Antifa

Mordfall Lübcke: Diese Menschen machen die Arbeit, die der Verfassungsschutz nicht macht

Wer zu Neonazis recherchiert, riskiert sein Leben. Warum tut man sich das freiwillig an? Wir haben nachgefragt.

von Matern Boeselager
26 Juni 2019, 12:00pm

Fotos von EXIF-Recherche, NSU-Watch, Recherche Nord, Strg+F und imago

Die Jagd ging los, sobald der Name des mutmaßlichen Mörders von CDU-Politiker Walter Lübcke bekannt war: In allen Redaktionen Deutschlands machten sich Journalistinnen und Journalisten auf die Suche nach Details über Stephan Ernst. Und wie immer, wenn sie keine Ahnung hatten, wo sie anfangen sollten, gingen sie an die verlässlichsten Quellen: antifaschistische Recherche-Plattformen.

Sie heißen "Exif", "Recherche Nord", "der rechte rand" oder "NSU-Watch". Zusammen bilden diese Plattformen so etwas wie das Gedächtnis der Antifa. Und dieses Gedächtnis ist ziemlich gut: Mittlerweile haben sie so viel Wissen über die rechtsextreme Szene gesammelt, dass sogar der Verfassungsschutz bei ihnen abschreibt. Und das, obwohl praktisch alle, die diese Informationen zusammentragen, das auf freiwilliger Basis tun.

Die Arbeit ist alles andere als dankbar. Für die Behörden gelten die Plattformen als linksradikal und geraten deshalb oft genug selbst ins Visier des Verfassungsschutzes. Die klassischen Medien schreiben zwar gerne bei ihnen ab – vergessen aber gerne zu erwähnen, wo die Recherche eigentlich herkommt. Ach ja: Und dann werden die Mitarbeiter natürlich auch noch regelmäßig von Neonazis mit dem Tod bedroht. Warum macht man sowas? Wir haben zwei von ihnen gefragt.

André Aden, Fotograf für 'Recherche Nord': "Mittlerweile haben die eigene Sprechchöre über mich. Das gehört dazu."

VICE: Was machst du genau?
André Aden: Meine Aufgabe ist die Dokumentation. Ich und viele andere, die arbeiten wie ich, sind auf rechtsextremen Veranstaltungen unterwegs. Nicht nur den öffentlichen – wir jagen auch den Geheimtreffen hinterher. Wenn die ein Zeltlager machen, dann legen wir uns in den Wald und knipsen das.

Ist das nicht saugefährlich?
Ja, ist es. Mittlerweile kennen die mich ja alle. Die hassen uns. Unsere Namen werden in der Szene herumgereicht. Wir sind diejenigen, die in ihren Bereich eindringen. Wir gehen auf deren Veranstaltungen, auch auf die konspirativen, und wir dokumentieren alles. Wir sind uns des Risikos bewusst, aber wir lassen uns nicht abschrecken.

Wenn die mich auf ihren Veranstaltungen sehen, lassen die mich wissen, was sie gerne mit mir machen würden: "Ich komme morgen vorbei, dann schlitze ich dich auf, dann weide ich deinen Hund und deine Familie aus" – sowas höre ich dauernd, mittlerweile haben die eigene Sprechchöre über mich. Das gehört dazu.

Was macht das mit dir?
Also, ich fahre dann nicht nach Hause und sage mir: "Was für ein schöner Arbeitstag!". Viele halten das nach drei, vier Jahren nicht mehr aus. Du kannst einfach nie abschalten. Wir sind alle geschädigt davon.

Warum machst du trotzdem immer weiter?
Weil es wichtig und richtig ist, gegen solche Strukturen anzuarbeiten. Wenn man sich anschaut, was diese Ideologie anrichtet, dann weiß man: Die gefährdet unser aller Leben. Deshalb versuchen wir, diese Szene so genau wie möglich zu durchdringen, nach dem Motto: Kenne deinen Feind.

