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Identität

Abgeschottet: So ist es, in einer Enklave in Europa zu leben

Junge Menschen in Gibraltar verfluchen den Brexit, denn er erinnert an eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Gibraltars.

von Pepe Barahona
06 August 2019, 9:35am

Malena zeigt an der Grenze ihre Papiere, um nach Gibraltar einreisen zu dürfen | Alle Fotos: Fernando Ruso

Es ist der 24. Juni 2016 in Gibraltar, dem britischen Überseegebiet im Süden Spaniens. Malena wacht verschreckt auf, weil ihr Freund Daniel gerade "Fuck!" geschrien hat.

Am Abend zuvor sind die beiden ins Bett gegangen, als noch die letzten Stimmen der Brexit-Abstimmung in England ausgezählt wurden. In Gibraltar selbst haben 95,5 Prozent der Bürger und Bürgerinnen für einen Verbleib in der EU gestimmt. "Wir dachten, dass beim Aufwachen alles noch so sein würde wie vorher", sagt Malena, die aus Spanien stammt.

Falsch gedacht. Daniel ist in Schockstarre, er sieht schon die langen Autoschlangen am Grenzübergang nach Spanien vor sich, sorgt sich um seine zwei Kinder und seinen Job. Er erinnert sich an die Geschichten seiner Eltern über "den Zaun" – Geschichten über die Schließung der umstrittenen Grenze zwischen Gibraltar und Spanien, von denen er dachte, dass sie sich niemals wiederholen würden. "Wer weiß, vielleicht machen sie das jetzt bald", sagt er.

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Daniel und Malena laufen durch die Straßen Gibraltars

Daniel ist 30 Jahre alt, seine Tochter Jasmin ist 8, sein Sohn Jeremy 6. Die Kinder stammen aus einer früheren Beziehung. Er arbeitet als Kundenbetreuer bei einem Unternehmen, das Server für Online-Wettbüros bereitstellt. Im Juni 2019 überquerten täglich 15.329 Menschen aus Spanien für ihre Arbeit die Grenze nach Gibraltar – ein Anstieg von mehr als neun Prozent im Vergleich zum Juni des Vorjahres. Diese Leute arbeiten in verschiedenen Bereichen, vom Baugewerbe über die Serviceindustrie bis hin zu Putzjobs und Tech-Firmen.

"Wir fragten uns alle, wie die Abstimmung ausgehen wird. Wir wussten, dass es wie in den USA mit Donald Trump laufen könnte, hofften aber auf die Vernunft", sagt Daniel. "Und dann sah man überall nur noch traurige Gesichter."

Weder Daniel noch Malena sind alt genug, um sich an eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Gibraltars erinnern zu können – damals, als die Grenze zwischen 1969 und 1985 komplett zu war. Mit dem Brexit-Ergebnis kamen all die Geschichten der Eltern wieder hoch. Als der Grenzzaun dicht gemacht wurde, hatten die Menschen in Gibraltar laut Daniel 24 Stunden Zeit, um sich zu entscheiden, auf welcher Seite sie bleiben wollten. So wurden in nur einer Nacht viele Familien auseinandergerissen und Unternehmen geschlossen. "Die Gesellschaft ging kaputt", sagt er.

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Manuel wartet auf seine Tabaklieferung

Die einzige Verbindung zwischen Gibraltar und dem spanischen Festland ist ein Landstreifen von einem Kilometer Länge. Deswegen war das Überseegebiet während dieser Jahre abgeschottet und die Gibraltarer auf den beiden Seiten der Grenze konnten sich nur durch einen Zaun hindurch sehen – mit einem Abstand von 100 Metern.

Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, dass die Menschen eine Abneigung gegenüber der Grenze zu Spanien entwickelten. Auch nach 1985 war die Überquerung oft mit langen Wartezeiten und Staus verbunden – eine Reaktion auf die Spannungen mit der Regierung in Madrid.

