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Kinderbuch-Kontroverse in Wien: Sind psychische Erkrankungen eine Entschuldigung für Rassismus?

Sollte man einen psychisch erkrankten Menschen anders behandeln, wenn er sich rassistisch äußert? Wir haben mit der Psychologin Sarah Al-Hashimi darüber gesprochen.

von Alexandra Stanic
24 Oktober 2019, 10:07am

Foto: Imago Images | Panthermedia || Bearbeitung: VICE

1904 ist das Kinderbuch Hatschi Bratschis Luftballon erstmals erschienen. Es handelt von einem bösen Zauberer aus dem "Morgenland", der Kinder entführt. Früher wurden solche Inhalte als normale Literatur gewertet, heute erkennt man sie zum Glück als das, was sie sind: rassistisch.

Das Wiener Café und Buchgeschäft Phil erntete nun Kritik, weil es die Erstauflage des Kinderbuchs im Sortiment hatte. Dem Standard erklärt der Betreiber, das Buch sei ein Zeitdokument, nicht in der Kinderbuchabteilung zu finden und solle zeigen, wie "unsere Großeltern und noch unsere Eltern sozialisiert worden sind".

Damit sind viele nicht einverstanden, auf Social Media startet eine Debatte. Einige Gäste wollen das Lokal von nun an meiden. Auch, weil der Betreiber auf die Kritik mit rassistischen Äußerungen reagierte, und die Argumente von Menschen, die von Rassismus betroffen sind, ins Lächerliche zog. Es folgte ein weiterer Shitstorm. Aber die Debatte bekam nun einen neuen Einschlag: Der Café-Besitzer habe eine bipolare Störung, das erklärt er unter Anderem in diesem Interview aus dem Jahr 2016. Ist das eine Entschuldigung für sein rassistisches Verhalten?

Sollte man einen psychisch erkrankten Menschen anders behandeln, wenn er sich rassistisch äußert? Und was, wenn ein Mensch sogar noch weiter geht, und sich nicht nur rassistisch äußert, sondern sogar übergriffig wird?

VICE hat darüber mit der Psychologin Sarah Al-Hashimi gesprochen.

Sarah Al-Hashimi
Sarah Al-Hashimi ist Psychologin und Speakerin im Asyl- und Gesundheitsbereich | Foto: Privat

VICE: Wie bewerten Sie den aktuellen Fall des Café Phil? Ist die bipolare Störung des Betreibers eine Entschuldigung für sein Verhalten?
Sarah Al-Hashimi: Eine psychische Störung ist keine Entschuldigung für diskriminierendes Verhalten. Psychische Störungen können allerdings erklären, warum eine Person auf eine Weise handelt, die nicht gesellschaftskonform wahrgenommen wird.

Der Phil-Besitzer hat für seine rassistischen Äußerungen viel Kritik erhalten. Was kann so ein medialer und gesellschaftlicher Druck bei bipolaren Menschen auslösen?
Ein Mensch, der gerade eine manische Episode durchlebt, reagiert auf Provokation, Kritik oder Abwertung mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Gereiztheit, Streitsüchtigkeit und ebenfalls Provokation. Dieses Verhalten kann währenddessen nicht ausreichend reflektiert und kontrolliert werden.

Wenn nach der manischen Episode die depressive Episode folgt, kann es zu Schuldgefühlen über das in der Manie ausgeführte Verhalten kommen. Auch Niedergeschlagenheit, ein Gefühl der Wertlosigkeit und Suizidgedanken können auftreten. Der Patient benötigt während eines Shitstorms besondere medizinische, psychologische und soziale Zuwendung. Am besten ist, er geht offline.

Ist diskriminierendes Verhalten von bipolaren Menschen anders zu bewerten?
Nein. Vorurteile und Stereotype hat jeder Mensch, auch ich. Die Frage, die hier gestellt werden sollte ist, wie gut kann ich meine eigenen Vorurteile und Stereotype reflektieren, um mit meinem Umfeld wertschätzend, respektvoll und offen umgehen zu können.