Ein junger Neonazi pöbelt in Richtung der Kamera
Nicht alle Neonazis lassen sich so gerne fotografieren wie dieser. Foto: Felix Huesmann

Aber gibt es genau dafür nicht den Verfassungsschutz?
Wir vertrauen dem Verfassungsschutz nicht. Der Verfassungsschutz hat nur den Auftrag, Dinge zu wissen, nicht diese Strukturen auszuheben. Genau deshalb haben sie aber kein Interesse daran, mit der Polizei zusammenzuarbeiten.

Stattdessen finanzieren sie die Nazi-Szene: Die Quellen des Verfassungsschutzes machen das für Geld – oft wissen das alle ihre Kameraden und freuen sich über das Geld. Ein berühmtes Beispiel: Den V-Mann Tino Brandt vom sogenannten "Thüringer Heimatschutz" hat der Verfassungsschutz mit insgesamt einer Viertelmillion Euro finanziert! Der Thüringer Heimatschutz war keine Gurkentruppe, die haben paramilitärische Übungen gemacht mit dem Ziel, politische Gegner zu bekämpfen. Der NSU ist aus diesen Strukturen hervorgegangen. Ganz böse gesagt: Wir haben es den Finanzspritzen des Verfassungsschutzes zu verdanken, dass solche Leute sich richtig radikalisieren.

Wie gefährlich sind Neonazis wirklich?
Die wenigsten Leute wissen, wie groß diese Szene ist. Allein im Jahr 2017 hat der Verfassungsschutz – dessen Zahlen wir für viel zu niedrig halten – 19.500 rechtsextreme Straftaten gezählt. Das bedeutet: Jede halbe Stunde finden in Deutschland solche Straftaten statt.

Wir haben also eine riesige Szene, die auch gut vernetzt ist. Es gibt die Parteien wie die NPD, Die Rechte oder Der III. Weg; dann gibt es ein paar Splittergruppen, dann die Kameradschaften. Die kennen sich alle, die gehen auf die gleichen Veranstaltungen und Konzerte.

Heißt das, die arbeiten alle zusammen?
Es ist eine heterogene, diffuse Szene mit unterschiedlichen Interessen – nicht alle gönnen sich da alles. Aber es gibt in der Szene auch schon lange das Prinzip des "führerlosen Widerstands": Man führt Taten in kleinen, unabhängigen Zellen aus. Ganz wichtig ist dabei, dass nach der Tat kein Bekennerschreiben auftaucht, dadurch soll der Gegner verunsichert werden. Es gibt proto-terroristische Netzwerke wie "Combat 18", aber auch viele andere, in denen Leute radikalisiert und trainiert werden. Beim NSU gehen wir fest davon aus, dass das mehrere Dutzend Mittäter waren, die das Trio mit Waffen und Anschlagszielen unterstützt haben.

Vor allem muss man jetzt aufpassen, dass man Combat 18 nicht zur einzigen gefährlichen Nazi-Terrorgruppe erklärt und sagt: Wenn die erst verboten sind, dann ist das Problem gelöst. Wir können nicht abschätzen, wie groß diese Netzwerke heute sind.

Sascha Schmidt, 43, seit den frühen 2000ern beim Magazin 'der rechte rand': "Wir sagen manchmal scherzhaft, dass wir schneller arbeiten, als es der Verfassungsschutz erlaubt."

VICE: Was ist "der rechte rand"?
Sascha Schmidt: Wir sind ein Magazin von und für Antifaschist*innen. Seit 30 Jahren machen wir Recherche und Aufklärungsarbeit. Nachdem das Magazin als norddeutsches Projekt begann, wurde alsbald die extreme Rechte und die Neonazi-Szene bundesweit in den Blick genommen.