Das Leben auf den beiden Seiten der Grenze könnte unterschiedlicher nicht sein. Daniel und Malena wissen, wie sehr es sich auf den Alltag auswirken kann, wenn man nur einen Kilometer weiter weg geboren wird. Daniel war nie ein Vorzeigestudent, er begann sein Studium im Fach audiovisuelle Kommunikation an der britischen Plymouth University, brach es dann aber ab. Malena hatte nicht die finanziellen Mittel zum Studieren und fing deswegen an, stundenweise als Babysitterin zu arbeiten. Nachdem sie mit Daniel nach Gibraltar gezogen war, fand sie einen Vollzeitjob als Kellnerin. Heute verdient sie ihr Geld in einem Technikladen. "Wenn ich einen anderen Job wollte, bräuchte ich nicht mal eine Woche, um einen zu finden", sagt sie.

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Malena bei der Arbeit

Malena verdient jährlich 16.000 Pfund, also gut 17.400 Euro, Daniel bringt 35.000 Pfund, etwa 38.100 Euro, mit nach Hause. "Damit liegen wir ein bisschen über dem Durchschnitt", sagt er. Arbeitslos sei er nie gewesen. Jeden Morgen geht der Verkehr an der Grenze nur in eine Richtung: nach Gibraltar.

In Gibraltar gibt es keine Arbeitslosenquote, die Menschen ohne Beschäftigung werden einfach gezählt: Im letzten Quartal von 2018 waren es 44. Man geht also von Vollbeschäftigung aus. Auf der spanischen Seite der Grenze, genauer gesagt in der Stadt La Línea de la Concepción, ist das Gegenteil der Fall. Dort herrscht die dritthöchste Arbeitslosenquote in ganz Spanien: Im Januar 2019 lag sie bei knapp 33 Prozent und damit 19 Prozentpunkte über dem Landesdurchschnitt.

Diese Statistik spiegelt sich in Daniels und Malenas Umfeld wider. Während bei ihr nur vier ihrer zehn Freunde von zu Hause eine Arbeit haben, sind es bei Daniel alle. "Ich hatte echt Glück, dass Gibraltar so nah war und dass ich dort einen Job fand", sagt sie.


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Es gibt aber noch einen anderen Weg. Manuel, der eigentlich anders heißt, lässt sich jeden Tag mehrere Rucksäcke voll Zigaretten von Gibraltar nach La Línea schmuggeln und verlangt dann pro Packung fünf Euro. Das Risiko einer saftigen Geldstrafe ist hoch. Manuel sieht aber keine andere Option, der 27-Jährige hat eine Familie mit zwei Kindern. Er ist jetzt seit fünf Jahren arbeitslos, weil er als Kellner in Spanien keine guten Jobaussichten hat.

"Ich mache das, weil ich muss", sagt er. "Mit einer Arbeit, bei der ich monatlich 700 Euro verdiene, wäre das nicht nötig. Ich riskiere doch nicht einfach so, von der Polizei verhaftet oder verprügelt zu werden. Der Verkauf der Zigaretten wird uns nicht retten, aber er bringt uns über die Runden."

Obwohl er nur einen Steinwurf entfernt wohnt, war Manuel noch nie in Gibraltar. Die Grenze ist mit einer halbdurchlässigen Membran vergleichbar: Spanier gehen auf die britische Seite, um zu arbeiten, Briten gehen auf die spanische Seite, um auszugehen. Weil in Gibraltar alles teurer ist und der Wechselkurs von Pfund in Euro gut steht, ist es natürlich verlockend, eher in La Línea essen oder shoppen zu gehen.

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Malena sieht sich mehr als Gibraltarerin, obwohl sie aus Spanien stammt

Daniel weiß noch, wie er als Kind mit seiner Familie über die Grenze nach Spanien gefahren ist, um in ein chinesisches Restaurant zu gehen. In Gibraltar waren die nämlich zu teuer. Bei diesen Ausflügen ins spanische Staatsgebiet empfand Daniel sein Nachbarland immer als sehr arm. "Leute haben auf den Straßen gebettelt. Ich hatte immer das Gefühl, dass es La Línea schlecht ging", sagt er. "In Gibraltar bettelt niemand. Und niemand ist obdachlos."

