Alle Fotos von Dirk Bruniecki

Weed aus dem Atombunker: Dieser Typ baut Deutschlands größte legale Cannabis-Plantage

Wegen Gras-Dealens saß Christoph Roßner bereits zwei Jahre lang im Gefängnis. Heute arbeitet er mit bayerischen Politikern zusammen.

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Okt. 17 2017, 2:03pm

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Das sei echt kein lockerer Arbeitsplatz, auch wenn hier Gras angebaut werden soll, sagt Christoph Roßner. Der Atombunker, vor dem er steht, liegt eingeklemmt zwischen Parkplätzen und Feldern in der Allgäuer Landschaft wie ein gestrandeter Öltanker. Hier, vom ehemaligen Fliegerhorst Memmingerberg hätte die NATO den nuklearen Gegenschlag geführt, wäre der Kalte Krieg eskaliert. Heute will der Unternehmer hier Cannabis im Bunker züchten. Grüner Dunst statt schwarzem Regen – in Sichtweite einer Bundespolizei-Station und mit dem Segen der bayerischen Staatsregierung. Seit Anfang des Jahres ist Cannabis auf Rezept in Deutschland legal und Roßners Gefühlslage ist die eines Brauereibesitzers nach dem Ende der Prohibition: "Wir haben hier die Chance, einer der größten Player auf dem internationalen Cannabis-Markt zu werden."

Alleine für 2015 zählt die Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) fast fünf Millionen Deutsche, die während der letzten zwölf Monate mindestens einmal Cannabis konsumiert haben. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein. Aktivisten wie Geschäftsleute haben diesen ersten Schritt zur Legalisierung herbeigesehnt. Christoph Roßner ist beides. Und sieht auch so aus: schwarzes Jackett über schwarzem Pullover, die grauen Haare zum Pferdeschwanz gebändigt. Business in the front, party in the back.

Eine der vielen Schleusentüren zwischen den einzelnen Bunkermänteln

Von der Kriegsmaschine zur Grasfabrik

Der Bunker, ein 50 Meter langer, 15 Meter hoher Koloss, wirkt mit seinen Belüftungstürmen wie eine mittelalterliche Festung. Ab 1985 saßen hier die Luftwaffe-Soldaten des Jagdbombergeschwaders 34 und hielten die Steuerungsanlagen für die nahegelegenen Raketensilos instand. "Dieser Bunker ist sicherer als ein Atommüll-Endlager, dabei wollen wir hier nur Pflanzen anbauen", sagt der 47-Jährige. Den Journalistenbesuch hat er zuvor bei der benachbarten Bundespolizei-Station angemeldet.


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Elektrisch ächzt das Panzertor zur Seite. 175 Tonnen gehärteter Stahl, acht Meter breit, fast einen Meter dick. Eine Sirene heult wie bei einem U-Boot auf Tauchgang. Durch die Öffnung gelangt man in den eigentlichen Bunker, den die Außenmauer umschließt wie der Reaktorsarkophag von Tschernobyl. Danach eine weitere Schleusentür, noch mal 30 Zentimeter Stahl. Später sollen hier 15 Mitarbeiter von Roßners Firma Bunker PPD, die er noch einstellen will, die Straßenkleidung gegen Overalls ohne Taschen tauschen und ihre Fingerabdrücke scannen. Die wenigen, die reinkommen, werden nichts mit rausnehmen können. Roßner führt vorbei an ehemaligen Mannschaftsräumen und der Funkzentrale, über uns eine fünf Meter dicke Decke aus Stahlbeton. Man geht geduckt, obwohl man nicht müsste. Bald sollen hier Laboratorien einziehen und auf 950 Quadratmetern Hanf aus Hydrokulturen sprießen – wenn alles nach Plan läuft.

Aber egal wie viele Nächte Roßner an seinen Businessplänen feilt, am Ende entscheiden andere: das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und die ihm unterstellte Bundesopiumstelle. Wer in Deutschland Betäubungsmittel herstellen oder damit handeln will, muss entweder mit ihnen reden oder sich irgendwann einen guten Anwalt suchen. Doch mal ist das TÜV-Siegel der Panzertür abgelaufen, mal entdecken die Beamten einen winzigen Fehler in einem Antrag: Die Bürokraten bearbeiten Roßner, den wandelnden Würgreiz für CSU-Politiker, so akribisch, als würden sie Franz Josef Strauß' letzten Willen erfüllen.

