konnte ihren Widerstand noch durch den Mantel spüren.

„Du hast eine SMS bekommen", sagte sie schließlich.

„Echt? Ich hab' nichts gehört." Er holte sein Handy hervor und las die Nachricht, von der er genau wusste, dass sie da war.

„Na, ist deine Assistentin spät noch fleißig?"

„Nur eine dumme Werbung vom Anbieter."

„Vielleicht sollte ich ja eine Affäre haben. Mit einem jüngeren Mann."

„Klasse Idee", scherzte Thomas. „Aber nicht mit dem Chef; das kann nur schiefgehen."

„Du hast recht. Wahrscheinlich will er eine ältere Frau einstellen, damit er nicht in Versuchung kommt."

„Herrje, Mary." Thomas versuchte zu lachen. „Du stellst dir wohl alle Arbeitsplätze als Bordell vor." Dann fügte er hinzu: „Kannst du dir zum Beispiel vorstellen, dass jemand Katie bumst?"

Mary kicherte und drückte seinen Arm.

„Davon kann Malcolm wohl nur träumen."

Im Pub rannte Ricky um die Tische und wollte Aufmerksamkeit von allen. Mary gefiel es, ihn zurückzurufen und Sitz machen zu lassen, doch sobald die beiden ihr Gespräch fortsetzten, haute er wieder ab und genoss schwanzwedelnd die Gesellschaft der Trinker. Schließlich sagte Thomas es endlich.

„Ich denke einfach, es wäre das Beste für dich. Für dein Leben."

„Ach, echt? Jeden Morgen 30 Kilometer fahren und mich furchtbar stressen, für ein kleines Taschengeld?"

„Du würdest dich …" Er zögerte. „… unabhängiger fühlen."

„Wie bitte?"

„Du weißt schon, selbstbestimmter."

„Tom, warum in aller Welt sollte ich mich unabhängig fühlen wollen, wenn ich doch verheiratet bin und zwei großartige Kinder habe? In einer Familie hängen alle voneinander ab."

„Aber die Kinder wollen auch so gern, dass du den Job annimmst. Sie sind schon groß."

Mary seufzte und spielte mit ihrem Weinglas. Thomas trank Bier.

„Vielleicht meinen sie, es würde frischen Wind ins Haus bringen."

Sie wartete. Er war vielleicht im Begriff, sich sein eigenes Grab zu schaufeln.

„Ich schätze, sie finden die Vorstellung gut, dass ihre Mama sich in der Welt genauso gut behaupten kann wie …"

Sie unterbrach ihn. „Ledige Leute sind unabhängig, Tom. Willst du damit sagen, du hättest mich gern ledig?"

„Mary, jetzt mach mal halblang."

Doch in diesem Augenblick gab es Geschrei im Pub. Eine junge Frau war aufgestanden. „Halten Sie den Scheißhund von mir fern! Kusch! Weg mit dir!"

Ricky schnupperte und wedelte mit dem Schwanz. Die Frau war zurückgewichen, bis ihr Rücken an die Wand stieß. Sie war völlig verängstigt. Der Mann neben ihr war erheblich älter. Er versuchte, den Spaniel am Genick zu packen. Als andere Gäste sich umblickten, fragte er: „Wem gehört der Hund?" Er hatte einen ausländischen Akzent.

„Machen Sie sich bitte keine Sorgen", sagte Mary. „Er würde keiner Fliege was zuleide tun."

„Er sollte angeleint sein!", schrie die Frau.

„Bitte holen Sie Ihren Hund", sagte der Mann.

„Er ist wirklich komplett harmlos" sagte Mary und lächelte. Die meisten der Pub-Besucher waren auf ihrer Seite. Ricky liebte streichelnde Hände. Dieses Paar war neu in der Gegend.

„Darum geht es aber nicht", sagte der Mann.

Der Inhaber trocknete Gläser ab und machte keine Anstalten zu intervenieren.

„Ricky!", rief Mary. „Komm her, Kleiner."

„Das ist unverschämt", sagte die junge Frau. „Einfach ihren Hund rumrennen und Leuten die Schnauze in die Hand stecken lassen. Warum soll ich mir das gefallen lassen?" Auch sie hatte einen leichten Akzent, wie Thomas auffiel. Ihre Stimme zitterte. Der Mann hatte sie bei der Hand genommen.

