Anzeige
dringende Bedürfnisse

Alles, was du schon immer (nicht) über Toiletten wissen wolltest

Wo stehen die dreckigsten Toiletten? Was bringt es, die Klobrille mit Toilettenpapier abzudecken? Besser die Hände mit heißer Luft trocknen oder an der Hose abwischen? Wir haben Antworten.

von Christine Kewitz
25 Jänner 2017, 5:00am

Foto: Wikimedia | Dmitry G | Public Domain

Jedes Jahr, wenn Känguruhoden und Kotzfrucht locken und man im ganzen deutsche Raum einvernehmlich nach Australien blickt, geht es endlich wieder um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Eines davon ist der gemeinsame Nenner, auf dem sich alle irgendwann niederlassen müssen: die Toilette. 

Neben Gesprächen über Silikonimplantate, die eigene Alkoholsucht, das Grinsen von Honey und die Vergänglichkeit des Ruhms bietet das Gemeinschaftsklo im Dschungelcamp unerschöpflichen Diskussionsbedarf. Erst kürzlich geriet Hypochonder und Haarmodell Honey an die Grenzen seines Durchhaltevermögens, was bisher nicht einmal ein Männerschnupfen geschafft hatte: "Beim Toilettenpapier hört bei mir das Spiel auf", so Honey den Tränen nahe.

Das Klo ist ein Ort, möglicherweise sogar der einzige, an dem wir alle gleich sind. Hier sind soziale Schicht, Einkommen, Alter und sogar Schönheit außer Kraft gesetzt. Auf die Toilette gehen alle mit dem gleichen Bedürfnis und alle stellen sich die gleichen Fragen: "Ist es hygienischer mit einer Schicht Klopapier unter dem Po?" – "Soll ich vielleicht mal ein Feuchttuch benutzen?" Oder: "Welche Toilette ist eigentlich noch dreckiger als die in meinem Büro?" Fast alle diese Fragen, die die Menschheit zusammen halten, wollen wir euch endlich beantworten. Es ist uns ein dringendes Bedürfnis.

Das dreckigste Klo befindet sich am Flughafen. Dort verrichten nicht nur unglaublich viele Menschen ihr Geschäft, sondern sie kommen auch noch aus allen Winkeln und Ecken des Planeten. Wie aponet, das Offizielle Gesundheitsportal der deutschen ApothekerInnen, elegant formuliert, ist die Flughafen-Toilette somit ein "beliebter Umsteigepunkt mikroskopisch kleiner Passagiere". 

Besonders Staphylococcus aureus reist gerne durch die Toiletten. Wer ein stabiles Immunsystem hat, dem kann das Bakterium nicht viel anhaben. Anders sieht es bei geschwächten Personen aus, die können sich durch eine Schmierinfektion Haut- und Muskelerkrankungen oder mit etwas mehr Pech auch eine Lungenentzündung, ein Toxisches Schocksyndrom oder eine Blutvergiftung einfangen.

In einer Untersuchung von 400 Toilettentürgriffen von 136 Flughäfen in 59 Ländern wurde das Bakterium bei etwa jeder zwanzigsten Probe gefunden. Bei einigen der Erreger handelte es sich sogar um multiresistente Keime, gegen die herkömmliche Antibiotika keine Wirkung mehr haben. Das beste Mittel gegen das unsichtbare Mitbringsel von der Flughafentoilette ist, die Hände zu waschen. (Ja, wir wissen, öder Tipp, ist aber halt so.)

Sind die Hände einmal gewaschen, schleicht schon das nächste Problem um die Ecke: Wie bekommt man sie wieder trocken? Was es auch gibt in der öffentlichen Toilette, irgendwie ist das doch alles Mist: Papierhandtücher, die immer aus sind, Handtuchspender mit ewig langen Tuchrollen, die sich verhaken, Warmlufttrockner ohne anständigen Luftdruck, lärmende Druckluftstrahler oder ein altes, nasses Handtuch. 

Die größte Bakterienschleuder sind übrigens diese Druckluftstrahler, in die man seine Hände reinsteckt und Angst hat, dass nur noch ein Stumpen herauskommt, so eine vom Journal of Applied Microbiology veröffentlichte Studie. Mit einer Geschwindigkeit von 600 km/h blasen die Geräte 1.300-mal mehr Keime durch die Gegend als Papierhandtücher und immer noch 60-mal mehr als die alten Warmlufttrockner, die von oben auf die Hände blasen. Und das sogar bis zu einer Strecke von drei Metern in den Raum hinein (normale Trockner 75 cm, Papierhandtücher 25 cm). Also besser an der Hose abwischen.