Wo früher der Funk überwacht wurde, könnte bald ein Cannabis-Labor stehen

Vom Aktivisten zum Cannabis-Unternehmer

Roßner kennt das. Seit drei Jahrzehnten setzt er sich für die Legalisierung von Cannabis ein. Zwei Schlüsselerlebnisse sind der Grund dafür: Mit 17 raucht er seinen ersten Joint. Er merkt: Kiffen hilft ihm, seine Hyperaktivität zu bändigen. Ein Jahr später zerquetscht ein Stahlträger während seiner Ausbildung zum Industriemechaniker seine linke Schulter. Gegen die chronischen Schmerzen raucht Roßner Cannabis. Bis heute, inzwischen auf Rezept. "Wenn Sie so wollen, bin ich gerade komplett dicht", sagt er. 1994 findet ein Freund Roßners, der unter Epilepsie leidet, heraus, dass Marihuana seine Anfälle dämpft. Auch Roßners Schwester litt an Epilepsie. Für sie kommt dieses Wissen zu spät. Zwei Jahre davor hat sie Suizid begangen. "Ich hätte ihr helfen können", sagt Roßner.

Von diesem Moment an ist er auf einer Mission: Er besorgt sich Marihuana, um anderen zu helfen, erzählt er. "Illegale Forschung" nennt er das. Damals wie heute ist Cannabis in Deutschland gesetzlich verboten. Erst seit dem 1. März 2017 dürfen es Ärzte verschreiben – auch ohne die schwer zu erhaltende Ausnahmegenehmigung. Zwar hat das deutsche Bundesverfassungsgericht 1994 entschieden, dass man auch ohne Rezept eine geringe Menge Cannabis mit sich führen darf – je nach Bundesland zwischen fünf und zehn Gramm – dieses Urteil schützt aber trotzdem nicht vor Strafverfolgung. Darüber entscheiden alleine die Gerichte. Auch Roßner weiß damals um das Risiko, gerade in Bayern. Als sich herumspricht, dass er eine Art private Hanfapotheke betreibt, kommen immer mehr Leute. Rheuma-, Neurodermitis-, Chemotherapie-Patienten. Und irgendwann Polizisten.

Wenn irgendwann der Strom ausfallen sollte, kann Roßner auf vier Dieselgeneratoren zurückgreifen, um seine Cannabisplantage mit Licht zu versorgen

Roßner wird verurteilt: Zwei Jahre Gefängnis ohne Bewährung. 17 Jahre ist das jetzt her. Als er rauskommt, klopft es wieder an seiner Haustür. Immer noch kommen Menschen, die Schmerzen haben. Roßner macht keine illegalen Geschäfte, an den medizinischen Nutzen von Cannabis glaubt er weiter. Zusammen mit dem Lehrstuhl für Chemie an der TU München und der University of British Columbia bereitet er gerade eine Studie vor, um die Wirkung der wichtigsten Medizinalhanf-Sorten zu erforschen und Qualitätsstandards dafür zu entwickeln. 150 Patienten will er dafür mit Cannabis aus seinem Bunker versorgen. Werden die Studie und der dafür nötige Hanf-Anbau genehmigt, wäre das sein erster entscheidender Schritt, um in den Markt für medizinisches Cannabis einzusteigen. Die Studie soll beweisen, dass er, der Ex-Häftling, seriös ist.

Politiker, Investoren und Wirtschaftsbosse hören ihm zu

Durch die Zusammenarbeit mit den Unis erhofft sich Roßner, dass die neu gegründete staatliche Cannabis-Agentur ihn wählt, um staatlich zertifiziertes Gras zu produzieren. Die Agentur soll Patienten künftig mit Marihuana aus Deutschland versorgen und sucht dafür europaweit nach Produzenten. Neben Roßner bewerben sich noch andere deutsche Unternehmer, zum Beispiel SensHemp aus Berlin und die Hanf AG aus Hamburg. 2.000 Kilogramm pro Jahr, schätzt die Agentur, müssten schon 2021 und 2022 auf deutschen Plantagen wachsen, um alle Patienten zu versorgen. Roßner glaubt, die deutschen Patienten brauchen pro Jahr das Sechsfache: über 12 Tonnen Gras. Wenn sich keiner mehr mühsam um eine Ausnahmegenehmigung bewerben muss, sondern nur noch ein Rezept benötigt, werden auch mehr Patienten diesen Schritt gehen, ist er sich sicher. Außerdem lohne es sich darunter nicht, eine mehrere Millionen Euro teure Anlage zu bauen. Doch ohne Genehmigung für die Studie könnte er seinen Bunker höchstens zu einem sehr ungemütlichen Landhaus einrichten.