„So ignorant", sagte Mary tonlos. Ricky war wieder an ihrer Seite.

Die Frau war im Begriff, noch etwas zu sagen, doch der Mann hielt sie zurück. Er stand auf, zog seinen Mantel an und half der Frau mit ihrem. Sie ließen ihre Getränke stehen. Doch auf dem Weg zur Tür mussten sie an Thomas' und Marys Tisch vorbei. „Schlechte Manieren", sagte die Frau in scharfem Ton. Thomas bemerkte ihren feinen Nasenrücken mit dem leichten Haken und ihr rabenschwarzes Haar.

„Ignorant", wiederholte Mary. Sobald die Pub-Tür zugefallen war, legte sie ihrem Hund die Hände um die Lefzen und schaute ihm in die Augen. „Ganz ignorante Leute, stimmt's, Kleiner? Nicht wie der weise, alte Herr Rick."

„Ausländer." Die Frau am Nachbartisch schüttelte den Kopf.

Mary leerte ihr Glas. „So sieht Abhängigkeit aus", sagte sie, noch immer zum Hund. „Sich an einen Mann hängen, der doppelt so alt ist, nur um abgesichert zu sein."

„Bestimmt seine Assistentin", scherzte Thomas.

***

Auf dem Heimweg verschwand der Hund. Er stand einen Augenblick lang in Habachtstellung, die Nase schnuppernd erhoben, dann jagte er den Hügel hinauf.

„Igel", seufzte Mary. „Jetzt wird er dreckig oder kommt voller Dornen wieder."

Sie liefen weiter, doch der Hund stieß nicht wieder zu ihnen. Als sie die Weggabelung zu ihrer Abkürzung am Waldrand erreichten, fehlte immer noch jede Spur von ihm. Der Mond war verschwunden und es nieselte.

„Wir können nicht ohne ihn zurück", sagte Mary.

Es war nach 23 Uhr.

„Was, wenn ich über den Hügel gehe, den langen Weg, und du gehst unten durch den Wald? So decken wir beides ab."

„OK", stimmte sie zu, „aber geh du durch den Wald. Ich bin sicher, er ist noch oben am Hügel, und zu mir kommt er eher."

„Das ist aber weiter."

„Ich mag Bewegung", sagte sie.

Sobald Thomas den Wald betrat, war er von undurchdringlicher Dunkelheit umgeben. Man konnte unmöglich sehen, wo man hintrat. Noch hatte er die Chance, seiner Frau nachzulaufen und sie um die Taschenlampe zu bitten, doch aus irgendeinem Grund tat er es nicht. Sie lief mit weiten, schnellen Schritten und rief immer wieder: „Ricky! Ricky!" Die kleine Krise beflügelte sie anscheinend.

Thomas stand still und hoffte, seine Augen würden sich an die Dunkelheit gewöhnen. Er sah auf, versuchte zwischen den Baumwipfeln eine Lücke zu finden, und blickte wieder zu Boden. Er sah nicht das Geringste. Er konnte nur die Arme seitlich ausstrecken und sich an den feuchten Baumstämmen entlangtasten. Das Laub unter seinen Füßen war weich und schleimig. Das Nieseln verdichtete sich zu richtigem Regen. Nach kurzer Zeit blieb er wieder stehen. Wenn er noch ein bisschen wartete, konnte er vielleicht den Pfad erkennen. „Ricky!", rief er ins Dunkel, doch es verschluckte seine Stimme. Er hatte den Eindruck, selbst aus nächster Nähe würde niemand ihn hören. Er blickte wieder auf und erkannte ein schwaches Leuchten durch die Äste, doch dadurch war alles noch schwärzer, als er wieder zu Boden sah. Dann überkam ihn ein seltsames Gefühl der Befriedigung. Eine Gewissheit. „Genau so ist das", sagte er laut, „wenn man im Dunkeln tappt."

Er stolperte eine paar Minuten lang weiter, doch er wusste nicht einmal, ob er auf dem Pfad war. Dann blieb er an einer Wurzel hängen und er stürzte auf Hände und Knie. Er setzte sich für einen Moment auf den nassen Waldboden. Wie dumm das alles war! In welchem Jahrhundert war er denn, dass er in so eine Lage geraten konnte. Er könnte natürlich Mary anrufen. Er hatte ja das Handy. Oder Anita, die vorhin geschrieben hatte und wissen wollte, ob er anrufen könne. Er wollte nicht. Er wollte mit niemandem reden. Aber vielleicht konnte das Handy als Taschenlampe dienen. Er holte es hervor. Das Leuchten erhellte die nächsten zwei, drei Schritte, doch den Pfad sah er nirgends. Er war davon abgewichen.