Wenn wir noch tiefer in die Abgründe der öffentlichen Bedürfnisverrichtung einsteigen wollen, ist wahrscheinlich das Frauenklo am Flughafen die schmutzigste Toilette. Denn Frauen hinterlassen das Klosett um einiges dreckiger als Männer, wie Reinigungsunternehmen und erfahrene Klofrauen berichten. Wer seine Nachfolgerin mit einer benutzten Binde auf statt im Hygieneeimer überraschen möchte, sollte sich zumindest nicht beschweren, dass sich die Toiletten am Arbeitsplatz in einem üblen Zustand befinden (15 Prozent sind unzufrieden mit dem Zustand der Klos in ihrem Unternehmen).

Doch warum sind Frauen solche Kloschweine, obwohl sie insgesamt weniger Zeit auf dem Örtchen verbringen als Männer? Ein Grund dafür könnte in der weiblichen Bakterienabwehrposition des Zielpinkelns liegen. Viele Frauen setzen sich aus Angst vor Keimen nicht auf die Klobrille und versuchen, die Toilette aus einem Sicherheitsabstand zu treffen, manche hocken sich sogar mit den Füßen auf die Klobrille. Das erklärt allerdings noch nicht, warum viele Frauen vergessen, den Spülknopf zu drücken. Vielleicht verlassen sie, sobald das Höschen wieder hochgezogen ist, panikartig den Ort der Analhygiene, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen.

Das bestätigt auch Helene Kück, die seit 30 Jahren Kölner Toiletten putzt, gegenüber der Welt: "Von 100 Männern nehmen 99 die Bürste. Von 100 Frauen höchstens 10." Immerhin waschen sich mehr Frauen als Männer die Hände nach dem Klobesuch. Nicht einmal jeder dritte Mann benutzt nach dem "Geschäft" Wasser und Seife, bei Frauen sind es 64 Prozent. Das erklärt vielleicht auch, warum sich in manchen Bärten Fäkal-Bakterien finden.

Es hat recht lange gedauert, bis sich die Toilette überhaupt durchsetzen konnte. Die Hochkultur des Klos herrschte in der Antike im alten Rom. Die Römer trafen sich zum Plausch in der Latrine, tauschten dort beim Kacken Kochrezepte aus und beschwerten sich über die verkommene Jugend.

Dieser hygienische Lichtblick ging mit dem Römischen Reich allerdings kläglich unter. Was folgte, waren fast 2.000 Jahre, in denen sich die Menschheit um anderes kümmerte als die menschliche Notdurft. Am Hof von Louis XIV in Versailles gab es zum Beispiel 2.000 Zimmer, aber nur eine Toilette. Und in Frankfurt am Main sollen Ende des 18. Jahrhunderts Männer und Frauen mit langen Umhängen als "mobile Abtrittsanbieter" gearbeitet haben: Man konnte unter ihren Mantel schlüpfen und dort gemütlich in einen Eimer kacken. 

So ging es, bis Alexander Cummings 1775 das Wasserklosett erfand. An der Konstruktion hat sich bis heute zwar nicht viel verändert, doch es dauerte trotzdem noch 100 Jahre, bis die ersten Modelle in die Häuser gebaut wurden. Aber dann ging es los. Ende des 19. Jahrhunderts gab es mit den Wassertoiletten auch das erste kommerziell vertriebene Toilettenpapier. In den 1920er Jahren dann auch als Markenartikel mit einer garantierten Anzahl von Blättern.

Ungefähr auf dem Stand befinden wir uns auch heute noch, wenn auch mit viel größerer Auswahl. Das Toilettenpapier hat sich zum Hygieneklassiker gemausert – je nach finanzieller Ausstattung mit mehr oder weniger Lagen zu haben. "Bedrucktes Toilettenpapier hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Bestseller entwickelt. Es (...) bringt ein wenig Abwechslung in den Alltag", umschmeichelt der hygiene-onlineshop alle, bei denen sonst nicht so viel los ist. Alles, was man über Toilettenpapier wissen muss, beantwortet übrigens die Website denkmalvonhinten.