Menschen mit psychischen Störungen kann eine Reflexion teilweise schwerer fallen als psychisch stabilen Menschen. Was aber nicht bedeutet, dass sie dazu nicht in der Lage sind, sondern beispielsweise mehr Zeit, Geduld, Information und einen stressfreien Raum brauchen, um diese überhaupt bearbeiten zu können.

Was wäre also eine gute Strategie, um auf Social Media mit rassistischen Äußerungen von psychisch kranken Menschen umzugehen?
Leider wissen wir oft nicht, welche Geschichte oder mögliche psychische Störung hinter der Person liegt, die sich rassistisch äußert. Der erste Impuls ist natürlich gegen Rassismus zu argumentieren. Ich persönlich fände es immer besser, wenn auch Gegenargumente reflektiert werden und keine Abwertungen, sondern sachliche Fakten enthalten. Ich denke, damit wäre man auf der sicheren Seite.

Im Falle des Café-Besitzers ist eine psychische Erkrankung scheinbar bekannt, in diesem Fall sollten sich alle Betroffenen und Kritiker über die Erkrankung informieren, bevor sie auf seine Kommentare reagieren. Seine Stellungnahme im Standard-Artikel finde ich persönlich reflektiert. Alles was nachher auf Social Media vom Besitzer gepostet wurde, würde ich nicht als seine absolute Wahrheit interpretieren, sondern mit der möglichen manischen Episode in Verbindung bringen, wenn diese Diagnose tatsächlich feststehen sollte.

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Was, wenn es nicht nur Äußerungen sind sondern Taten? Inwiefern spielt die psychische Erkrankungen eine Rolle, wenn sich jemand zum Beispiel sexistisch oder rassistisch verhält?
Auch hier kommt es auf das Störungsbild an. Keine psychische Erkrankung gleicht der anderen. Auch Menschen mit derselben psychischen Erkrankung haben unterschiedliche Persönlichkeitsstile, Lebenserfahrungen und Einstellungen. Man muss sich fragen, wie diese Einstellung entstanden ist. Wie ein Mensch sich verhält, hängt mit dem Persönlichkeitsstil zusammen. Wie intro- oder extrovertiert ist die Person? Behält sie Meinungen lieber für sich oder äußert sie ihre Meinung gerne offen und vor Publikum?

Was bei psychischen Erkrankungen in diesem Kontext allerdings zu berücksichtigen ist, ist, ob die Erkrankung mit einer Impulskontrollstörung einhergeht. Eine Impulskontrollstörung kann zum Beispiel ein Waschzwang oder eine Suchterkrankung sein. Im Wesentlichen müssen bestimmte Verhaltensweisen unkontrollierbar ausgeführt werden. In diesem Fall fällt es den Betroffenen eher schwer ihre Aussagen und Handlungen zu reflektieren, zu hinterfragen und innerlich zu überprüfen, bevor sie diese ihrer Umwelt präsentieren.

Kann eine bipolare Störung einen Menschen so sehr verändern, dass er zum Rassisten wird?
Nein. Rassistische Einstellungen entstehen beispielsweise aus narzisstischen Kränkungen, durch Modelllernen oder durch das soziale Umfeld, in dem man sich bewegt. Was Rassisten aus meiner Sicht gemeinsam haben, ist ein Problem mit ihrem Selbstwert. Eine Minderheit muss abgewertet werden, um sich selbst aufzuwerten, weil andere Strategien nicht gelernt oder erfolglos geblieben sind.

Während einer stark ausgeprägten Manie kann es allerdings zu psychotischen Erscheinungen kommen, wie Größenwahn, religiöser Wahn oder Liebeswahn, die für das Umfeld nicht nachvollziehbar sind.

Wie sollten Medien damit umgehen?
Psychische Erkrankungen sollten medial differenziert, vorsichtig und im Sinne eines Bildungsauftrages behandelt werden, damit ein konstruktiver öffentlicher Diskurs innerhalb der Gesellschaft möglich ist. Reißerische Headlines und Berichterstattung führen eher zu einer populistischen und unzureichenden Auseinandersetzung mit psychischen Störungen und verstärken die immer noch präsente Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen.

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