Durch die Belüftungstürme könnte bald Plantagenluft strömen

Ausgerechnet ein strammer CSU-Konservativer hilft ihm bei seinem Plan. Franz Josef Pschierer, Staatssekretär im bayerischen Wirtschaftsministerium bringt ihn 2016 mit Unternehmern und Politikern aus Bayern zusammen. Roßner erzählt ihnen von dem ungenutzten wirtschaftlichen Potential, möglichen Steuereinnahmen und Einsparungen bei Polizei und Gerichten. "Ohne die Hilfe der bayerischen Staatsregierung würde mir keiner zuhören", sagt er. Inzwischen plant er mit ThyssenKrupp seine Cannabis-Zuchtanlage – und führt Gespräche mit international tätigen Hedgefonds. Wenn sie bei ihm investieren, könnte der Freistaat Bayern sein Geschäft mit zirka einer viertel Million Euro bezuschussen. Aus Steuergeldern. Marihuana sponsored by Horst Seehofer.

An vielen Stellen im Bunker haben die Soldaten etwas zurückgelassen

Während Roßner seinen Schlachtplan für die nächsten Monate skizziert, steigen wir tiefer in die luftdichte Gruft hinab. Hier gibt es weder Handyempfang noch Spinnweben. Comic-Malereien an den Wänden zeugen davon, womit sich die Soldaten hier beschäftigt haben, als sie gelangweilt warten mussten, ob der Dritte Weltkrieg beginnt. In einem Raum stehen noch Tresorkammern, groß wie Überseecontainer. Hier könnten die Mutterpflanzen wachsen. "Lampen rein, Belüftung anschließen, los geht's", sagt Roßner, "perfektere Bedingungen als hier findest du nirgends." Im ehemaligen Staffelgefechtsstand soll ein Hochsicherheitslabor einziehen. Chemiker könnten hier potente Cannabis-Sorten klonen. Nebenan steht noch ein Industrieofen, in dem früher Giftstoffe bei 900 Grad vernichtet wurden. In Zukunft sollen darin Erntereste verbrennen. Ein paar Sicherheitstüren weiter: der Raum für die Stecklinge. "Wir fangen mit 80 verschiedenen Sorten an", sagt Roßner selbstsicher, als hätte er die Genehmigung schon.

In diesen Schränken will Roßner Jungpflanzen züchten

Wettlauf mit der internationalen Konkurrenz

Manchmal dürfte sich Christoph Roßner das Gleiche fragen wie die frühen Fans von Cherry Coke oder Anal-Bleaching: Wann werden die hinterwäldlerischen Europäer endlich verstehen, was die Amerikaner schon lange feiern? In 29 von 50 US-Bundesstaaten ist medizinisches Cannabis inzwischen erlaubt oder Gras vollständig legalisiert worden. 2016 machte die Branche einen Umsatz von 6,7 Milliarden US-Dollar. Bis es in Deutschland so weit ist, wird Roßner jedoch noch einige Blunts auf Rezept rauchen müssen.

Anfang des Jahres saß er mit seinen Anwälten zusammen, um eine Klage gegen das Bundesinstitut für Arzneimittel vorzubereiten, erzählt er, als wir aus dem Dunkel des Bunkers wieder ins Sonnenlicht treten. Die Behörde forderte von potentiellen Medizinalhanf-Produzenten, dass sie in den letzten drei Jahren bereits mindestens 50 Kilogramm angebaut, verarbeitet und geliefert haben. Wie soll er sich da bewerben, wenn genau das in Deutschland bislang illegal war, schimpft Roßner. Es ist nicht einfach, in Deutschland für etwas zu missionieren, das es eigentlich noch gar nicht gibt.

Inzwischen will die Behörde nachbessern – ein kleiner Sieg, aber Roßner läuft die Zeit davon. In den USA kaufen große Unternehmen bereits kleine Grower auf. Auch in Deutschland könnte sich der Markt ähnlich entwickeln. Roßner will sich aber nicht aufkaufen lassen. Ab März soll sein Forschungsprojekt beginnen, danach der kommerzielle Betrieb. Er will selbst mitverdienen und dabei die Welt ein bisschen besser machen – mit nichts als ein paar Pflanzen aus einem bayerischen Atombunker.

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