Malena glaubt, dass Daniel auf der anderen Seite der Grenze unter besseren Bedingungen aufgewachsen ist als sie. "Er wurde von seinen Eltern verwöhnt, sie fuhren in den Urlaub und unternahmen Dinge, von denen ich nicht mal träumte. Der Lebensstandard der gibraltarischen Mittelschicht ist viel höher als der der spanischen", sagt sie. "Ich finde es arg, dass wir zwei Kinder haben und trotzdem ein bequemes Leben führen. So wäre das in Spanien nicht. Für mich ist das ein Privileg."

Daniel und Malena sind seit fünf Jahren ein Paar. Sie haben sich bei einem Konzert kennengelernt. Als sich sich dazu entschieden zusammenzuziehen, wollten sie ein Haus außerhalb von Gibraltar. "Eine normale Zweizimmerwohnung kostet dort mindestens 1.000 Pfund pro Monat", sagt Daniel.

Das begrenzte Wachstumspotenzial führt in Gibraltar dazu, dass die Mietpreise nach oben schießen und viele Gibraltarer wegziehen müssen. Malena und Daniel haben ein zweistöckiges Vierzimmerhaus in einer ruhigen Gegend der spanischen Stadt San Roque für 700 Euro im Monat gefunden. Wegen der Probleme bei der Grenzüberquerung nach dem Brexit, der Abwertung des Pfunds und weil sie näher bei ihren Kindern sein wollen, haben die beiden jetzt allerdings eine bezahlbare Sozialwohnung in Gibraltar zugeteilt bekommen.

Daniel fährt regelmäßig von Gibraltar in das 40 Minuten entfernte Guadiaro, um dort mit seiner Band Jacver zu proben. Die Gruppe besteht aus Spaniern und Briten. Auf die Frage, ob sich die Grenznähe positiv auf ihre Musik auswirkt, schüttelt Daniels Bandkollege Augusto den Kopf und sagt: "Das ist vielleicht so, wenn man auf beiden Seiten der Grenze abhängt. Normalerweise hören die Leute aber nur Musik von einer Seite, ohne da irgendwas zu vermischen." Zum Thema Brexit sagt Harry, ein anderes Bandmitglied: "Ich habe die Schnauze voll von Politik. Durch meinen Vater bekomme ich aber noch einiges mit. Ich sehe, wie er wegen des Brexits und der immer schlimmeren Nachrichten richtig gestresst ist. Wir leben zwar in Spanien, sind aber immer noch Briten."

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Daniel (Mitte) übt mit seiner Band Jacver

Daniel kann das Ergebnis der Brexit-Abstimmung nicht verstehen. "Wir waren Teil der EU und hatten trotzdem noch das Pfund. Uns ging es gut", sagt er. "Jetzt wissen wir, was wirklich auf dem Spiel steht. Die Abstimmung wurde durch Angst und Lügen entschieden." Was steht für Gibraltar auf dem Spiel? "In Gibraltar kommt es sehr darauf an, was an der Grenze passiert", antwortet Daniel. "So lange da alles flüssig läuft, haben wir keine Probleme. Wenn es allerdings zu Verzögerungen kommt, leiden die Geschäfte und Unternehmen hier unter den Folgen."

Die Menschen in Gibraltar denken gerade an kaum etwas Anderes als die Schließung der Grenze zu Spanien. Sie sind aber auch der Meinung, dass sie den Worst Case überstehen würden. Das haben sie ja schon einmal. Falls der Brexit der Bevölkerung Gibraltars allerdings zu schlimm zusetzt, werden Daniel und Malena definitiv anderswo hinziehen – vielleicht sogar außerhalb Spaniens. "London gefällt uns gut", sagen sie.

Zu Spanien hat Daniel gemischte Gefühle. "Das sind unsere Nachbarn und ich habe dort Freunde", sagt er. "Das Problem ist der Nationalismus, zu dem die spanische Regierung die Leute anregt – und mit dem politische Parteien Wählerstimmen gewinnen wollen. Der Hass kommt aus Madrid."

Und was denkt Malena im Gegenzug über Gibraltar? "Ich wurde dort mit offenen Armen empfangen", sagt sie. "Hier habe ich ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl als in meiner Heimatstadt. Wenn ich sage, dass ich aus Gibraltar bin, dann sage ich das mit Stolz."

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