Foto: Lisa Ziegler

Auch an der Funktionsweise des Aborts hat sich nicht viel geändert. Noch immer ist das doppelt gekrümmte Abflussrohr, das Siphon, der Star der Klosettkonstruktion. In unseren Breiten hat sich traditionell der Flachspüler verbreitet, wo die Kacke zuerst auf eine Ablage fällt. Der große Vorteil dieser Konstruktion ist, dass man leicht eine Stuhlprobe entnehmen kann, allerdings neigt der Flachspüler auch zu einem ausgeprägten Gestankerlebnis – deswegen wird er langsam vom Tiefspüler verdrängt. 

Hier landet die Ausscheidung nämlich direkt im Wasser, wo nicht nur die braune Wurst, sondern auch der Duft umgehend umschlossen werden. Doch auch hier gibt es ein kleines Problem, denn das Wasser spritzt bei einem größeren Geschäft bis an den Po, das ist rein hygienisch gesehen zwar problemlos, mag aber nicht jeder.

Die Frage, warum der Flachspüler in Deutschland solch eine weltweit einzigartige Verbreitung gefunden hat, ist ein großes Mysterium, an dem schon viele verzweifelt sind. In Blogs rätseln User über den Ursprung dieses Phänomens und berichten, dass ihnen von ausländischen Freunden bereits "Analfixierung" vorgeworfen wurde. 

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek tippt auf ideologische Gründe, die uns Deutsche dazu veranlassen, in der Toilette einen Thron für unsere Ausscheidungen zu bauen. In seiner Abhandlung über die Wahrnehmung der eigenen Exkremente verweist Žižek auf die US-amerikanische Schriftstellerin Erica Jong, die im deutschen Flachspüler ein Schlüsselelement für die Schrecken des Dritten Reichs sieht: "Menschen, die solche Toiletten herstellen, sind zu allem fähig."

Widmen wir uns der Klobrille: Was bringt es eigentlich, sich eine Schicht des grau-weißen Abwischpapiers auf den fremd-bepullerten Sitz zu legen? Aus irgendeinem Grund erledigt sich das eigene Geschäft scheinbar leichter, wenn sich eine vertrauenserweckende Lage aus dünnen Blättchen zwischen Körper und Keimen befindet. Doch falsch gedacht, denn der Toilettensitz ist extra glatt und so konstruiert, dass sich keine Bakterien auf ihm festsetzen. Nur der Hautkontakt genügt übrigens nicht, um sich mit den Keimen des Vorgängers zu beschmutzen. 

In der Haut befinden sich Talg- und Schweißdrüsen, deren Aussonderungen einen fettreichen und Wasser abweisenden Oberflächenfilm bilden. Wir sind also von einem natürlichen Säureschutzmantel umgeben, der nicht nur den Körper vor der Austrocknung bewahrt, sondern auch das Eindringen von Bakterien weitgehend verhindert.

Ganz anders sieht es beim Toilettenpapier aus, das ist nämlich weniger hygienisch, als der süße Herzchen- oder Fischedruck vermuten lässt. Da nämlich kaum jemand den Klodeckel beim Spülen herunter klappt, verteilen sich die Keime im Raum und lassen sich besonders gern auf dem Klopapier nieder. Im Gegensatz zur nahezu hygienischen Klobrille hängt die Keimschleuder also gleich daneben am Haken. 

Wenn keine Urintropfen vom Vorpinkler auf der Klobrille zurückgeblieben sind, lohnt es sich also auch nicht, einmal mit dem Klopapier über die Sitzfläche zu wischen. Was es wirklich bringt, dass sich Madonna in jeder Garderobe eine neue Klobrille anschrauben lässt, ist also fraglich. Und solange sie kein feuchtes Toilettenpapier benutzt, auch ziemlich wurscht.

Feuchttücher sind nämlich gar nicht so rein und unverdorben, wie sie uns in ihrer pastellfarbenen Verpackung einreden wollen. Sie enthalten Konservierungs- und Parfümstoffe, die Allergien auslösen und den Po reizen können. "Das ist besonders schlecht für Menschen, die bereits Beschwerden mit der Afterhaut haben – und gerade diese Patienten greifen oft zu Feuchttüchern", so Berhnard Lenhart, Proktologe aus Heidelberg im Fachblatt für Alltagsleiden, der Apotheken-Umschau

Durch das feuchte Klima der weichen Blättchen sammelt sich an den Tüchern schnell eine bunte Familie von Krankheitserregern, die sich von Blatt zu Blatt ausbreitet. "Feuchttücher sollten daher nur im Ausnahmefall verwendet werden", schreibt infektionsschutz.de.

Wenigstens einen Vorteil hat die öffentliche Toilette also. Es gibt dort in den seltensten Fällen Feuchttücher.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.