Was bedeutet das konkret?
Wir verstehen uns als Teil eines antifaschistischen Recherche-Netzwerks. Unsere Arbeit baut darauf auf, dass Leute vor Ort beobachten, was sich in der Szene tut. Wir haben mittlerweile ein großes Archiv. Ein wichtiger Teil davon sind Fotos, die von extrem rechten Veranstaltungen gemacht werden. Wie wichtig solche Netzwerke und Archive sind, zeigen die Berichte über den mutmaßlichen Mörder Walter Lübckes. Ohne die Infos und Fotos antifaschistischer Recherche-Gruppen wären nie so viele Informationen an die Öffentlichkeit gekommen.

Thorsten Heise auf einer Demonstration
Thorsten Heise, einer der führenden Neonazi-Kader in Thüringen. Foto: imago | Michael Trammer

Glaubst du, ihr wisst mehr über die Szene als der Verfassungsschutz?
Es ist ziemlich schwer einzuschätzen, was der Verfassungsschutz weiß. Aber Fakt ist: Wir haben sehr viele Informationen und wir bringen die früher an die Öffentlichkeit. Deshalb sagen wir manchmal scherzhaft, dass wir schneller arbeiten, als es der Verfassungsschutz erlaubt. Ist aber auch nicht schwer: In Hessen will der Verfassungsschutz die NSU-Akten ja 120 Jahre unter Verschluss halten.

Auf jeden Fall ist es so, dass Medien auf uns zukommen, um von unserem Wissen zu profitieren. Manchmal schreiben sie unsere Rechercheergebnisse aber einfach ab – es wäre schön, wenn diese Arbeit generell auch entsprechend anerkannt würde – und sei es nur durch die Nennung der Quelle.

Warum macht ihr diese Arbeit?
Wir wollen Menschen bei ihrer Arbeit gegen die extreme Rechte mit Informationen und Analysen unterstützen. Es ist gefährlich, Nazi-Treiben zu tolerieren oder zu ignorieren. Dann etablieren sie Strukturen, gründen Geschäftszweige oder Kampfsportclubs oder besiedeln ganze Dörfer. Und wenn Nazis erst eine gewisse Hegemonie erlangt haben, werden diese Regionen zu Angsträumen für alle, die nicht ins Weltbild der Nazis passen. Solche Nazi-Strukturen öffentlich zu machen, ist ein erster Schritt.

Wie bist du selbst zum Magazin gekommen?
Als Teenager in Schleswig-Holstein in den frühen 90ern habe ich erlebt, wie gefährlich es ist, eine aktive Neonazi-Szene in der Gegend zu haben. Da haben sich Leute zum Teil nicht mehr rausgetraut, weil die Neonazis öffentliche Plätze besetzt hatten. Und dann Jagd gemacht haben. Ich bin selbst zweimal am helllichten Tage überfallen worden. Einmal mit einem Messer, sodass ich auf die Straße rennen und die fahrenden Autos anhalten musste, um zu entkommen. Die Polizei hat sowas meistens nicht ernst genommen und zu wenig dagegen getan. Also habe ich beschlossen, selbst aktiv zu werden. Und irgendwann habe ich mit dem Schreiben begonnen.

Warum glaubst du, ist die Polizei bei rechter Gewalt oft so zögerlich?
Grundsätzlich gibt es eine lange Tradition der Verharmlosung extrem rechter Gewalt in der Bundesrepublik – bis heute. Häufig spielen die Behörden das Problem herunter. Ein Aspekt davon ist, dass sich rechte Gewalt nur relativ selten direkt gegen staatliche Akteure richtet. Doch es geht ja nicht nur darum, ob der Staat gefährdet ist, sondern inwiefern Menschen in Gefahr sind. Rassistische Morde haben bis jetzt meistens Menschen getroffen, die migrantischer Herkunft waren. Die haben oft erfahren müssen, dass ihnen nicht zugehört wird, oder ihnen sogar eine Mitschuld gegeben wird. Ich bin skeptisch, dass sich das mit dem rechtsterroristischen Mord an Walter Lübcke ändert.

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