Also versuchte er, seinen Weg zurückzuverfolgen. Er würde den langen Weg nehmen, über den Hügel. Während er blindlings vorwärts stolperte, erinnerte er sich an das Mädel mit der Hundephobie. Die Angst hatte sie schön gemacht. Große runde Augen. Was für ein Glückspilz, dieser Mann! Außerdem hatte sie auch recht; man sollte wirklich im Pub sitzen können, ohne von Hunden beschnüffelt zu werden. Doch Mary ließ sich ja nichts sagen. Mary schien geradezu hungrig auf diese banalen Konfrontationen. Auch mit Katie. Aber nicht aufs Berufsleben. Warum nicht? Fragt ihn, warum er möchte, dass ich arbeiten gehe, hatte sie gesagt. Aber wäre es nicht viel angemessener zu fragen, warum sie nicht arbeiten wollte? Sie war nicht faul. Sie war nicht ohne Ambitionen, hatte ein gesundes Maß Neugier. Wovor fürchtete sie sich also?

Plötzlich bemerkte Thomas den Hund. Augen, die aufleuchteten. Nur ein paar Meter entfernt saß Ricky im Schatten und wartete auf ihn. Er hechelte und beobachtete Thomas mit schief gelegtem Kopf; vielleicht saß er auf dem Pfad. Im Schein des Handys wirkte sein Hundegesicht, als würde er sich große Mühe geben, das alles zu verstehen.

„Hab ihn!" Thomas rief Mary an. „Aber ich hab' keine Leine und in diesem blöden Wald sieht man nichts."

„Tom, du bist mein Held!" Ihre Stimme war voller Wärme. „Halte ihn einfach an seinem wunderbaren, seidigen, sexy Fell fest, bis ich da bin."

Nach Mitternacht, im Bett, wollte sie Liebe machen. „Vielleicht ist es eine Art Belohnung", dachte Thomas. Sie hatten seit Monaten nicht Liebe gemacht. Keiner von beiden hatte großartig Lust. Jahre später, als Thomas Sally sein Leid über die Höhe der Unterhaltszahlungen klagte, seufzte er und sagte: „Wenn Mama doch nur diesen Job angenommen hätte. Verdammt noch mal, wieso hat sie ihn nicht angenommen?" „Weil sie ihn ihr nie angeboten haben", lachte Sally. „Hat sie mir am Tag der angeblichen Entscheidung gesagt; ich sollte dir nichts verraten. Sie wollte einfach sehen, wie sehr du dich aufregst." Doch als Thomas das Mark gegenüber erwähnte, wurde sein Sohn wütend: „Papa, sie hat den Job nicht genommen, weil sie wusste, dass es das Aus für die Ehe und die ganze Familie gewesen wäre. Sie war entschlossen, dir noch eine letzte Chance zu geben."

Noch später, als er mit Elsa in der neuen Stadtwohnung saß und das alte Rätsel mit ihr besprach, sagte Thomas' Freundin, eigentlich könne niemand wissen, welchem ihrer Kinder Mary damals die Wahrheit gesagt habe. Thomas stimmte ihr zu. Er schüttelte den Kopf. Das Einzige, an das er sich noch deutlich erinnerte, war der dunkle Wald und Ricky; wie er den Arm um seinen Hals gelegt hatte, den stinkenden Hundeatem im Gesicht spürte, das kleine Herz unter dem dichten Fell schlagen fühlte, und wie er an das Mädel aus dem Pub dachte, mit ihrer Abscheu und Angst vor Tieren, die Augen so groß und den Mund leicht geöffnet. Er dachte auch an ihren Begleiter, wie liebevoll er ihr in den Mantel geholfen hatte. Wie feurig sie doch „Schlechte Manieren!" gesagt hatte. Wie deutlich die Intimität zwischen den beiden war, als sie Arm in Arm den Pub verließen.

„Ich wusste: Das ist es, was ich mir wünsche", sagte er Elsa.

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